Bérenice rekrutierte mich für die Dialogue-Analysis-and Rhetoric-Konferenz in Münster, März 2007. Damit ist es also auch ihr zu verdanken, daß ich mit einem sehr interessanten Dialogmodell in Berührung kam, welches wiederum ein neues Licht auf die Emmaus-Perikope wirft und somit zeigt: Anagnorisis ist nicht nur Prozeß, der sich anhand von behelfsmäßigen Zeichen vermittelt oder durchsetzt, Anagnorisis ist auch rhetorisch angelegt.
Ein wenig wird davon schon sichtbar, wenn man bei der Lektüre von Lukas 24,13-35 sich die Rollen der Aktanten, wie sie sich unmittelbar ergeben, vorstellt: Da haben wir zunächst einen scheinbar Unwissenden, der für einen Fremden gehalten wird einerseits - und zwei aufgebrachte Wissende andererseits. Die Emmaus-Jünger sind eben nicht nur scheinbar wissend und können über die Ergebnisse der letzten drei Tage sehr genau bescheid geben, ihr eigenes Heilskonzept ist einfach nicht aufgegangen, den, den sie für einen großen Mann vor Gott, für einen Propheten hielten, der - wie am Ende des Buches Maleachi Eliah - das alte Israel wieder herstellen sollte, wurde wie ein Terrorist hingerichtet.
Da ergibt sich ein not-wendiger und not-wendender Machtumschwung. Jesus belehrt sie, so, als sei all das, was vorgefallen sei, selbstverständlich. Selbstverständlich soll auf einmal sein, daß der Christus gekreuzigt werden mußte (ouk eida - mußte etwa nicht ...? ), die Jünger stehen da wie religiös oder spirituell Habgebildete, Männer "trägen Herzens", was auch mit "trägen Verstandes" oder zumindest "trägen Geistes" wiedergegeben werden, da in der antiken Körpermetaphorik das Herz Sitz des Gedächtnisses, des Verstandes, des Geistes ist. Doch so selbstverständlich war das aus jüdischer Sicht gar nicht ...
Der Machtaustausch steigert sich weiter: Die Jünger bitten auf einmal den vermeintlich Fremden, zu bleiben. Letztlich erscheint er ihnen - und verschwindet.
Daß dann die Emmaus-Jünger die Erscheinung Jesu vor PETRUS betonen (von der der Evangelist Lukas gar nicht explizit berichtet), könnten insbesondere Vertreter der diachronen Literarkritik als das Aufeinanderprallen zweier Quellen deuten, die der Evangelist unglücklich harmonisiert hat. Synchron gesprochen kann man aber auch annehmen, daß die Emmausjünger einfach ihr Erlebnis mit dem berichteten Graberlebnis des Jüngers Simon Petrus vergleichen - Simon Petrus sah Textilien, die Emmausjünger einen vor ihren Augen verschwindenden Fremden. Daher wird aus ihrer Sicht auch Simon Petrus zum legitimen Auferstehungszeugen.
Praktisch-theologisch folgt daraus: Gotteserkenntnis, Erkenntnis überhaupt beginnt mit "Loslassen" von den eigenen Vorstellungen, ein "Einlassen" auf das vermeintlich Fremde, auf das Gegenüber. Es beginnt damit, dem Fremden Platz zu schaffen - im eigenen Haus oder in der eigenen Gedankenwelt - und festzustellen, daß das Fremde gar nicht so fremd ist ....