HeadSpeakerBox

03.11.2006 um 08:22 Uhr

Einjahrskerze

von: sjAlfur   Kategorie: 2046

Wie ich im letzten Eintrag schon geschrieben habe, hatte ich einst vor vielen Jahren eine Kerze. Diese Kerze lag auf meinem Nikolausteller (sowas wie Nikolausstiefel, nur dass man davon essen kann). Ich war eines der Kinder, die Kerzen, Schokoladenfiguren, etc. immer ewig aufbewahrten, wenn sie irgendwie die erkennbare Form eines lebenden Wesens hatten. Ein Schokoladennikolaus hat ja immerhin eine Seele! (Heute ist das natürlich ganz anders... AiHua, pssst!)

Und diese Kerze war auch sehr seelenvoll, sogar so seelenvoll, dass sie Ostern immer noch auf unserem Wohnzimmertisch stehen musste. Dann kam mein Vater auf die lustige Idee, man könne die ja zu Ostern anzünden und nicht erst zum nächsten Weihnachten, damit ich mich langsam dran gewöhne, dass jede Kerze ihre Zeit hat.

Ich war dagegen. Vor dem nächsten Essen holte ich also die Kerze von ihrem angestammten Platz und wollte sie in meinem Zimmer verstecken. Dumm nur, dass gerade da Schritte zu hören waren. Wohin also mit der Kerze? Ich sah mich um und erblickte das beste Versteck der Welt: die Tonvase auf unserem Ofen. Es war immerhin um Ostern herum und der Ofen war nicht mehr an...

Machen wir nun einen zeitlichen Schnitt...

Es ist kurz vor Weihnachten, meine Mutter ist im Wohnzimmer-Putzwahn und ich räume mein eigenes Zimmer auf, indem ich mit meinem Bruder im Flur Fußball spiele. Plötzlich höre ich, dass meine Mutter mich mit einer Mischung aus Belustigung und Bedauern ruft. Sie hatte die Vase vom Ofen genommen und wollte sie abstauben. Und da drin war noch die Kerze! Und der Ofen war an. Schon seit Wochen.

Ich hatte die Kerze umgebracht!!! Ich wollte sie retten, aber habe sie nur in den sicheren Untergang geführt! Allerdings... ich hatte mittlerweile meine Osterhasenkerze auf dem Weihnachtsdeckchen auf meiner Fensterbank stehen. Außerdem waren wir gerade beim Fußballspielen Aufräumen...

Ruhe in Frieden, Seelendocht!


sjÁlfur

01.11.2006 um 19:00 Uhr

there's a cockroach in my coffee...

von: sjAlfur   Kategorie: 2046

AiHua hat es hier bereits gesagt, es gibt ein besonderes Band zwischen mir und Marienkäfern, ein vor langer Zeit gefasster Schulterschluss, und da To01 vor kurzem auf dieses Thema gekommen ist und die geheimen Überwinterungstaktiken von Marienkäfern offenbar nicht kennt... also:

Es begab sich eines Nachmittags im Herbst. Mein Bruder und ich standen auf dem Stoppelfeld hinter unserem Haus und suchten nach einer sinnvollen Tätigkeit, als ein Marienkäfer vorbeikam. Der Käfer setzte sich auf einen Stein in unserer Nähe und erinnerte uns an etwas, das wir am Vormittag im Fernsehen gesehen hatten. Man muss dazu sagen, dass wir als Kinder selten ferngesehen haben, so dass die wenigen Dinge umso eindrücklicher waren. Es muss entweder die Sendung mit der Maus oder Löwenzahn gewesen sein, ich tippe (des anarchistischen Grundgedankens wegen auf zweiteres). Dort hatten wir gelernt, warum Marienkäfer in den kalten Monaten des Jahres im Haus hinter Vorhängen und Schränken zu finden sind. Diese Frage hatte uns schon lange interessiert. Die Antwort war, dass die Käfer so im Warmen überwintern und im nächsten Frühjahr (beim Frühjahrsputz...) wieder nach draußen fliegen.

Wir sahen also zu dem gerade gelandeten Marienkäfer und sofort war klar, dass keiner von uns beiden Schuld am Erfrieren dieses Käfers haben wollte. Also holten wir die Marmeladengläser mit den Atemlöcher-Deckeln aus unserem Zimmer und sammelten den ganzen Nachmittag Marienkäfer. Warum? Na um sie im Wohnzimmer hinter den Vorhängen zu verstecken. Allerdings wohnten wir nicht in einem Bauwagen und meine Mutter sah Peter Lustig auch nicht im geringsten ähnlich...

Und noch etwas haben wir an diesem Tag gelernt: Hinter Vorhängen verstecken ist nicht besonders klug. Nichtmal für kleine Marienkäfer.


sjÁlfur

 

PS: Und nächste Woche dann: Wie ich meine Lieblingsweihnachtsmannkerze vor'm Anzünden retten wollte und sie deshalb in der Tonvase auf unserem Ofen versteckte... Außerdem: Wie wir einen echten Dinosaurier aus dem Hang hinter unserem Haus ausgruben. Dranbleiben!

27.10.2006 um 02:54 Uhr

your life... your bitterness

von: sjAlfur   Kategorie: 2046

no don't go
there are still dreams and bridges to burn

["dreams and bridges" - aereogramme]

und doch nochmal ein eintrag. ich bin in gedanken weit weg von hier. zu hause. tief eingegraben in meiner eigenen geschichte. mit zittriger hand und tauben fingern und dünnen wollhandschuhen durch die seiten meines terminkalenders blättern. ein terminkalender ist eine einrichtung, die ich nie genutzt habe. zeitlos. geschichtslos. gesichtslos. fick dich!

manchmal wird es zeit, seine eigenen seiten neu zu beschreiben und barfuß in scherben zu treten, mit dem finger in der flamme zu verweilen und dem staub der flügelschlagenden motte zuzusehen. ich kann gemein sein, und wenn ich es will, dann kann ich das sehr gut. ich habe es lange nicht mehr gewollt, aber es wird zeit, aggressionen zu kanalisieren. es wird zeit mal wieder auszubrechen, saufen bis der schädel dröhnt und kotzen bis der arzt kommt, rauchen bis... okay, das habe ich in letzter zeit bereits zuviel, aber... ich will nur ein stück meiner eigenen geschichte, das nicht in den windungen meiner eigenen gedanken verläuft. ein stück geradlinigkeit.

vielleicht sollte ich doch fischer auf 'nem kutter werden. nur vorübergehend. die passende kleidung hab ich, kein thema. oder greenpeace-aktivist, dann komme ich vielleicht mal nach island. rettet die wale, andskottan!

und ich sagte es: kein klarer gedanke mehr in meinem kopf nur das hämmern von aereogrammes "unravelling". ich brauche mehr als nur urlaub.


bis irgendwann.

sjÁlfur 

02.10.2006 um 00:21 Uhr

the crying tree of mercury

von: sjAlfur   Kategorie: 2046

...this is the song i've been singing my whole life...

Es ist nicht das erste Mal, dass ich an mir selbst zweifel, und es ist auch nicht das erste mal, dass ich mich gnadenlos selbst überschätze. Ich sitze dort unter dem Baum im strömenden Regen und hadere mit den Dingen, mit denen man als 16jähriger gerne mal so hadert... (an dieser Stelle darf sich jeder gerne seine eigenen typischen Probleme der Jugendzeit denken, die für den Moment groß, verheerend und wichtig erscheinen und heute kaum mehr als eine Randnotiz sind).

Eine Randnotiz - nein, nichtmal mehr das - ist auch eine Person, die zu einer anderen Zeit wichtig schien... verheerend war sie auf jeden Fall. Aber wie alles, was uns für eine gewisse Zeit in Atem hält: Es wird unbedeutend, gerät in Vergessenheit. Doch jede Randnotiz, jede Fußnote im Lebenslauf taucht hin und wieder beim durchblättern der Vergangenheit wieder auf.

Und so gehe ich in Gedanken durch die Gallerie verwitterter Steckbriefe in den Straßenschluchten von 2046. Und irgendwo zwischen den Postern vergessener Helden hängt dein Bild. Ich habe nicht gewollt, dass du so endest, ich habe stets den Weg durch die Viertel dieser Stadt genommen, doch offene Türen findet man nur dort, wo man sie einrennt. Und ich bin nicht sehr aufdringlich. Im Moment des fortschreitenden Abends ziehe ich eine einsame Nacht vor...

...these are the tears i've been crying my whole life...


Chowlfur

21.09.2006 um 00:00 Uhr

Viva la revolución!

von: sjAlfur   Kategorie: 2046


speed kills but beauty lives forever

Wir waren noch nicht sehr alt, als wir in einer der wenigen Straßen, die man in unserer Stadt als "Gasse" bezeichnen konnte, auf dem Borstein saßen und Alkohol atmeten. Wir waren high und irgendwo in unseren eigenen Welten, weit weg von der ausgebleichten minimal-Schrift über uns. Die Sowjets warteten hinter der nächsten Ecke, bewaffnet mit der Taschenausgabe der UN-Menschenrechte (powered by amnesty international) zogen wir los. Ich rollte auf meinem Fahrrad langsam neben ihm her. Er hasste Fahrräder... aus gutem Grund. Manchmal kann man nicht mehr an Zufälle glauben. Ich atmete Kälte und klare Luft zwischen den Häusern wie Ruinen, dort wo der alte Schulhof lag. Er zog seinen Intifada-Schal höher ins Gesicht und versuchte mit meinem gedankenlos schnell rollenden Fahrrad schritt zu halten.

and when i ride with you tonight
we will move at the speed of light

Ich bremste das Rad ein und hörte die Panzer gegen den Wind. Die schweren Ketten auf den Straßen unserer Kindheit, die grauen Stahlkörper wälzten sich in wildem Trieb durch die Ruinen, kalt, geschundener Beton und rote, fünfzackige Sterne überall dort, wo die Wunden der Gebäude bluteten. Mit Industrial im Kopf und brennenden Menschen vor Augen teilten sich unsere Sichtweisen über Baader-Meinhoff und den Weg des wahren Widerstands. Signalrot, die Ampel sprang um und aus dem nicht selten ignorierten Wahrzeichen grüßte Ernesto die schattenhaften Rebellen im Dschungel der Ruinen zwischen Moskau und Havanna. Wir wussten, wir waren auf dem richtigen Weg, denn der richtige Weg wear der, den wir gingen auf dem Weg zum Ziel.

with all i've asked and all i've prayed
the last rose of summer will stay

Das Ziel ist noch immer viel zu weit entfernt. Die Kriegsgefährten sind versprengt, gefangen von der Erkenntnis des Erwachsenwerdens, verbittert von der Unwirksamkeit der Drogen, desillusioniert und gleichzeitig auf eigenben Wegen unterwegs. RAF steht eben doch für die Royal Air Force, und Che haben sie mit offenen Augen begraben. Er sieht die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Wir wollen es nicht glauben, wollten es nie glauben, und doch ist es fast aussichtslos zu übersehen. Schlag die Zeitungen auf, hör die Menschen reden, zünde Verlagshäuser an und versenke das Opium des Volkes.

forever young
forever blind
the last rose of summer is gone...

Was wir waren ist was wir sind ist was wir sein werden ist was wir waren... seit jeher und für immer. Und losgelöst von aller Symbolik aber behaftet mit all seinen Idealen prangt der Rote Stern weiter auf unserer Brust. Denn der Krieger erwacht, er wurde über Nacht zum Krieger gemacht...


sjÁlfur

10.09.2006 um 12:25 Uhr

Sadeness Widescreen (Warning: no valid output decive found!)

von: sjAlfur   Kategorie: 2046

Erinnerungen sind eine schwierige Sache für mich. Schon immer gewesen. Einerseits brauche ich meine Erinnerungen und nutze sie auch nicht selten, andererseits bin ich fast immer froh, dass es Erinnerungen sind und nicht die Gegenwart. Das liegt nicht daran, dass die Erinnerungen an sich schlecht wären, meistens bleibt mir zuerst das Gute in Erinnerung, aber wenn ich daran zurück denke, wie ich damals war und wie ich heute bin... nee, dann lieber heute.

Dann kommt aber noch hinzu, dass ich mich nur sehr extrem auszugsweise erinnere. Meine frühesten Erinnerungen habe ich nicht aus einer Zeit als ich drei oder vier war, die ersten, die ich ziemlich sicher als Erinnerungen einordnen kann sind aus meiner Grundschulzeit. Und auch da sind es nur immer sehr spezielle Auszüge aus meinem Leben, die ich dafür dann umso detailierter im Kopf habe. Manchmal frage ich mich, ob mein Bewusstsein eine Art Filter im Kopf hat...

Zudem kommt, dass ich mich gerade aus meiner Grundschukzeit an viele Dinge nur erinnere, weil sie den Moment betrafen, an dem mein... Bewusstsein aussetzte. Ich kannmich an eine Handvoll völlig unwichtiger Momente erinenrn, die sich nur dadurch auszahlten, dass mein Kreislauf einbrach und mein Kopf in Watte versank. Alles danach wirkt wie aus einer schlechten Kinderbucherzählung, und ich weiß nicht, ob ich mir die Dinge, die dann in den Erinnerungen auftauchen, schon damals nur eingebildet habe.

Man stelle sich meinen Kopf als eine Art defekte Festplatte vor. Eigentlich arbeitet sie ganz gut (behaupte ich mal... Bescheidenheit ist eh scheiße), aber manchmal hat sie schwere Ausnahmefehler. Und um noch weiter zu gehen, ich glaube, es sind einige Boot-Sektoren nachträglich geändert worden. Irgendwie sind die Sektorgrenzen nciht da, wo sie sein sollten. Das führt zu gelegentlichen Wahrnehmungsverschiebungen. Oder zumindest zu dem Gefühl, dass es so wäre...

Ich frage mich jetzt, ob ich nicht mal ein Backup machen kann, einfach mal die Erinnerungen rausbrennen und in mein Archiv 2046 versetzen. Und dann defragmentieren. Das ist wichtig. Scandisk wäre auch cool, wird aber vemrutlich unterwegs abschmieren. Vermutlich mag meine Grafikkarte meinen Chipsatz nicht. Im PC jetzt.

Mein Bruder hat auch eine defekte Festplatte, seit Jahren schon. Im PC jetzt, ne?

Zurück zu HD REC C:sjalfurmemory... Ich habe da eine Theorie, was Denkkapazitäten angeht. Ich glaube, mein Kopf macht das ganz geschickt. Wie ein Sampler: Nur über RAM. Hin und wieder resettet sich mein System, damit der Arbeitsspeicher frei wird und größere Denkaufgaben erledigen kann (z.B. die Frage: "Was soll es heute zu essen geben..." - "doh..."). Dummerweise werden dabei alle in dem Moment nicht gespeicherten Presets gelöscht. Und die können wichtig sein.

So muss es sein. Also sollte ich eine Sicherungskopie machen, bevor sich mein System mal wieder runterfährt. Also die HeadSpeakerBox an den backupfähigen Massenspeicher (2046 TB!) angeschlossen und Datentransfer angeleiert. god i'm tired... outside my view... farewell and goodnight... the aeroplane flies high...

Warning! Invalid Header found! File corrupted!


Chowlfur




PS: Das ist natürlich nur eine Kategorienbeschreibung, keine Bedienungsanleitung für bewusstseinserweiternde Drogen, intellektuellen Cybersex, intrauterinäre Terroranschläge oder was sonst noch von Interesse sein könnten...
An dieser Stelle einen herzlichen Gruß an den BND. Glückwunsch zum umfangreichen Datenarsenal, das euch nun offensteht. Das muss für euch sein wie im Kinderland von IKEA. Ganz viele bnunte Belle am Ende der Plastikrutsche, aber den goldenen Ball unter all dem Plastikscheiß, den findet ihr durch Reizüberflutung nicht. Willkommen auf der Seite eines Plastikballs und viel Glück beim Beschützen der Menschheit vor sich selbst...

09.09.2006 um 15:30 Uhr

Chow

von: sjAlfur   Kategorie: 2046

Wir befinden uns im Mittelpunkt! Habt ihr das schon bemerkt? Wenn 2046 der Ort der Erinnerungen ist, und 1966 der Ort der Vergangenheit, dann sind wir jetzt 2006 auf halber Strecke zwischen Zukunft und Erinnerung.Das dürfte ziemlich genau die Gegenwart sein. 2046, in vierzig Jahren, werde ich... alt... sein. Wenn dann erst die Erinnerungen kommen, ist das ganz okay. Denke ich.

Chowlfur