Lyriost – Madentiraden

22.06.2015 um 11:15 Uhr

Erdmann – Szenische Monodialoge 14

von: Lyriost   Kategorie: Jemand schrieb

Erdmann – Szenische Monodialoge 14

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Guten Morgen kleine
Fältchen seid ihr auch noch
alle da? Gut geschlafen?
Und nun wieder das tägliche
Geschrei nach Creme liebe Haut?
Creme gibt’s nicht höchstens
für die Hände weil sonst
manchmal Risse …
Was Falten angeht da bin ich
ganz unverkrampft leger
entspannt unverbissen 
locker locker und unbekümmert
Falten sind kein Makel sind
Signatur des Lebens
habe nie viel in der Sonne rumgelegen
und schon gar nicht im Solarium
auch keine Farbe aus der Tube
bin doch nicht blöd
wieviel Milliarden Umsatz weltweit
man glaubt es nicht allein
für Hautcreme locker 
über 110 Milliarden Dollar
nichts zu fressen aber Hautcreme

Apropos Lockerheit
da hält jemand andre für
verbissen will keine 
Namen nennen weil sie
nicht jeden Schiefsinn als
Gradsinn gelten lassen
man solle sich nicht
zu ernst nehmen
meint der ganz im Ernst
und das Leben auch nicht
hoffentlich ist derjenige
weder Chirurg noch Pilot
oder Optiker
also ich nehme mich schon
ernst denn tät ich das nicht
wer sonst
Eltern Lehrer Ausbilder
haben mich nicht ernst
genommen von Pfaffen ganz
zu schweigen immerhin
haben sie meinen
Reißverschluß nicht 
auf Funktionsfähigkeit
getestet aber meinen Hintern
auf Strapazierfähigkeit
unvergessen alle die 
nur sich selbst ernst nahmen
nicht ernst zu nehmen
dumme Leute

Ich höre man 
fahre gut damit sich
nicht ernst zu 
nehmen nicht allzu
vielleicht wenn man nicht
viel und noch
nicht lange fährt
aber woher weiß man ob
es nicht besser wäre
sich ernster zu nehmen
wenn man es nicht
tut?

Ich für mein Teil nehme
niemanden ernst der
sich nicht ernst
nimmt

Wozu auch?

Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?

Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

22.07.2007 um 11:07 Uhr

Von Bäumen und Gräsern

von: Lyriost   Kategorie: Jemand schrieb

Von Bäumen und Gräsern

Jemand schrieb:

"Es gibt ... gewöhnliches Gras -
wenn der Sturm kommt, gibt das Gras nach,
und der Sturm kann ihm keinerlei Schaden zufügen.
... der Sturm wurde besiegt.
...
Der große Baum war sehr logisch,
er versuchte, Widerstand zu leisten, er versuchte, seine Stärke zu zeigen.
Wenn du versuchst, deine Stärke zu zeigen, wirst du besiegt werden.
Alle Hitler, alle Napoleons, alle Alexanders
sind große Bäume, starke Bäume. Sie werden alle besiegt werden.
Lao-tses sind genau wie kleine Pflanzen,
niemand kann sie besiegen, weil sie immer bereit sind, nachzugeben."



Schauen wir uns das Bild doch mal genauer an. Zuerst die Intention des Autors. Da scheint einer das Gefühl zu haben, er stünde im Sturm, und überlegt sich, was er tun, wie er damit umgehen soll. Wie die kleinwüchsigen Hitler und Napoleon wäre er vielleicht gern ein Baum, aber deren Schicksal ist ihm überliefert, und deshalb verzichtet er, logisch, darauf, den Helden zu spielen, und duckt sich weg, spielt lieber das Gräschen, solange die Luft zu unruhig ist, um Baum zu spielen.

Irgendwann wird der Sturm ja mal vorbei sein, und dann kann das Gräschen stolz auf die entwurzelten Bäume blicken, jedenfalls dann, wenn sie zufällig in eine Mulde gefallen sind.

Wenn unser Gräschen nun mal genauer hinschaut, wird es sehen, daß es nur ganz vereinzelt einem Baum nicht gelungen ist, dem Sturm zu trotzen, die meisten stehn unverändert still und fest auf dem Boden. Hier und da ist ein Ast abgeknickt, aber das sind nur solche, deren die Bäume ohnehin längst überdrüssig waren: morsche Äste. Und auch die Bäume, die gefallen sind, hatten ihren Zenit längst überschritten. Sie waren alt und müde und hatten Hunderte von Grasgenerationen gesehen. Vielleicht auch deshalb hatten sie sich nicht mehr gewehrt. Sie fühlten sich nicht besiegt, denn sie dachten nicht in Kategorien von Sieg und Niederlage. Sie fühlten sich erlöst.

Die anderen Bäume aber schauten gleichgültig auf die Gräser herab, die die Hälse reckten, damit die große Schafherde, die jetzt das Bild betrat, es leichter mit ihnen hatte. Und bald war der größte Teil der Halme ausgerupft. Die Schäferhunde und der Schäfer bepinkelten die Bäume und zogen gemeinsam mit ihrer Herde davon. Ob im Anschluß daran die große Trockenheit kam oder der Bauer mit dem Pflug, wir wissen es nicht. Wir wissen nur, daß die Gräser aus unserem Bild verschwunden sind, aber die großen Bäume mit ihren langen Wurzeln stehn immer noch da und wippen im Wind. Und die kleinen, frischen Bäume, die auch den größten Stürmen trotzen, sowieso.

Aber irgendwann, in absehbarer Zeit, werden sich auch die Bäume Gräser und Bäume von unten anschauen. Da sind dann alle wieder gleich.

23.04.2007 um 09:39 Uhr

Zufall

von: Lyriost   Kategorie: Jemand schrieb

Zufall

Jemand schrieb, er halte nichts vom Begriff "Schicksal", und Schicksal sei doch in den meisten Fällen nichts anderes als die "Verkettung zufälliger Ereignisse".

Ist das nicht eine contradictio in adjecto? Ein zufälliges Ereignis, wenn es denn eines gibt, kann nur dann zufällig sein, wenn es nicht in Interaktion mit anderen Ereignissen auftritt. Ein mit anderen Ereignissen verkettetes Ereignis aber ist von diesen anderen Ereignissen abhängig und verliert dadurch den Charakter der Zufälligkeit.

Von Zufall sprechen wir doch nur dann, wenn uns die Informationen über die vielfältigen Wechselwirkungen von Ereignissen fehlen.