Die Denkstrukturen, die Politik, die Verhaltensweisen müssen sich ändern - Interview mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus - 2 -
"Kleine Kredite mit großer Wirkung" – Interview
mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus - 2 -
Franz Alt : Warum sind in einem islamischen Land 96 Prozent Ihrer Kunden Frauen?
Prof. Yunus : Wir haben festgestellt, dass die Frauen ihr geliehenes Geld viel vorsichtiger und besser angelegt haben als die Männer. Und die Frauen hatten den starken Willen, ihr ärmliches Leben zu verändern. Denn es sind die Frauen, die unter der Armut leiden, sehr viel mehr als die Männer.
Die Frauen wollen investieren, sich verbessern und finanzielle Sicherheiten schaffen. Männer sind da anders. Sie denken nicht so weit im Voraus. Männer wollen sofort genießen und es sich gut gehen lassen. Sie planen nichts für eine bessere Zukunft, sie denken nicht an Sicherheit für sich selbst und die Familie.
Männer entscheiden immer aus der jeweiligen Situation. Frauen sind die besseren Manager der knappen Mittel. Sie überlegen immer sehr genau, wie sie das Beste mit dem vorhandenen Geld machen. Männer wollen eher unmittelbare Wünsche erfüllen. Also haben wir im Laufe der Zeit unsere Aufmerksamkeit mehr auf die Frauen gerichtet.
Franz Alt : Prof. Yunus, was waren am Anfang die größten Schwierigkeiten, die Sie zu überwinden hatten?
Prof. Yunus : Die etablierten Banken arbeiten hauptsächlich nach dem Prinzip "Je mehr Du hast, desto mehr bekommst Du". Aber wir sprechen hier über Leute, die überhaupt nichts haben. Wir haben also ein neues System aufgebaut nach dem Prinzip "Je weniger Du hast, umso höhere Priorität wird Dir eingeräumt". Das ist natürlich gegen jede bisherige Bankpolitik.
Zunächst zweifelten viele daran, ob das funktionieren würde. Aber es funktioniert. Das Problem waren die alten Denkstrukturen. Wer was Neues macht, hat immer Probleme. Zunächst haben die Entwicklungsplaner nicht eingesehen, dass man einer armen Frau oder einem armen Dorf zwanzig, dreißig Dollar geben soll. Diese Leute waren nur gewohnt, über große Investitionen zu sprechen und nicht über Kleinstdarlehen.
Die Religionsvertreter haben argumentiert, dass Kredite gegen die Religion verstoßen und die Autorität der Familie untergraben. Auch die Ehemänner waren am Anfang nicht zufrieden, dass wir ihren Frauen Geld gaben.
Franz Alt : Hat sich denn inzwischen das Denken der Männer etwas geändert und auch das Denken in den Banken gegenüber Ihrer Bank für die Armen?
Prof. Yunus : Ja, wir sind sehr weit gekommen. Aber noch nicht weit genug. Bei den Banken gilt noch immer das Prinzip der Sicherheit und das Prinzip "Je mehr Du hast, desto mehr bekommst Du". Die Türen für die armen Menschen sind noch immer geschlossen.
Wir wollen dafür sorgen, dass die bestehende Finanzstruktur, welche eine extreme Apartheid hervorgerufen hat, überall geändert wird. Kredite dürfen nicht nur den Reichen zur Verfügung stehen. Wir empfinden Kredit als ein Menschenrecht. Das müssen die Banken verstehen lernen und sich ändern. Die Bevölkerung weiß bereits, dass wir mehr Kreditgerechtigkeit brauchen. Die Denkstrukturen, die Politik, die Verhaltensweisen müssen sich ändern.
Franz Alt : In wie vielen Ländern funktioniert denn das Prinzip inzwischen und für wie viele Menschen, das Prinzip der Grameen Bank?
Prof. Yunus : Inzwischen haben über 100 Millionen arme Familien weltweit Zugang zu Kleinkrediten. Es gibt inzwischen in fast 100 Ländern ähnliche Banken wie die Grameen Bank in Bangladesh, sogar in den USA. Es gibt inzwischen in 100 Ländern ähnliche Banken wie die Grameen Bank in Bangladesh, zum Beispiel in China, Indien, Ecuador, Lateinamerika und Afrika.
Auch in den Industrieländern sind Banken für die armen Menschen sehr wichtig. Auch dort funktioniert unser System. Das funktioniert deshalb, weil auch dort den Ärmsten die Türen der Banken verschlossen sind. Wenn jemand die Initiative ergreift, sind Banken für die Armen auch in Österreich, Schweiz und Deutschland möglich. Besser als Sozialhilfe und Arbeitslosengeld ist es, den armen Leuten Kredite zu geben, um einen Job zu finden. Die Leute wollen kreativ sein und sich nicht aushalten lassen. Arme Menschen haben überall Geschäftsideen. Sie haben aber oft keine Chance, diese zu verwirklichen, weil das Startkapital fehlt. Das ist der eigentliche Skandal.
- wird fortgesetzt -


