Anagnorisis

09.07.2007 um 22:35 Uhr

Emmaus nach Cerna II

Katerina Cerna, die als Linguistin untersuchte, ob an bilingualen deutsch-tschechischen Schulen wirklich bilingual gesprochen und unterrichtet wurde, untersuchte quasi en passant dabei auch Dialoge zwischen Dialogpartnern, die eigentlich "auf gleicher Augenhöhe" miteinander kommunizieren - doch machte dabei interessante Beobachtungen ...

Beispiel:

Tschechisches Kind: "Was ist das?"

Deutsches Kind:"Eine Kirche"

Tschechisches Kind: "Auf tschechisch"

Deutsches Kind: "kostel"

Tschechisches Kind:"gut!"

Zweites tschechisches Kind:"Du kriegst von mir eine "eins" !"

Daraus ergibt sich folgendes Gesprächsmodell:

1. Gesprächsangebot (Machtangebot)

2. ggf. Ablehnung

3. ggf. Erneutes Angebot

4. Ratifizierung des Angebotes

5. Realisierung

6. Evaluation  

....was das mit unserer Perikope zu tun hat, erfahrt ihr nach der nächsten Maus...

M: Was ist das, ... tschechische ... tschechische

F: Eine Kirche

M/Z: als tschechische, tschechische ...

F: kostel

Z: Dobry? (Gut!) ...

M: Mas vode me jednicku z cestiny. (Du kriegst von mir eine „Eins!")

Z: ha ha ...

M: Was ist das, ... tschechische ... tschechische

F: Eine Kirche

M/Z: als tschechische, tschechische ...

F: kostel

Z: Dobry? (Gut!) ...

M: Mas vode me jednicku z cestiny. (Du kriegst von mir eine „Eins!")

Z: ha ha ...

09.07.2007 um 21:59 Uhr

Rhetorik und Textstruktur - ein Dank an Katerina Cerna

Bérenice rekrutierte mich für die Dialogue-Analysis-and Rhetoric-Konferenz in Münster, März 2007. Damit ist es also auch ihr zu verdanken, daß ich mit einem sehr interessanten Dialogmodell in Berührung kam, welches wiederum ein neues Licht auf die Emmaus-Perikope wirft und somit zeigt: Anagnorisis ist nicht nur Prozeß, der sich anhand von behelfsmäßigen Zeichen vermittelt oder durchsetzt, Anagnorisis ist auch rhetorisch angelegt.

Ein wenig wird davon schon sichtbar, wenn man bei der Lektüre von Lukas 24,13-35 sich die Rollen der Aktanten, wie sie sich unmittelbar ergeben, vorstellt: Da haben wir zunächst einen scheinbar Unwissenden, der für einen Fremden gehalten wird einerseits - und zwei aufgebrachte Wissende andererseits. Die Emmaus-Jünger sind eben nicht nur scheinbar wissend und können über die Ergebnisse der letzten drei Tage sehr genau bescheid geben, ihr eigenes Heilskonzept ist einfach nicht aufgegangen, den, den sie für einen großen Mann vor Gott, für einen Propheten hielten, der - wie am Ende des Buches Maleachi Eliah - das alte Israel wieder herstellen sollte, wurde wie ein Terrorist hingerichtet.

Da ergibt sich ein not-wendiger und not-wendender Machtumschwung. Jesus belehrt sie, so, als sei all das, was vorgefallen sei, selbstverständlich. Selbstverständlich soll auf einmal sein, daß der Christus gekreuzigt werden mußte (ouk eida - mußte etwa nicht ...? ), die Jünger stehen da wie religiös oder spirituell Habgebildete, Männer "trägen Herzens", was auch mit "trägen Verstandes" oder zumindest "trägen Geistes" wiedergegeben werden, da in der antiken Körpermetaphorik das Herz Sitz des Gedächtnisses, des Verstandes, des Geistes ist. Doch so selbstverständlich war das aus jüdischer Sicht gar nicht ...

Der Machtaustausch steigert sich weiter: Die Jünger bitten auf einmal den vermeintlich Fremden, zu bleiben. Letztlich erscheint er ihnen - und verschwindet.

Daß dann die Emmaus-Jünger die Erscheinung Jesu vor PETRUS betonen (von der der Evangelist Lukas gar nicht explizit berichtet), könnten insbesondere Vertreter der diachronen Literarkritik als das Aufeinanderprallen zweier Quellen deuten, die der Evangelist unglücklich harmonisiert hat. Synchron gesprochen kann man aber auch annehmen, daß die Emmausjünger einfach ihr Erlebnis mit dem berichteten Graberlebnis des Jüngers Simon Petrus vergleichen - Simon Petrus sah Textilien, die Emmausjünger einen vor ihren Augen verschwindenden Fremden. Daher wird aus ihrer Sicht auch Simon Petrus zum legitimen Auferstehungszeugen.

Praktisch-theologisch folgt daraus: Gotteserkenntnis, Erkenntnis überhaupt beginnt mit "Loslassen" von den eigenen Vorstellungen, ein "Einlassen" auf das vermeintlich Fremde, auf das Gegenüber. Es beginnt damit, dem Fremden Platz zu schaffen - im eigenen Haus oder in der eigenen Gedankenwelt - und festzustellen, daß das Fremde gar nicht so fremd ist ....

04.03.2007 um 13:18 Uhr

Anagnorisis á la Aristoteles

 Ist dir das auch schon aufgefallen? Viele Auferstehungserzählungen laufen so ab, als hätten die Jünger oder die Jüngerin es mit einem Fremden zu tun. Sie erkennen ihn einfach nicht - weder die Emmaus-Jünger, noch Maria von Magdala, ja selbst Petrus hat seine Zweifel (wenn ich jetzt mal ganz unwissenschaftlich Johannes- und Lukaserzählungen zusammenfasse) ...

Gerd THEISSEN und Anette MERZ sehen eine in den Gattungen der Erzähltradition begründete Systematik. Sie unterscheiden Auftragserscheinungen, in denen Jesus den Jüngern gleich erkennbar erscheint, von Rekognitions/Anagnorisis-Erzählungen, in denen er in unbekannter Gestalt auftritt und sein Erkanntwerden die Pointe der Erzählung ist.[1]  Als Beispiele für den letzteren Formtypen wurde u.a. Lk 24,13-35 (EMMAUS) und  eben Joh 20,11-18 genannt.[2]

"Anagnorisis" ist ein Terminus technicus aus dem griechischen Drama; genauer: aus der griechischen Dramentheorie. Die Anagnorisis, also die Wiedererkennung, definiert Aristoteles in seiner Poetik als „einen Umschlag von Unkenntnis in Kenntnis“ (Poetik, Kapitel 11: ex agnoias eis gnosin metabole). Diese Wiedererkennung habe in der Regel zur Folge, dass Freundschaft oder Feindschaft eintrete. Als Folge der Anagnorisis tritt meistens die Peripetie (Poetik, Kapitel 11) d.h. eine völlige Umkehrung der Umstände, ein: Da das Gegenüber als der erkannt wurde, der er eigentlich ist (der langersehnte Bruder oder Partner, der vorher ein fremder Gefangener war), ändern sich auch die Beziehungen der einzelnen Rollen im Stück, ändert sich auch die Handlung. 

Das Wiederkennen könne durch 

- äußere Zeichen (Semeion), wie Narben oder Halsbänder

- Selbstoffenbarung ( "Ich bin ..." - Ego eimi

- Erinnerung (dia mnemes), die sich beim Zuhören oder beim Anblick etwas bereits Bekanntem einstellt (to aisthesthai ti idonta)

- Schlußfolgerung

erfolgen.

Aristoteles selbst listet nicht nur die unterschiedlichen Typen der Anagnorisis auf, sondern wertet sie auch, als kunstvoll oder eher kunstlos. Kunstvoll sind für ihn solche Formen des Wiedererkennens, die sich aus dem Handlungsstrang selbst ergeben und somit aus den Notwendigkeiten des Stoffes wahrscheinlich wird, kunstloser sind für ihn Wiedererkennungsszenen, die Hilfsmittel á la Narben, Halsbänder, sprich Zeichen, benötigen.

Aristoteles



[1] Vgl. Gerd THEIßEN, Annette MERZ, Der historische Jesus, Ein Lehrbuch, Göttingen 1996, 423

[2] vgl. Theißen/Merz, op. cit., 423