Dreaming of Nepal [Pt. I]
[Teil 1]
[Teil 2]
[Teil 3]
"Annalena?" er hatte einige Augenblicke gebraucht, bis er sie erkannt hatte. Früher in der Schule trug sie weiße Blusen und Strickjacken, Stoffhosen und knielange Röcke, und ihre dunkelblonden Haare meist offen. Jetzt saß sie dort neben ihm, die Haare unter einer Baskenmütze dunkel gefärbt, in schwarzer Lederhose, dickem grauen Wollpullover und schwarzem Stoffmantel. Ihre Augen waren dunkel geschminkt, ihre Haut wirkte etwas blass. Er wusste nicht, ober sie noch so schön fand wie früher, doch das spielte keine Rolle.
"Hey! Was machst du hier?" sie bemühte sich um ein heiteres Lächeln, doch Mark merkte, dass sie müde war, vielleicht auch etwas distanzierter als früher.
Er war mittlerweile dreißig, hatte zwei Kinder, die bei seiner Ex-Frau in Düsseldorf lebten, er sah sie fast nie. Er war mit 19 ins Ausland gegangen. Während die meisten seiner Freunde beim Bund waren oder Zivildienst machten, wollte der wegen starkem Untergewicht ausgemusterte Mark vor allem weg von seinen Eltern. Er arbeitete einige Monate auf einem Hof in Spanien um sich eine Reise nach Nepal leisten zu können, doch bald begann er eine Affäre mit der Tochter seines Arbeitgebers, und als diese schwanger wurde, bestanden ihre Eltern auf eine schnelle Heirat. Ein Jahr später ging er mit ihr zurück nach Deutschland, wo sie ihr Studium fortsetze. Er blieb zuhause und träumte vom Himalaya. Mit 25 erklärte er seiner Frau, dass dies gar nicht sein Leben war und er bereits zu lange gebraucht hätte, um aus diesem Traum aufzuwachen. Elisa, seiner Frau, standen die Tränen in den Augen. Erschlief noch einmal mit ihr, gab seinen Kindern Christine und Júlian einen Kuss und fuhr davon.
"Ich bin schon seit fast fünf Jahren in dieser Stadt," sagte Mark mit einem verlegenen Seitenblick.
Sie lächelte nur.
"Und du machst hier Urlaub?" er warf einen Blick auf ihren Koffer.
"Nein, ich ziehe ein," sie ließ ihren Blick aus dem Fenster schweifen, "ich habe eine kleine Wohnung in Lehel."
"Im Lehel," verbesserte Mark automatisch, nach fünf Jahren hatte man sich gewisse Dinge angewöhnt, "es heißt 'im Lehel'."
Sie schwieg.
"Dann wohne ich nicht sehr weit entfernt," sagte er, "unten an der Isar, nicht weit vom Maximilianeum."
Sie nickte.
Er setzte erneut an, hielt dann aber inne und betrachtete sie näher.
"Du siehst müde aus, soll ich dich zu einem Kaffee einladen?" es klang sonderbar normal dafür, dass er sie mehr als zehn Jahre nicht gesehen hatte.
"Mark, ich sehe schrecklich alt aus, oder?"
"Du siehst... was?" darauf war er nicht vorbereitet gewesen, er sah sie überrascht an.
"Ich sehe alt aus, oder?" wiederholte sie und sah ihm nun ins Gesicht. Er bemerkte die kleinen Fältchen um ihre Augenwinkel und eine ihm ungewohnte Schwere in ihrem Blick. Normalerweise liebte er das an Frauen, Spuren von Leben in ihren Gesichtern, doch Annalena bestach früher vor allem durch ihre Jugendlichkeit, den Anflug von Unschuld, und mittlerweile hatte sie diesen Reiz verloren.
"Wir alle werden älter," begann er ohne sich die Mühe der Diplomatie zu machen, "sehe ich etwas noch so aus wie mit 19?"
"Nein," ihr Blick prüfte sein Äußeres, "du hast dich gemacht, Mark, du siehst gut aus."
Mark verengte die Augen. Er hatte bisher nie gehört, dass er gut aussehe, auch wenn ihm bewusst war, dass er über die Jahre ein gewisses Wirken auf Frauen bekommen hatte, aber das ausgerechnet von Annalena zu hören, berührte ihn, es schmerzte, ohne dass er sich sicher war, warum.
"Du siehst auch gut aus," erwiderte Mark, "das war schon immer so. Natürlich verlieren wir unsere Jugend, aber wir gewinnen auch etwas im Laufe der Zeit hinzu."
Die Tram kam am Maxmonument zum Stehen und Annalena sah auf. Mark half ihr, den Koffer hinaus zu tragen, zögerte einen Moment und folgte ihr dann in den Regen. Er hätte ohnehin nur eine Station später aussteigen müssen...
sjÁlfur


