Lyriost – Madentiraden

27.08.2006 um 08:45 Uhr

Vom Leben in der "realen Welt"

von: Lyriost   Kategorie: Statements   Stichwörter: Wirklichkeit, Meinung

 

Vom Leben in der "realen Welt"

Die Klage, jemand habe den Bezug zur Wirklichkeit verloren, ist meist nichts anderes als der Vorwurf, dieser teile weder unsere Meinung noch unsere Interessen und erfülle deshalb nicht unsere Erwartungen. Eine solche Klage ist Ausdruck von naiver Realitätsferne, denn warum sollte jemand unsere Realität dauerhaft als die seine mißverstehen?

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenzartgewebt schreibt am 27.08.2006 um 18:10 Uhr:Unser Bild von jeder beliebigen Gegebenheit kann falsch sein.
    Es entspricht dann nicht der WAHRHEIT, aber es ist für uns dennoch eine WIRKLICHKEIT.

    WIRKLICHKEIT ist das, was auf uns WIRKT, was WIRKUNG zeigt, also Folgen für unser Leben.

    Die WAHRHEIT hingegen, kann mitunter keine direkten Auswirkungen auf unser Dasein haben, vor allem wenn wir sie nicht kennen.

    Unsere WIRKLICHKEIT ist jedoch das einzige Tor zur Freiheit, wenn sie nur mit der WAHRHEIT ÜBEREINSTIMMT.......(Volker Zotz)

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    Tja, lesen kann man viel – das Gelesene verstehen, geschweige denn auch umsetzen, da liegen doch oft Welten dazwischen..........

    (augenverdreh) - (abernureinbisschen) ;-)
  2. zitierenLyriost schreibt am 28.08.2006 um 10:18 Uhr:Ich glaube nicht an eine "Wahrheit", die sich von unserer Wirklichkeit unterscheidet. Deshalb auch nicht an falsche Bilder, sondern nur an unterschiedliche Perspektiven. Und es gibt keine von uns unabhängige Zentralperspektive. Wirklichkeit wird durch unser Bewußtsein konstituiert, und über eine Wirklichkeit jenseits des Bewußtseins läßt sich keine sinnvolle Aussage machen, weil jede Aussage das Bewußtsein voraussetzt. Schöne Grüße
  3. zitierenzartgewebt schreibt am 28.08.2006 um 15:22 Uhr:Um deinen Satz:

    „Ich glaube nicht an eine „Wahrheit“, die sich von unserer Wirklichkeit unterscheidet. Deshalb auch nicht an falsche Bilder, sondern nur an unterschiedliche Perspektiven…..“,

    aufzugreifen, möchte ich noch einmal kurz in die Schatzkiste von Volker Zotz greifen – dort habe ich nämlich ein ganz interessantes Bild entdeckt.

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    Versuche einmal, dich in folgende Situation hineinzudenken:

    Du sitzt an einem klaren, milden Tag mit einem lieben Menschen in einem hellen Zimmer, erfüllt von Frühlingsluft und Blütenduft. Im Garten singen die Vögel. Ihr unterhaltet euch über angenehme Dinge und fühlt euch erholt und entspannt. Die ganze Situation deutet darauf hin, dass es heute nur noch besser werden kann.

    Plötzlich betritt ein Freund den Raum. Er sagt ganz unvermittelt, im Nebenzimmer sei etwas Entsetzliches geschehen: Ein Leichnam liege am Boden. Bis zum Eintreffen der Polizei dürfe sich niemand von der Stelle rühren. Dann verlässt er den Raum wieder.

    SOFORT HAT DER HERRLICHE TAG SEINEN ZAUBER VERLOREN.

    Du sitzt zwar weiterhin mit dem lieben Menschen beisammen, die Vögel zwitschern unvermindert, und nichts von dem, was zuvor schön, ist durch die Nachricht ungeschehen.
    Doch die WIRKLICHKEIT steht plötzlich unter einem seltsamen Bann: Das im Nebenzimmer Vorgefallene verwandelt euer Beisammensein. Obwohl sich nichts Erkennbares geändert hat, macht sich Bange breit, die Stimmung ist plötzlich gedrückt, die ganze Atmosphäre wird beklommen und trübe.
    Das Unheimliche und Unbekannte auf der anderen Seite der Tür wirkt in eure Gegenwart hinein. Verwirrung und tausend Fragen bestimmen das Denken. Sekunden scheinen wie Ewigkeiten.

    Nach kurzer Zeit tritt der Freund wieder ein, um euch zu sagen, er hätte sich nur einen Scherz erlaubt.

    Was ist geschehen? Für kurze Zeit war euer Wirklichkeitserleben ein anderes geworden, obwohl die WAHRHEIT unverändert blieb. Im Nebenzimmer lag und liegt kein Leichnam.
    Doch der GLAUBE daran änderte die WIRKLICHKEITSAUFFASSUNG unmittelbar.

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    Na ja, ich denke wir haben viele solcher Leichen im Nebenzimmer................

    ..liebe Grüße
  4. zitierenLyriost schreibt am 29.08.2006 um 10:46 Uhr:Liebe zartgewebt, auch der "Freund" gehört zur Wirklichkeit, und deshalb hat sich mit seinem Eintritt nicht nur die Wirklichkeitswahrnehmung, sondern auch die erlebte Wirklichkeit verändert (in diesem Fall um die Person des Freundes, den man vorher ausgeblendet hatte). Wer solche "Freunde" hat, der braucht im übrigen keine Feinde mehr. Irgendeine "Wahrheit" aber wird davon nicht berührt. Wir haben uns aus Naivität die Stimmung verderben lassen, das ist alles. Man könnte auch sagen, wir haben die Perspektive von unskeptischen Gläubigen eingenommen. Wir meinten, etwas hätte sich zum Schlechten verändert und deshalb hätten wir nicht das Recht, uns wohl zu fühlen.

    "Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen. So ist der Tod an und für sich nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so vorgekommen; vielmehr ist die vorgefaßte Meinung von ihm, daß er etwas Schreckliches sei, das Schreckhafte. Wir wollen daher, wenn wir von etwas gehindert, beunruhigt oder betrübt werden, niemals andere anklagen, sondern uns selber, nämlich unsere Meinung davon. Seines Unglücks wegen andere anklagen, ist die Art der Ungebildeten, sich selbst, die der Anfänger, noch sich, die der gebildeten und vollständig erzogenen."

    Epiktet, Handbüchlein der Moral
  5. zitierenraadalf schreibt am 29.08.2006 um 17:07 Uhr:Anstatt von Wirklichkeit und Wahrheit zu reden, ist es besser diese Worte durch Ansicht und zugebilligter Bedeutung zu substituieren.

    Wir nehmen unterschiedlich WAHR und BILDEN uns unsere eigene Welt.

    //...denn warum sollte jemand unsere Realität dauerhaft als seine missverstehen?//

    Weil es sein Wille ist dieses zu Tun.

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