Lyriost – Madentiraden

02.05.2007 um 08:36 Uhr

Vanity Fair

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Vanity Fair

"Der Text ist in mehrfacher Hinsicht eine Kopfgeburt: Gedanken und Schlagzeilen, Assoziationen und Lektürefrüchte rieseln, nein: nicht aufs Papier, sondern ins Internet, ohne je mit der Wirklichkeit in Berührung kommen zu müssen." Märkische Allgemeine

Das schrieb ein gewisser Frank Dietschreit in der Zeitung eines größeren Dorfes über ein Projekt der "vermeintlichen Literaturgöttin" Elfriede Jelinek.

Wie mir scheint, hat er sich da in mehrfacher Hinsicht ein wenig vermeint, der gute Frank Dietschreit, denn daß die Schreibfrau aus Österreich eine Göttin sei, wird doch wohl weder von ihr behauptet noch von irgendeinem ihrer verständnisvollen Leser. Nicht mal der Rowohlt Verlag käme auf so eine krude Idee. Und Leser wie ich, die den Jelinek-Stil bisweilen als übertrieben geschraubt und diffus empfinden, schon gar nicht.

Literaturgöttin. So euphorisch ist kein Euphoriker. Aber was soll man machen: Wenn man jemandem etwas absprechen will, muß man es ihm vorher zuerkennen. Also erfindet der verhinderte Feuilletongott die Bezeichnung Literaturgöttin, um in dem nichtschmückenden Epitheton "vermeintlich" seine eigene abneigende Meinung (oder auch seinen Neid?) unterzubringen. Das ist das eine.

"Der Text ist eine ... Kopfgeburt." Ja, was denn sonst? Jeder Text, sogar der im Fäkaldunst sanitärer Einrichtungen von Zeitungsredaktionen ersonnene Mumpitz ist letztlich nichts anderes als eine Kopfgeburt, selbst wenn ihm das Odium der erfolgreichen Darmperistaltik anhaften mag. Kopfgeburt? Kopfgeburt!

"... ohne je mit der Wirklichkeit in Berührung kommen zu müssen." Daß das Internet inzwischen in weit höherem Maße Teil unserer Wirklichkeit geworden ist als eine vermiefte Redaktionsstube, sollte sich doch inzwischen bis in die allerletzte Hinterwaldtoilette herumgesprochen haben.

Hat es tatsächlich. Nur wird es noch immer nicht so richtig verstanden. "Denn das Internet ist heute der denkbar öffentlichste Marktplatz der Eitelkeiten", schreibt der Herr Dietschreit selbst, ohne zu merken, daß er damit das Internet als einen vollassimilierten Teil der Wirklichkeit beschreibt, die doch in Gänze und im Kern nichts anderes ist als ebendieser "Jahrmarkt der Eitelkeiten", um mit Thackeray zu sprechen. Das ist das andere.

"Vanity Fair" ist überall.




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