Sodautschiks Küche
Frau Sodautschik bat mich mit aller ihr noch verbliebenden Würde hinein und wir schritten andächtig durch die Eingangshalle. Durch die nikotingelben Vorhänge perlte träge das Sonnenlicht. Wir bewegten uns langsam und ohne große Eile in Richtung Küche, so dass ich genügend Zeit hatte, mir die schlecht rasierten Waden von Frau Sodautschik anzusehen. In der Küche roch es bestialisch nach angebrannter Milch und ausgelaufenem Fleischsud. Mit einer gönnerhaften Bewegung räumte Frau Sodautschik die leeren Flaschen (4 Bier und 1 Nordhäuser Doppelkorn 0,7l) vom Tisch und bat mir einen einfachen Stuhl zum Sitzen an. Sie selber drapierte sich auf einem Melkschemel.

Im Hintergrund dudelte ein Song von Andrea Berg. Ein Hund bellte. Frau Sodautschik holte tief Luft und verschluckte sich an einem Hauchetropfen. Um die Situation nicht eskalieren zu lassen öffnete ich meinen Aktenkoffer und legte die diversen Papiere, Offerten und vierfarbigen Prospekte zu drei übersichtlichen Stapeln auf dem klebrigen Küchentisch zurecht. Nach ca. zwei Minuten hatte sich Frau Sodautschik jedoch in einen solchen Hustenanfall gehustet, dass ihre ohnehin schon leicht ins rötlich neigende Gesichtsfarbe langsam ins karminrote ging und ich ernste Bedenken hatte, ob mein Vorgehen der Situation angemessen ist. Ich entschloss, mehr auf ihre Bedürfnisse einzugehen.
