"
walk the shore
to impassable
shout at screaming waves
shout at silent rocks
i think tonight
i'll dream of salty tounges
so tears drips down by leg"
_______________["the ghosts you draw on my back" MÚM]
Auf dem Weg in die Stadt im alten, knarrenden Bus, die Küste zur
Linken, baumlose Schneeweiten zur Rechten, meinen alten Walkman in der
Hand, der MP3-Player-trotzend bestens ins Ambiente des scheppernden
Gefährts passt, die ersten Töne von "Hunted by a Freak" in den Ohren,
Mogwai auf Super Chrome II-Band...
Die Stadt liegt von hier aus gesehen in einer Senke, etwas, das mal
eine Bucht war oder werden sollte. Woher ich das weiß? Ich vertrete die
Ansicht, man sollte sich in gewisser Weise mit der Gegend
identifizieren, in der man - wenn auch nur vorübergehend - wohnt. Also
bin ich direkt am dritten oder vierten Tag hier in das kleine Heimat-
und Fischereimuseum gegangen um den Geist der Umgebung zu ergründen...
dachte ich zumindest.
Ich muss zugeben gehofft zu haben, dass mich zumindest eine rudimentäre
englische Übersetzung erwarten würde, stattdessen verbrachte ich den
Vormittag mit dem Enträtseln schlechter Schwarz-Weiß-Fotografien und
einem schweren Sprung in meinem Idealismus. "Die Welt ist mein Zuhause"
und "in diesem Teil der Welt bin ich fremd" passt eben schwerer
zusammen, als ich mir erhofft hatte.
Aber ich hatte Glück. Der Mann vom Museum half aus. Man muss sich den
jetzt nicht so vorstellen, wie die meisten Menschen, die bei uns als
Museumshüter in kleinen Heimathöfen sitzen, steinalt und irgendwie in
der Geschichte gefangen, mit Spinnweben im Bart und einem Stundenglas
auf dem Tisch...
Dieser Mann war - ich schätze mal - nur wenige Jahre älter als ich,
kannte sich mit der Seerettung seiner Ururahnen aus und tippte neben
der kleinen Sonderführung, die er für mich als einzigen Gast in
fließendem Englisch (soweit ich das beurteilen kann) hinlegte, eifrig
SMS nach SMS.
Ich verließ das Museum mit dem Gefühl, weit in der Zeit zurück zu sein.
Würde mein Herz nicht so sehr an meinem alten Walkman hängen, ich hätte
noch an demselben Tag ein neueres Ersatzstück aufgetrieben (keinen
MP3-Player, einen eigenen Computer habe ich hier ja nicht...).
Seitdem ich in die kleine Wohnung in einem nahen "Dorf" (3 Höfe und 5
oder 6 weitere Häuser mitten in der Wildnis) oben an der Steilküste
gezogen bin, muss ich meinen Tagesrythmus nach dem Bus richten, weshalb
ich wohl nur sporadisch ins Internetcafé kommen werde um meine Berichte
zu tippen.
Eigentlich wollte ich das mit der Bucht nur erwähnen um die Lage des
alten, verlassenen Hauses zu erklären, es liegt quasi auf der letzten
"Nase" der Steilküste vor dem serpentinenartigen Abgang in die Stadt.
Das Haus ist mir gleich bei meiner ersten Fahrt aufgefallen, in dem
kleinen Museum habe ich dann erfahren, dass dort ein Fischer mit seiner
Familie gelebt haben soll (um 1900 oder sowas... sind solche
Geschichtwen nicht immer aus dieser Zeit? Weit genug um realistisch zu
erscheinen und nah genug um eine Wirkung zu erzielen...), der seine
kleinen Kinder und seine Frau die Küste hinuntergestürzt haben soll,
weil die Stimmen der Wellen ihm das gesagt haben...
Achja! "Stimmen der Wellen", gutes Stichwort: Hier in der Gegend ist es
Brauch, dass man auf die "Stimmen der Wellen" hört. Früher, als die
Leute hier noch heidnisch waren, glaubten die Leute, die Geister der
See sprächen zu ihnen aus den Wellen, heute ist der Brauch ins
Christentum übertragen worden, es sind zwar noch immer die "Geister der
See" (oder auch Seetrolle... was wohl der Papst dazu sagen würde...),
aber sie sind jetzt die Stimme Gottes. Früher haben sie Sturmfluten,
Frost und Sonne vorhergesagt, heute glaubt man an soclhe Dinge
natürlich nicht mehr, wie mir der Museumsmann verkündete, nur für solch
spirituelle Dinge wie die Erfolge des örtlichen Fußballvereins werden
in einer Art Strandparty die Wellen befragt (ist kein Witz! das machen
die tatsächlich...), und angeblich haben die Wellen bisher nie
gelogen...
Ich werde mir den Fußballverein wohl mal näher ansehen müssen, jetzt
treibt es mich aber wieder zum Bus, auf dem Hof, auf dem ich meine
Wohnung habe, gibt es heute große Vorbereitung für irgendein Fest in
ein paar Tagen, dessen nähere Bedeutung ich noch nicht ganz durchschaut
habe, aber als höflicher Gast willman ja helfen... Außerdem ist das ein
guter Schritt am Leben hier teilzunehmen, ein wichtiger Schritt bei
meiner Mission, die Welt zu verstehen... wobei ich fürchte, nur schon
an diesem kleinen Flecken zu scheitern... dann aber mit vollem Magen
und dem Geruch frischgebackener Brote.
Ich sende viele Grüße aus der Ferne,
Xylo