Lyriost – Madentiraden

18.07.2006 um 11:56 Uhr

Wie ein Gedicht entsteht

von: Lyriost

Wie ein Gedicht entsteht

Als ich gestern auf unserer Terrasse saß und mich freute am ausgelassenen Flug der Mauersegler, spürte ich ein plötzliches Brennen im Auge, das stetig zunahm und das ich mir nicht erklären konnte. Ich eilte ins Bad und versuchte, das Brennen mit Wasser zu löschen, was mir jedoch nicht gleich gelang. Ich dachte, eine kleine Fliege habe sich verirrt, aber nach mehrmaligem Spülen lag der Übeltäter im Waschbecken: eine Ameise. Sie hatte den Tsunami aus dem Wasserhahn nicht überlebt. Mein Auge aber brannte, als versprühe das Tier weiterhin seine Säure, und erst nach mehrmaligem Ausspülen des Auges ließ meine Mißempfindung langsam nach. Als ich später las, dachte ich, die Gläser meiner Brille seien verschmutzt, aber als ich sie reinigen wollte, merkte ich, daß sie sauber waren. Mein Blick war durch den Angriff dieses winzigen Tierchens noch den ganzen Abend getrübt, und auch am nächsten Morgen spürte ich ein leises Ziehen im Auge, einen winzigen Phantomschmerz.

Da ich es gewohnt bin, meine Erfahrungen nicht nur aus einer praktischen, sondern ebenso aus einer philosophischen Perspektive zu betrachten und mein Denken in Worte zu fassen, mal aphoristisch, mal poetisch, mal aphoristisch-poetisch, entstand folgendes Gedicht:

 

Tirade 67 – Tod einer Ameise

Kleine Ameise
will schwimmen ins Augenlicht
ein Weg in den Tod

So trübt ihr Gift die Linse
sie wurde nicht mehr gesehn

 

Abgesehen davon, daß dieses Gedicht sehr nah an der Situation ist, kann man es auch metaphorisch lesen, und dabei ist jedem selbst überlassen, welche Assoziationen sich einstellen, vielleicht ähnliche wie bei mir, vielleicht aber auch ganz andere. Es ist die Stärke des Gedichts, daß es Gedanken erzeugt, ohne sie in einen starren Rahmen von Vorurteilen zu zwängen.

Daß es viele Menschen gibt, die ein solches Gedicht belächeln ob seiner Unwichtigkeit im Gegensatz zu Steuererhöhungen und zum Steigen der Preise, auch im Vergleich zum Problem der Arbeitslosigkeit oder der abnehmenden Qualität des Angebots der Fernsehsender, das leuchtet mir unmittelbar ein. Aber gerade für die gilt es zu bedenken: Beim Arbeiten und beim Fernsehen geht es nicht um Leben und Tod. Bei meinem Gedicht schon.

Und daß der Mensch größer ist als die Ameise, ist nichts als eine Konvention der Mächtigen. Das hat mir die undankbare Ameise in Erinnerung gerufen. Als sie mich quälte, hat sie nicht berücksichtigt, daß ich die Ameisen auf unserer Terrasse dulde, weil sie aus meiner Sicht ein Recht darauf haben, dort zu sein. Sie hat ignoriert, daß ich der Mächtigere bin, auch wenn ich das nicht mit der Giftspritze zeige, wie so viele andere. Ein tödlicher Irrtum.

So gibt es viele Irrtümer, aber glücklicherweise sind die meisten nicht tödlich im physischen Sinne, sondern eher Gräber für das klare Denken.


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