Dienstag, 27.12.2005, 08:18 Uhr
Es sind Ferien. Was zur Hölle mache ich dann morgens um zwanzig nach acht auf der A7 zwischen Schwarmstedt und Hannover? Vielleicht treibt mich eine innere Stimme, oder der Skorbut...? Auf jeden Fall muss ich schlichtweg verrückt sein! Immerhin habe ich mein iBook mit, das hilft zwar nicht gegen den Skorbut, aber immerhin kann ich die letzten Stunden vor dem Erreichen von Melee Island (a.k.a. Rheda-Wiedenbrück) so für die Nachwelt festhalten.
Doch beginnen wir von vorne mit den Ereignissen, die mich in diese Lage brachten...
Donnerstag 22.12.2005, 18:37 Uhr
Ich schraube die letzte Flügelmutter des Beleuchtungsstativs fest. Kamera- und Szenenausleuchtungsunterricht. War interessant, gab einen kleinen Einblick, und wir waren überraschenderweise mal zu früh fertig (normal ist so ca. eine Viertelstunde überziehen...). Draußen gibt‘s Glühwein umsonst, so lange man steht, soviel man will... vorausgesetzt man schafft es noch, sich irgendwoher eine Tasse zu organisieren.
Ic h denke an den nächsten Tag, denke an die geschätzten sieben Stunden Autofahrt, die vor mir liegen, weiß, dass ich weder gepackt, noch geistig irgendwie in Stimmung für Weihnachten im Allgemeinen und Weihnachtsbesuche im Speziellen bin. Außerdem mag ich eigentlich nicht wirklich Glühwein. Ich winke ab und greife in meine SAE-Tasche... dann halt eine Gauloises. Ein kühles Beck‘s wäre jetzt das richtige... Beck‘s... plötzlich leichte Vorfreude auf Weihnachten im Norden...
Freitag 23.12.2005, 16:30 Uhr
Nach dem üblichen Prä-Verreisestress, den man glaube ich nur umgehen kann, wenn man sich selbst zum Eremiten erklärt, sitzen wir im Auto. Es ist alles gepackt, was nicht vergessen wurde, sowas ist gut zu wissen. Ich drehe den Zündschlüssel und lasse den Motor laufen, die Lüftung voll hochgezogen, vielleicht sehe ich dann mal was außer Milchglas. Die Zeit nutze ich um dafür zu sorgen, dass Musik läuft. Ich fahre an, sehe die Schnewehe vor meinen Reifen zu spät und würge prompt den Motor ab. Geht ja gut los... Zündschlüssel wieder gedreht... Mein Escort weigert sich anzuspringen. Verfluchte Scheiße, und ich muss noch bis fast nach Hamburg. (Und stehe momentan in München...) Okay, okay... ich mag Nachtfahrten, ist eh fast dunkel, immerhin liegt der kürzeste Tag des Jahres erst zwei Tage zurück. Trotzdem wäre es gut, wenn das Auto anspringt, sonst ist‘s Essig mit Nachtfahrt... Motorhaube auf, gegen den Reifen getreten, die Autoinnereien angeflucht, Motorhaube wieder draufgeknallt, und schon sprang das Ding wieder an. Ich fahre los, frage mich insgeheim, ob auch mein Auto mittlerweile eine Seele hat, und brauche fast eine geschlagene Stunde um aus München rauszukommen.
Freitag 23.12.2005, 23:30 Uhr
Wow! Dafür, dass ich sechs Stunden zuvor noch in München war und mit Winterreifen gefahren bin, war das Rekordzeit. Ich bin zufrieden und irgendwann gegen drei Uhr müde genug um diesen Tag zu beschließen... einen weiteren verfluchten 23.12. in einer ganzen Reihe verfluchter 23.12ter...
Samstag 24.12.2005, 19:00 Uhr
Bei der Familie meiner Freundin. Alle sitzen zusammen und tauschen Geschenke aus. Danach gibt‘s Essen (die Ente ihrer Mutter entschädigt alleine schon für allen Weihnachtsstress). Irgendwann im Laufe des Abends werfe ich einen Blick zum Tannenbaum und merke: Mensch, ist ja Heilig Abend!................aha. Weihnachtsstimmung? Nö, noch weniger als die letzten Jahre...
Sonntag 25.12.2005, 15:00 Uhr
20 km weiter nördlich bei meiner Familie. Essen. Dann auch da Geschenke. Weihnachten geht mir mittlerweile ziemlich am Arsch vorbei, es hätte auch jeder andere Anlass getan... Hauptsache ist, man sitzt mal wieder mit der Familie zusammen, die sich nach und nach über die Republik verstreut (wenn meine Schwester zum Studieren tatsächlich nach Münster ziehen sollte, haben wir dann alle Himmelsrichtungen abgedeckt (mein Bruder ist seit vier Monaten in Berlin)).
Um das verständnishalber klarzustellen: Ich fahre tatsächlich gerne zu meiner Familie zurück, das ist etwas anders als bei vielen meiner Freunde, die das mehr als Pflichttermin sehen... für die Familie meiner Freundin gilt das selbe... dementsprechend ist der Stress mit dem in München losfahren eigentlich vorbei.
Montag 26.12.2005, 15:30 Uhr
Zurück bei der Familie meiner Freundin. Ihr Bruder ist dort, den sehen wir nur selten, und der fährt am 27. bereits wieder, also muss die Zeit genutzt werden. Vorher waren wir mit meiner Familie zum Essen beim Italiener.
Montag 26.12.2005, 18:30 Uhr
Essen. Putenrollbraten. Kann der Ente vom 24. fast das Wasser reichen. Überflüssig zu erwähnen, dass die Portionen nicht unbedingt so sehr klein waren... auch beim Italiener drei Stunden zuvor nicht... ich befürchte, nie wieder Hunger leiden zu dürfen...
Dienstag 27.12.2005, 08:56 Uhr
A2 nahe Minden. Denke ich an das Essen gestern, frage ich mich, ob ich tatsächlich auf der Flucht vor dem Skorbut sein kann? Ich kenne den wahren Grund meiner Reise, auch wenn ich nicht so ganz weiß, warum um diese Uhrzeit. Aber momentan kann ich nicht mehr klar denken. Ich sitze in einem Autoscooter auf dem Ozean und denke an Elaine, an große unverfluchte Diamantringe, an Haggis McMutton und seine räudige Brut, während ich irgendwo vor Blood Island (Enniger... schlagt‘s mal im Atlas nach...) auf den Sturm warte, der mich zu sonderbaren rituellen Handlungen als Tofufrucht verkleidet im Kreise meiner Zitruskopffreunde über dem cholesterinanfälligen Vulkan bringt,während weit der Weihnacht LeChuck seine finsteren Pläne schmiedet...
Aber wir wissen ja alle, wer am Ende baden geht... HAR HAR!
sjÁlfur