Lyriost – Madentiraden

17.11.2009 um 09:49 Uhr

Welthaltigkeit – Teil II

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: open, mike

Zum deutschsprachigen Literaturnachwuchs

Welthaltigkeit – Teil II

Ursprünglich als Instrument für die Beurteilung der Weltwahrnehmung im Roman gedacht, habe ich einen Kriterienkatalog entwickelt, der sich, wie ich meine, auch auf andere Textsorten anwenden läßt. Die zu Text geronnene Weltwahrnehmung eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin, eines schreibenden Transsexuellen oder eines textproduzierenden Kindes (ich hoffe, niemanden vergessen zu haben) läßt sich folgendermaßen kategorisieren:

Wahrnehmung und Reflexion der Welt als

1. kosmisches physikalisches Geschehen oder Sein (mit Erkenntnistheorie und Grundlagenwissenschaft, Chaostheorie);
2. ökologisch-evolutionäres Naturgeschehen (mit anthropologischer Entwicklung);
3. politisch-sozial organisiertes und verwaltetes Wirtschaftsgefüge (mit Kampf ums Überleben, um Ideologien, Ressourcen, Macht und Status);
4. historisches Ereignis, kulturell-zivilisatorisches Experiment mit Provisoriumscharakter (mit Entwicklung von Mythos, Religion, Ethik und Moral, mit Geschichtsteleologie, Eschatologie, Utopie);
5. als Heimat oder Unbehaustheit der Subjekte (Ort der Gefährdung des einzelnen und Projektionsfläche seiner Wünsche und Spielplatz zur Bedürfnisbefriedigung);
6. als Entität, die auf ein Tieferes hinweist (mit Seins- und Lebensphilosophie, kollektiven Archetypen, morphischen Feldern etc.)

 

Dieses Schema, dessen Kategorien sich in der Praxis ganz unschematisch überlappen, ja überdecken können, beinhaltet, so meine ich, alle möglichen Perspektiven eines Autors, die er einnehmen könnte, um die Welt zu betrachten und zu beschreiben, gleich ob er sie nun, je nach Erfahrung, Status und Blickwinkel, eher als Schädelspaltanstalt, als Experiment mit offenem Ausgang oder als Vorstufe des Paradieses oder der Hölle wahrnimmt.

Ob er ihre Ränder am Spiegelrand überhaupt bemerkt und wie weit er über die Schreibtischecken und die Cappuccinotasse hinaussieht, das ist, mit diesen Kriterien bewaffnet, leicht in Erfahrung zu bringen, und so haben wir schnell eine Antwort auf die Frage nach der "Welthaltigkeit" eines Textes.

Im weiteren werde ich in den nächsten Monaten die Beiträge des "open mike" mit Hilfe dieser Kriterien auf ihre "Welthaltigkeit" untersuchen. Leider muß ich bereits jetzt darauf hinweisen: Es wird eine recht kurze Betrachtung sein, kein Schwimmen im Meer, sondern nur in einem Teich.

Damit der Weg zum Bad und die Überwindung, ins kalte Wasser zu springen, sich lohnt, habe ich mich entschlossen, der "Welthaltigkeitsprüfung" einige allgemeine Bemerkungen zur Qualität des jeweiligen Textes voranzustellen.

 

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