Feel Good Inc.
Es ist ein gutes Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt, das weiß
vermutlich jeder. Momentan ist das der Fall, zumindest ein wenig. Ich
habe gestern noch bis zehn in der SAE an meinem Endprojekt gearbeitet
und es schließlich auch abgegeben. Ich bin damit eigentlich jetzt durch
den ersten Abschnitt durch, es ist Wochenende und ich sollte mich
irgendwie in Wochenendsstimmung fühlen, ab Montag geht nämlich die
Diplomstufe los, bleibt nicht so besonders viel Zeit...
Vor zwei Tagen hatte ich einen Unfall. Es war glatt auf den Straßen, ich fuhr langsam an eine Ampel ran, bremste, und rutschte mit schätzungsweise zwei Milimetern pro Stunde gegen das Auto vor mir. Sachlich gesehen sag ich mir: was soll's... war schweineglatt, hätte vermutlich jedem passieren können, der Sachschaden hält sich in Grenzen, und die Fahrschülerin, die im Wagen vor mir gerade ihre Prüfung hatte (daher auch kein Schild "Fahrschule", und ich fragte mich schon, warum die so zögerlich fuhr...), hat bestanden.
Aber sowas ärgert mich. Es geht gar nicht darum, wie es passiert ist, sondern nur DASS es passiert ist... naja, WIE ist schon wichtig, wäre ich mit 180 von einer Autobahnbrücke gebrezelt, würde ich mich vermutlich heldenhafter fühlen... und irgendwie schwerelos, nehme ich an...
Aber gut, bevor ich dann gestern zur SAE losgefahren bin, rief der Typ von der Fahrschule an und wir haben das mit der Versicherung usw. geklärt, damit ist die Sache eigentlich großenteils gegessen. Allerdings war gestern nicht irgendein Tag, sondern ein verdammt beschissener Tag. Ich hatte aus anderen Gründen (über die ich mir geschworen habe auf diesem Blog nicht zu schreiben) zeitlichen Verzug, was mein Endprojekt anging, war sowieso schon spät dran, dann rief der Mensch von der Fahrschule an und ich musste mich beeilen, um zumindest nur eine S-Bahn zu spät zu kommen (den Gedanken mit dem Auto zu fahren habe ich in meiner gestrigen Laune aus guten gründen gleich wieder verworfen...). Ich lief los und schaffte es tatsächlich noch zur U-Bahn [Friedenheimer Straße in München, für die Ortskundigen]. Am Stachus stieg ich dann auf die S6 Richtung Kreuzstraße um. Dachte ich... Dummerweise hatte die U-Bahn Verspätung und die S6 fuhr mir direkt vor der Nase weg.
Dazu ein kleiner Einschub: Ich weiß nciht, ob das in allen Städten gängige Praxis ist, aber in München warten S-Bahnfahrer gerne noch mit dem Abfahren, solange, dass man noch ein paar Mal erfolglos versuchen kann die Tür zu öffnen. Dann fahren sie weg, unbeherrschte Menschen treten gegen die S-Bahntüren, ich blieb nur mit einem zynischen Grinsen zurück.
Ich nahm die nächste S-Bahn Richtung Ostbahnhof, weil dort die S6 die fahrtrichtung ändert und gerne nochmal etwas länger steht. Auf dem Weg standen mir gegenüber zwei Herren von der Bahnwache, die sich laut darüber unterhielten, dass es ja unmöglich sei, wieviele Leute das Kartenabstempeln vergessen. Ihr Problem war, dass sie mich dabei die ganze Zeit ansahen. Ich warf einen genervten Blick aus dem Fenster, was die beiden dazu veranlasste, sich an jeder Haltestelle so an die Tür zu stellen, dass ich nicht schnell hätte rauslaufen können. Am Ostbahnhof hatte ich es eilig, also entschloss ich mich zur Offensive. Ich holte meine Fahrkarte hervor, hielt sie einem der beiden unter die Nase und öffnete direkt am Ostbahnhof die Tür, hörte nur noch ein "Nee, wir wollte ja gar nicht..."
Klar.
Logisch.
Am Ostbahnhof rannte ich die Treppen vom Bahnsteig runter und die zum nächsten hoch und - OH WUNDER! - die S6 stand dort noch. Ich lief zur Tür und drückte den Türöffner.
Nichts geschah.
Ich drückte nochmal.
Wieder nichts.
"Ihr wollt mich doch alle verarschen ihr dummen Penner..." muss ich wohl etwas zu laut gedacht haben, denn ein weiterer Typ von der Bahnwache (die waren gestern überall), sah mich nicht gerade freundlich an. Allerdings, während die S6 langsam Zentimeter vor meinen geballten Fäusten abfuhr, war mein Blick zurück wohl scheinbar überzeugend, der Typ sah weg.
Ich stapfte durch das wilde Schneetreiben den Bahnsteig entlang. Zwanzig weitere Minuten warten... okay, vielleicht würde das meine Laune ja etwas runterkühlen... Ich hatte für mein Endprojekt die Digitalkamera dabei und dachte, ich könne mir mit ein paar Aufnahmen vom Schneegestöber die Zeit vertreiben. Nach kurzer Zeit allerdings klopfte es an die Glasscheibe der Bahnsteigssprecherkabine und eine Bahnangestellte (ich erspare mir Adjektive, gibt's hier 'ne Wortsperre?) wies mich zuvorkommend und völlig unfreundlich darauf hin, dass man hier nicht fotografieren darf.
"Das ist Gesetz von Deutscher Bahn, das hat man zu respektieren!"
"Jo, ist ja okay, wusste ich nicht..."
"Stecken Sie bitte die Kamera weg!"
"Wie, ich darf noch nichtmal eine Kamera in meiner Hand halten?"
"Genehmigung sonst rufe ich Bahnwache!"
"Och nee lass ma', die kann ich heute nun echt nicht mehr gebrauchen..."
Ich habe die Kamera dann weggesteckt und auf die S6 gewartet, Hauptsache endlich zum Unterricht und jegliche anderen Gedanken abtöten! Ich stand also schließlich endlich in einer S6 und bemerkte, wieviele Leute mich komisch ansahen. Das hat dann gereicht, ich wusste ja schon vorher, dass ich in manchen Momenten pauschal alle Menschen hassen kann, aber in dem Moment wusste ich, dass mich jeder Idiot in diesem Zug ansah und genau wusste, dass ich einen verdammt schlechten Tag gehabt habe. Und ich konnte fast sehen, wie alle darüber lachten...
(Im Nachhinein weiß ich natürlich, dass niemand mich im Speziellen angesehen hat, auch trägt die Menschheit nicht Schuld an meinem schlechten Tag, aber in solchen Momenten überrennt mich dann die Paranoia doch ein wenig...)
Und dann wendete sich der Tag. Es war nur ein kleines Detail. Ein Mann saß in ordentlichem Anzug und mit glänzender Krawatte in meinem Sichtfeld. Ein Geschäftsmann wie viele andere auch, allerdings hatte dieser eine eher in der Alternative-Szene anzusiedelnde Frisur und auf der Krawatte war Mickey Mouse. Immerhin hatte er eine Süddeutsche in der Hand, und wie man sehen konnte, war es der Wirtschaftsteil. Als er die Zeitung aber mal senkte, sah man, dass er nicht etwa den Wirtschaftsteil, sondern das Kreuzworträtsel las. Außerdem klingelte kurz darauf sein Handy, und sein Klingelton war das Lied von Pippi Langstrumpf! Ich bin ja eher gegen Handygeklingel und vor allem gegen wie auch immer geartete Klingeltöne, aber das Lied... Wie geil. Wenn ich mal ein Handy habe, will ich übrigens das Lied von Schlupp vom Grünen Stern als Klingelton (und den Hilferuf "Meschirrr!" in der Sprache der Männer vom grünen Planeten "Balda Sieben Strich Drei" als SMS-Benachrichtigung).
Interessant auch, dass der irgendwie im gesamtbild inkohärente Mensch dann hinter vorgehaltener Zeitung ein scheinbar vertrauliches Gespräch begann... tolles Bild. (Kann jemand außer mir drüber lachen???)
Etwas später ging ich dann auf dem Weg von der S-Bahn-Station zur SAE durchs dichte Schneegestöber, meine Laune war ein wenig besser, denn mittlerweile hatte ich das Lied von Pippi Langstrumpf als Ohrwurm auf Dauerloop im Kopf. Da ich persönlich eine Aversion gegen Winterjacken habe, und ich daher nur eine schwarze Strickjacke trug, verfing sich der Schnee besonders gut an mir, weshalb ich wohl ausgesehen haben muss, als käme ich gerade aus dem tiefverschneiten Wald. Während alle Menschen auf dem Weg zur S-Bahn in ungemütlicher Hektik an mir vorbeistürmten gab es aber zwei weitere, humanoide Lichtblicke:
Zuerst war da ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre, mit viel zu großem Rucksack, dass sich mindestens drei Meter vor mir an einer durch den schnee eher engen Stelle des Gehwegs an die Seite stellte und mir mit gönnerhafter und absolut gentlemanliker Geste verkündete: "Du darfst vor mir durch weil du längere Beine hast."
Ich war zutiefst beeindruckt, soviel Weitsicht werde ich mir auch angewöhnen...
Dann kam mir ein Stück weiter ein... im Verhältnis muss man wohl "junge Frau" sagen, war schätzungsweise so alt wie ich, aber ich komme mir auch komisch vor, wenn jemand in meinem Alter mich "junger Mann" nennen würde... naja, die kam mir jedenfalls entgegen, warf mir einen Blick zu, starrte dann kurz zum Himmel als hätte sie eben erst gemerkt, dass Schnee fällt (unter den Schichten aus Jacken, Schals und Mütze könnte das auch tatsächlich der Fall gewesen sein...), und lächelte freundlich, was an diesem Tag in meiner Gegenwart noch kein anderer Mensch, dem ich auf der Straße (oder am Bahnsteig...grrrrr!) begegnet bin, geschafft hatte.
Von da an (und die Tatsache dass sich die späte Arbeit in der SAE noch sehr gelohnt hat verstärkte das logischerweise, auch wenn ich danach das Gefühl hatte, mein Hirn wäre Pulverschnee)... jedenfalls: von da an wurde meine Laune dann doch besser, und heute fühlt sich das Wochenende (was ja eigentlich auch erst heute beginnt) schon wieder wesentlich näher und realer an.
Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht rückblickend sagen würde, dass sich der ganze Scheiß gestern doch gelohnt hat um zu erkennen, dass drei vollkommen unbekannte Menschen mit Pippi-Langstrumpf-Klingelton, unfassbarer Weitsicht oder einem Lächeln manchmal die Eckpfeiler des eigenen Universums sein können. Und da merkt sogar der Zynismus: Menschen sind schon eine ganz gute Erfindung gewesen (solange sie nicht in Gruppen oder Interessenverbänden auftreten, dann wird's... ach egal...).
Ein schönes und verschneites Wochenende wünsche ich,
sjÁlfur
Vor zwei Tagen hatte ich einen Unfall. Es war glatt auf den Straßen, ich fuhr langsam an eine Ampel ran, bremste, und rutschte mit schätzungsweise zwei Milimetern pro Stunde gegen das Auto vor mir. Sachlich gesehen sag ich mir: was soll's... war schweineglatt, hätte vermutlich jedem passieren können, der Sachschaden hält sich in Grenzen, und die Fahrschülerin, die im Wagen vor mir gerade ihre Prüfung hatte (daher auch kein Schild "Fahrschule", und ich fragte mich schon, warum die so zögerlich fuhr...), hat bestanden.
Aber sowas ärgert mich. Es geht gar nicht darum, wie es passiert ist, sondern nur DASS es passiert ist... naja, WIE ist schon wichtig, wäre ich mit 180 von einer Autobahnbrücke gebrezelt, würde ich mich vermutlich heldenhafter fühlen... und irgendwie schwerelos, nehme ich an...
Aber gut, bevor ich dann gestern zur SAE losgefahren bin, rief der Typ von der Fahrschule an und wir haben das mit der Versicherung usw. geklärt, damit ist die Sache eigentlich großenteils gegessen. Allerdings war gestern nicht irgendein Tag, sondern ein verdammt beschissener Tag. Ich hatte aus anderen Gründen (über die ich mir geschworen habe auf diesem Blog nicht zu schreiben) zeitlichen Verzug, was mein Endprojekt anging, war sowieso schon spät dran, dann rief der Mensch von der Fahrschule an und ich musste mich beeilen, um zumindest nur eine S-Bahn zu spät zu kommen (den Gedanken mit dem Auto zu fahren habe ich in meiner gestrigen Laune aus guten gründen gleich wieder verworfen...). Ich lief los und schaffte es tatsächlich noch zur U-Bahn [Friedenheimer Straße in München, für die Ortskundigen]. Am Stachus stieg ich dann auf die S6 Richtung Kreuzstraße um. Dachte ich... Dummerweise hatte die U-Bahn Verspätung und die S6 fuhr mir direkt vor der Nase weg.
Dazu ein kleiner Einschub: Ich weiß nciht, ob das in allen Städten gängige Praxis ist, aber in München warten S-Bahnfahrer gerne noch mit dem Abfahren, solange, dass man noch ein paar Mal erfolglos versuchen kann die Tür zu öffnen. Dann fahren sie weg, unbeherrschte Menschen treten gegen die S-Bahntüren, ich blieb nur mit einem zynischen Grinsen zurück.
Ich nahm die nächste S-Bahn Richtung Ostbahnhof, weil dort die S6 die fahrtrichtung ändert und gerne nochmal etwas länger steht. Auf dem Weg standen mir gegenüber zwei Herren von der Bahnwache, die sich laut darüber unterhielten, dass es ja unmöglich sei, wieviele Leute das Kartenabstempeln vergessen. Ihr Problem war, dass sie mich dabei die ganze Zeit ansahen. Ich warf einen genervten Blick aus dem Fenster, was die beiden dazu veranlasste, sich an jeder Haltestelle so an die Tür zu stellen, dass ich nicht schnell hätte rauslaufen können. Am Ostbahnhof hatte ich es eilig, also entschloss ich mich zur Offensive. Ich holte meine Fahrkarte hervor, hielt sie einem der beiden unter die Nase und öffnete direkt am Ostbahnhof die Tür, hörte nur noch ein "Nee, wir wollte ja gar nicht..."
Klar.
Logisch.
Am Ostbahnhof rannte ich die Treppen vom Bahnsteig runter und die zum nächsten hoch und - OH WUNDER! - die S6 stand dort noch. Ich lief zur Tür und drückte den Türöffner.
Nichts geschah.
Ich drückte nochmal.
Wieder nichts.
"Ihr wollt mich doch alle verarschen ihr dummen Penner..." muss ich wohl etwas zu laut gedacht haben, denn ein weiterer Typ von der Bahnwache (die waren gestern überall), sah mich nicht gerade freundlich an. Allerdings, während die S6 langsam Zentimeter vor meinen geballten Fäusten abfuhr, war mein Blick zurück wohl scheinbar überzeugend, der Typ sah weg.
Ich stapfte durch das wilde Schneetreiben den Bahnsteig entlang. Zwanzig weitere Minuten warten... okay, vielleicht würde das meine Laune ja etwas runterkühlen... Ich hatte für mein Endprojekt die Digitalkamera dabei und dachte, ich könne mir mit ein paar Aufnahmen vom Schneegestöber die Zeit vertreiben. Nach kurzer Zeit allerdings klopfte es an die Glasscheibe der Bahnsteigssprecherkabine und eine Bahnangestellte (ich erspare mir Adjektive, gibt's hier 'ne Wortsperre?) wies mich zuvorkommend und völlig unfreundlich darauf hin, dass man hier nicht fotografieren darf.
"Das ist Gesetz von Deutscher Bahn, das hat man zu respektieren!"
"Jo, ist ja okay, wusste ich nicht..."
"Stecken Sie bitte die Kamera weg!"
"Wie, ich darf noch nichtmal eine Kamera in meiner Hand halten?"
"Genehmigung sonst rufe ich Bahnwache!"
"Och nee lass ma', die kann ich heute nun echt nicht mehr gebrauchen..."
Ich habe die Kamera dann weggesteckt und auf die S6 gewartet, Hauptsache endlich zum Unterricht und jegliche anderen Gedanken abtöten! Ich stand also schließlich endlich in einer S6 und bemerkte, wieviele Leute mich komisch ansahen. Das hat dann gereicht, ich wusste ja schon vorher, dass ich in manchen Momenten pauschal alle Menschen hassen kann, aber in dem Moment wusste ich, dass mich jeder Idiot in diesem Zug ansah und genau wusste, dass ich einen verdammt schlechten Tag gehabt habe. Und ich konnte fast sehen, wie alle darüber lachten...
(Im Nachhinein weiß ich natürlich, dass niemand mich im Speziellen angesehen hat, auch trägt die Menschheit nicht Schuld an meinem schlechten Tag, aber in solchen Momenten überrennt mich dann die Paranoia doch ein wenig...)
Und dann wendete sich der Tag. Es war nur ein kleines Detail. Ein Mann saß in ordentlichem Anzug und mit glänzender Krawatte in meinem Sichtfeld. Ein Geschäftsmann wie viele andere auch, allerdings hatte dieser eine eher in der Alternative-Szene anzusiedelnde Frisur und auf der Krawatte war Mickey Mouse. Immerhin hatte er eine Süddeutsche in der Hand, und wie man sehen konnte, war es der Wirtschaftsteil. Als er die Zeitung aber mal senkte, sah man, dass er nicht etwa den Wirtschaftsteil, sondern das Kreuzworträtsel las. Außerdem klingelte kurz darauf sein Handy, und sein Klingelton war das Lied von Pippi Langstrumpf! Ich bin ja eher gegen Handygeklingel und vor allem gegen wie auch immer geartete Klingeltöne, aber das Lied... Wie geil. Wenn ich mal ein Handy habe, will ich übrigens das Lied von Schlupp vom Grünen Stern als Klingelton (und den Hilferuf "Meschirrr!" in der Sprache der Männer vom grünen Planeten "Balda Sieben Strich Drei" als SMS-Benachrichtigung).
Interessant auch, dass der irgendwie im gesamtbild inkohärente Mensch dann hinter vorgehaltener Zeitung ein scheinbar vertrauliches Gespräch begann... tolles Bild. (Kann jemand außer mir drüber lachen???)
Etwas später ging ich dann auf dem Weg von der S-Bahn-Station zur SAE durchs dichte Schneegestöber, meine Laune war ein wenig besser, denn mittlerweile hatte ich das Lied von Pippi Langstrumpf als Ohrwurm auf Dauerloop im Kopf. Da ich persönlich eine Aversion gegen Winterjacken habe, und ich daher nur eine schwarze Strickjacke trug, verfing sich der Schnee besonders gut an mir, weshalb ich wohl ausgesehen haben muss, als käme ich gerade aus dem tiefverschneiten Wald. Während alle Menschen auf dem Weg zur S-Bahn in ungemütlicher Hektik an mir vorbeistürmten gab es aber zwei weitere, humanoide Lichtblicke:
Zuerst war da ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre, mit viel zu großem Rucksack, dass sich mindestens drei Meter vor mir an einer durch den schnee eher engen Stelle des Gehwegs an die Seite stellte und mir mit gönnerhafter und absolut gentlemanliker Geste verkündete: "Du darfst vor mir durch weil du längere Beine hast."
Ich war zutiefst beeindruckt, soviel Weitsicht werde ich mir auch angewöhnen...
Dann kam mir ein Stück weiter ein... im Verhältnis muss man wohl "junge Frau" sagen, war schätzungsweise so alt wie ich, aber ich komme mir auch komisch vor, wenn jemand in meinem Alter mich "junger Mann" nennen würde... naja, die kam mir jedenfalls entgegen, warf mir einen Blick zu, starrte dann kurz zum Himmel als hätte sie eben erst gemerkt, dass Schnee fällt (unter den Schichten aus Jacken, Schals und Mütze könnte das auch tatsächlich der Fall gewesen sein...), und lächelte freundlich, was an diesem Tag in meiner Gegenwart noch kein anderer Mensch, dem ich auf der Straße (oder am Bahnsteig...grrrrr!) begegnet bin, geschafft hatte.
Von da an (und die Tatsache dass sich die späte Arbeit in der SAE noch sehr gelohnt hat verstärkte das logischerweise, auch wenn ich danach das Gefühl hatte, mein Hirn wäre Pulverschnee)... jedenfalls: von da an wurde meine Laune dann doch besser, und heute fühlt sich das Wochenende (was ja eigentlich auch erst heute beginnt) schon wieder wesentlich näher und realer an.
Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht rückblickend sagen würde, dass sich der ganze Scheiß gestern doch gelohnt hat um zu erkennen, dass drei vollkommen unbekannte Menschen mit Pippi-Langstrumpf-Klingelton, unfassbarer Weitsicht oder einem Lächeln manchmal die Eckpfeiler des eigenen Universums sein können. Und da merkt sogar der Zynismus: Menschen sind schon eine ganz gute Erfindung gewesen (solange sie nicht in Gruppen oder Interessenverbänden auftreten, dann wird's... ach egal...).
Ein schönes und verschneites Wochenende wünsche ich,
sjÁlfur



Also eigentlich ist es auch nur einer: Ich will mehr Symbolsofa Geschichten!! Büüüütte....
(Deine Umfragen liefen auch irgendwie schon mal besser, was?)