Alternativlos
Alternativlos
Bei der diesjährigen Wahl zum "Unwort" des Jahres war man alternativlos.
Alternativlos
Bei der diesjährigen Wahl zum "Unwort" des Jahres war man alternativlos.
Jugendschutz
Wie man hört, wird in Deutschland für Internetseiten der Jugendschutz neu geregelt. Deshalb weise ich – fürsorglich, wie ich bin – bereits jetzt darauf hin, daß mein Blog für Jugendliche aller Altersklassen nicht geeignet ist. Ausgenommen sind lediglich erfahrene Komasäufer, deren Zahl bekanntlich so dramatisch steigt, daß sich in absehbarer Zeit kaum noch Jugendliche im Internet aufhalten werden, weil sie anderweitig beschäftigt sind: mit Berauschung oder Entrauschung.
Spiegel
FAZ
Einfalt und Vielfalt
Die Vielfalt kracht in Einfalt ein
und bricht der Einfalt fast ein Bein
die Einfalt schreit: Ich reiße dich
und beißt am Ende doch nur sich
ins leicht lädierte Bein hinein
Gysi und kein Ende
War es nicht schon immer so
daß die Stotterer dem Redner
sein Talent neideten
kommt er ins Straucheln
durch das gestellte Bein
tönt der Weckruf
und die Hinterbänke
beginnen zu knarren
auch in die dicksten Hintern
kommt Bewegung
und die müdesten Schenkel
röten sich vom Schlag
der schmutzigen Hände
mit den Schmauchspuren
gewaschen in Unschuld zwar
doch so sauber und rein
wie die gewendeten Herzen:
Ich bin klein
mein Herz ist rein
der andre aber
ist ein Schwein
FAZ Reading Room
Solange es auf derartigen Spielwiesen nicht möglich ist, ohne den
Zensorstift auszukommen, halte ich nicht viel davon. Eine wirkliche
Debatte kann sich nicht entwickeln, wenn ich einen Beitrag schreibe und
dann lange, lange darauf warten muß, daß irgendein Volontär sich
erbarmt (oder auch nicht), ihn freizugeben. Es ist so wie Fernschach
per Post.
Ich empfinde den Littell-Raum als ein statisches, lebloses Gebilde.
Nehmen Sie sich ein Beispiel an ZEIT online. Dort gibt es tatsächlich
lebendigen Meinungsaustausch. Und daß dort Regelverletzern durch
NACHTRÄGLICHE redaktionelle Eingriffe entgegengetreten wird, empfinde
ich nicht als Zensur. Bei der FAZ ist das leider anders, und ich kann
mich des Eindrucks nicht erwehren, daß so mancher mißliebige Kommentar
der Schere zum Opfer fällt. Auch die Begrenzung auf 1000 Zeichen finde
ich problematisch. Oder ist man der Meinung, den sogenannten Experten
könne man bei der graphischen Repräsentation ihrer gedanklichen Welt
eine Raffung nicht zumuten, dem gemeinen Fußvolk jedoch ohne weiteres?
Grundsätzlich bin ich sehr dafür, wichtige oder wichtig
erscheinende Publikationen an solch einem Ort wie dem Reading Room
umfassend zu diskutieren, auf ein Scheinforum, das nur dazu dient, das Leseverhalten zu steuern, kann ich allerdings gut verzichten. Expertengestützte Lesartenvorgabe mit ausgewählten Kommentaren ist eine Verhöhnung der Leser.
Daß dieser Kommentar auch nach Tagen ebensowenig akzeptiert und freigeschaltet wurde wie meine wiederholte Frage, wer der Hilter sei, den man mit Stalin vergleicht, paßt bestens ins Bild. Seit über einer Woche sieht man im Reeding Room eine große, breite Überschrift, in der von einem Herrn Hilter (statt Hitler) die Rede ist. Nun frage ich mich: Was kann ich von einer Redaktion erwarten, die noch nicht einmal in der Lage ist, den Namen des Repräsentanten eines Systems richtig zu schreiben, über das sie sich wortreich äußert? Der Name des Redakteurs, Lorenz Jäger, immerhin, scheint richtig geschrieben zu sein.
Klettische Rechtschreibung
Letztens fand ich in meiner Post einen Brief von Klett College. "Damit Ihr Kind mehr Erfolg in der Schule hat! – Perfekte Hilfe für bessere Noten". Nun hat meine Tochter auch ohne Klett Erfolg in der Schule, aber das können die bei Klett ja nicht wissen, denn so weit ist die Überwachungs-Verkabelung der Individuen glücklicherweise noch nicht gediehen.
Was die Klettianer jedoch wissen müßten: Wer "perfekte" Hilfe anbietet, sollte ein Mindestmaß an Professionalität walten lassen. Zwar wurde das Wort "perfekt" richtig geschrieben und nicht mit "ck", aber so einiges andere leider nicht.
Wie es scheint, ist bei Klett nicht bekannt, daß das "neue und besondere", unangetastet von jeder Rechtschreibreform, von jeher das "Neue und Besondere" ist. Glasklare Nomen werden selbstverständlich am Anfang mit einem Großbuchstaben versehen.
Auch gibt es in anständigen Texten nach wie vor keine Abkürzungen am Satzanfang, Gedankenstriche sind Gedankenstriche und keine Divise, vor Prozentzeichen findet sich immer ein Zwischenraum, und nicht nur manchmal, ok schreibt man in Deutschland o.k., vor sowie steht, außer bei Appositionen, kein Komma, eine "CD-Rom" gibt es nur als CD-ROM, außer vielleicht in Italien ...
"Für eine erfolgreiche Deutsch-Note ..." Erfolgreiche Note? Nein. Noten können nicht erfolgreich sein, sondern nur diejenigen, die eine gute Note bekommen. Jedenfalls manchmal.
Keine gute Note für Klett.
Anmerkung: Ich selbst schreibe natürlich, wie immer, nach den Regeln der traditionellen Orthographie.
Spiritus sanctus profanus
Einer, den ich von Zeit zu Zeit auf Widersprüche, falsche Verallgemeinerungen und ärmlich plausible oder auch ganz und gar unsinnige Behauptungen in seinen Texten hinweise, schrieb mir Folgendes:
»Du kannst den anderen nicht verstehen, wenn du innerlich schon Worte hast, denn dann verbindet sich alles mit deinen Worten, mit deinem Denkprozeß, und dann ist es gefärbt. Intellektuelles Verstehen bedeutet: Wenn du liest, argumentierst du gleichzeitig schon dagegen. Ein ständiges Argumentieren geht vor sich. Ich schreibe etwas, du liest es, und ständig ist in dir schon ein Gegenargument präsent: Ob dies richtig oder falsch ist. Du vergleichst es mit deinen eigenen Konzepten, deiner eigenen Ideologie, deinem eigenen System. Wenn du also hier liest, vergleichst du ständig, ob ich deine Ideen bestätige oder nicht, ob ich dir entsprechend bin oder nicht; ob du mir etwas zugestehen kannst oder nicht, ob ich dich überzeuge oder nicht. Wie ist auf diese Weise ein Verstehen möglich? Du bist zu voll von dir selbst. Was auch immer du also verstanden hast, wird nicht das sein, was ich gemeint habe. Das kann es nicht sein – denn wenn das Denken voll ist mit seinen eigenen Ideen, gibt es ständig allem eine Färbung, was zu ihm kommt. Es versteht nicht, was gemeint ist, sondern, was es verstehen möchte. Es wählt aus, es läßt aus, es interpretiert, und erst dann dringt etwas nach innen – aber das hat dann schon eine völlig andere Form. Dies also ist intellektuelles Verstehen.
Im spirituellen Leben sind die Gesetze diametral entgegengesetzt zu dem, was sie in der gewöhnlichen profanen Welt sind.«
Mein Kommentar dazu:
Wenn du willst, daß ich dich verstehe, mußt du sagen, was du meinst. Wenn du aber sagst, was du meinst, dann ist das, wie alles, was einer sagt, falsifizierbar, weil es mehr oder weniger plausibel ist. Und Plausibilität ist der Maßstab für alles, was einer sagt.
Wenn du dich auf die intellektuelle Abbildung deiner Denk- und Fühlprozesse einläßt – und das tust du, indem du etwas schreibst – und die Öffentlichkeit darüber informierst – und das tust du, indem du etwas publizierst –, dann mußt du damit rechnen, daß das, was du schreibst, überprüft wird. Dummerweise trifft deine eigene Ideologie nun auf andere Ideologien und muß sich mit ihnen messen, ob dir das nun paßt oder nicht, denn das, was du schreibst, ist keine heilige Schrift, sondern nur ganz »profane« Repräsentation von subjektiven Gedanken und Gefühlen und natürlich auch der Ausfluß der Ideologie, die du dir selbst zur Grundlage deiner Lebensweise gemacht hast.
An deinen Texten bemerke ich vor allem das, was du mir unterstellst – und sicher zu Recht: idiographische Färbung. Der Unterschied zwischen uns beiden aber ist der, daß ich ganz bewußt perspektivisch denke und meine Farben ständig wechsle und mische, während du dich allenfalls für die Mischung der Grautöne zu begeistern scheinst.
»Du bist zu voll von dir selbst. Was auch immer du also verstanden hast, wird nicht das sein, was ich gemeint habe.«
Aber sicher. Nur erwarte ich von dir, daß du aufhörst mit den Simplifizierungen und Generalisierungen, wenn es um die andern geht, und etwas mehr Genauigkeit und Präzision bei der Formulierung deines Anliegens walten läßt. Denn nur dann sind andere bereit, auf das einzugehen, was du sagst. Aber du scheinst mir so voll zu sein mit dichotomischen Bildern, daß du die andern nur als Kulisse deiner eigenen, ideologisch generierten Traumwelt wahrnehmen kannst.
Was du hier schreibst, ist ein ständiges Argumentieren von deinem ganz persönlichen, individuellen Standpunkt aus, und es macht ganz und gar keinen Sinn, anderen genau das vorzuwerfen, was du selber tust.
»Im spirituellen Leben sind die Gesetze diametral entgegengesetzt zu dem, was sie in der gewöhnlichen profanen Welt sind.«
Diesen Satz möchte ich mir zum Abschluß einmal kurz anschauen, damit du meine Denkweise etwas genauer kennenlernen kannst:
Was ist »spirituelles Leben«? Für mich ist das nur ein Spruch von Leuten, die ihr eigenes Leben auf einen Aspekt zu reduzieren versuchen. Aber es gibt nur mehr oder weniger Spiritualität im Leben, nicht »spirituelles Leben«. Ein spirituelles Leben ist kein »Leben«.
Im Grunde ist spirituelles Leben eine Contradictio in adjecto, aber so, wie du es gebrauchst, ein Epitheton ornans. Andere hängen sich andere Ketten um den Hals.
Welche »Gesetze«? Und wer hat sie erlassen? Und wie allgemeingültig sind sie?
»Diametral«? Das ist ein Lieblingsbegriff von Spätpubertierenden, die nicht begreifen wollen, daß sie in derselben Welt leben wie alle anderen. Weil diese Welt ihnen zu gewöhnlich ist. Und damit sind wir beim Schluß des Satzes:
»in der gewöhnlichen profanen Welt«. Altes Priestergewäsch. Und dann auch noch pleonastisch. Ich gestehe dir ja gerne zu, daß diese Welt dich anekelt, mir geht es häufig auch nicht anders. Aber wir haben nur diese eine Welt. Und die »heiligen Bezirke«, auf die das Wort »profan« dichotomisierend rekurriert, sind selbstreferentiell und nichts anderes als der matte Abglanz uralter Priesterphantasien.
Es gibt in dem Film »Gandhi« eine sehr schöne Szene, in der Gandhi seiner spirituell statusdünkelnden Frau deutlich zu machen versucht, daß es keine Schande ist, das eigene Klo selbst sauberzumachen. Für mich ist das eine Schlüsselszene.
Wenn du das hier liest, was ich schreibe, solltest du dir aber klarmachen, was grundsätzlich für alle gilt, die Profanen wie die Überprofanen: »Du vergleichst es mit deinen eigenen Konzepten, deiner eigenen Ideologie, deinem eigenen System. Wenn du also hier liest, vergleichst du ständig, ob ich deine Ideen bestätige oder nicht, ob ich dir entsprechend bin oder nicht; ob du mir etwas zugestehen kannst oder nicht, ob ich dich überzeuge oder nicht. Wie ist auf diese Weise ein Verstehen möglich? Du bist zu voll von dir selbst.«
Und du solltest nicht vergessen, daß aus deinem Hintern genauso unappetitliche, gewöhnliche, profane Krümel in die Welt entlassen werden wie aus jedem andern.
Von Tassen und Schränken
In manchen Schränken befinden sich nur wenige Tassen. Das ist eher traurig. Doch am ulkigsten sind die leeren Schränke, durch die der Wind pfeift und an denen draußen dransteht: Achtung, Porzellan! Aber auch das ist eher traurig als komisch.
Sucht
Es
ist immer wieder erstaunlich, daß verändertes Freizeitverhalten
besonders in der Pubertät, wenn es unerwünscht ist, von Leuten, die
ihre eigenen Interessen mit denen der Jugendlichen verwechseln, schnell
zur "Sucht" hochstilisiert wird.
Wenn ein Jugendlicher siebenmal die Woche exzessiv Schwimmtraining
betreibt oder etwas Ähnliches, weil Eltern und Gesellschaft ihm
eingeredet haben, er könne irgendwann mal Weltmeister werden und das
sei etwas Tolles, dann gilt das als normales Verhalten, aber wenn er
etwas anderes tut, das ihn interessiert, dann wird gern unheilschwanger
von "Sucht" geredet.
Für einen Menschen mit einer besonderen Neigung zu irgendeiner
Beschäftigung kann alles zur "Sucht" werden, und so kann es dazu
kommen, daß jemand nächtelang Doom spielt, obwohl (oder weil?) der Rest
der Familie im Sudoku-Fieber deliriert.
Vom Leben in der "realen Welt"
Die Klage, jemand habe den Bezug zur Wirklichkeit verloren, ist meist nichts anderes als der Vorwurf, dieser teile weder unsere Meinung noch unsere Interessen und erfülle deshalb nicht unsere Erwartungen. Eine solche Klage ist Ausdruck von naiver Realitätsferne, denn warum sollte jemand unsere Realität dauerhaft als die seine mißverstehen?
Dropping knowledge
In Kürze werden Meinungen zu Fragen wie der, ob der Mensch einen freien Willen hat, zu Fragen also, über die die Philosophen bereits seit der Antike kontrovers diskutieren – und neuerdings auch die Neurowissenschaftler –, bei einer Veranstaltung mit Eventcharakter von "weltweit anerkannten Persönlichkeiten" an einem runden Tisch geäußert und medial aufbereitet.
Das ist eine lobenswerte Initiative und wird sicher den ein oder anderen zum Nachdenken darüber anregen, ob es sinnvoll ist, seine Lebenszeit überwiegend mit Zeittotschlagen zu verbringen. Wir werden viele Meinungen kennenlernen, aber neue, originelle Antworten auf all die drängenden Fragen sind eher nicht zu erwarten.
Doch: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Wer fragt, aber leider meistens ebenso, denn Fragen zu wesentlichen Unklarheiten produzieren von jeher mehr neue Fragen als neue Antworten.
Wir hätten den Apfel besser am Baum hängenlassen.
Der Fall Grass
Obgleich ich ihn als Schriftsteller schätze, habe ich
Günter Grass als Persönlichkeit nie sonderlich gemocht. Eher möchte ich
von einer persönlichen Abneigung sprechen, nicht zuletzt auch wegen der
walrössischen Oberlippenbehaarung.
Und als moralische Instanz? Das müssen andere beurteilen, die an
moralische Instanzen glauben, als wüßten sie nichts von der tief
eingeschriebenen Amoralität und Zerrissenheit eines jeden Menschen. Als
könnte nicht jeder im besten Falle sich selbst die einzige moralische
Instanz sein.
Insofern halte ich das Getue vieler Intellektueller, allen voran Rolf
Hochhuth, das zur moralischen Diskreditierung von Grass führen soll,
für eine Aktion von Neidern und Mißgünstigen, die alte Rechnungen zu
begleichen haben und nur wieder eine Gelegenheit sehen, um auf sich
selbst aufmerksam zu machen.
Einen dummen Jungen zum "SS-Mann" hochzustilisieren, das zeugt nicht
gerade von Einsicht in die damaligen Verhältnisse und noch weniger von
psychologischem Verstand. Da hat wohl so mancher seine eigene
Adoleszenzperiode mit all ihren Merkwürdigkeiten vergessen oder
verdrängt.
Das ganze Gerede ist ebenso lächerlich und überflüssig wie der
Schnurrbart von Grass. Vielleicht sollte Grass sich von seinem
Unternasenpelz trennen, damit dann in jeder Hinsicht gesagt werden
kann: Der Bart ist ab.
Aber der Grass hängt an seinem Bart. Und das ist das einzige, was ich ihm vorwerfe.
Viele werden sich demnächst mit mannigfaltigen
Nomen-est-omen-Spielereien vergnügen. Doch dafür, daß einer Grass
heißt, kann er noch weniger als für die Tatsache, daß er als Jüngelchen
Mitglied der SS war.
Auf jeden Fall ist es stets besser, man nimmt sich den Bart ab, bevor's ein andrer tut.