Jakobsweg_ohne_Geld

28.04.2006 um 14:42 Uhr

Donnerstag, 27. April. Mehr Regen

Musik: Rain, Uriah Heep

Wieder nicht so gut geschlafen. Ich spüre das in den Beinen, als ich bergauf stapfe. Immerhin hat der Regen etwas nachgelassen. In der Nacht hatte er ziemlich auf mein Zelt getrommelt. Ein paar Flecke blauer Himmel sind zu sehen, der Wind vertreibt die Wolken. Ich laufe durch einen schönen Wald und freue mich auch meine heiße Schokolade. Aber die fällt erstmal aus, das Café hat zu im nächsten Dorf. Eine ältere Frau, die ich frage, weiß auch nicht warum. Und auch nicht, wo ich Brot kaufen könnte. Und nicht, wo es nach Kollafans geht. Also folge ich der Straße. Es geht bergab, immerhin. Ein schönes Tal erwartet mich, das Wetter wird freundlich. Alles sieht frisch gewaschen aus und mit einem Grün, das fast nicht zu ertragen ist. Ich treffe zwei Motorradfahrer aus Belgien und sie lassen mich auf ihre gute Michelin-Karte schauen. In Ornans ist eine schöne Kirche eingezeichnet, da wollen die beiden hin. Aber für mich wäre das ein Umweg von über 10 Kilometer. Zu weit, beschließe ich. lehne auch das nette Angebot der beiden ab, dass sie mich für die Strecke einfach mal hinten drauf packen. Die Straße ist ein Umweg, also versuche ich mich nach Gefühl das Tal hinauf und komme auch irgendwie ganz gut nach Chantrans. Auch hier steht eine nette kleine Kirche. Ich mache eine Pause, plaudere mit dem Mann, der die Blumen hier versorgt und werde zu einem Glas Wein eingeladen. Dann kommt der Regen wieder. Ich habe eine gute Wegbeschreibung abseits der Straße. Allerdings ist es eine Berg- und Tal-Strecke. Drei Anstiege habe ich zu bewältigen an dem Nachmittag. Und das einzige Nest, durch das ich komme, hat keinen Laden und kein Café. Mist. Ich frage eine Frau, wo man denn etwas zu essen kauft, hier in der Gegend. „Ja, da hat es schon eine Menge Supermärkte“, sagt sie. „C’est loin?“ Sie schaut mich an, legt den Kopf schräg und meint: „Zu Fuß?“ Ich zuck nur mit den Schultern. Sie lacht nur und meint, dass es bis Besancon etwa 25 Kilometer sind. „Das schaffe ich in einem Tag“, sage ich. Sie verkauft mir für 5 Euro Brot, Käse, Oliven und einen angemachten Gemüsesalat in einer Plastiktüte. Außerdem kriege ich meine Flasche Tee gefüllt. Ich dachte, ich könnte dem kleinen, sehr schönen Tal folgen, aber die Karte hat mich da genarrt. Zum Glück schaue ich noch mal rein, und dann ist das vermeintliche Tal eine Department-Grenze oder so was. In Sichtweite der N 83 schlage ich mein Zelt auf und genieße mein ausgezeichnetes Abendessen, allerdings wieder im Zelt, weil es schon wieder (immer noch) regnet. Wieder mehr als 30 km gelaufen heute.

Kilometer: 34,9 km, Kasse: 44 Euro

28.04.2006 um 14:19 Uhr

Mittwoch, 26. April. Regen

Musik: Have You ever seen the rain, CCR

Es regnet. Hatte schon fast vergessen, wie das ist. Vor allem, dass es lästig ist, wenn man in einem kleinen Zelt liegt. Es ist laut, es ist feucht. Ich hatte das Zelt nicht so richtig gespannt gestern Abend, und so kriecht die Feuchtigkeit überall rein. Aber da es gerade früh morgens ziemlich regnet, beschließe ich, dass ich rausgehe. Aber dann hört es geschwind auf und ich packe schnell zusammen. Ist auch erst sieben, als ich loswandere. Der Bauernhof liegt nicht auf meinem Weg und noch einen Umweg will ich auch nicht machen. Irmi ist da. Ich glaube, ich habe sogar von ihr geträumt. Und dann war sie da, war überall und ging nicht mehr weg. Ich seh sie in jeder Wolke, in jede Blume, aus jedem Fenster schauen, in jedem Auto vorbeifahren … Über eine Stunde geht das so, ich kann sie einfach nicht verdrängen. Im Gegenteil, sie wird immer präsenter. Wie eine Seifenblase, die immer größer wird und immer bunter schillert, bis sie schließlich platzt. Ob das was zu bedeuten hat. Ich überlege hin oder her, ob ich anrufe, lasse es aber dann. Ich hoffe, es geht Dir gut, Irmi. Ich laufe zügig nach Pierrefontaine und frühstücke dort. Meine Frage nach billigem Brot hat allerdings keinen Erfolg. Egal, noch ist meine Kasse ganz gut gefüllt. Es gibt zwei Wege: einer ist über die Hügel, einer ist länger, aber eben. Wie viel länger, frage ich. Der Mann zuckt mit der Schulter. Es fährt immer mit dem Auto, lacht er. Ich nehme den kurzen. Er ist nicht besonders schön zu laufen. Oft Straße ohne Gehweg, aber zum Glück kaum Verkehr. Trotzdem verursacht jedes Auto, das an mir vorbeifährt, Unbehagen. Es nieselt oder regnet immer mal wieder. Dazwischen kommt die Sonne heraus und ein teilweise scharfer Wind fegt vom Westen her. Nicht immer schön zu laufen. Aber ich komme ganz gut voran. Valdahon ist die erste größere Stadt seit zwei Tagen. Na ja, Städtchen. Es regnet immer noch und ich habe irgendwie die Hoffnung, dass es besser wird, wenn ich das Rhonetal erreiche. In drei Tagen könnte ich das schaffen. Also nur kurz eingekauft und dann weiter. Zunächst eine unschöne Strecke entlang einer Straße. Rechts ist ein Sperrgebiet, wahrscheinlich vom Militär. Dann biege ich links ab, komme ich auf eine noch größere Straße. Kurzer Blick auf die Karte – die N 57. Ich überquere sie und stapfe bergauf. Zunächst auf einem guten Asphaltweg, dann auf einem matschigen Feldweg. Ich suche mir einen Platz, um mein Zelt aufzubauen. Kein Bauernhof, also gehe ich in ein kleines Wäldchen. Mein Zelt konnte ich den ganzen Tag  nicht trocknen, so ist es lästig, das aufzubauen. Kaum fang ich an, fängt es kurz an zu schütten. Bis das Zelt steht, bin ich patschnass. Abendessen im Zelt, Krümel im Schlafsack.

 

Kilometer: 33,4 km, Kasse: 53 Euro

28.04.2006 um 13:51 Uhr

Dienstag, 25. April. Berge

Musik: Like a hurrican, Neil Young

Am nächsten Morgen bleibe ich lange liegen, starre durch mein Zeltfenster auf den See. Als es hell wird, studiere ich die Landkarte. So ganz schlau werde ich nicht daraus. Ich muss Richtung Besancon, aber wenn ich über Baume les Dames gehe, dann muss ich an der Route National entlang. Kein schöner Gedanke, und ich entscheide mich für einen Weg querfeld ein. Zunächst nach Pont de Roide, einer kleinen Stadt mit einigem an Industrie, aber eigentlich ganz nett. Hier geht es dann heraus aus dem Tal der Doubs, recht bissige Anstiege machen den Tag ziemlich anstrengend. Bisher hatte ich es, so kam es mir auf jeden Fall vor, sehr, sehr eben. Heute schlaucht es mich auf jeden Fall gewaltig. Montagnes du Lomont heißt der Höhenzug, erfahre ich später. Aber das Wetter ist weiter schön. Ich muss allerdings oft fragen, wie ich nach Sancey le Grande komme, meinem nächsten Ziel. Wobei oft fragen so eine Sache ist – ich treffen auf der Strecke von fast 15 Kilometern drei Leute. Alle hacken sie auf den Feldern, und alle sind nett, halten einen kleinen Schwatz, froh über die kleine Abwechslung und die Pause. Sancey le Grande, das „Grande“ ist geschmeichelt. Aber es ist ein nettes Städtchen. Ich mache eine Rast, esse etwas, döse in der warmen Sonne. Es ist noch zu früh, um das Zelt aufzubauen. Ich kaufe noch etwas fürs Abendessen und gehe dann weiter. Wieder geht es raus aus einem Tal. Langsam, aber auch das macht Strecke. Irgendwann mag ich nicht mehr, ich steuere einen Bauernhof an, frage wieder, ob ich mein Zelt aufstellen kann. Der Mensch da schickt mich noch zwei Kilometer weiter, da steht eine kleine Scheune, da hat es auch einen Pumpbrunnen, sagt er. Er wollte mich wohl nicht am Bauernhaus haben. Auch egal. Ich bedanke mich und laufe. Erst als ich da ankomme merke ich, dass ich wieder in der Richtung zurück gelaufen bin, also wieder östlich von Laviron bin. Den Kilometern zufolge bin ich heute irgendwie nicht den direkten Weg gelaufen. Aber was solls, das war mir klar, dass das immer mal wieder passieren wird.

 

Kilometer: 26,9 km, Kasse: 61 Euro

28.04.2006 um 13:33 Uhr

Montag, 24. April. Deja vu

Musik: Dead end street, Kinks

Es ist wieder eiskalt morgens, und natürlich noch dunkel, als ich mich auf dem Schlafsack schäle. Ich packe zusammen, im Haus ist schon Licht, aber es kommt niemand raus. Ich gehe ans offene Küchenfenster, sage danke und auf Wiedersehen, die Bäurin nickt kurz, der Bauer hebt seine Hand. Es kommt lange keine Ortschaft und ich muss eine ziemliche Strecke laufen, bis ich in eine Ortschaft komme. Ein Ortschild finde ich nicht, aber eine kleine Bar, in der ich Kakao und Croissants bestelle. Einige Männer stehen am Tresen, sie fragen mich nach dem woher, wohin, schütteln den Kopf, klopfen mir auf die Schultern, wundern sich über die Jugend und gehen. Die Wirtin bringt Spiegeleier und ein Baguette mit Schicken. Ich schaue sie fragend an – sind schon bezahlt, lacht sie nur. Und meine anderen Sachen auch. Ich laufe weiter, will heute ein gutes Stück vorankommen. Der Weg ist zwar Asphalt, aber gut zu gehen. Mittags sticht die Sonne herunter und ich habe bald nichts mehr zu trinken. An einem Kindergarten frage ich, ob ich meine Flasche auffüllen kann – und werde von den beiden sehr jungen Betreuerinnen eingeladen zum Essen. Oh, Deja vu. Das ist ja so wie an meinem ersten Tag – allerdings gibt es eine Art Auflauf. Und die Kinder nehmen von mir keine Notiz, sie spielen draußen, heute wurde der alte Pumpbrunnen eingeschaltet, und Wasserspiele sind für sie interessanter als ein Wanderer aus Deutschland. Ich bekomme mindestens ein Kilo Bananen geschenkt, schon sehr reif – die müssen weg.

Montbeliard liegt vor mir, aber ich will nicht in die Stadt rein. Eine etwas hektische Frau erklärt mir den Weg. Prompt verlaufe ich mich. Erst in Valentigney finde ich mich wieder zurecht. So ein Umweg war es wohl doch nicht. Ich finde einen Bäcker und frage nach einem billigen Brot. Der Bäcker selbst ist im Laden, lacht mich an, gibt mir ein Baguette und außerdem noch zwei Schinkenhörnchen. Es nickt mit dem Kinn auf meine Jakobsmuschel, die außen am Rucksack hängt: Ich soll ihn in meine Gebete einschließen. Dann klatscht er in die Hände, dass die ganze Bäckerei nur so hallt, zwei Gesellen springen auf und eilen mit ihm in die Backstube. Unglaublich, ich habe heute keinen Cent ausgegeben.

Bei Bourguignon suche ich mein Nachtlager. Ich finde eine nette Stelle am Waldrand, gegenüber ist ein kleiner See, die ganze Gegend hat etwas friedliches, und ich schlafe tief und lange.

 

Kilometer: 29,3 km, Kasse: 68 Euro

28.04.2006 um 13:19 Uhr

Sonntag, 23.April. Osterspaziergang

Musik: Sitting, Cat Stevens

Kurz nach fünf wecken mich die Vögel. Noch ist es

dunkel, aber ich schäle mich trotzdem aus dem

Schlafsack, werde nur langsam wach, aber schnell kalt.

Also Katzenwäsche aus der Wasserflasche,

zusammenpacken und los. Manchmal ist es gut, nicht in

Deutschland zu sein. Zum Beispiel an einem Sonntag

Morgen. Die Kalendertage hatte ich ganz vergessen und

so bin ich froh, dass in Frankreich jedes Dorf einen

Bäcker hat, der auch sonntags für seine hungrigen

Kunden da ist. Es geht doch nichts über ofenfrisches

Baguette. Vor allem, wenn man noch zwei angemackte

Croissants und einen Kaffee geschenkt bekommt. Der Tag

fängt gut an. Ich kaufe noch etwas Vorrat für den Tag

und laufe los. Ich habe beschlossen, dass ich heute

ein wenig „Strecke“ mache. Belfort hat, wenn ich mich

recht erinnere, ein Büro der Jakobsgesellschaften.

Aber zum einen sind meine Adressen ja weg und ich weiß

nicht, ob ich das finden und sonntags jemanden

erreichen würde. Zum anderen ist es ein kleiner Umweg

aus dem schönen Tal heraus. Ich beschließe, dass ich

Belfort links liegen lasse. Das Wetter ist sehr schön

und sonnig, es wird schnell warm und ich vermisse den

Vorteil der Trinkeinrichtung, die ich an meinem alten

Rucksack hatte. So muss ich immer wieder anhalten und

die Flasche herausholen. Ich gewöhne mir an, mit der

Flasche in der Hand zu laufen. Seit die große Straße

weg ist, ist das Tal gleich noch einmal um einiges

schöner. Ich marschiere immer am Fluss entlang und

genieße ihn als Begleiter. Was für eine Kraft doch der

sehr später Frühling hier in ein paar wenigen Tagen

gezeigt hat. Alles ist grün oder blüht, alles strebt

ans Licht. Nur die Menschen verstecken sich scheinbar

in ihren Höhlen. Mir fällt Goethes Osterspaziergang

ein, aber ich komme nicht weit mit dem Text. Von wegen

Deutsch Leistungskurs ... :-(

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des Frühlings holden Blick

Im Tale grünet Hoffnungsglück

Der alte Winter, in seiner Schwäche

Zog in raue Berge sich zurück

 

Pause in Dannemarie, die Eisenbahnlinie begleitet mich

jetzt wieder und eine Straße. Aber die verlässt mich

wieder in einem kleinen Nest mit dem etwas

ungewöhnlichen Namen Bretagne. Kein Mensch auf der

Straße hier. Am Kanal entlang gehe ich weiter und

freue mich über das schöne Wetter und die

Schmetterlinge. Und die Dörfer sind „nur“ Dörfer. Sie

bieten nichts Außergewöhnliches, und wenn, dann habe

ich es verpasst. Aber das macht mir gar nichts – ich

mag diese kleinen französischen Dörfer. Hier sind sie

mir fast noch zu aufgeräumt und rausgeputzt. Ich

überlege noch einmal geschwind, ob ich nach Belfort

abbiegen soll. Aber das wären rund 12 Kilometer Umweg

eine Strecke. Also lasse ich das. Ein alter Bauernhof

bietet mir Unterschlupf für den Tag und einen Brunnen

mit eiskaltem Wasser. Die Besitzer sind etwas

einsilbig, weisen mir mit der Hand einen Platz, wo ich

zelten kann, zeigen den Brunnen. „Bonne nuit“, „Bonne

nuit“.

 

Kilometer: 26,2 Kasse: 68 Euro

28.04.2006 um 12:49 Uhr

Samstag, 21. April. Unter Studenten

Musik: La Folie, Stranglers

Ich hätte nicht gedacht, dass die Bauarbeiter hier am Samstag arbeiten und dann auch noch so früh anfangen. Aber sie waren wohl gut gelaunt. Vor allem, als ich ihnen erzählte, was ich so mache. Einen von ihnen hatte den Camino auch schon erwandert. Aber nicht freiwillig, lachte er, wegen einer Frau. Von Le Puy bis Lourdes sind sie gegangen. Und dann sagte er noch etwas, was ich nicht verstanden habe, aber die anderen haben sich halb tot gelacht darüber. Dass der Jakobsweg in den letzten Jahren viel besucht war, war mir schon klar. Aber dass ich unterwegs immer wieder Menschen treffe, die sich dann auch (einen kleinen Teil) mit mir identifizieren, hätte ich nicht gedacht. Ich hab den Jungs dann geholfen Leitungen abzuladen. Hätte ich ja beim Verlegen helfen können, da kenn ich mich wenigstens aus, aber mit der Fugenfräse durch den Beton gehen, das ist auch nicht so der Hit. Außerdem will weiter, raus aus der Stadt. Sie teilten dann ihr Frühstück mit mir (nicht unbedingt jedermanns Sache: fette Pastete, eine Art Sülze, scharfen Krautsalat und Bier) und dann bin ich weiter gezogen. Fünf Euro mehr in der Tasche. Erst mal raus aus der Stadt. Das hasse ich immer, diese Städte scheinen nie ein Ende zu nehmen. Ein jüngerer Typ kommt vorbei und ich frage ihn, wie ich aus der Stadt komme. An der Uni vorbei, sagt er und meint, dass wir den gleichen Weg hätten. Wir kommen ins Gespräch, ich sage, dass ich nach Santiago pilgere und er meint, dass er auch schon auf dem Camino war, aber nur ein kleines Stück nach Le Puy. Aber er will ihn mal ganz gehen, vielleicht, wenn er fertig ist mit studieren. Wir sind an der Uni und ich frage, ob die da ne Toilette haben, wo ich hin kann. Klar. Er bringt mich zur Mensa, trifft da einen Freund, der schenkt mir eine Essens- und eine Getränkemarke. Und noch besser: Hier stehen zwei Terminals, an denen man kostenlos ins Internet kann. Das muss ich ausnutzen und hab bis gestern gleich mal alles eingetragen. Mein MP3 war eh schon wieder ziemlich voll. Danach bin ich nicht mehr weit gekommen. Klar, war ja schon weit am Nachmittag. Ich laufe halt mal los und versuche, möglichst viel Stadt hinter mich zu bringen. Ich will wieder weg von der Autobahn und folge deshalb dem Flusstal (Doubs). Da ist zwar auch eine größere Straße auf der anderen Seite, aber das geht. Und bei Illfurth biegt die Straße ab. Aber da wird es schon Zeit, einen Schlafplatz zu finden. Bei Heidwiller frage ich einen Bauern. Klar, kein Problem, meinte er. Die Wiese ist ja groß genug. Ich bin müde, krieche bald in mein Zelt.

 

Kilometer: 14,6

Kasse: 74 Euro

28.04.2006 um 12:21 Uhr

Ohne Datum, ein Dankeschön

Es gibt so Momente, da ist man einsam, ganz gleich, wie viele Menschen um einen herum sind. Heute ist so ein Tag. Und an dem danke ich dem Erfinder des Internetzes, der Blogs und des E-Mails und werde diese Menschen sicher in mein Gebet einschließen, wenn ich Santiago erreiche. (Apropos: Ich dachte, zu dem Artikel in der Süddeutschen über das Beten gab es keinen einzigen Kommentar. Hattet Ihr das schon gewusst oder wenigstens vermutet?) Außerdem alle, die die oben genannten Erfindungen nutzen, um den Kontakt zu mir aufrecht zu halten. Ein herzliches Dankeschön für jede einzelne Zeile. Es klingt jetzt vielleicht ein wenig kitschig, aber ich weiß das wirklich zu schätzen. Weil ich so weiß, dass zumindest hin und wieder mal jemand an mich denkt. Bei mir selbst ist das Leben in drei Ebenen eingeteilt, die ständig wechseln. Die erste ist praktisch verschlossen, also meine Innenwelt. Die zweite ist meine unmittelbare Umgebung, also das, was ich unterwegs sehe, erlebe, spüre – inklusive der Menschen. Und die dritte sind die Menschen, von denen ich „Urlaub“ genommen habe und/oder die mich virtuell begleiten. Ich merke jetzt schon wieder, wie schwer das sein muss, meinen Einträgen zu folgen. Zumal sie nicht gerade kurz sind, sobald ich die Zeit und die Gelegenheit dazu finde. Aber ich würde gerne sogar noch mehr schreiben ... Auf jeden Fall danke für jeden Kommentar. Wer mich kennt, weiß, dass ich Kritik sehr gut vertragen kann und (nach einigem Nachdenke) sie mir meist auch zu Herzen nehmen. Also weiter bitte, ich bin freue mich über jede Zeile. Ein paar der Kommentare will ich hier schnell kommentieren (chronologisch und unbewertet). Geht einfacher, weil ich (und Ihr) sonst so lange suchen müsst im Blog. Anton und Stefan: Vielen Dank für den Beistand. Ja, ist schon komisch, dass ich zwar mit dem Jakobsweg angegangen habe, ihn dann ganz verdrängen wollte, aber das unterbewusst doch nicht getan habe. Du hast sicher Recht, der Weg verändert. Sicher, es könnte jeder andere Weg auch sein – zum Beispiel hätte ich auch nach Saloniki laufen können. Etwa gleiche Streckenlänge. Aber das Ergebnis (im Innern) wäre in etwa das gleiche geblieben. Thema Beichte. Ja, ich hab schon gekämpft mit mir. Aber ich wollte einfach (fast) nichts weglassen. Die Öffentlichkeit des Blogs ist mir schon bewusst, und nicht, dass ich mich damit rühmen wollte, aber es ist nichts, weswegen sich jemand schämen musste. Oh Mist, ich verlier den Draht dazu, was ich sagen will. Ich lass es jetzt einfach mal so stehen. Danke auf jeden Fall für die Grüße und guten Wünsche. Günter hat mir gemailt, dass sogar im Pilger-Forum „Werbung“ gemacht wurde. Oops, das hat sicher wieder heiße Diskussionen gegeben. Wenn es noch reicht, dann schau ich nachher mal rein. Wenn nicht, Grüße an alle im Forum und noch mal Dank für alle Infos, Anregungen und Anstöße. Ob das authentisch ist, weiß ich gar nicht. Bin mir da nicht mehr ganz so sicher, obwohl es mit Sicherheit mehr Menschen gab, die mit sehr wenig losgezogen sind. Heute gibt es ja für alles wissenschaftliche Untersuchungen im Netz – wer da etwas weiß, bitte mir Bescheid geben. Marion/Gargamel: Ja, ich gebe zu, dass es schon ein ziemlicher Glückfall war. Habe mir unterwegs ein paar Mal schon überlegt, was alles zusammenkommen musste, dass ich das gemacht habe. Ich habe mich früher schon mal gefragt, wie sich manche Menschen das leisten können, für Monate/Jahre auszusteigen. Aber ich denke, dass es gerade in Deutschland fast nicht möglich ist. Eigentlich schade. Wandersmann: Ich hoffe auch, dass ich (ab jetzt) mehr Glück als Pech habe. Aber ich denke, dass man irgendwie Glück und Pech auch selbst beeinflusst. Lässt sich aber nie so richtig sagen, weil man eine Situation nicht zweimal durchspielen kann. Ich glaub da nicht so recht an die Theorie der Parallel-Universen ;-) Obwohl, witzig wärs schon. Das mit dem Geld ... komisch, das juckt mich am wenigsten. Da schmerzt es viel mehr, dass ein paar persönliche Dinge dabei waren, der wirklich gute Rucksack, mein Pilgerbär ... Pilger: Habe vorher bei Dir reingeschaut. Konnte aber gar nicht mehr so richtig nachvollziehen, wo Du gerade bist. Schimpf nicht allzu sehr mit mir – das Fleisch ist willig, aber der Geist ist schwach. Weiterhin guten Weg. Ganz kurz: Ernesto: Danke für die vielen guten Tipps, Erfahrungen und guten Wünsche. Julian: Auch von Dir nichts mehr gelesen. Hoffe, Du bist gut aus Indien zurück. Herbert: Danke noch mal für alles. Das mit Kamera lass mal. Ist eigentlich ganz entspannend, nicht dauernd nach einem Motiv schauen zu müssen und auf das Ding aufzupassen. Kerstin: Danke für die Wünsche und die Knuddel. Ja, ich habe an unser Gespräch von Silvester gedacht ... Kai: Hattest Du was anderes erwartet? Halt die Ohren steif! Günter: DANKE! DANKE! DANKE! Bobo: Was würde ich ohne Deine Musik machen? Und ohne Deine bissigen Kommentare? Gargamel: Schade, dass wir uns verpasst haben. Danke für die Tipps. Wann ist die nächste Sonnenfinsternis? Gabi: Sorry, wenn ich nicht zum Mailen komme. Habe Dein letztes Mail nicht so recht verstanden – werde es noch mal lesen und mich dann melden. Tiffy: Daumen drücken hat was geholfen. Ein Job bei der WM, toll! Mach was Gutes draus! Und noch kürzer: Dank an Anderyy, Epiphanius, Leonie, Tina, Thomas, Klaus, Kevin, Thatie und Ninchen. Hoffentlich habe ich jetzt niemanden vergessen. Wenn doch, werde ich ihr/ihm nächstes Mal ein ganzes Kapitel widmen. Versprochen. Also bitte melden, ein ganzes Kapitel in meinem Tagebuch ist zu gewinnen ;-)

24.04.2006 um 07:56 Uhr

Wieder in der Reihenfolge

So, jetzt stimmen zwar die Daten der Eintragungen nicht mehr, aber dafür sind die Tage wieder in der richtigen Reihenfolge. Vielen Dank noch einmal, Tina. Und alles Gute, Timo. Günter

22.04.2006 um 15:14 Uhr

Freitag, 21. April. Kinder-Träume und Kehrwochen-Trauma

Musik: Lied der Schlümpfe, Vadda Abraham (oder so), nein

Ich wachte spät auf und war etwas gerädert. Ich fand eine kleine Bar in Wittenheim, wo ich mich waschen konnte und eine Schoki trinken. Ich ließ mir Zeit, mampfte noch Croissants und ging dann langsam los. Ich finde es immer sehr schwer, mich in größeren Städten zurechtzufinden. Warum auch immer? Vielleicht, weil ich nicht gerne nach dem Weg frage. Auf jeden Fall habe ich heute beschlossen, dass ich das ändere. Ich bin ein paar Mal in der falschen Richtung unterwegs gewesen. Eigentlich wollte ich ja gar nicht rein in die Stadt. Dann hätte ich gleich ein wenig abkürzen können, von Colmar direkt „über Land“ nach Belfort. Aber ich gebe zu, ich kann nicht an einem interessanten Museum vorbei. Und der Name Bugatti hat doch eine starke Anziehungskraft. Zumal das Museum der Brüder Schlumpf eine sehr interessante Geschichte hat. Komischerweise wird die im Museum selbst ein wenig anders dargestellt. Aber dazu gleich. Zunächst einmal rang ich eine Weile mit mir, ob ich überhaupt hingehen sollte, weil mir klar war, dass es ziemlich teuer sein wird mit dem Eintritt. Aber ich hatte ja vorgestern einen unerwarteten Geldregen erhalten. Und ich wollte unbedingt mal schauen, vielleicht gibt es ja außen was zu gucken. Gab es aber nicht viel, und so ging ich nach dem bewährten Muster vor: Fragen, ob ich gegen Arbeit den Eintritt tauschen konnte. Hatte bisher in einem Museum natürlich noch nie geklappt. Und auch in Frankreich habe ich ja noch nichts "erarbeitet". Die Dame an der Kasse schaute mich eine kleine Ewigkeit an und ich dachte schon, jetzt holt sie die Polizei. Machte sie aber nicht, sie rief eine Kollegin, tuschelte ein wenig mir ihr. Die brachte mich dann zu einer Art Garage, da drin stand eine Art Kehrmaschine, so eine zum Schieben. Und die schob ich – als Schwabe habe ich da keine Probleme damit. Einmal um den Gehweg entlang um das ganze Museum rum, und am Straßenrand auch noch. Gut 1,5 Stunden brauchte ich dazu, dann hatte ich die 10,50 Euro für den Eintritt verdient. Dachte ich. Aber inzwischen war ein weiterer Mitarbeiter hinzugekommen, und dem passte es nicht, dass ich so billig davonkomme. Ich müsse auch noch die Duschen, Garderobe und den Aufenthaltsraum putzen. Und wenn ich mich beeile, dann würde ich sogar noch was sehen vom Museum. Immerhin kann ich, als Mitarbeiter des Museums, bis 20 Uhr drin bleiben. So lange wird immer gearbeitet. Aha, dachte ich, sagte nichts, fragte nur, ob ich dann auch duschen kann. Das war kein Problem. Also fegen, wischen, putzen ... Alles ist sauber, ich darf die Ausstellung anschauen, bekomme "Reste" aus der Cafeteria. Und lerne über mich, dass ich als "frommer Pilger" nichts, aber auch gar nichts tauge. (Sorry Adam, vielleicht beantwortet das Deine Frage bzw. Deinen Kommentar.) Denn während ich mir die Ausstellung anschaue, war „jemand“ im Aufenthaltsraum und ist anschließend schnell verschwunden. Ein paar Minuten später geht die Dame von der Kasse rein, gleich wieder raus, kommt auf mich zu und fragt, ob ich denn geputzt habe. Ich nicke und sie zieht mich in den Raum - jemand hat den Inhalt eines Aschenbechers mehr oder weniger gezielt durch den Raum verteilt. Wir schauen uns an und sie meint, sie weiß schon, wer das war und dass sie mit dem Typ redet. Ich sage ihr, dass ich das alleine regle, sie hätte dadurch ja nur Ärger, denn sie arbeitet hier. Eine halbe Stunde später ist der Raum wieder blitzblank – und ich habe den Verursacher in der Zwischenzeit alles geheißen, was mir nur einfiel. Kleiner Wermutstropfen. Als ich aus dem Museum gehe ist es schon fast 22 Uhr. Und ich bin nicht nur todmüde, sondern immer noch ziemlich mitten in Mulhouse. Schlafplatz? Ich entscheide mich nach mehr als einer Stunde Marsch für einen Industrieneubau und lege mich da zwischen Bretter und Zementsäcke. War gar nicht so schlecht. Ach ja, das Museum. Also, nicht nur für Oldtimerfans ein absolutes Muss. Und die Entstehungsgeschichte: Zwei Brüder Schlumpf (die heißen wirklich so!) hatten eine Textilfabrik. Und einen Faible für Oldtimer, vor allem Bugattis. Wahrscheinlich, so sagt das Gerücht, versuchten sie wirklich ALLE Bugattis zu kaufen, die es gibt. Die, die er kriegen konnte, ließ er dann noch restaurieren und unterbringen in seiner Firma. Zwei kleine Nachteile hatte das: Zum einen wusste kaum jemand davon, noch konnte sie jemand anschauen. Zum anderen steckte er die Firmengelder in die Autos und die Firma ging pleite. Die Schlümpfe flohen mehr oder weniger Hals über Kopf, die Arbeiter besetzten die Fabrik - und erst jetzt wurde dieser Schatz offiziell entdeckt. Nachdem die Mitarbeiter das Museum eine Weile selbst verwaltet haben, hat der franz. Staat beschlossen, dass die Schlümpfe noch Steuerschulden und so haben und hat die Autos sich einverleibt. Kilometer: 19,4 Kasse: 78 Euro

22.04.2006 um 14:41 Uhr

Donnerstag, 20. April. Frühstück mit Katzen

Musik: Year of the cat, Al Steward

Bill Bryson hat ein Buch geschrieben: Frühstück mit Bären. (Sehr schönes Wanderbuch, nur zu empfehlen, auch, wenn keine Bären drin vorkommen.) Ich hatte ein „Frühstück mit Katzen“. Die Bäuerin war nicht da, und so wurde ich eingeladen, mit zu frühstücken. Der Bauer war irgendwie nett, sprach von seiner Frau immer nur als „sie“. „Sie“ würde das nicht mögen. „Sie“ ist bei ihrer Schwester diese Woche. Und: „Sie“ hat die Katzen. Ich glaube, es waren sieben Stück. Könnten aber auch mehr gewesen sein. Und die Biester waren überall, kletterten auf den Tisch und versuchten Spiegelei vom Teller zu nehmen. Der Bauer hatte wohl resigniert, wahrscheinlich waren die Katzen der Kinderersatz für die Frau. Aber ich fragte mal lieber nicht. Ich helfe nachher noch, zwei Wagen aus dem Schuppen zu schieben. Das hätte er alleine nie geschafft, und mit dem Traktor kam er da nicht rein. Ich bekam noch einen Kaffee, noch drei Eier, ein Baguette und eine dicke Scheibe von einem Schinken. Und ein paar Tipps für den Weg. Aber die halfen mir nicht so viel, es gibt keine Alternativen. Und: Ich habe mit verschätzt. Ich dachte, ich schaffe es locker nach Mulhouse, aber er meinte, dass das wohl 40 Kilometer sind. Mit dem Auto, zu Fuß noch ein wenig mehr. Er hatte Recht. Es war eh schon später Vormittag, als ich endlich loskam. Der Weg war zum Teil Asphalt, gut zu gehen, zum Teil ein matschiger Feldweg. Vor Meyenheim machte ich eine Pause und schaute auf den Flughafen. War aber nicht viel los heute. Nördlich von Mulhouse gibt es ein Waldstück, aber das ist wohl zu weit, das werde ich nicht mehr schaffen. Ich werde einfach mal schauen, wie weit ich komme. Noch eine Pause in Ensigheim, Abendessen einkaufen. Danach will ich nicht mehr so recht und schaue schon mal, wo ich unterkommen könnte. Zwei Bauernhöfe laufe ich an. Beim einen ist niemand da, beim anderen will man nicht, dass ich mein Zelt hier aufschlage. Ich laufe also weiter, finde dann doch einen kleinen Wald und verziehe mich da hinein. Komischerweise hätte ich gerne eine Flasche Rotwein heute. Fragt mich nicht, warum. Kilometer: 27,9 Kasse: 83,90 Euro

22.04.2006 um 14:04 Uhr

Mittwoch, 19. April. Pilgerbrezel

Musik: Knockin' on heaven's door, Bob Dylan

Ich bin wieder früh auf den Beinen. Ich fühl mich irgendwie unwohl in meinem kleinen Zelt mitten in der Landschaft. Also noch in der Dämmerung raus, packen, losziehen … das ist schon Routine. Ich laufe nach Marckolsheim rein, aber es hat noch nichts geöffnet. Schließlich finde ich ein Café und gönne mir eine heiße Schokolade. Welch ein Genuss! Die Kirche in Colmar ist toll. Einer der Orte, die etwas ausstrahlen. Ich bin eigentlich nur hin, weil ich den berühmten Altar sehen wollte. Aber dann bin ich doch eine zeitlang drin geblieben. Leider kamen dann einige Reisegruppen und es wurde schnell laut. Kaffeefahrten. Eine ältere Dame spricht mich an. Sie hat meine Muschel gesehen und erzählt, dass sie 1987 auch den Camino gegangen ist. Ich erzähle ihr nur kurz, dass ich von Stuttgart losgezogen bin und erst mal nach Arles will. Als ich das mit dem Geld erwähne, schaut sie mich mit großen Augen an. Jetzt kommt wieder das übliche Theater, denke ich, aber sie wünscht mir nur viel Glück. Sie muss weiter, das Los einer Reisegruppe. Ich schaue mich noch ein wenig in der Altstadt um, dann ziehe ich weiter. Ich gehe aus dem Stadtzentrum raus, da sehe ich die Dame aus der Kirche wieder mit ihrer Reisegruppe. Sie sitzen in einem Straßencafé und sind schon wieder in Eile. Der Bus steht auf der anderen Straßenseite und hupt ungeduldig, die Bedienung kommt nicht mit dem Abkassieren nach. Was für eine hektische Welt, denke ich. Die Dame winkt mich zu sich her und überlässt mir eine nicht gegessene Brezel, eine „Pilger-Brezel“, wie sie mit einem Lachen sagt, das wohl nur zufriedene Frauen um die 60 hinbekommen. Außerdem bekomme ich einen 50-Euro-Schein sowie die Aufgabe zu bezahlen, was noch offen ist und einen Euro Trinkgeld zu geben. Den Rest darf ich behalten. Eine nette Aufgabe, allerdings erscheint mir ein Euro Trinkgeld angesichts einer Zeche von fast 50 Euro zu wenig. (Wie gesagt, ich hege seit einigen Tagen hohe Mitgefühle mit Bedienungen.) Das werden wir also noch sehen. Zunächst einmal kann ich das hektische Treiben noch beobachten. Dann fährt der Bus, das Café ist fast leer, die Frau winkt, ich winke zurück. Die Bedienung kommt und gibt mir eine Rechnung über 6,50 Euro. Ich schaue sie an und sage, dass das nicht sein kann. Sie geht zurück zur Kasse, kommt wieder, entschuldigt sich, es wäre eine Brezel zu viel gewesen. Und sie gibt mir einen neuen Zettel: 5,30 Euro. Ich frage vorsichtig, ob sonst alles bezahlt ist von den Damen? Ja, alles bezahlt, nur das fehlt noch. Ich gebe also doch den Euro Trinkgeld und habe sage und schreibe 43,70 Euro. Wahnsinn! Und ein herzliches Danke noch einmal, unbekannterweise. Ich überlege, welche Route ich einschlagen soll. Westlich der Autobahn ist wieder eine große Straße. Noch ein Stück weiter westlich sieht es besser aus, aber dann komme ich auch ein wenig weg von meiner Route. So entscheide ich mich für die östliche Route, da geht ein kleiner Fluss direkt nach Süden. Weit komme ich eh nicht mehr, Colmar hat mich mehr Zeit gekostet als ich gedacht habe. Auch hier ist die Stadt nicht besonders schön zu laufen. Ich finde zwar den kleinen Fluss, ein netter Mensch zeigt mir auch einen einigermaßen schönen Weg, aber es ist zu laut hier, zu viel Verkehr: Autobahn, Schnellstraße, Eisenbahn … Bei Logelheim habe ich keine Lust mehr. Aber wie schon gestern gibt es kein Wäldchen, in das ich mich verziehen könnte. Ich frage bei einem Bauern, ob ich auf seiner Wiese übernachten kann und das ist gar kein Problem. Ich soll das Zelt an die Scheune stellen. Da hat es auch einen Wasserhahn und später bekomme ich noch zwei gekochte Eier geschenkt und einen Zuckerhasen. Hat er geschenkt bekommen, sagt er, aber er mag das Zeug nicht. Mein verspätetes Osternest, sozusagen. Kilometer: 28,3 Kasse: 89,50 Euro

22.04.2006 um 13:29 Uhr

Dienstag, 18. April. Pilger oder nicht Pilger?

Musik: April, Deep Purple

Ich brauche am Morgen ein paar Minuten, um zu begreifen, wo ich bin und was los ist. Ich bin sauer auf mich, weil ich doch wieder losgezogen bin, spiele ein paar Minuten mit dem Gedanken, nach Deutschland rüberzugehen und heimzufahren. Oder heimzulaufen. Bei Klaus und Tina könnte ich wahrscheinlich Unterschlupfen und mich so zurück nach Hause durchschlagen. Aber dann verwerfe ich es doch wieder und beschließe, dass ich auf der Reise nicht mehr ans Aufhören denke werde. Ich packe schnell zusammen und laufe los. Ich habe keine Uhr mehr – die hing auch am Rucksack. So ein Mist, daran hatte ich gar nicht gedacht. Mein Magen knurrt, aber ich muss rund eine Stunde laufen, bis ich in einen Ort komme und was kaufen kann. In Gerstheim biege ich dann nach links ab, runter zum Rhein. Das sind ein paar Kilometer Umweg, aber sicher schöner zu laufen, obwohl auch hier eine Straße entlangführt. Ich versuche abzuschalten und denke an den kurzen Kommentar, den mir „Pilger“ geschrieben hat. Ob ich das „pilgern“ nenne? Und das war noch vor den Ereignissen in Strassburg und vor meiner „Beichte“. Was würde er wohl jetzt sagen? Und hat er Recht? Klar, hat er Recht. Ich nenne das auch nicht pilgern. Und ich muss zugeben, ich habe mich im Vorfeld mit vielem beschäftigt, aber nicht damit, was pilgern eigentlich ist. Weil es mir egal ist. Also in dem Sinn, dass es mir egal ist, wie andere das angehen. Vor allem nicht „offizielle“ Stellen. Es interessiert mich, klar. Aber ich werde und kann es nicht auf mich übertragen. Ich denke, das geht den meisten so. Pilger redet da nicht viel drüber, aber ich denke mal, bei ihm ist es ähnlich. Hm, ich weiß es nicht. Ich hatte im Vorfeld ja einige Diskussionen mit „Pilgern“, die es gar nicht verstanden haben, dass ich so losziehen will. Und schon gar nicht auf dem Jakobsweg. Dieser Sch… Jakobsweg! Ich kann den Namen nicht mehr hören. Aber er kann ja nichts dafür, dass ihn manche zu einem heiligen Gral hochpuschen und andere zum „Ich-war-auch-da“ erniedrigen. Gut, auf dem Jakobsweg bin ich gar nicht mehr. Er ist da, ich finde ihn interessant, aber er ist weder Weg noch Ziel für mich. Weil ich einen anderen Weg gehen will, meinen Weg. Mit allem, was ich darauf finde. Ich habe nicht vor, irgendwelche Dinge auszublenden. Ich habe vor, das Leben zu „erlaufen“. Ob alle Menschen, die solche Wanderungen machen, irgendwann mal anfangen zu philosophieren? Pause in Rhinau. Ich kriege heute nicht viel von der Umgebung mit. Auch das Wetter ist mir egal. April eben – mal ein wenig Regen, noch weniger Sonne, Wind … und dann wieder von vorne. Vor Marckolsheim suche ich mir dann wieder einen Platz, an dem ich mein Zelt aufstellen kann. Ist nicht ideal hier, kein Wald oder so. Und so warte ich, bis es dämmert und drücke mich dann in eine Nische mit ein paar Büschen. Ein komischer Tag. Ich habe kaum mit einem Menschen gesprochen. Auch nicht viele getroffen. Kilometer: 31,7 Kasse: 51,10 Euro

22.04.2006 um 12:51 Uhr

Ostermontag, 17. April. Wieder unterwegs

Musik: (Davy’s) Timo’s on the road again

Nachtrag zu gestern: Wir waren in einer Brasserie in Mundolsheim. Abendessen war toll: Hecht und Sauerkraut – eine etwas ungewöhnliche Kombination, finde ich. Aber Gregor meint, dass Fisch und Kraut im Elsass zusammenpassen. Geschmeckt hat es auf jeden Fall gut. Auch der Wein war großartig. Was mich ein wenig gestört hat, dass Gregor für mich gezahlt hat. War nicht ganz billig, aber er meinte, das wäre ok. Mit uns waren noch elf andere Leute, alles Männer, Nachbarn, alte Schulfreude, ehemalige Kollegen ... Sie treffen sich jeden Ostersonntag zum Essen. Natürlich muss ich erzählen, das ist schon fast Routine. Einer von ihnen geht dann später in die Küche und kommt tatsächlich mit einer Jakobsmuschel wieder – als Ersatz für meine, die am Rucksack hing. Das müssen wir natürlich begießen (betrinken, wie Pierre sagt), und das tun wir dann auch. Den Heimweg mit dem Auto verschweige ich ... Um halb sechs Uhr bin ich wach und habe Kopfweh. Ich überlege nicht lange, stehe auf, gehe in den Waschraum, packe zusammen. Gregor hat gesagt, dass ich sein Internet nutzen kann, und so schreibe ich meine letzten Tage rein. Für die Mails reicht es nicht mehr. Hat irgendwie nicht so gut geklappt, ich konnte die Einträge nicht anschauen. Hoffentlich sind sie überhaupt drin. Sorry. Nächstes Mal wieder. Gregor kommt und wir gefrühstückt zusammen. Er wollte, dass ich mit ihm in die Messe gehe, aber die ist erst um neun. Das ist mir zu spät – dann gehe ich nicht mehr los. Er lacht, hilft mir, alles zu packen und schiebt mich zur Türe raus. Ein langer, fester Händedruck, eine kurze Umarmung, dann stapfe ich los. Der Rucksack ist leichter. Es ist gut, wieder zu laufen. Das Wetter weiß nicht so recht, was es will. Ein sonniger Tag wird es auf keinen Fall. Es ist noch früh, die Stadt wirkt wie ausgestorben. Ein paar wenige Menschen gehen zur Kirche oder in die Konditorei. Die Stadt nimmt kein Ende. Ich mag die Straßen hier nicht mehr und laufe immer schneller, um sie hinter mich zu kriegen. Sie hören nicht auf. Es kommt mir unglaublich lang vor. Der Rucksack ist unangenehm. Erst dachte ich, er wäre etwas leichter. Aber das ist es nicht wirklich, auch wenn ein paar Sachen fehlen. Schließlich erreiche ich bei Illkirch einen kleinen Wald, die Stadt hört auf. Ich laufe leichter, aber es fällt mir dennoch schwer. Pause. Leere. Und dann ärgern – ich habe keinen Stempel von Strassburg in meinem Pilgerbuch. Einfach vergessen. Mir tun die Füße weh, und das, wo ich doch die letzten Tage gar nicht so viel gelaufen bin, eher Ruhetage hatte. In Plobsheim mache ich die nächste Pause. Auch Gregor hat mir ein Paket gepackt, das ich nun zu Ende futtere. Wird Zeit, mir eine Unterkunft zu suchen. Ich habe keine vernünftige Karte mehr, keine Routenblätter mehr. Gregor hat mir eine Landkarte von Süd- und Ostfrankreich gegeben. Aber meine Routenkarten sind alle weg. Das ist ärgerlich. Der Rhein ist hier sehr breit, auf der anderen Seite ist ein Wäldchen zu sehen. Aber da kommt man nicht hin. Ist das schon wieder Deutschland? Wahrscheinlich. So wie es aussieht, gibt es keinen Wald weit und breit. Und hier in den Feldern das Zelt aufzuschlagen finde ich keine gute Idee. Ich laufe weiter, bin ein wenig unruhig. Meine Füße wollen nicht mehr. Krafft, nur ein paar Häuser, ich biege dahinter ab, gehe am Ufer entlang. Inzwischen dämmert es schon. Wenn man müde ist und es dunkel wird, dann wird man auch etwas „wurstig“. Zwischen alten Baumaschinen und Erdhügeln baue ich mein Zelt auf. Kilometer heute: 27,3 Kasse: 58,30 Euro

20.04.2006 um 07:49 Uhr

Ostersonntag, 16. April. Weiter oder nicht weiter?

Musik: Bobby McGee, Janis Joplin

Gregor ist früh im Büro, ich räume gerade das Bett raus. Die Polizei kommt noch einmal, aber sie haben nichts Neues. Ich weiß noch nicht, ob ich weiter laufe. Bin unentschlossen und gehe erst einmal mit Gregor zur Messe. Aber meine Gedanken sind überall. Bei Irmi. Bei dem Menschen, der mich bestohlen hat. Bei den Menschen, die ich unterwegs getroffen habe. Und – ganz strange – bei den Menschen, die diese riesige Kirche gebaut haben. Als wir zurücklaufen, sage ich Gregor, dass ich aufgebe und nach Hause fahre. „Du kannst heute nicht fahren“, sagt er dann. „Ich hab Dich zum Essen eingeladen.“ Ich muss lachen. Er macht das so, dass gar kein Widerspruch möglich ist. Ich versuche, Irmi anzurufen, aber sie will nicht mit mir sprechen. Susanne ist das peinlich und ich lasse es. Ich gehe zum Bahnhof und will schauen, wann ein Zug fährt. Aber dann biege ich doch erst mal ab in die Gasse um das Münster. Ziemlich voll, der Feiertag lockt die Tagestouristen an. Ich laufe bewusst Umwege, schaue in die Konditoreien und überlege, was ich mir gönnen könnte. Wenn ich nach Hause fahre, dann brauche ich ja kein Geld mehr, nur für die Fahrkarte. Da stehen schon tolle Leckereien drin ... Aber teuer. Vor allem die kleinen Guggelhupfe, die die Touristen kaufen. Das ist ja wirklich nur ein Happs, und dann 3 bis 4 Euro. Ich lasse es dann, das ist mir einfach zu teuer. Ich gehe zum Bahnhof und schreibe mir die Züge raus. Will ich wirklich zurück? Ich bin unsicher und fühl mich elendig. Warum wurde ausgerechnet ich beklaut? Und warum hatte ich von Anfang an ein blödes Gefühl mit dieser Unterkunft? Oder rede ich mir das nur ein? Wenn ich heute nicht fahre, dann muss ich noch einmal eine Nacht dort verbringen. Nein, das auf keinen Fall. Ich renne fast zurück, will meine Sachen packen und weg. Gregor ist nicht da. Und dann fällt mir ein, dass er mich ja zum Essen eingeladen hat. Der Legionär ist da, sitzt auf den Stufen und meint, dass das immer mal vorkommt. „Nur wer nichts hat, hat nichts zu verlieren.“ Ich will mich zu ihm setzen, aber er macht so eine Bewegung, als wolle er lieber alleine sein. Ich setze mir meine Kopfhörer und suche das Lied: „Freedom's just another word for nothing left to lose. Nothing, I mean nothing if it ain't free.“ Morgen gehe ich weiter. Jetzt doch. War doch eigentlich klar. Ich hatte nie dran gezweifelt ... Kilometer heute: 7,6 Kasse: 58,30 Euro

20.04.2006 um 07:45 Uhr

Ostersamstag, 15. April. Caritas

Ich bin wieder früh auf den Beinen, will raus aus dem stinkenden Saal. Gregor ist auch schon da, ruft bei der Polizei an. Doch, ich soll vorbeikommen, meinen die. Samstag hin oder her. Als ich dort dann sitze und eine ganze Weile warten muss, da habe ich meine Rückreise im Kopf schon organisiert. Aber dann kam doch alles anders. Als ich endlich reingerufen werde, da liegt ein Berg von Plastiktüten auf einem Tisch, in jedem ein Kleidungsstück: Hier ein T-Shirt, da eine Unterhose, dort eine Socke. Ich erfahre, dass die Sachen alle ein paar Straßen weiter gefunden wurden, muss meine „identifizieren“ und bekomme sie dann gleich mit. Ich finde mein Nähzeug und meine Tüte mit Besteck, Becher und Tasse. Sonst ist nichts von mir dabei. Dann noch einmal das Protokoll lesen und unterschreiben. Die 500 Euro im Rucksack stehen nicht mit drin. „Ja, das könnte jeder behaupten.“ „Dann könnte auch jeder behaupten, dass eine Kamera im Schrank war.“ Eine Minute Schweigen auf beiden Seiten – dann schreibt er das Geld dazu. Natürlich bringt es nicht, aber ich gehe davon aus, dass der Dieb das Geld eh nicht findet. Aber wenn ich den Rucksack vielleicht wieder bekomme ... Als Adresse gebe ich die von Gregor an, das ist einfacher als meine in Deutschland. Gregor ist immer noch geknickt als ich sage, dass ich heute Nachmittag noch nach Hause zurück fahre. Er sagt nichts, schaut mich aber so an, dass ich genau weiß, was er denkt: Dass ich nur einen Grund dafür suche, nicht weitergehen zu müssen. Stimmt das? Ich sage ihm, dass es ohne Rucksack und vor allem ohne Rückfahrgeld keinen Sinn macht. Er sagt wieder nichts, schaut nur wieder „in mich rein“. „Was fehlt denn alles?“, fragt er dann. Ich zähle es auf: Kamera, Waschzeug, Reiseführer-Kopien, Taschenmesser, Kompass, Trinkflasche, Medikamente, Hirschtalg, Goretex-Pulli, Ersatzhose, ein paar Klamotten, Teller … „Kümmere Dich mal um den Anrufbeantworter“, meint er dann und lässt mich einfach stehen. Missmutig schraube ich das Ding auseinander. Fummle ewig dran rum, um dann festzustellen, dass da nichts mehr zu machen ist. So ein altes Ding mit Kassette hat man heute nicht mehr. Als ich ihm das dann sage, lacht er nur und wirft das Teil einfach in den Papierkorb. Gregor gibt mir 100 Euro und meint, ich solle ihm doch einen Anrufbeantworter besorgen und gibt mir eine Adresse von einem Elektroladen, dazu einen Schrieb. „Damit kriegen wir Prozente“, meinte er. Außerdem soll ich da hingehen, und gibt mir noch eine Adresse, und was abholen. Das liegt auf dem Weg und die wissen Bescheid. Also gut, warum nicht? Ich habe eh nichts zu tun, muss nur den Tag rumkriegen, meine ich. Und so ziehe ich los, kaufe einen Anrufbeantworter und gehe zu der zweiten Adresse. Es ist die Kleiderkammer der Caritas. Die Damen erklären mir, dass Gregor sie angerufen hat, und sie schon mal geschaut haben, was da ist. In Deutschland, meinen sie, gibt es so viele Kleiderspenden, hier in Frankreich nicht so viele. Aber sie bekommen dann immer etwas von den Kollegen aus Deutschland. Und dann drücken sie mir einen Rucksack in die Hand. Ich soll mal probieren, ob der passt. Gregor ist schon ein Schlawiner. Was soll ich denn nun machen? Ich probiere, aber leer ist das so eine Sache. Kein Problem, sagen die Damen, und fangen an zu packen. Der Rucksack ist etwas kleiner als meiner und nicht das neueste Modell. Aber gar nicht schlecht so vom Gefühl her. Eine halbe Stunde später habe ich den Rucksack, ein kleines Handtuch und einen eklig pinkfarbenen, aber nagelneu und teuer aussehenden Goretex-Pulli und eine Hose. Gregor grinst, als ich damit ankomme. Ich bin noch nicht so sicher. Wie soll ich zurückkommen? Irgendwie kann mir sicher jemand ein paar Euro überweisen für die Busfahrkarte, mache ich selbst den Vorschlag (Günter: siehe Mail). Gregor und ich überlegen, wo ich die fehlenden Sachen herbekomme. Nach zwei Stunden habe ich alles zusammen. Ein paar Sachen gekauft, ein paar Sachen von Gregor bekommen. Ich sage ihm aber, dass ich nicht mehr im Schlafsaal schlafen will. Er nickt nur, gibt mir den Schlüssel für sein Büro und sagt, ich soll die Pritsche da reinstellen. Kilometer heute: 8,2 Kasse: 63,30

20.04.2006 um 07:44 Uhr

Karfreitag, 14. April. Erste Blase und Ende der Reise

Musik: This is the end, my only friend, the end, Doors

Ich bin früh wach und gehe als Erster in den Waschsaal. Als ich rauskomme, kommt mir Gregor entgegen. Ein kleiner, drahtiger Mann, höchstens 1,60 m, um die 60 Jahre alt. Und mit einem Gesicht, das mich an Sean Connery erinnert. Er entschuldigt sich, dass er gestern nicht mehr reingekommen ist, aber so ist das nun mal. Ich sage, dass er mir keine Rechenschaft schuldig ist und gebe ihm den Brief, den ich aus Maulbronn hierher getragen habe. Wir frühstücken zusammen und ich muss natürlich erzählen, was ich vorhabe. Er schaut auf die Uhr und meint, dass ich los muss. Ich schaue ihn fragend an. Dass Ostern ist, ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Ist schon komisch, wie manche Dinge sich in den Vordergrund schieben und das Gehirn blockieren. Gregor nimmt mich mit in die Messe ins Münster, eigentlich wollte ich nicht hin. Irgendwie kommt es mir unheimlich lange vor. Und die Kirche riesig. Ich kriege nicht viel mit, finde alles wie in einem Film, einem Kinderfilm. Unterhaltung, ohne Inhalt. Gregor schaut mich ein paar Mal von der Seite lange an, sagt aber nichts. Ob er ahnt, was ich denke? Danach hat Gregor schon ein Programm für mich. Ich will doch sicher was sehen hier, und da dachte er an eine kleine Führung durch die Cathédral Notre Dame und vor allem mit der berühmten Uhr. Und dann noch eine Bootsfahrt durch die Kanäle. Ich sage, dass das sicher interessant wäre, aber dafür kann ich leider kein Geld ausgeben. Und eigentlich wollte ich ja auch gleich weiter. Zum einen, weil ich ein paar Tage aufzuholen habe. Zum anderen, weil der Schlafsaal hier nicht so meins ist. Gregor lacht und meint, das mit dem Geld soll ich mal seine Sorgen sein lassen. Da hat er Beziehungen. Als Gegenleistung kann ich mir dafür seinen Anrufbeantworter anschauen. Damit kenne ich mich doch aus. Ich nicke. Also dann, sagt er. Und wegen der Unterkunft – das ist eine gute Übung für die Pilgerherbergen in Frankreich und Spanien. Der macht mir Mut. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass er schon alles für mich vorbereitet hat. Widerspruch scheint zwecklos. Aber ein Ruhetag ist angesichts einer doch größeren ersten Blase vielleicht sinnvoll. Und waschen sollte ich auch mal wieder. Gregor gibt mir noch einen kleinen Stadtplan und sagt mir, bei wem ich melden soll für die Führung und die Bootsfahrt. Und so werde ich zum Tourist. Ich erfahre alles über die Kathedrale, die berühmte Uhr, die Altstadt ... Vor allem die Bootsfahrt ist nett, wenn man sich mal einfach „berieseln“ lassen kann. Zum Mittag bin ich leider etwas zu spät. Gregor ist schon wieder weg und das Mittagessen auch. Die Küche ist zu, nichts mehr zu machen. Komischerweise kann mir der Mensch im Büro nicht sagen, wo ich noch was Günstiges zum Essen herbekomme. Also mache ich mich so auf die Suche – und erfahre, dass die Kebab in Straßburg nicht der Hit sind. Aber ich werde satt und finde ein Internet-Café, das neu aufgemacht hat und vor allem heute geöffnet ist. Hier schreibe ich dann meine letzten Tage auf, setze mich nachher noch ein wenig auf eine Bank und schauen den Touristen zu, die durch die Souvenirläden hetzen. Was ist doch Zeit für eine schöne Gabe, denke ich. Ich denke an Irmi, natürlich. Und: Dass ich es nie und nimmer schaffen werde, in drei Monaten nach Santiago zu kommen. Ich kaufe mir noch meine nächste, meine zweite Postkarte und gehe zurück, um wenigstens das Abendessen nicht zu versäumen. Das ist immer noch besser als der Kebab ... Als ich zurückkomme, ist helle Aufregung in der Unterkunft. Gregor ist da, ein paar andere Menschen von der Caritas, die Polizei ... Einer der „Gäste“ hat einige Schränke aufgebrochen und alles geklaut, was interessant war. Auch mein Schrank war darunter, und bei mir hat er den Rücksack komplett mitlaufen lassen. Ich stehe vor dem kleinen Holzschrank und komme mir vor wie in einem Film, bei dem ich wie eine Rolle spielen muss und nicht selbst agieren kann. Ich muss aufzählen, was alles fehlt. Einfacher wäre es, aufzuzählen, was ich noch habe. Der Rucksack ist weg, darin meine Rückfahrt-Reserve von 500 Euro. Die Kamera, die ich in die Stadt nicht mitnehmen wollte, weil man mich vor Taschendieben gewarnt hat. Fast alle Klamotten, das Waschzeug, meine Reiseführer-Kopien, Taschenmesser, Trinkflasche, Medikamente ... Alles, was noch im Schrank ist, ist meine Isomatte, mein Regenumhang, meine Stiefel und meine Postkarte und schließlich noch das Buch von Tina, das irgendwie in die Tiefen des Rucksacks gerutscht war und das ich erst gestern wieder gefunden und rausgelegt habe. Außerdem zwei Unterhosen, T-Shirts und Socken, die im Waschraum hängen und das Ladegerät, das in der Steckdose hängt mit den Akkus. Und zum Glück hatte ich Pass, MP3 und meine Reisekasse dabei. Ich setze mich auf meine Pritsche, entdecke, dass da noch mein Schlafsack liegt, ich hab vergessen, ihn in den Schrank zu sperren. Ich muss unwillkürlich lachen. Ich wollte ja mit „nichts“ loswandern. Und jetzt habe ich wirklich fast nichts. Ich muss morgen zur Polizei und das Protokoll unterschreiben. Gregor ist zerknirscht. Es wurden zwar insgesamt vier Schränke aufgebrochen, aber aus den anderen wurde wohl kaum was geklaut. War nichts drin, was sich lohnen würde. Ausgerechnet bei dir, sagt er und schüttelt immer wieder den Kopf. Ich zucke mit den Schultern und sage, dass er ja nichts dafür kann. Aber irgendwie gibt er sich die Schuld, und das ist ja totaler Quatsch. Vielleicht soll es einfach nicht sein, denke ich nachher, als ich auf meine Pritsche liege und einfach nicht schlafen kann. Wenn das so weiter geht, dann werde ich noch gläubig. Kilometer heute: 7,6 Kasse: 66,10

20.04.2006 um 07:43 Uhr

Ohne Datum, ohne Ort. Eine Beichte

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich das schreiben soll, und wenn ja, wie viel davon. Oder es einfach „unter den Tisch fallen“. Ich hab mit entschlossen, doch was zu schreiben. Ohne Datum, ohne Ort, ohne Details. Und das heißt, dass ein kleiner Teil an irgendeinem Tag vorher gelogen ist. Ich war auf einem Rathaus und konnte endlich zum ersten und einzigen Mal meinen „ich bin auf der Durchreise“-Spruch losgelassen. Ich hatte endlich eines gefunden, bei dem das Sozialamt geöffnet hatte. Die Dame wollte etwas mehr wissen über meine Wanderung und ich erzählte ein wenig was. Hm, sagte sie dann, da gibt es schon was. Und zusätzlich, wenn ich das will, noch die Möglichkeit, ein Abendessen in einer bestimmten Pizzeria zu bekommen. Oh, ein warmes Abendessen, das ist natürlich nicht zu verachten. Aber ich meinte, dass ich halt aus der Stadt raus wollte, um noch einen Schlafplatz zu bekommen. Die machen um 18 Uhr auf, sagte sie, das geht dann ja schnell. Ich überlegte und kam zu dem Schluss, dass es das Essen wert war, um die Zeit noch geschätzte 5 Kilometer zu laufen, wo ich dachte einen Platz für mein Zelt zu finden. Sie sagte mir den Namen des Restaurants und dass ich mich auf sie berufen soll. Ich bedanke mich und mache mich auf, die Zeit zu vertreiben. Ein wenig den Ort anschauen, ein wenig die Beine hochlegen. Pünktlich um 18 Uhr war ich an der Pizzeria – und die war geschlossen. Während ich noch leise fluche, kommt ein Auto angefahren, es war die Dame vom Rathaus. Sie erklärte, dass ich schon weg war, als sie erfahren hat, dass hier heute zu ist. Aber sie hat eingekauft, und wenn es mir nichts ausmacht, dann würde sie zur Strafe für mich kochen. Machte mir nichts aus, und so landete ich bei ihr. Der Rest ist wie im Film: Nudeln, Pute, Tomatensoße, Salat und Rotwein. Die ersten zwei Gläser hatten wir schon drin, da waren die Nudeln noch gar nicht durch. Als dann alles fertig war, sagte sie, ich solle Musik raussuchen. Hm, Green Day vielleicht, dache ich, und legte die CD auf. Sie war geschwind verschwunden und kam umgezogen wieder – mit einem Kimono. Und der Rest ab hier fällt unter die Rubrik Nachtisch. Sehr süß, sehr gut, und keine weiteren Fragen bitte. Tina: Beantwortet das Deine Frage vom letzten Mail? ;-) So, die Stunde ist längst um, der nette Mensch hier im Café ließ mich aber noch zu Ende schreiben. Weit komme ich wirklich nicht in einer Stunde, weil es doch dauert, wenn ich meine aufgesprochenen Dinge abhöre und dann in einen les- und verstehbaren Text umsetzen will. Vor allem dann, wenn das überhaupt nicht klappt und die Seite dauernd zusammenbringt. Das wird sicher noch ein Problem werden. Vor allem hätte ich noch Fotos runterladen will, das dauert ja noch länger. Aber die Kamera habe ich eh nicht dabei, hatte eigentlich gar nicht vor, heute was zu schreiben. Das ist ein Kostenfaktor, den ich total unterschätzt habe. Egal, Schluss für heute.

20.04.2006 um 07:42 Uhr

Gründonnerstag, 13. April. Abschied von Deutschland

Pünktlich um neun kommt der Mensch mit einem hässlichen, orangefarbenen Transporter und bringt Brötchen und Kaffee, ich steure noch ein paar Bi-Fis bei. Das Rathaus hat eh erst um halb zehn auf. Dann Probleme im Rathaus – ich habe keine Sozialversicherungsnummer dabei. Eigentlich hätte ich gar nicht arbeiten dürfen so. Toll, das sagt sie jetzt. Aber jetzt ist es eh schon zu spät. Ich könnte ja zu Hause anrufen, meine Eltern würde die schon irgendwo finden in meinen Papieren. Aber dann geht es so. Ich muss Formulare unterschreiben, als würde ich mich um das Bürgermeisteramt bewerben. Und dann bekomme ich endlich meinen Lohnzettel und darf zur Kasse. Wow: Ich bekomme für die vier Stunden insgesamt 24,40 Euro. Nicht so schlecht. Dann habe ich ein Problem, dass ich den Durchgang unter der Autobahn nicht finden kann. Ich entscheide mich für die südliche Richtung, lande in einer Sackgasse, stapfe über ein matschiges Feld und komme schließlich auf einen Weg, der mich auf die andere Seite bringt. Und das alles an der Autobahn entlang, sehr laut und nicht schön zu laufen. Auch auf der anderen Seite geht es erst nicht in die Richtung, in die ich will. Aber ich habe keine Lust, noch einmal querfeldein zu gehen, es ist einfach zu matschig. Immerhin hat es mal aufgehört zu regnen. Also folge ich dem Weg und mache einen kleinen Umweg. Die Sonne kommt einen Augenblick raus und eine schöne Bank lädt mich zu einer Pause ein, ich ziehe mir den Hut über die Augen und döse ein wenig – und habe auf einmal die Gesänge der Nonnen im Ohr. Eigentlich sollte ich weiter, aber das ist so angenehm, dass ich es bewahren will. Aber wie immer, wenn man Träume fangen will, dann fliehen sie. Also Zeit zum Aufbruch. Eine junge Frau kommt mit Skatern und Kinderwagen den Weg entlang. Ich frage sie, wie ich nach Legelshurst komme. Wir haben den gleichen Weg, also gehen wir zusammen und essen Bi-Fis und Brezeln. Es ist nur ein kleines Stück, aber irgendwie witzig, weil wir über Simplicissimus und über Ostern reden. Sie zeigt mir noch einen Weg, wie ich um den Ort herum übers Feld nach Kehl komme. „Ist aber nicht einfach zu finden“, sagt sie noch und gibt mit ihren Skatern wieder Gas. Prompt biege ich irgendwo falsch ab, lande in Querbach und muss dann an der Straße entlang. Es zieht sich und meine Füße wollen nicht mehr. Bahnhof Kehl: keine tolle Adresse eigentlich, um eine Pause zu machen, aber das ist mir egal. Laut Stadtplan sind es nur noch runde 5 Kilometer bis zu meiner Adresse, aber ich brauche doch über zwei Stunden. Mit eingerechnet ein kleiner Umweg über das Sozialamt in Kehl. Meine „letzte Chance“ – aber die haben schon geschlossen. Also wieder nichts. Ist wirklich nicht toll zu laufen, über die Brücke und immer an den großen Straßen entlang. Zum Schluss kam es mir vor, ich schleiche mehr als dass ich laufe. Völlig fertig komme ich dann bei der Caritas an – und erfahre, dass Gregor nicht da ist. Er kommt um 21 Uhr erst wieder. Aber, sagt der Mensch mit einem Blick auf mein Outfit, ich kann hier schlafen für eine Nacht. Immerhin sehe ich schon mal, was auf mich zukommt: Ein Schlafsaal mit rund 20 Betten. Schon jetzt gut belegt, und der nette Mensch im Büro belegt mir dann auch gleich einen Platz, weil er meint, dass es heute voll werden könnte. Feiertage. Gregor kam dann gar nicht mehr rein, und so sitze ich etwas verloren im Speisesaal. Gemeinsam mit den anderen, die hier über Nacht Unterschlupf suchen. Einer setzt sich mir gegenüber – mustert mich kurz und sagt dann: „Du gehst aber nicht zur Legion, gell.“ „Nein“, antworte ich, weil ich gar nicht richtig verstehe, was er mehr murmelt als sagt, „ich geh’ nach Santiago.“ Er nickt: „Das ist gut. In der Legion, da machen sie dich fertig. Da machen sie dich tot im Kopf.“ Jetzt erst verstehe ich, dass er die Fremdenlegion meint. Ob er in der Fremdenlegion war? Vom Typ her macht er nicht den Eindruck. Aber dann erzählt er ein wenig durcheinander, dass er vor über 20 Jahren mal Mist gebaut hat und dann abgehauen ist und zur Legion. Erst für fünf Jahre, und dann verlängert, und dann noch mal. Und dann hat die Gesundheit nicht mehr mitgemacht, dann ist er raus. Hatte wohl noch ein wenig Ärger zum Schluss. Und jetzt ist er hier gelandet, weiß nicht, ob er in Frankreich bleiben soll oder nach Deutschland. Dann macht er eine Handbewegung durch die Luft, so als wolle er alles wegschieben und sagt nichts mehr. Ich frage nichts, was auch? Die meisten der anderen kennen sich wohl, reden mit mir nur, wenn sie mich anschnorren wollen um Zigaretten. Dass ich keine habe, scheint ihnen sehr unwahrscheinlich und sie meinen, ich will nur nicht teilen. Einer der Jüngeren wird energisch, es wird ungemütlich. Aber dann macht der ehemalige Legionär nur eine kurze Bewegung mit dem Kopf und der Typ verzieht sich. Ich bedanke mich mit einem Blick und schaue, dass ich rauskomme, gehe dann auch nicht in den Gemeinschaftsraum, das ist mir dann doch zu verraucht. Und die Stimmung ist schon etwas komisch. Der Umgangstonuntereinander sehr rau. Um 23 Uhr muss man im Schlafsaal sein, so lange zögere ich es raus. Und es ist auch nicht so toll, 20 Männer in einem Saal - lassen wir das von den Geräuschen und Gerüchen. Ich sehne mich nach meinem Zelt im Wald. Kilometer heute: 28,1 Kasse: 66,30 Euro

18.04.2006 um 08:37 Uhr

Mittwoch, 12. April. Simplicissimus und Häckselplatz

Um halb neun ist Klaus schon wieder da, er hat versprochen, dass er Frühstück bringt. Und so kann ich frische Brötchen, Spiegeleier mit Speck und O-Saft genießen. Vorher hatte ich schön Zeit, ein wenig ins Blog zu schauen, Kommentare zu hinterlassen, die letzten Tage nachzutragen und ein paar Mails zu schreiben. Sorry, wenn es nicht für alle gereicht hat. Klaus fragt, ob ich denn noch einen Tag dranhängen will, aber zum einen habe ich keine Lust mehr auf die wirklich schweren Platten. Zum anderen will ich weiter kommen. Und vor allem will ich aus dem eiskalten Schwarzwald raus. Draußen schifft es schon wieder und es geht ein eisiger Wind. Im Südschwarzwald soll es sogar schneien. Klaus versteht das. Als ich dann den Rucksack aufnehme, gibt er mir trotzdem meine 25 Euro. Ich hätte zwar nicht alle Platten geschafft, aber doch ne Menge, hat er gesehen. Und dann ja noch bedient. Und dann, als ich schon draußen bin, kommt er mir noch nach und hängt mir eine Plastiktüte an den Rucksack. Bi-Fi und Brezeln, sagt er. Die laufen bald ab, und dann kann er sie nicht mehr verkaufen. Aber bevor er sie jetzt wegwirft ... Ich bedanke mich noch mal und dann geht es endlich weiter. Ganz kurz ringe ich mit mir, dann beschließe ich, dass ich doch den Schwarzwald hier schon verlasse und nach Renchen hinuntergehe. Da steht das Simplicissimus-Haus, und da ich das Buch letztes Jahr gelesen habe, wollte ich mir das Museum anschauen. Ich komme ganz gut voran, es geht aber auch angenehm durch Weinberge und Wald bergab. Das Museum ist aber zu, hat nur sonntags auf. Ich soll im Rathaus fragen, rät mir eine Dame. Also mache ich das, aber da ist nichts zu machen, nur einen Tag in der Woche auf. Wahrscheinlich kommen nicht viele Leute, schätze ich mal. Schade. Und weil ich schon mal im Rathaus bin, gehe ich gleich aufs Sozialamt. Das erste Mal, dass ich wirklich frage, aber es ist nichts zu machen. Sie würde den Leuten dann immer Arbeit anbieten, aber die würden immer ablehnen. Hm, eine Arbeit für ein Mittagessen? „Nee, nicht für ein Mittagessen, für Geld.“ Ich nicke einfach mal. Sie schaut irritiert, dass ich annehme. Sie telefoniert und hat tatsächlich was. Aber ich muss bis nach Mittag warten. So mache ich eine kurze Pause, kaufe noch ein kleines Brot für meine Bi-Fis und einen Berliner – danach war mir, jawohl! Gegen zwei (lange Mittagspause!) kommt ein Mensch vom Bauamt und nimmt mich mit zum Häckselplatz. Hier türmt sich ein Berg aus Ästen und anderem Gartenmüll. Der muss durch den Häcksler. Ich bekomme eine kurze Einweisung in die Sicherheits-Bestimmungen, einen Helm (hä?), Handschuhe und, ganz wichtig, einen Ohrenschützer. Wir machen aus, dass ich vier Stunden arbeite und dann hier in der Werkzeughütte schlafen kann. Da ist sogar Wasser und Strom. Und morgen früh holt er mich um neun ab und fährt mich wieder ins Rathaus. Also dann mal los, häckseln. Die erste halbe Stunde geht das ja noch. Dann wird dieser Lärm lästig, dann die Dornen, dann alles. Nachdem gestern schon mein Respekt vor (fast) allen Bedienungen dieser Welt gestiegen ist, waren heute die Gärtner dran. In der Hütte ist eine Uhr und ich mache immer mal wieder eine kleine Pause und schaue. Noch zwei Stunden. Noch eine. Noch eine halbe. Bäh! Ich weiß, warum die Arbeit niemand machen will. Zweimal fährt der orange Wagen der Stadtverwaltung vorbei. Wahrscheinlich wollen sie sehen, ob ich auch was arbeite. Endlich Feierabend. Ganz blöd ist dann, dass ich nicht mehr auf die Uhr geschaut habe und fast 15 Minuten zu lange gearbeitet hab. Leider ist der Bauhof ein wenig außerhalb und ich habe nicht mehr viel zu essen. Keine Lust, in die Stadt zu laufen, die Geschäfte wären wahrscheinlich eh schon zu. Und in eine Kneipe gehen will ich auch nicht. Also das letzte Brot und wieder ein paar Bifis. Ich kann die grinsende Fresse vom Schweini nicht mehr sehen. Die Hütte ist gut ausgestattet. Ich habe einen Kocher, mit dem ich Wasser warm machen kann. Ich habe einen Eimer, der als Dusche dient. Ich habe ein Radio. Ich habe eine Menge Säcke, die zum Bett werden. Was für ein schräger Luxus. Kilometer heute: 11,9 Kasse: 72,20 Euro

18.04.2006 um 08:31 Uhr

Günter, die zweite

ok, ich hab die Einträge gefunden und bau sie ein. Dann stimmt allerdings die Reihenfolge der Tage nicht, sorry. Günter