Jakobsweg_ohne_Geld

08.06.2006 um 13:54 Uhr

2. bis 8. Juni. Überdosis Großstadt, Teil 2

Musik: Hannes Wader „Ich bin auf meinem Weg nach Süden“.

So, nach kurzer Pause, Teil zwei meiner Großstadterlebnisse. Hab noch ein paar Sachen vergessen von den ersten beiden Tagen, aber nichts wirklich Wichtiges. Komisch war der Freitag übrigens: Nachdem ich davor tagelang permanent draußen war, war ich an dem Tag nicht ein einziges Mal vor der Haustüre. Prompt konnte ich dann nicht richtig schlafen. Neben der Arbeit habe ich natürlich Zeit, die Stadt anzuschauen. Hélène und Jean-Michel machen den Fremdenführer, und das ist natürlich toll, wenn man Insider dabei hat, die einem alles erklären und Geschichten erzählen. Und natürlich fangen sie mit dem alten Witz an, den jeder hier kennt. Der Schriftsteller Daudet (keine Ahnung, wer das war) soll gesagt haben: "Kinder schließt die Augen, gleich nach dem Tunnel kommt ... Lyon!" Anscheinend war die Stadt früher nicht gerade schön. Finde ich heute noch so. Nicht für die Menschen gebaut, dafür für den Verkehr. Aber: Eine Menge interessanter Menschen kommen aus Lyon. Antoine de Saint-Exupéry zum Beispiel, den ich sehr gerne lese. (Und nicht nur seinen „kleinen Prinzen“, seine Beschreibung der Wüste in „Wind, Sand und Sterne“ ist einmalig). Oder den Dichter und (hingerichteten) Mörder Pierre-François Lacenaire, der i n“Kinder des Olymp“ unsterblich wurde. Oder Petrus Valdes, Kaufmann und Wanderprediger, der die Waldenser „gegründet (?)“ hat, die später von den päpstlichen Soldaten umgebracht wurden, weil sie sich zu sehr an die Bibel hielten. Nicht zu vergessen, Sidonius Apollinaris, der Erfinder des gleichnamigen Mineralwassers (noch so ein Witz, den keiner verstanden hat L. Den mit de Lyoner Wurst lasse ich dann daraufhin ganz weg). Insgesamt ne Menge Geschichten und Geschichte. Wobei mich die eigentlichen Hauptanziehungspunkte, die Kathedrale Saint-Jean, direkt unten am Fluss, oder die Basilika Notre-Dame de Fourvière nicht so beeindruckt haben. Aber: Ich gebe zu, dass es sicher toll ist, mal wieder in eine „richtige“ Stadt einzutauchen. Vor allem natürlich die Museen. Das waren so viel und Hélène und Jean-Michel haben die Gelegenheit genutzt, weil sie selbst einen Besuch auch immer verschoben haben. Kann man ja immer noch hingehen, liegt ja gleich um die Ecke, sagen sie sich selbst seit Jahren. Nachdem ich die Geschichte der Veranstaltung mit den alten Lumiere-Filmen (noch zwei Lyoner) erzählt habe, mussten wir natürlich unbedingt in das Museum zur Geschichte des Films. Zwei Ksuntmuseen standen dann noch auf dem Programm: das Musée d'Art Contemporain, das mir persönlich nun nicht so gefallen hat. Irgendwie trotz der Größe ein wenig einseitig. Dann das Musée des Beaux-Arts, das einen schön ganz schön erschlagen kann – allein durch seine Größe. Wir haben dann die Antike und die Holländer ausgelassen. Absolut sehenwert, aber nur für Leute, die gut zu Fuß sind und Zeit haben. Und schließlich noch Centre d'Histoire de la Résistance et de la Déportation, ein wahrhaft zwiespältiges Museum. Hélène und Jean-Michel es erstaunlich, dass ich mich damit so beschäftigen kann, ohne Schuldgefühle zu bekommen oder mich schlecht zu fühlen. Kurzes Protokoll der Diskussion im Café: „Klar fühle ich mich schlecht, aber Schuldgefühle ...“ „Warum?“ „Weil du Deutscher bist.“ „Ja, und?“ „Warum muss ich da Schuldgefühle haben. Das war 40 Jahre, bevor ich geboren wurde. Dann müsstest Du ja Schulgefühle haben wegen Napoleon.“ „Warum Napoleon?“ „Na ja, der war auch nichts anderes als ein Kriegstreiber und Massenmörder.“ Schweigen. Ok, das hören die Franzosen nicht gerne. Stimmt aber. Fertig. Ebenso wenig Begeisterung rief die Tatsache hervor, dass sich gerade Lyon im 2. Weltkrieg hervorgetan hat, die Forderungen der Deutschen nach Juden, die deportiert werden sollten zu erfüllen. Ich weiß leider die genauen Zahlen nicht mehr, aber irgendwann gab es mal die Auflage, dass die Franzosen die Summe x an Juden „liefern“ mussten, und sie haben ein paar hundert mehr gebracht. Das ging nicht anders, heißt es dann. Doch, erwidere ich, zum Beispiel in Dänemark. Die haben „ihre Juden“ in einer beispiellosen Aktion mit Schiffen nach Schweden und Norwegen in Sicherheit gebracht. Trotz des kontroversen Themas war die Stimmung nicht wirklich angespannt. Das ist gut. Das kann man von der Stimmung in Paris nicht sagen – da ging es schon wieder rund an Pfingsten. Die Meinungen darüber sind geteilt bei den Leuten. Komisch ist, dass sie es überhaupt nicht verstehen, dass da ein Zusammenhang ist, wenn sie andere gewalttätige Demonstrationen dulden oder gar gutheißen, dann öffnet das schon Tür und Tor, gerade bei den Jüngeren. So, jetzt muss ich mich beeilen. Also das Wichtigste nur ganz kurz noch. Hélène hat darauf bestanden, dass sie mir die Haare schneidet. Macht sie bei Jean-Michel auch immer. Also dann – trage ich jetzt wieder ganz kurz. Meine Klamotten sind alle gewaschen, inklusive Schlafsack. Ich habe meine Vorräte an Seife etc. aufgefüllt. Die Maschinen bei Pierre sind alle angeschlossen, und zwar vernünftig. Außerdem hat er eine Außenbeleuchtung und eine Alarmanlage. (Und ich habe 400 Euro J). Ich habe ein weiteres Unesco besucht und meine sechste Postkarte. Ich bin gut erholt und noch besserer Dinge. Und ich muss los, noch ein paar Dinge bei Pierre erledigen. Heute Abend sind wir alle bei ihm eingeladen zum Abendessen. Kasse: Euro 392

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Flumi schreibt am 08.06.2006 um 14:07 Uhr:Wow - klingt phantastisch! Gute Reise weiterhin!
  2. heiliger_jakob schreibt am 13.06.2006 um 16:26 Uhr:Danke, nachdem das Wetter schön ist und Deutschland gewonnen hat ...
  3. Flumi schreibt am 13.06.2006 um 16:54 Uhr:*g* Der ganze Fußballrummel geht mir ja sowas von.... - aber ich finde es faszinierend, dass man das vielleicht anders sieht, wenn man gerade im Ausland ist..... :-)

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