Die unendliche Geschichte Teil 3-10
Nachdem wir zunächst Freitag nachmittag beim Praktikantentreffen im Headquarter von Bosch in Shibuya waren, dort ein paar Standardpräsentationen anhören durften und danach an einem Buffet verköstigt wurden, haben wir direkt im Anschluss unsere Pläne bezüglich der Besteigung des Fuji-san in die (harte) Realität umgesetzt. Thorsten und ich wollten vorher noch die Sache abblasen, da sie schlechtes wetter vorhersagten, doch die anderen meinten, so schlimm sehe das doch gar nicht aus.......
Thorsten, Sebastian, Wolfgang, Christian und ich fuhren um 19:50 mit dem Highwaybus nach Kawaguchiko an die 5. Bergstation am Fuji-san auf 2305m Höhe. Schon auf dem Weg dorthin bemerkt man an dem Druck auf den Ohren, dass man viele Höhenmeter zurücklegt. Schließlich sind wir ja in Yokohama Flachlandjapaner auf annähernd 0m Höhe...
Jedenfalls kamen wir dann um kurz nach 22Uhr an der Bergstation an und aklimatisierten uns bis halbelf in der Höhe. Das Wetter war erstaunlich gut zu dem Zeitpunkt (denn die Wettervorhersage brachte Schauer in der Nacht), was sich aber noch ändern sollte.
Ich habe mich mit einem Fuji-Wanderstock ausgerüstet (Holzstock mit japanischer Fahne und Glöckchen - man kann auf jeder Berghütte ein Brandzeichen draufmachen lassen) und los ging es.
Nach kurzer Zeit stieg der Weg steil an und es wurde immer mehr Geröll. Dabei war er noch breit genug, dass man gut zu dritt nebeneinander laufen konnte. Wir waren gut im Zeitplan (wir wollten ja um 4:30 oben sein zum Sonnenaufgang) und machten immer wieder kurze Pausen. Langsam wurde der Weg immer enger und verwandelte sich streckenweise in einen Kletterpfad (hochkraxeln auf allen vieren mit Kette/Seil nebendran zum festhalten). Das Wetter zog sich langsam zu... Es wurde nebelig, windig und immer kälter pro Höhenmeter, bis das unvermeidbare eintrat: es begann zu regnen! Dabei hatte es gerade mal 4°C und war sehr stürmisch. Wir waren zu der Zeit schon auf 3100m Höhe, wo die Luft merklich dünner wurde und jeder Schritt anstrengender. Leider waren wir nicht so Hightech-ausgerüstet, wie die Japaner (Goretex, Wanderschuhe...), sondern hatten normale Klamotten mit Jacke, 100Yen Regencape und Halbschuhe an. Das machte die Sache nicht unbedingt leichter. Der Pfad war mittlerweile sehr schmal, so dass es nur noch im Gänsemarsch voran ging.
Sei es durch den Regen (jeder zog sich entsprechend auf dem Pfad an und verursachte Stau) oder durch die vielen Leute, die sich von einem 3-spurigen Pfad auf einen 1-spurigen einreihte, es gab fortan nur noch Stau. Man sah eine Zickzack-reihe von Lichtern vor und hinter sich, die sich kaum bewegte. Die Sichtweite war mittlerweile auf ca. 20m gesunken und unsere Moral mit ihr. Es war saukalt und die klammen nassen Finger froren uns beinahe ab (vorher wollten wir nicht auf die Ratschläge mit den Handschuhen und Schal hören). Der Wind tat sein übriges. So wurde aus dem Trip eine Tortur, bei der jeder von uns an seine Grenzen stieß - sowohl körperlich (Höhe, Anstrengung, Nässe, Kälte) als auch psychisch (unglaublich genervt vom Schlange stehen, vom Regen und von der Gewissheit, oben keinen Sonnenaufgang zu haben). Umkehren war auch so gut wie unmöglich wegen der engen Beschaffenheit des Pfades. Also hieß es: ERTRAGEN!
Nachdem wir uns schon fast sicher waren, dass unser Weg nie mehr enden würde, kamen wir kurz nach 5Uhr früh endlich oben auf 3776m Höhe an. Wir verfluchten jeden einzelnen der zurückgelegten 1472 Höhenmeter! Bei vielen stellte sich schon 2h zuvor durch die Höhe Kopfweh und Unwohlsein ein - so auch bei mir. Oben ging es uns allen ziemlich dreckig: durchgefroren, nass und enttäuscht, da der Nebel und Regen eine Sicht von nur 10m zuließen. Wir sahen weder etwas vom Berg runter, noch in den Krater rein, also brachen wir wenige Minuten später (gegen 5:20) wieder auf. Der Weg bergab war auch nicht unbedingt ein Zuckerschlecken, sondern eine steile Serpentinenstrecke aus Geröll, so dass man pro Schritt dieselbe Distanz nocheinmal rutschte! Das ging ziemlich in die Knie, kann ich euch sagen. Zusätzlich moralraubend waren die Schilder unterwegs, die die Restdistanz zur Bergstation anzeigten: wir erreichten das Schild mit 5km, eine 3/4h später dann das Schild mit 4,5km usw... Der Weg schien kein Ende nehmen zu wollen, aber was bleibt uns anderes übrig, als wiederum: ERTRAGEN!
Nach dieser üblen Odyssee erreichten wir gegen 8:30 wieder die Bergstation (wo wir den Bus mit Abfahrt um 11:00 gebucht hatten, da wir eigentlich auf dem Gipfel Zeit verbringen wollten). Dort siechten wir dahin, bemitleideten uns gegenseitig, schliefen eine Runde im Cafe mit dem Kopf auf der Tischplatte und realisierten, dass das wohl die härteste Nacht unseres Lebens war und wirklich ein Kampf: doitsu-gin (Deutscher) gegen Fuji-san, den irgendwie keiner richtig gewonnen hat. Sowohl wir hatten den Berg bezwungen, als auch er uns...
Aus so was lernt man, und zwar: nie wieder Bergsteigen bei schlechter Wettervorhersage und nur mit geeignetem Equipment.
Leider waren wir ja noch lange nicht daheim: Von 11:00 - 13:15 fuhr der Bus nach Tokyo, dann weiter mit der Bahn über Yokohama nach Gumyoji und am Ende kurz vor 15:00 endlich wieder im Wohnheim! Ich konnte dann nicht gleich schlafen, so dass ich noch ein wenig im Internet gesurft habe. Dann um 16:35 begann mal wieder alles zu rütteln: Erdbeben! Nur dieses Mal stärker als sonst. Es wollte vor allem gar nicht mehr aufhören! Mir kamen es mindestens wie 5min vor, es waren jedoch wohl nur eine! Es hat schon gehörig gewackelt! Im nachhinein erfuhr ich, dass es wohl das stärkste seit 13 Jahren in Tokyo und Umgebung war, wobei das Zentrum nördlich von Tokyo und damit ca. 50km von mir weg war. Es wurden insgesamt 16 Menschen leicht verletzt durch herunterfallende Gegenstände.
Das restliche Wochenende war ziemlich gelaufen, bis auf Sonntag, als ich zusammen mit Asaya dem Hondahändler einen Besuch abstattete. Wir wollten eigentlich einen Integra (RSX) Type-R probe fahren, dieser war jedoch an dem Tag ausgeliehen. Aber wir schauten uns die anderen Modelle an und beschlossen, Ende August nocheinmal zu gehen…
So, heute ist schon Donnerstag und am Sonntag kommt meine Süße endlich wieder! Ich freu mich schon…
Bezüglich Bilder: ich habe ein tolles Panoramafoto vom Fuji aus gemacht und ihr könnt alle per "Virtual Reality" dran teilhaben: stellt euch vor eine große weiße Wand und betrachtet sie konzentriert - was seht ihr? Nichts? Weiß? GENAU! Dann habt ihr unseren Ausblick vom Gipfel vor Augen und könnt ihn genießen ;-)
Ansonsten hab ich auch ein paar normale Bilder - jedoch nicht viele. Wo nichts ist, kann auch nichts werden, gell ;-)
Hier die Bildergallerie dazu!
Bis dann
Euer (mittlerweile wieder vom Muskelkater und Knieschmerz erholte) Peter
