Lyriost – Madentiraden

08.04.2012 um 00:23 Uhr

Vernichtungswille

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Grass

Vernichtungswille

Das Kesseltreiben gegen Grass ist wahrlich phänomenal. Und das Ganze ist ein Lehrstück darüber, wie ein häßlicher Mob entsteht und wie sich Stück um Stück das herausbildet, was ich mal Vernichtungswillen nennen möchte. So etwas endet manchmal darin, das Menschen nicht nur symbolisch zur Strecke gebracht werden, sondern physisch.

Was typisch ist an dieser unappetitlichen Geschichte: Kaum jemanden, abgesehen von Biermann, interessiert noch die Form der Wortmeldung von Grass – Biermann nennt den Text zu Recht "dumpfbackigen Polit-Kitsch" – und der Hintergrund des Ganzen. Allgemein herrscht Jagdfieber, und es geht nur noch um die Person Grass, mit der viele, viele Rechnungen offen haben, die sie jetzt begleichen wollen. Nun kann man es dem erfolgreichen Querkopf endlich mal zeigen. "Ekelhaft" ist das.

Wie an anderer Stelle: Der Fall Grass, bereits gesagt: Ich mochte die Person Grass noch nie. Aber eine persönliche Abneigung sollte uns nicht die Gehirnwindungen vermüllen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPaulchen schreibt am 08.04.2012 um 00:40 Uhr:Differenzieren ist sauschwer.
  2. zitierenAlcide schreibt am 08.04.2012 um 01:37 Uhr:Ich bin auch leicht verblüfft über das Ausmaß dieser Entrüstungs- und Empörungskultur. Was Broder, Joffe & Co. in den letzten Tagen so von sich gegeben haben war ja unerträglich zu lesen, und wird Grass überhaupt nicht gerecht. Dem kann man ja viel nachsagen, aber jetzt die 'Nazi-Keule' bei dem 84-Jährigen Herrn auszupacken, ist doch völlig daneben. Ich mag ihn ja auch nicht mal besonders. Aber wenn jemand bewusst falsch verstanden wird, dann ärgert mich das persönlich, und er tut mir leid...
    Es erinnert mich an die Debatte vor 10 Jahren als darum ging Amerika und den Irak-Krieg zu unterstützen. Nach 9/11 wurde auch jede Form von Kritik an den USA medial zerrissen. Mit dem Schlagwort 'Antiamerikanismus' war jede Kritik vom Tisch gewischt. Mit den Tatsachen brauchte man sich dann ja nicht mehr auseinander setzen. Heute ist das wieder anders.
    Hier dasselbe Muster: Auseinandersetzung, ja schon vorsichtige Kritik an der Politik Israels wird sofort mit dem Etikett 'Antisemitismus' versehen. Wenn jede Äußerung am Maßstab der 'Bündnistreue' beurteilt wird, dann ist eine vernunftmäßige Abwägung überhautp nicht mehr möglich...
  3. zitierenLyriost schreibt am 08.04.2012 um 09:13 Uhr:Rationale Betrachtung des Ganzen scheint unmöglich, und die Schere in den Köpfen, die interne "Gleichschaltung" scheint gut zu funktionieren. Es gilt, die Quelle für die Denkbeschränkungen offenzulegen und die Ursache dafür, daß so viele Menschen, gerade auch Intellektuelle und Intellektuellendarsteller, so gern im Gleichschritt marschieren. Jede Menge Arbeit für Psychoanalytiker.
  4. zitierenGrafKroete schreibt am 08.04.2012 um 13:49 Uhr:Kommen die Hirnschrauber nicht erst zum Einsatz wenn der Gleichschritt nicht funktioniert ?????
  5. zitierenLyriost schreibt am 08.04.2012 um 14:05 Uhr:Das ist ein nachdenkenswerter Einwand.

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