20. Juli, Vall de Boi
Musik: Rolling Stones, Street fighting man
Da war doch was an dem Tag. Jagger singt „Street fighting man“ zum Frühstück und wir beschließen, das Lied allen zu widmen, die sich gegen Gewalt, vor allem militärische, engagieren. Ansonsten sind wir früh unterwegs, auch aus Angst, dass uns doch die Parkaufsicht erwischen könnte. Der Weg nach Süden ist ziemlich steil und irgendwie habe ich das Gefühl, wir haben uns verlaufen. Der Weg stimmt in der Richtung nicht mir dem überein, was Jagger auf der Karte hat. Schließlich, als es gar zu sehr nach Osten geht, verlassen wir den Weg, gehen querfeldein, kommen auf einen anderen Weg, der und schließlich nach Südwesten führt, und endlich ins Vall de Boi. Ein tüchtiger Umweg, wie wir feststellen. Aber ein schöner. Mittagszeit. Alles wirkt verschlafen, und ich habe das Gefühl, dass das auch sonst nicht viel unruhiger werden wird. Dabei sind die Kirchen hier doch ein Unesco. Wo sind die Busse? Natürlich sind die Kirchen noch zu, und auch für die erste Bar müssen wir noch ein Stück laufen bis ins Dörfchen Boi. Ein großer Pott Kaffee und viele Fragen vom Wirt, der sich wundert, dass ein Jakobspilger hier vorbei kommt. Er hat meine Muschel sofort gesehen und erzählt, dass er den Weg selbst schon drei Mal gegangen ist. Nicht immer ganz, einmal von hier bis Burgos, einmal von Jaca aus ganz, einmal von Pamplona bis Sarria. Er klopft auf seinen weinfassähnlichen Bauch und meint, dass das gut ist für die Figur und dass er mal wieder loslaufen sollte. Ich kaufe bei ihm meine Postkarte und wir bekommen zwei belegte Brote. Zwar nicht billiger, aber dafür extra dick mit Wurst und Käse. Außerdem weiß er, welche der Kirchen gleich aufmacht. Und da sehen wir dann auch den ersten Bus. Holländer natürlich … Zum Glück gehen die meisten gar nicht in die Kirche, sondern direkt aus dem Bus in die Bar. Wir verdösen die heißen Stunden unter einem großen Baum, der Bus ist weg, es ist ruhig hier. Friedlich und die ganze Gegend strahlt etwas aus, das man nicht beschreiben kann. Wieder so ein Platz, der „etwas hat“. Ein Fleck Erde, der anders ist, auch wenn man das nicht beschreiben kann. Also, ich nicht. Falls jemand schon mal im Vall de Boi war, würden mich seine Eindrücke interessieren. Jagger und ich trennen uns hier. Wir schieben das ein wenig raus, trinken noch einen Wein zusammen, essen einen Salat. Und ich mache mir eine Skizze von der Karte und der Route, die ich gehen will. Zuerst dachte ich, ich nehme den direkten Weg nach Westen. Da war ein nett aussehendes kleines Tal. Aber das führte geradewegs auf einen 3000er Berg zu. Ich habe spontan beschlossen, nach Lourdes zu gehen. Also muss ich wieder nach Norden, wieder nach Frankreich. Also will ich den Umweg, die Straße nach Pont de Suete, nicht gehen. Wir fragen zwei Leute in der Kneipe. Ja, nach Senet, über den Bergrücken, das geht. Das sind runde 10 Kilometer. Aber dann geht es entweder die Straße entlang, und das ist nicht schön, zumal ein großer Tunnel kommt. Und weiter westlich steht mir der Pico de Aneto im Weg, und der hat schlanke 3404 Meter. Puh, das ist eine Menge. Aber es geht, sagt einer. Allerdings ist der Sattel, über den man da steigen muss, schon hoch. Wie hoch, das weiß er nicht. Aber er weiß, wo der Einstieg ist. Und der Weg soll gut ausgezeichnet sein. Von da kommt dann ein kleines Tal, das man aber wieder verlassen muss und über einen weiteren Sattel, der laut Jaggers Karte 2450 Meter hat nach Frankreich kommt. Zwischen Senet und Hospice de France gibt es keine Menschenseele, sagen die Leute. Gut, sage ich. Luftlinie sind das gerade mal etwas über 20 Kilometer, real sicher 30. Also zwei gemütliche Tage. Ein kurzes Schulterklopfen, ein Schnaps vom Wirt, dann trennen sich unsere Wege. Jagger geht nach Süden, ich nach Westen. Weit komme ich eh nicht mehr an dem Tag, aber weit genug, um einen schönen Platz zu finden, mit eigenem Brunnen und schöner Sicht auf das Tal, das schnell dunkel wird.
Km: 18,2 Kasse: Euro 232
