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22.11.2005 um 14:36 Uhr

Die Geister der See

von: sjAlfur

"walk the shore
to impassable
shout at screaming waves
shout at silent rocks
i think tonight
i'll dream of salty tounges
so tears drips down by leg
"
_______________["the ghosts you draw on my back" MÚM]


Auf dem Weg in die Stadt im alten, knarrenden Bus, die Küste zur Linken, baumlose Schneeweiten zur Rechten, meinen alten Walkman in der Hand, der MP3-Player-trotzend bestens ins Ambiente des scheppernden Gefährts passt, die ersten Töne von "Hunted by a Freak" in den Ohren, Mogwai auf Super Chrome II-Band...
Die Stadt liegt von hier aus gesehen in einer Senke, etwas, das mal eine Bucht war oder werden sollte. Woher ich das weiß? Ich vertrete die Ansicht, man sollte sich in gewisser Weise mit der Gegend identifizieren, in der man - wenn auch nur vorübergehend - wohnt. Also bin ich direkt am dritten oder vierten Tag hier in das kleine Heimat- und Fischereimuseum gegangen um den Geist der Umgebung zu ergründen... dachte ich zumindest.
Ich muss zugeben gehofft zu haben, dass mich zumindest eine rudimentäre englische Übersetzung erwarten würde, stattdessen verbrachte ich den Vormittag mit dem Enträtseln schlechter Schwarz-Weiß-Fotografien und einem schweren Sprung in meinem Idealismus. "Die Welt ist mein Zuhause" und "in diesem Teil der Welt bin ich fremd" passt eben schwerer zusammen, als ich mir erhofft hatte.
Aber ich hatte Glück. Der Mann vom Museum half aus. Man muss sich den jetzt nicht so vorstellen, wie die meisten Menschen, die bei uns als Museumshüter in kleinen Heimathöfen sitzen, steinalt und irgendwie in der Geschichte gefangen, mit Spinnweben im Bart und einem Stundenglas auf dem Tisch...
Dieser Mann war - ich schätze mal - nur wenige Jahre älter als ich, kannte sich mit der Seerettung seiner Ururahnen aus und tippte neben der kleinen Sonderführung, die er für mich als einzigen Gast in fließendem Englisch (soweit ich das beurteilen kann) hinlegte, eifrig SMS nach SMS.
Ich verließ das Museum mit dem Gefühl, weit in der Zeit zurück zu sein. Würde mein Herz nicht so sehr an meinem alten Walkman hängen, ich hätte noch an demselben Tag ein neueres Ersatzstück aufgetrieben (keinen MP3-Player, einen eigenen Computer habe ich hier ja nicht...).

Seitdem ich in die kleine Wohnung in einem nahen "Dorf" (3 Höfe und 5 oder 6 weitere Häuser mitten in der Wildnis) oben an der Steilküste gezogen bin, muss ich meinen Tagesrythmus nach dem Bus richten, weshalb ich wohl nur sporadisch ins Internetcafé kommen werde um meine Berichte zu tippen.

Eigentlich wollte ich das mit der Bucht nur erwähnen um die Lage des alten, verlassenen Hauses zu erklären, es liegt quasi auf der letzten "Nase" der Steilküste vor dem serpentinenartigen Abgang in die Stadt. Das Haus ist mir gleich bei meiner ersten Fahrt aufgefallen, in dem kleinen Museum habe ich dann erfahren, dass dort ein Fischer mit seiner Familie gelebt haben soll (um 1900 oder sowas... sind solche Geschichtwen nicht immer aus dieser Zeit? Weit genug um realistisch zu erscheinen und nah genug um eine Wirkung zu erzielen...), der seine kleinen Kinder und seine Frau die Küste hinuntergestürzt haben soll, weil die Stimmen der Wellen ihm das gesagt haben...
Achja! "Stimmen der Wellen", gutes Stichwort: Hier in der Gegend ist es Brauch, dass man auf die "Stimmen der Wellen" hört. Früher, als die Leute hier noch heidnisch waren, glaubten die Leute, die Geister der See sprächen zu ihnen aus den Wellen, heute ist der Brauch ins Christentum übertragen worden, es sind zwar noch immer die "Geister der See" (oder auch Seetrolle... was wohl der Papst dazu sagen würde...), aber sie sind jetzt die Stimme Gottes. Früher haben sie Sturmfluten, Frost und Sonne vorhergesagt, heute glaubt man an soclhe Dinge natürlich nicht mehr, wie mir der Museumsmann verkündete, nur für solch spirituelle Dinge wie die Erfolge des örtlichen Fußballvereins werden in einer Art Strandparty die Wellen befragt (ist kein Witz! das machen die tatsächlich...), und angeblich haben die Wellen bisher nie gelogen...

Ich werde mir den Fußballverein wohl mal näher ansehen müssen, jetzt treibt es mich aber wieder zum Bus, auf dem Hof, auf dem ich meine Wohnung habe, gibt es heute große Vorbereitung für irgendein Fest in ein paar Tagen, dessen nähere Bedeutung ich noch nicht ganz durchschaut habe, aber als höflicher Gast willman ja helfen... Außerdem ist das ein guter Schritt am Leben hier teilzunehmen, ein wichtiger Schritt bei meiner Mission, die Welt zu verstehen... wobei ich fürchte, nur schon an diesem kleinen Flecken zu scheitern... dann aber mit vollem Magen und dem Geruch frischgebackener Brote.

Ich sende viele Grüße aus der Ferne,

Xylo

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