we need hints before we get tired
Abseits der ganzen Blogigo-Verkauf-ich-zieh-um-Geschichten mal wieder
ein anderer Beitrag. Ich habe letztens mal meinen Block (ja, mit
'ck'... so ein Ding mit karierten Blättern) durchgeblättert und bin auf
ein paar Seiten handschriftlicher Geschichte gestoßen, die ich wohl
irgendwann im letzten Sommer geschrieben habe. Ich war - treue Leser
mögen sich erinnern - zu der Zeit ziemlich im Bann von "2046", und das
nicht (nur) wegen Zhang Ziyi. Das merkt man der Geschichte an. Ich habe
keine Ahnung, ob diese Geschichte wert ist, veröffentlicht zu werden,
aber - hey! Mein Blog, ich kann glücklicherweise hochladen, was mir in
den Sinn kommt. Die Geschichte eignet sich ziemlich gut für eher kurze
Textpassagen, die auch der Fast-Food-Leser noch ganz gut aufnehmen
kann. Wer dazu was zu sagen hat, für Kritik bin ich natürlich immer
offen, wer damit gar nichts anfangen kann, überblättert die Einträge
einfach.
Nochmal auf "2046" zurück: Ein Satz in dem Film lautete "In meiner Jugend liebte ich ein Mädchen..." Mit dem Satz fängt auch die Geschichte an. Das ist für mich insofern wichtig, weil ich diesen Satz ansonsten nie so geschrieben hätte. Ansonsten sollte die geschichte aber keinerlei größere Parallelen aufweisen.
Zur Erläuterung sei noch gesagt, dass alles rein fiktiv ist, trotz zeitweiliger Ich-Erzählung ist der Protagonist nicht ich. Ich habe zwar kleinere Begebenheiten aus meinem Leben mit einfließen lassen, aber das sind mehr Randnotizen.
Okay, noch eine letzte Anmerkung vorweg: Als ich die Geschichte wiedergefunden habe, hörte ich gerade die "Veneer" von José González und fand, dass die Musik ganz gut dazu passte, vor allem das Lied "Hints". Da die Geschichte bislang noch keinen Titel hatte, habe ich erstmal den genommen.
In meiner Jugend liebte ich ein Mädchen. Ich lernte sie kennen, da war ich elf Jahre alt. Sie war ein Jahr jünger, ging auf dieselbe Schule wie ich und war beliebt. Im Gegensatz zu mir. Ich hatte schlechte Noten, schlechte Eltern und kaschierte meine Schüchternehit mit Arroganz.
Mein Vater arbeitete als Pfleger im Altenheim. Er gehörte zu jenen Personen, die ein Alter über siebzig Jahren für höchst unanständig hielten. Er sprach schlecht von den Bewohnern des Altenheims, nannte sie "Sozialschmarotzer" oder "debilen Kompost". An schlimmen Tagen sprach er von "Altlasten aus der Nazi-Zeit". Er hatte sich früh mit seinen Eltern überworfen, die eine Fabrik in Nürnberg hatten während des Krieges. Er hatte ihnen seit seiner Jugend immer wieder alle möglichen Verbrechen des Krieges vorgeworfen, hatte ihre Fabrik ein KZ genannt und seinen Vater "Judenschinder". Er selbst rannte sein Leben lang im Army-Parka rum und erzählte jedem, ob er ihn nach seiner Meinung gefragt hatte oder nicht, dass alle Soldaten Mörder seien. Er kannte auch ansonsten alle Parolen der kleinen Antifa-Bibel. Ich hatte ihm eines Tages bei einer unserer zahlreichen Streitereien alle Verbrechen der R.A.F., die er heimlich als Freiheitskämpfer verehrte, vorgeworfen. Ich war nicht besser als mein Vater.
Meine Mutter arbeitete bei der Kirche, irgendein Hilfsjob, glaube ich, ich habe mich nie dafür interessiert, und sie sprach nie davon, schon gar nicht in der Gegenwart meines Vaters, der der Kirche noch immer die Kreuzzüge übel nahm und eines Tages zur Taufe meiner Cousine mit Intifada-Schal im Gottesdienst auftauchte. Er hatte bis zu seinem Tod nicht verwunden, dass es niemanden interessierte.
Ich hörte einmal eine alte Frau im Supermarkt über meine Mutter sagen, dass sie ein herzensguter Mensch sei. Ich habe davon wenig erfahren dürfen. Sie schämte sich für meine schlechten Leistungen in der Schule und im Sportverein und auch für ihren Mann, auch wenn sie es nie so deutlich gesagt hatte.
Das Mädchen, das ich liebte, hieß Annalena, kein seltener Name, aber sie war etwas besonderes und nicht nur deshalb, weil ihr halber Freundeskreis auf sie stand. Ich gehörte zu ihrem Freundeskreis, auch wenn ich nie wirklich verstand warum. Ich kam mit ihr sehr gut aus, konnte mit ihr reden, mich mit ihr treffen. Doch Hoffnungen machte ich mir nie. Zumindest keine ehrlichen. Ich konnte mit ihr über ihre Beziehungen sprechen, über ihre Freunde, die kamen und gingen, doch selber kam und ging ich nie. Ich blieb immer dort auf der Stelle...
sjÁlfur
Nochmal auf "2046" zurück: Ein Satz in dem Film lautete "In meiner Jugend liebte ich ein Mädchen..." Mit dem Satz fängt auch die Geschichte an. Das ist für mich insofern wichtig, weil ich diesen Satz ansonsten nie so geschrieben hätte. Ansonsten sollte die geschichte aber keinerlei größere Parallelen aufweisen.
Zur Erläuterung sei noch gesagt, dass alles rein fiktiv ist, trotz zeitweiliger Ich-Erzählung ist der Protagonist nicht ich. Ich habe zwar kleinere Begebenheiten aus meinem Leben mit einfließen lassen, aber das sind mehr Randnotizen.
Okay, noch eine letzte Anmerkung vorweg: Als ich die Geschichte wiedergefunden habe, hörte ich gerade die "Veneer" von José González und fand, dass die Musik ganz gut dazu passte, vor allem das Lied "Hints". Da die Geschichte bislang noch keinen Titel hatte, habe ich erstmal den genommen.
Hints
while the crowd is waiting for the final kiss
the one which allows them to sleep well
we'll walk along our own path
the one which will lead us to our own bless
but we need hints before we get tired
we need speed before we lose pace
we need a hint to know we're on the right track
while the crowd is waiting for the final kiss
the one which allows them to sleep well
we'll walk along our own path
the one which will lead us to our own bless
but we need hints before we get tired
we need speed before we lose pace
we need a hint to know we're on the right track
In meiner Jugend liebte ich ein Mädchen. Ich lernte sie kennen, da war ich elf Jahre alt. Sie war ein Jahr jünger, ging auf dieselbe Schule wie ich und war beliebt. Im Gegensatz zu mir. Ich hatte schlechte Noten, schlechte Eltern und kaschierte meine Schüchternehit mit Arroganz.
Mein Vater arbeitete als Pfleger im Altenheim. Er gehörte zu jenen Personen, die ein Alter über siebzig Jahren für höchst unanständig hielten. Er sprach schlecht von den Bewohnern des Altenheims, nannte sie "Sozialschmarotzer" oder "debilen Kompost". An schlimmen Tagen sprach er von "Altlasten aus der Nazi-Zeit". Er hatte sich früh mit seinen Eltern überworfen, die eine Fabrik in Nürnberg hatten während des Krieges. Er hatte ihnen seit seiner Jugend immer wieder alle möglichen Verbrechen des Krieges vorgeworfen, hatte ihre Fabrik ein KZ genannt und seinen Vater "Judenschinder". Er selbst rannte sein Leben lang im Army-Parka rum und erzählte jedem, ob er ihn nach seiner Meinung gefragt hatte oder nicht, dass alle Soldaten Mörder seien. Er kannte auch ansonsten alle Parolen der kleinen Antifa-Bibel. Ich hatte ihm eines Tages bei einer unserer zahlreichen Streitereien alle Verbrechen der R.A.F., die er heimlich als Freiheitskämpfer verehrte, vorgeworfen. Ich war nicht besser als mein Vater.
Meine Mutter arbeitete bei der Kirche, irgendein Hilfsjob, glaube ich, ich habe mich nie dafür interessiert, und sie sprach nie davon, schon gar nicht in der Gegenwart meines Vaters, der der Kirche noch immer die Kreuzzüge übel nahm und eines Tages zur Taufe meiner Cousine mit Intifada-Schal im Gottesdienst auftauchte. Er hatte bis zu seinem Tod nicht verwunden, dass es niemanden interessierte.
Ich hörte einmal eine alte Frau im Supermarkt über meine Mutter sagen, dass sie ein herzensguter Mensch sei. Ich habe davon wenig erfahren dürfen. Sie schämte sich für meine schlechten Leistungen in der Schule und im Sportverein und auch für ihren Mann, auch wenn sie es nie so deutlich gesagt hatte.
Das Mädchen, das ich liebte, hieß Annalena, kein seltener Name, aber sie war etwas besonderes und nicht nur deshalb, weil ihr halber Freundeskreis auf sie stand. Ich gehörte zu ihrem Freundeskreis, auch wenn ich nie wirklich verstand warum. Ich kam mit ihr sehr gut aus, konnte mit ihr reden, mich mit ihr treffen. Doch Hoffnungen machte ich mir nie. Zumindest keine ehrlichen. Ich konnte mit ihr über ihre Beziehungen sprechen, über ihre Freunde, die kamen und gingen, doch selber kam und ging ich nie. Ich blieb immer dort auf der Stelle...
sjÁlfur


