Jakobsweg_ohne_Geld

18.04.2006 um 08:16 Uhr

Anmerkung von Günter

Hallo, irgendwie waren die Formatierungen nicht in Ordnung, alles war in einer einzigen Zeile untergebracht. Ich habe versucht, das neu zu formatieren und hoffe, es ist nichts verloren gegangen. Bitte schaus mal an, wenn Du Zeit hast. Mist, ich sehe, dass zwei Tage fehlen, der 12. und der 14. Hast Du da nichts geschrieben oder hab ich die jetzt gekillt? Bin immer noch begeistert. Und entsetzt. Und überhaupt ... Weiter so. Liebste Grüße Günter Ernesto: Timo hat Deinen Kommentar vielleicht übersehen - die Bilder sind unter: http://heiligerjakob.blog.de/

12.04.2006 um 08:11 Uhr

Dienstag, 11. April. HB mit Gulasch

Am nächsten Morgen warte ich wie versprochen um neun auf den Wirt und er ist sichtlich erstaunt, dass ich noch da bin. Hätte er nicht gedacht, meint er, ich hätte ja einfach weitergehen können, mein Essen hatte ich schon. Ich grinse ihn nur an: Versprochen ist versprochen. Er bietet mir an, dass ich entweder bis Mittag arbeite, ein Essen und 10 Euro bekomme und dann weiter gehe. Oder bis zum Abend arbeiten, dann noch ein Essen, hier noch einmal übernachten kann, ein Frühstück und 25 Euro. Ich überlege kurz: Arbeit wird in Frankreich eher schwer zu kriegen sein, also nehme ich die lange Variante. Die Aufgabe, die er hat, ist nicht gerade eine leichte: Ich muss alte Waschbetonplatten von einem Stapel nehmen, sie mit Schlauch und Bürste abschruppen und in 10er-Stapel vor dem Haus aufbauen. Er will da eine Terrasse anlegen für den Sommer. Also dann los. Die Dinger sind ziemlich schwer und der Dreck ist hartnäckig. Der Regen stört nach 10 Minuten nicht mehr, die Kälte auch nicht. Aber die Stapel vor dem Haus wachsen. Zum Glück habe ich ein paar Flaschen Mineralwasser da. Kurz vor Mittag kommt ein Auto hochgefahren. (Ziemlich der) Original-Dialog: „Wo’sn der Klausi?“ „Der Wirt?“ „Jo.“ „Kommt so gegen 12 wieder.“ „Sach em, dass heid Abend um halb sechse die HB’ler kommen, mit Gulasch.“ „Hä?“ „Er weiß dann schon. Und sach, dass eher viel HB kommt. Alla.“ Und weg war er wieder. Als „Klausi“ dann kommt und ich ihm das sage, flucht er. Er erklärt mir, dass HB die Handballer sind, dass das „mit“ heißt, die kommen mit Frau oder Freundin, und dass sie Gulasch essen wollen. Aha! Ich schruppe noch ein paar Platten und er macht das Essen, wieder Braten mit Nudeln. Während wir gemeinsam essen, wird umdisponiert. Ich bekomme eine Einkaufsliste und sein Auto und muss nach Achern fahren, Gulasch und ein paar andere Sachen holen. Zum Glück kenne ich mich mit dem Route-Finder aus. Ist mir ganz Recht, besser als Platten schleppen. Als ich wieder zurück bin, werde ich als Küchenhelfer angelernt. Zwiebel mit der Maschine schneiden, Gulasch anbraten, umrühren, Bier einräumen ... Abends schließlich mutiere ich auch noch zur Bedienung. Und das ist gar nicht schlecht. Die reguläre Bedienung übernimmt die Handballer, ich die anderen Gäste und darf sogar kassieren. „Wenn die Kasse stimmt, dann gehört das Trinkgeld dir“, sagt Klaus. Am Abend tut mir zwar unter anderem der Rücken weh, aber die Kasse stimmt und Klaus ist zufrieden. Die Hbler haben ihr Gulasch bekommen und ordentlich getrunken. So erfahre ich nebenbei, dass am Bier fast nichts verdient ist, am Essen auch nicht so viel, weil es eine Menge Aufwand ist, aber am Schnaps und am Kaffee dafür. Schade, meine Gäste haben gar keinen Schnaps getrunken, Kaffee schon. Trotzdem habe ich 18 Euro Trinkgeld in der Tasche. Wenn ich die Bude putze, dann kann ich mein Feldbett in die Gaststube stellen und darf den Internetanschluss benutzen. Klaus hat eh ne Flatrate. Klar, ein Angebot, das ich nicht ausschlagen kann. Auch, wenn ich bis kurz nach eins putze. Ins Blog gehe ich erst morgen früh. Kilometer heute: 0 Kasse: 70,10 Euro

12.04.2006 um 07:45 Uhr

Montag, 10. April. Wolken

Musik: Sad Eyed Lady of the Lowlands

Ich bin bisher bei weitem (nach Kilometern) nicht so weit gekommen, wie ich eigentlich wollte. Also mache ich mich wieder auf den Weg. Fest vorgenommen, heute wird richtig gelaufen. Das lenkt ab und bringt mich weiter weg von Irmi. Allerdings drückt mich wieder das Fresspaket von Kevin schwer. Aber das werde ich im Laufe der Tages verdrücken ... Zunächst einmal muss ich wieder eine lange Strecke durch die Innenstadt stapfen, entlang einer blöden Straße. Ein eiskalter Regen kommt runter, im Radio haben sie sogar Schnee vorausgesagt. Toll! Aber dann geht es, wenn auch erst mal steil bergan, in den Wald rein, eigentlich ein schöner Weg. Ich versuche, Irmi aus dem Kopf zu kriegen, aber es klappt nicht. Sie ist einfach da, wie eine Wolke, die dauernd über mir schwebt. Ich versuche, mich auf den Weg und alles, was da ist zu konzentrieren. Auf die Bäume, jedes Auto, jede Kreuzung, jedes Vogelhaus am Baum, jeden Radfahrer, den ich treffe … Um die Mittagszeit bin ich an der Straße von Malschbach nach Neuweier. Ich mache eine doch längere Pause und stapfe dann weiter. Zwei kleinere Pausen und einige Schlaufen durch den Schwarzwald später, bin ich an der Straße nach Sasbachwalden. Es ist zwar nicht so toll, von der Wegführung her, hier knapp unterhalb der B 500 zulaufen, aber ich will unbedingt nicht in die Rheinebene runter. Dachte, ich finde hier oben mehr Ruhe. Also bleibe ich „oben“ und laufe noch eine Stunde. Ich wollte mir oberhalb von Kappelrodeck ein Plätzchen suchen, aber dann komme ich auf einen Weg, der mich direkt in die Stadt führt. Ich komme an eine Vereinsgaststätte, die eigentlich geschlossen hat. Aber der Wirt ist da und lädt leere Bierkisten in ein Auto. Ich frage ihn nach Wasser und wir kommen ins Gespräch – woher ich komme, wo ich hingehe, die üblichen Fragen. Ja, dann kann ich ihn gleich fragen, ob der nicht eine Arbeit hätte für ein Abendessen. Er hat sofort eine, aber erst morgen. Und einen Schlafplatz hat er auch, in der Hütte stehen sogar ein paar Feldbetten. Während ich die Kisten einlade, macht er mir schnell ein Essen warm – Braten und Nudeln. Salat her er keinen, entschuldigt er sich. Ich esse draußen, weil er weg will, trinke eine Flasche dunkles Bier und genieße den Abend. Auch der Schlafplatz ist nicht schlecht, das Feldbett gar nicht so unbequem. Kilometer heute: 24,9 Kasse: 52,10

12.04.2006 um 07:16 Uhr

Sonntag, 9. April. Wein, Weib und Gesang.

Stimmung: Gregorianisch
Musik: s.o.

Ja, ja, ja, Ihr habt richtig gelesen. Aber es ist ein wenig anders, als Ihr Euch das vorstellt. Zuerst einmal bin ich wieder „nach Gefühl“ gelaufen. Wie war das bei Loriot: „Vielleicht stimmt ja mit Deinem Gefühl etwas nicht.“ Auf jeden Fall bin ich nicht in Baden-Baden, sondern in Ebersteinburg gelandet. Immer bergauf ... Aber dann war es nicht mehr zu verfehlen. Verfehlt habe ich dafür aber Kevin, für den ich ja einen Brief und eine Empfehlung hatte. Seine Frau ist am Telefon und sagte mir, dass er erst am späten Nachmittag wieder da ist. Also schaue ich mir die Stadt an. Ich war noch nie in Baden-Baden und bin auch nicht sicher, ob ich was versäumt habe. Die Häuser sind zwar sehr schön zum Teil, aber hinter hohen Toren und Hecken versteckt, vergittert, verdeckt. Die Preise auf den Speisenkarten sind astronomisch. Ein Restaurant, Stahlbad, hatte Vorspeisen drin, die über 20 Euro kosten. Das ist für mich, der Gesamtbedarf von zwei bis drei Tagen. Von einem Hauptgericht könnte ich preislich eine Woche leben. Ich setzte mich in den Kurpark, schaue mir die Trinkhalle an, das Casino hat noch zu. Bummle ein wenig durch die Einkaufszone ... Das Burda-Museum kostet Eintritt, aber die aktuelle Ausstellung interessiert mich ah nicht und der Bau ist eigentlich auch ganz nett. Ich habe Hunger und kaufe mir eine Portion Pommes und eine Wurst – die musste ich einfach haben. Dann stapfe ich in Richtung Bahnhof, wo Kevin wohnt. Hier werde ich mit offenen Armen aufgenommen, ja, ich war eigentlich schon gestern oder vorgestern erwartet worden. Also muss ich gestehen, dass ich etwas getrödelt habe. Es gibt ein Gästezimmer, es gibt eine Dusche, es gibt Kaffee und selbst gemachten Apfelkuchen. Natürlich muss ich erzählen, was so alles passiert ist. Soll ich das mit der Bäckerei gestern erzählen? Ja, warum nicht. Er schüttelt nur den Kopf, meint aber, dass manche Menschen halt unter gewissen Umständen sehr aggressiv reagieren. Er muss es wissen, er ist Polizist. Und dann – machen wir uns auf ins Kloster Lichtenthal. Ich schaue ihn komisch an. Er lacht nur und meint, dass es sich lohnt. Und da hat er Recht: Schon das Kloster hat etwas ... ich weiß nicht, was. Es gibt einfach Plätze, die sind beseelt. Ich will nicht von Energieadern oder anderen esoterischen Dingen reden, davon halte ich nicht viel. Aber manche Plätze/Orte strahlen etwas aus, das Besitz ergreift, ohne Besitz ergreifend zu werden - wenn man sich darauf einlassen kann. Und dann die Nonnen, die waren einfach sehr stark, in sich ruhend. Das Stundengebet wird in lateinischer Sprache, der Sprache der Kirche, gesungen, und zwar nach den alten Melodien des Gregorianischen Chorals. Das passt natürlich hervorragend zur klassischen, etwas kühl im Stil der 60er renovierten Gotikkirche. Leider versäume ich es, nach dem Gottesdienst mit einer der Frauen ins Gespräch zu kommen. Ich war mir aber auch nicht sicher, ob sie das wollen. Immerhin ist die Klausur, die Abgeschiedenheit und das Schweigen ein Teil ihres (Kloster)Lebens. Und ich wollte auch nicht herkommen und sagen: „Hallo, ich bin Pilger, lobt mich.“ Immerhin denke ich gerade noch daran, mir einen Stempel für mein Buch zu holen. Und apropos Buch, die haben ganz tolle Kaligraphien hier. Wir fahren wieder zurück und Kevin will mich eigentlich in die Caracala-Therme einladen. Aber das wird mir dann doch zu spät. Wir reden noch ein wenig über Gott und die Welt. Ich erfahre, dass Stuttgart endlich mal gegen Nürnberg gewonnen hat und die Bayer verloren. Auch schön. Nach einem üppigen Abendessen gehe ich dann früh schlafen. Kevin und Katrin müssen auch bald raus, sie haben Frühschicht. Kilometer heute: 11,2 Kasse: 52,10

12.04.2006 um 06:43 Uhr

Samstag, 8.April. Brot und Rosen

Stimmung: Black
Musik: Paint it black, Rolling Stones

Das Aufstehen fällt mir wieder schwer. Es ist wieder wolkenloser Himmel, leicht diesig, aber a…kalt. Ich schaue auf die Landschaft am Rhein, kann sie aber nicht wirklich erreichen/erfassen. Ein Reiher stakst über die Wiese, sucht nach seinem Frühstück. Ich sehe ihm zu und schaue, was ich noch habe. Nicht viel, meine Care-Pakete, die ich bisher ziemlich reichlich erhalten habe, sind so gut wie weg. Gummibärchen. Na ja. Also mache ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem, immerhin habe ich noch genügend Geld. Das wird, komischerweise, immer mehr. Aber so einfach ist das gar nicht. Ich hab mal wieder keinen Plan, vergessen dann auch, wie der Ort heißt. Schließlich frage ich einen Mann, der eine Hecke schneidet, nach einer Bäckerei. Er weiß keine, aber einen kleinen Laden, der auch Brot hat. Noch besser. Und der „Gärtner“ schenkt mir noch eine kleine Rose, die er eben abgeschnitten hat. Ich finde den Laden und frage nach Brot von gestern. Sie haben keines, aber ich bekomme ein kaputtes ganz billig. Dazu noch einen Käse mit Ablaufdatum von heute zum halben Preis und schon ein paar weiche Trauben geschenkt. Auf einer Bank vor der Kirche mache ich dann Brotzeit. Die Rose, die ich an den Rucksack gesteckt habe, fällt mir ein. Und ein, ich glaube chinesisches Sprichwort: „Ich habe Brot gekauft und rote Rosen geschenkt bekommen: wie glücklich bin ich, beides in Händen zu halten.“ Mit vollem Magen studiert es sich vielleicht nicht gut (noch ein Sprichwort), aber es denkt sich besser und ich orientiere mich. Ich bleibe zwischen Rhein und Schnellstaße und komme auf einem schönen Weg nach Steinmauern und von da auf einem weniger schönen nach Rastatt. Eigentlich eine schöne Stadt, aber mit zu viel Verkehr mitten durch. Gut, was will man erwarten von einer Stadt, die ein riesiges Mercedes-Werk hat. Es ist wieder wärmer geworden. Ich sitze im Stadtpark, habe die Stiefel ausgezogen und genieße ein paar Minuten Ruhe von allem. Vor allem vom Laufen. Eigentlich wollte ich mir das Museum im Schloss anschauen, aber irgendwie habe ich keine Lust mehr. Ich sitze einfach da, und sitze und sitze. Also gut, dann weiter. Ich will noch aus der Stadt raus und mir einen schönen Schlafplatz suchen. Eine Bäckerei einer bekannten Kette liegt auf dem Weg. Ich gehe rein und frage ganz höflich, ob sie vielleicht eine Arbeit hätte, mit der ich mir ein Brot verdienen könnte. Die Antwort überrascht mich so, dass ich sie gar nicht richtig wahrnehme. Irgendwas von „dreckigen, faulen Bettlern und Ausländern, die ihr die Arbeit wegnehmen, von Sozialhilfe leben und sie dann blöd anmachen - von denen hat sie die Nase voll“. Ich schaue mir die Frau an: Um die 50, über 20 Kilo zu viel, schmuddelige Schürze, schreckliches Make-up. „Nein“, sage ich nicht ganz fair, „anmachen würde ich sie ganz sicher nicht. Selbst so ein dreckiger Bettler wie ich hat eine Ekelgrenze.“ Ich drehe mich um und gehe raus - in dem Moment kracht es neben mir. Sie hat einen Tesaabroller nach mir geworfen, aber nur die Schaufenster-Dekoration getroffen. „Daneben“, sage ich, ohne mich umzudrehen. Aber irgendwie habe ich dann doch Angst, dass die kranke Frau mir mit einem Messer in der Hand nachläuft. Aber sie kommt nicht. Immerhin hat sie mich auf die Idee gebracht, dass ich als Penner ja noch zum Sozialamt gehen kann. Ist eh gleich um die Ecke – und hat am Samstag natürlich zu. Ich hab ein wenig den Bezug zum Kalender verloren. Ich mache Großeinkauf im Supermarkt: Brot, Wurst, Schokolade (mir ist danach), eine Banane und Butterkekse (Sonderangebote). Ich laufe endlos aus der Stadt raus, unter der Autobahn durch, sehe Schnellstraßen, Landstraßen und andere Straßen. Irgendwann sehe ich dann Wald und halte einfach darauf zu. Ich suche mir eine schöne Bank, mache Rast und esse. Der Schrittzähler zeigt fast 24 Kilometer. Ich schaue auf die Karte und sehe, dass ich locker hätte nach Baden-Baden kommen können heute. Aber das Erlebnis in Rastatt hat mich dann doch etwas verwirrt. Ich konnte gar nicht mehr klar denken. Habe ich etwas Falsche gesagt? Habe ich sie so provoziert? Was wäre gewesen, wenn sie getroffen hätte? Ich bleibe sitzen bis es dämmrig wird, dann verziehe ich mich in den Wald rein und baue mein Zeit auf. Fast vergessen: Alles Gute zum Geburtstag, Kerstin! Bussis und Knuddel. Kilometer heute: 24,1 Kasse: 58,80

12.04.2006 um 06:09 Uhr

Freitag, 7. April. Badische, Unsymbadische und die Ohnmacht des Betens

Stimmung: mies, obermies, richtigobermies
Musik: Don't think twice, Bob Dylan

Kurz nach sieben Uhr morgens ist Tina wieder da, ich muss ja weg sein, bevor jemand kommt. Sie hat frische Brezeln mitgebracht und wir frühstücken noch zusammen. Ich erzähle ihr nichts von Irmi und mir. Ich will nicht, dass jemand Fragen stellt. Sie hilft mir noch schnell, die Bilder vom Foto zu laden, aber wir kriegen sie nicht ins Blog. (Günter, die schicke ich Dir per Mail in der Zwischenzeit, wenn’s geht, bau sie ein. Danke!) Also verabschieden wir uns, sie wünscht mir viel Glück und gibt mir noch eine Tüte mit lauter kleinen Gummibären-Tütchen mit, die sie als Muster bekommen haben und die hier keiner mehr sehen kann. Im Radio haben sie vorher gesagt, dass der Winter wieder zurückkommt – wenn auch nur für einen Tag. Und das stimmt. Es ist affig kalt, aber strahlend blauer Himmel. Also wenigstens kein Regen. Ich beschließe, dass ich noch ein wenig was von KA anschaue. Am Schloss bin ich schon gestern vorbeigekommen. Kostet alles Eintritt. Ich würde gerne das ZKM sehen und die Kunsthalle. Also laufe ich in die Stadt, aber es ist natürlich noch viel zu früh. Und bei der Kälte über zwei Stunden warten habe ich auch keine Lust. Außerdem kostet es Eintritt. Ich könnte es ja mal auf dem Sozialamt versuchen. Aber die haben ja auch noch zu. Und das ZKM ist mir dann doch zu weit abseits meiner Route, und wahrscheinlich komme ich eh nicht umsonst rein. Ich will mich eigentlich schon auf den Weg machen, aber dann will ich noch einen Stempel haben von KA. Also frage ich mich zur nächsten katholischen (schließlich bin ich Pilger) Kirche durch. Als ich am Pfarramt klingle und um einen Pilgerstempel frage, bekomme ich folgenden Satz zur Begrüßung: „Ah, schon wieder so ein Schnorrer“. Und während ich noch erstaunt schaue und nach einer Antwort suche, die scharf genug, aber nicht unverschämt ist, verschwindet die Person wieder, lässt aber die Türe offen. Was soll denn das nun wieder? Ich überlege, dass ich mich schriftlich beschwere, vielleicht beim Papa Razzi, aber in dem Moment geht die Türe wieder auf, ein 10-Euro-Schein wedelt vor meiner Nase. „Das reicht, alla, grüß Gott.“ Und die Türe ist in dem Moment zu, als ich den Schein nehme. Ich wollte meinen Stempel holen – und bekomme Geld. Aber eigentlich wäre es mir lieber gewesen, wenn die Leute nett sind. Anscheinend sind nette Worte schwerer zu kriegen als Geld. Es gibt halt, wie ein alter Spruch sagt, Badische und Unsymbadische. Ich laufe in Richtung Südwesten. Nicht so einfach, wenn man in einer größeren Stadt ist. Zickzack und die Straßen entlang. Ich komme an einem Aldi vorbei, der gerade aufmacht. Wie war das noch mal mit dem Aldi? Da gibt es ab und zu Sachen kostenlos, wenn das Datum überschritten ist. Mal schauen bzw. fragen. Nein, so was haben sie nicht. Aber als ich frage, ob ich was helfen kann, da stimmt die Dame zu. Ich helfe ihr geschwind, ein paar Paletten einzustapeln, nach einer halben Stunde sind wir fertig, und ich bekomme einen Apfelsaft, zwei Dosen Tunfisch, Essiggurken, Oliven, zwei Bananen und eine Packung Brot. Ich suche mir eine Bank und mache erst mal Brotzeit. Eine Süddeutsche Zeitung liegt auf der Bank, ist von letztem Samstag schon, aber auf der ersten Seite steht etwas, was ich sehr witzig finde: Beten hilft nichts. Die Amis haben tatsächlich einen großen Versuch gemacht und haben mit Unterstützung der Kirche für Krebskranke gebetet. Dabei haben sie die Leute in drei Gruppen eingeteilt: Die einen, denen man gesagt hat, dass für ihre Gesundheit gebetet wird. Die zweite, für die heimlich gebetet wurde und die dritte, für die nicht gebetet wurde. Das Ergebnis ist einigermaßen ernüchternd für die Kirche: Gruppen zwei und drei waren ziemlich gleich in den Heilungserfolgen und Komplikationen. Aber Gruppe eins schloss schlechter ab. Vermutlich, so die Forscher, weil die Menschen dachten, oh weh, es ist schon so schlimm, dass sie für uns beten müssen. Ich finde das herrlich. Also, an der Stelle noch mal die Frage an alle, die mir die Bitte auf den Weg gegeben haben, für sie in Santiago zu beten. Soll ich wirklich? Aber im Ernst: Der Wunsch an wirklich alle – bleibt gesund! Dann stapfe ich weiter. Es ist ein wenig wärmer, aber nicht wirklich gemütlich, der Wind ist sehr kalt. Endlich bin ich aus der Stadt draußen. Ich laufe relativ gemütlich, aber ohne größere Pause, knabbere unterwegs die Gummitiere, bis mir dann so leicht schlecht wird und versuche den Verkehr zu ignorieren. Ich laufe und lauf. Mache den MP3 hin und singe mit (zum Glück hört das niemand). Bob Dylan kommt: It ain’t no use in turning on the lights babe … I’m walkin down that long lonesome road babe … Wie kriegt man eine Frau aus dem Kopf, die einem fehlt? Irgendwann habe ich keine Lust mehr. Ich bin auch irgendwo falsch abgebogen, bin plötzlich unten am Rhein. Auch nicht schlecht, denke ich und laufe weiter. Ein kleiner Ort namens Neuburgweiher, dahinter ein schmales Wäldchen und der Rhein. Ich suche mir ein schönes Plätzchen, an dem mein Zelt niemand sieht, setze mich auf eine alte Öltonne und esse den restlichen Tunfisch, dazu Oliven und Brot. Jetzt würde ein schwerer Rotwein passen, stattdessen Leitungswasser. Kilometer heute: 25,2 Kasse: 64,20 Euro

07.04.2006 um 00:42 Uhr

Donnerstag, 6. April. Eine kurze Liebe, ein langer Weg und ich mitten drin

Wieder kann ich nicht gut schlafen. Dauernd dieses Gefühl, dass da draußen vor dem Zelt jemand ist. Aber dann komme ich doch relativ früh aus dem Schlafsack. Er regnet mal nicht, aber es ist affig kalt. Ich packe zusammen und mache mich dann auf den Weg in Richtung Karlsruhe. Ich gehe zunächst ins nächste Dorf und kaufe mir einfach mal mein Frühstück. Das erste, das ich bezahle. Danach kurzer Kassensturz: 59,30 Euro. Super! Dann laufe ich los. Zwischen B 293 und B 10 hindurch passiere ich Wöschbach und Pfinztal und bin schließlich in Durlach. Ich rufe Tina an und frage, ob ihr Angebot noch steht. Tut es, und wir verabreden uns am späten Nachmittag, wenn sie Feierabend hat. Jetzt ist es kurz vor zwei. Da bin ich gut gelaufen, der Schrittzähler zeigt runde 17 Kilometer. Ich schaue mir ein wenig die Altstadt von Durlach an, verputze meine restlichen Lebensmittel, die ich noch aus Maulbronn habe und gehe ... aufs Sozialamt. Ist nur vormittags offen. Der Weg nach Karlsruhe ist nicht so toll. Immer an großen Straßen entlang, immer mit viel Verkehr. Wir haben uns direkt an der Pyramide verabredet. Wieder etwas gelernt: Karlsruhe hat eine Pyramide. Na ja, so groß wie die ägyptischen ist sie nicht ;-) Tina ist pünktlich und nett. Ein wenig hektisch, aber für einen „Pilger“ sind die meisten anderen Menschen ein wenig hektisch. Sie will mir Karlsruhe zeigen, einen kleinen Spaziergang durch den Schlosspark und so ... Ich muss dankend ablehnen. Wenn’s geht, nicht mehr laufen. Also bummeln wir ganz langsam die Kaiserallee entlang, den vielen Kebabständen nach heißt das Ding bald Sultanallee. Wir kommen an einem Buchladen vorbei und Tina, bekennender Bücherfreak, zieht zielsicher ein kleines Buch raus: Auf dem Jakobsweg, Paulo Coelho. Es kostet 2 Euro, Tina kauft es und schenkt es mir. Eigentlich will ich es nicht annehmen, auch, weil ich es tragen muss. Aber sie meint, dass ich es ja wegwerfen kann, wenn ich es gelesen habe. Wegen der 2 Euro. Und unterwegs ist es sicher mal abends so langweilig, dass ich was zu lesen haben will. Also stecke ich es ein. Ich erinnere mich dunkel, dass jemand mal gesagt hat, das Buch sollte man nicht lesen, weil der Typ nur mit dem Mercedes den Jakobsweg entlanggefahren ist, ihn aber nicht selbst gegangen ist. Bin mir nicht ganz sicher, ob es das Buch ist. Mal sehen, vielleicht finde ich das Mail noch. Wir gehen ins Café Bleu, eine Stundenkneipe, in der man brauchbar und vor allem billig essen kann. Tina lädt mich ein, was mir natürlich sehr recht ist. Und, das ist das Beste, sie hat mir einen Platz zum Schlafen inklusive Internetzugang, Telefon, Dusche, Tannenzäpfle und Gummibären besorgt. Ich hab vorher mit Irmi telefoniert. Erst war Susanne dran, ihre Schwester, und meinte, Irmi will nicht mit mir sprechen. Hä? Susanne druckste ein wenig rum und meinte, dass sie Schluss gemacht hätte. Ich bin irgendwie wie gelähmt, kriege kein Wort raus. Schließlich kommt Irmi doch, aber sie will nicht lange reden. Sie meint nur, dass es einfach keinen Zweck hat mit uns. Weniger, dass ich unterwegs bin jetzt. Mehr, dass wir einfach zu sehr verschieden sind. Und wir kennen uns ja schon so lange, wenn wir das nun noch länger aufrecht halten, dann geht alles kaputt, was wir die langen Jahre miteinander aufgebaut haben. Mehr will sie nicht sagen, legt auf, und ich bin ganz froh darüber. Ich bin total leer in dem Moment, weiß gar nichts, was ich sagen soll. (siehe Prolog) Und da sitze ich jetzt – höre meine Notizen ab und schreibe sie in mein Blog. Inzwischen ist es nach Mitternacht, aber ich bin nicht müde. Oder doch? Ich weiß es nicht und lege mich endlich hin. Kilometer heute: 26,4 Kasse: 54,20 Euro

06.04.2006 um 23:56 Uhr

Mittwoch, 5. April. Von Faust zu Melanchthon

Ich war früh in meinem Gartenhaus verschwunden, war ein wenig müde, obwohl ich gerade mal 5,6 Kilometer gelaufen war. Das Frühstück war einfach, aber reichlich. Selbst gemachte Sülze und frisches Brot – was gibt es Besseres? Aber aus meinem frühen Start wurde nichts. Zum einen „musste“ ich ja noch ins Museum. Zum anderen bekam ich das Angebot, noch mal 3 Stunden im Garten zu arbeiten. Das könne sie sich sonst nie leisten, sagte die gute Frau und gab zu, dass selbst ihre Enkel teurer wären. Also ging der Vormittag mit Plattenputzen, Unkrautkratzen, Beet umgraben drauf. Immerhin kam ich so zu einem guten Mittagessen. Als Wegzehrung noch einen Apfel und ein belegtes Brot. Gleich konnte ich auch nicht los, denn ich „musste“ ja noch ins Museum, und das machte erst um zwei auf. Also langsam angehen. Vorher hatte ich noch Zeit, meine Finanzen zu regeln. Ich hatte 55 Euro in der Tasche, hatte seit meinem Start noch gar nichts ausgegeben. Das Museum war dann auch sehr interessant und nicht zu umfangreich. So war ich in einer Stunde „durch“, holte zweimal tief Luft und machte mich auf den Weg. Ich wollte heute richtig Meilen machen, denn mit den 5 Kilometern von gestern war kein Staat zu machen. Aber so richtig wurde nichts draus. Ich wieder nur exakte 5 Kilometer bis Bretten. In Bretten ist Markt. Hm, vielleicht eine Gelegenheit, die Reisekasse weiter aufzustocken. Aber nachdem ich bei allen Ständen gefragt habe, bin ich „nur“ um eine Bratwurst reicher – immerhin. Ich schaue bei der Gelegenheit die schönen Häuser am Marktplatz und stehe dann vor dem Rathaus. Kurze Überlegung ... Warum nicht. Aber das Sozialamt, das zuständig war, hat schon geschlossen. Ich mache, mehr aus Zufall einen Schwenker zur Stiftskirche. Hier treffe ich auf den Pfarrer, der mir nicht nur erklärt, was es mit dem Brettener Hundl auf sich hat, der hier aus Stein verewigt ist – er gibt mir auch meinen zweiten Stempel ins Pilgerbuch (einen evangelischen, schon wieder!) und er gibt mir 10 Euro aus seiner (eben geschaffenen) Pilgerkasse. Zwei ältere Damen kommen dazu, der Pfarrer erzählt ihnen von meiner Wanderung. Die beiden sind begeistert, kennen den Jakobsweg und sind begeisterte Frankreich-Fans. Sie lieben die alten Städte und die Kirchen. Ich lobe die schöne Stadt Bretten und die tollen Häuser am Marktplatz. Eine der Damen fragt, ob ich denn das Melanchthonhaus gesehen hätte. Von außen ja, sage ich. Das müssen sie sich schon innen anschauen. Ich frage, ob es was kostet. „Äh, ja, zwei Euro“. Ich zucke mit den Schultern: „Zu teuer“. „Ach was“, sagt sie, kramt in ihrem Geldbeutel und drückt mir einen Zweier in die Hand. Und es ist wirklich ein tolles Haus (Tina, das wäre was für Dich, so viele alte Bücher!). Ansonsten kann ich mit dem guten Reformer und Humanisten nicht so viel anfangen. Immerhin lerne ich, dass er an Luthers Bibelübersetzung beteiligt war und dass er das Schulwesen grundlegend geändert hat. Als ich rauskomme, stehen die beiden Damen schon wieder da und ziehen mich zu ihnen nach Hause. Es gibt Nudeln und Braten, rote Beete und Thymiantee. Ich wusste gar nicht, dass man daraus Tee machen kann – aber er schmeckte hervorragend. Mit einer Tafel Schokolade, zwei Äpfeln und weiteren 10 Euro verlasse ich das Haus der beiden netten Schwestern und gehe schließlich aus der Stadt. Aber schnell tun mir die Pfoten weh. So durch die Stadt, Kirchen und Museen schlendern ist noch anstrengender als zügig durch die Landschaft wandern. Ich telefoniere mit Irmi. Viel zu kurz, viel zu schön. Übernachtet wird wieder im Wald. Einfach irgendwo mittendrin. Vorher habe ich noch ein wenig Zeit, von einem kleinen Hang in ein kleines Tal hinunter zu schauen. Aber dann regnet es schon wieder. Irgendwo krächzt ein Fasan, aber ich kann ihn nicht entdecken.

06.04.2006 um 23:28 Uhr

Dienstag, 4. April. Klosterleben

Obwohl ich fix und fertig bin, kann ich nicht einschlafen. Vielleicht auch, weil ich so fertig bin. Mit dem Umweg am Flughafen und dem Boulespiel zeigte mein Schrittzähler 39,6 km. Das ist unglaublich viel, finde ich. Der Boden ist uneben, ich liege unbequem, hätte noch Blätter oder so drunter legen sollen. Und jedes Geräusch lässt mich auffahren und hellwach nach draußen horchen. Ich rede mir ein, dass es zum einen keine wilden Tiere gibt, zum anderen wohl keinen, der mich hier draußen suchen geschweige denn finden würde. Und außerdem gibt es eh wenig Menschen, die einem etwas Böses wollen. Wahrscheinlich habe ich dann doch irgendwann geschlafen. Aber viel nicht. Und ich bin früh wieder wach, habe aber keine Lust, vor sechs aufzustehen. Es ist affig kalt und das ganze Zelt ist patschnass. Ich bibbere richtig, als ich aus meinen Schlafsack krabble und beeile mich, alles schnell zusammenrollen. Und dann nichts wie los. Ich lege ein gutes Tempo vor, damit mir da wenigstens ein wenig warm wird und bin nach wenigen Minuten in Maulbronn - meine erste Station, das erste UNESCO. Ich muss an Tina denken, die mich da drauf gebracht hat mit den UNESCOs. Am liebsten würde ich ihr eine Karte schicken - aber die kostet Geld. (Du verstehst mich schon, Tina, gell.) Die Kirche ist noch geschlossen, aber der Klosterhof ist wunderschön. Um die Zeit ist vor allem noch nichts los. Nachdem ich mich ein wenig umgesehen habe, geht der Ernst der Reise los. Jetzt muss ich mir also etwas überlegen, wie ich an etwas zu essen komme und an Geld für die Postkarte. Ich habe zwar noch ein wenig was von Adelheids Paket und meine kompletten 5 Euro, aber die will ich sparen. Während ich noch überlege, geht ein Mann auf die Kirche zu und schließt sie auf. Ich schnell hin, vielleicht kann ich das Ding ja doch von innen sehen. Aber er ist erst ein wenig ungehalten, als ich reingehe. Er wollte nur etwas holen, sagt er, und die Besichtigungen starten erst um 9 Uhr. Ich sage, dass ich nur ein wenig Ruhe finden wollte für meine Wallfahrt nach Santiago - und die Besichtigung könne ich mir eh nicht leisten, dafür habe ich wirklich kein Geld. „Maulbronn besuchen ohne es zu besichtigen, geht nicht“, meint er. Ich erkläre ihm geschwind, wie ich unterwegs bin, und er meint, dass wäre ja wirklich zu blöde, was ich da vorhabe. Aber dann lacht er und kann sich gar nicht mehr beruhigen. Eine halbe Stunde später sitze ich mit ihm im Frühstücksraum der Schule. Ich habe eine kurze Führung durch das Kloster hinter mir, weiß (fast) alles über das Kloster und seine Geschichte und erfahre, dass die Mönche schon im 12. Jahrhundert Mustergüter anlegten, um die landwirtschaftlichen Erträge zu steigern. Eine weitere halbe Stunde später weiß vieles über das Leben der Mönche und über die prominenten Gäste hier. Ich musste versprechen, Hesse zu lesen. Und noch eine weitere halbe Stunde später bin ich in tiefe Diskussionen verstrickt über Geld und Besitz, über Pilger und Christen. All das, was ich im Vorfeld schon so oft habe führen müssen, vor allem in den Foren der Pilgergesellschaften und so. Aber auch mit Freunden und Bekannten. Und dieses Mal mit theologisch geschulten Gegenspielern. Aber – ich hatte gar keine Diskussionsgegner. Im Gegenteil, durchweg alle waren der Meinung, dass es sehr wohl dem Grundprinzip der Pilger entspricht, so zu reisen. Und ich habe hier die meisten Tipps und Tricks bekommen, wie man unterwegs zu etwas Geld, einer Unterkunft oder Essen kommen kann. Gut, einige waren nicht ganz so legal, andere wiederum sehr banal und logisch. Immer wieder kommen neue Menschen an unseren Tisch - fragen, diskutieren, hören zu; teilen sich in die Gruppe, die meint, das wäre eine tolle Idee und in die, die glauben, dass es ziemlich blöde ist in der heutigen Zeit. Aber beide Gruppen sind schließlich nur noch damit beschäftigt, mir Ratschläge zu geben, wie ich meine Wallfahrt gut hinter mich bringen kann. Klöster und Kirchen werden als Anlaufstellen empfohlen. Einer meint, dass es im Aldi am Ausgang immer wieder einen Tisch gibt mit Sachen, die schon abgelaufen sind oder mit Brot vom Vortag. Einer meinte, dass Bettler gar nicht so schlecht leben und ich das ruhig versuchen soll. Am besten mit einem Schild „Pilger braucht Unterstützung“. Einer stellt die Früchte zusammen, die ich man unterwegs „ernten“ kann. Und von einem kam der Tipp aufs Sozialamt zu gehen. Da haben sich alle gewundert, dass ich den nicht kannte und mich auch ein wenig sträubte, ihn zu nutzen. Dort könne, je nach Gemeinde verschieden, als „Durchreisender“ eine Art Zehrgeld bekommen. Der Grund, dass die Gemeinden da die Kasse aufmachen, ist, dass sie die „Durchreisenden“, in der Regel Penner und Tippelbrüder (O-Ton aus dem Kloster) wieder loshaben wollen. Also nicht in der Stadt betteln oder der Gemeinde länger auf der Tasche liegen. Hm, passt mir gar nicht, weil ich ja nicht betteln will. Hat nichts mit Betteln zu tun, höre ich dann. Das ist eher eine Art Zuwendung von der Gemeinde. Na ja, hat schon einen gewissen Reiz. Und geht eh nur in Deutschland, erfahre ich, also komme ich nur noch ein paar Tage in den „Genuss“ dieser Erwerbsquelle. Was für Tipps von angehenden Priestern! Eine weitere Stunde später bin ich wieder unterwegs. Aber ich gebe zu, ich habe den Platz in der Nähe der Teekanne genossen, zumal es draußen immer wieder geregnet hat. Jetzt komme ich nur langsam in Tritt, und ich bin eh schon viel zu spät, um mein Tagesziel noch einigermaßen zu erreichen. Egal. Mit meinem ersten Stempel im Pilgerbuch, mit meiner ersten Postkarte und mit einem Vesperpaket, das mich schwer drückt. Auch, weil es unter anderem eine Flasche Wein beinhaltet. Das Kloster hat eben einen eigenen Weinberg, und der Wein soll gar nicht schlecht sein. Außerdem mit im Gepäck habe ich zwei Briefe. Einen Brief an einen Freund in Baden-Baden, einen in Straßburg. Und beide mit der Empfehlung, dass ich dort sicher übernachten kann. So stapfe ich schließlich aus dem Klosterhof, begleitet von Händeschütteln, Schulterklopfen und einsetzendem Regen. Der Weg führt steil hinauf durch die Weinberge in den Buchwald. Ich gehe langsam, der Rucksack ist viel zu schwer, die Beine auch. Ich mache trotzdem den kleinen Umweg zum See runter und lasse ein wenig meine Seele baden. Versuche, die Diskussion zu verarbeiten. Über den Sinn meines Unternehmens. Über die Art und Weise. Über die Chancen und Risiken. Komischerweise hatte ich hier von schätzungsweise 10 Leuten keinen, der meinte, das wäre nicht machbar. Und auch den Jakobsweg musste keiner vor mir schützen. Nur – jetzt kamen mir die ganzen Diskussionen und zum Teil Anfeindungen wieder in den Kopf, die ich im Vorfeld so erlebt hatte. Ich schaue auf das Wasser, sitze eine Stunde lang fast regungs- und schließlich auch gedankenlos da, nehme dann den Rucksack wieder auf und gehe nach Knittlingen rein. „Sie suachat sicher ’s Fauschtmusäum? Abr des hat scho zua.“ Die ältere Frau weiß, wonach Wanderer Ausschau hielten. Ich wusste noch nicht einmal, dass es hier ein „Faustmusäum“ gab. Aber das ist neben der Schlagergruppe „Die Flippers“, die Hauptattraktion des Ortes. Das erfahre ich alles von der gut informierten Dame, die es ihrerseits natürlich nicht auslässt, mich auszufragen. Ich erzähle ihr, was ich mache und dass ich eine Arbeit suche, um mir mein Abendessen und vielleicht eine Übernachtung zu verdienen. Sie sagt sofort, dass sie eine Arbeit für mich hätte. Es ist eh schon zu spät, um heute noch irgendwie voranzukommen, und so nehme ich das Angebot an. Eine Stunde später staple ich einen großen Brennholzstapel von der Garagenwand, die neu verputzt werden muss, um an die Hauswand. Drei weitere Stunden später tut mir der Rücken entsprechend weh. Die Handwerker wollten 100 Euro dafür, was ich denn verlangen würde?, fragte die Frau. Ich zucke mit den Schultern und sage, sie solle mir geben, was es ihr Wert ist. Sie meint, dass sie 30 Euro bezahlen kann. Dazu ein Vesper, ein Frühstück, eine Übernachtung im Gartenhaus und den Eintritt ins Museum am nächsten Tag. Den Wein zum Vesper spendiere ich, die Flasche ist einfach zu schwer, um sie durch die Gegend zu tragen. Und bei der Gelegenheit, als ich das „Klosterfresspaket“ ganz auspacke, entdecke ich ganz unten noch einen Umschlag mit 20 Euro.

06.04.2006 um 22:58 Uhr

Montag, 3. April. 555 Euro in der Tasche und ein unbezahlbares Gefühl im Magen

Musik: April, Deep Purple

Als ich morgens unter der Dusche stehe, habe ich mir überlegt, dass das mein letztes richtiges Bett für einige Zeit war, vom Luxus des riesengroßen Gästebades bei Herbert, den flauschigen Frotee-Handtüchern und der Fußbodenheizung ganz zu schweigen. Letztes gutes Frühstück, letzte gute Ratschläge. Zum Glück nicht so viele. Eigentlich nur einer: Wenn es gar nicht mehr geht, dann ruf an, fahr zurück, setz’ deine Notreserven ein. Ich verspreche es, denke mir aber im Stillen, dass es dazu nicht kommen wird. Meine Notreserven, das sind 500 Euro, versteckt im „Geheimfach“ des Rucksackes. Die sind eigentlich für die Rückfahrt. Dann 50 Euro, die für akute Notfälle unterwegs sind: Medikamente, Essen, wenn gar nichts geht, Telefon etc. Und dann noch 5 einzelne Euro, die mir Herbert noch auf den Tisch zählt, sozusagen als Startgeld. Damit’s eine schöne Schnapszahl ist, meint er lachend. Herbert ist ein wenig spät dran, ein kurzer Händedruck, dann ist er weg. Ich muss auf Günter warten, der sich bereit erklärt hat, die Kamera „einzufliegen“. Er ist einigermaßen pünktlich, und so kann auch ich meinen Rucksack packen. Ich habe allerdings Probleme, das Vesperpaket, das mir Adelheid mitgeben will, unterzubringen. Ein letzter Abschied. Hoffe ich. Und dann los. Raus aus Renningen, Als ich in den Wald oberhalb von Malmsheim „eintauche“, atme ich irgendwie auf. Jetzt geht die Reise eigentlich los. Das spüre ich daran, dass ich mich schlagartig einsam fühle. Erste Pause oberhalb von Heimsheim. Ich spreche meine ersten Gedanken auf dem mp3, muss ja auch gestern nachholen, weil ich das nicht wollte, so lange Irmi, Kai und Günter dabei sind. Dann weiter, leider der Hauptstraße entlang, weil ich unter der Autobahn durch muss, und da gibt es keine andere Möglichkeit. Und zum Teil keinen Gehweg, ich muss auf der Straße laufen – sehr blöd und gefährlich. Danach geht es wieder auf schönen Waldwegen weiter. Ich bin alleine unterwegs, keine Menschenseele ist hier auf den Beinen. Kein Wunder bei dem Wetter. Es regnet schon wieder. Kurze Pause an einer Grillstelle, Adelheids Vesperpaket muss reduziert werden. Der Tee ist schon weg und ich habe vergessen, in Heimsheim Wasser zu tanken. Aber ich will auch nicht nach Mönsheim rein, also laufe ich weiter und büße es durch ziemlichen Durst und recht schnell schwere Beine. In Wirnsheim tanke ich dann nach. Ich frage in einem Kindergarten, ob ich etwas Wasser haben kann, was gar kein Problem ist. Mein erstes „Almosen“. Ein Knirps fragt mich, was ich denn mache, und ich sage es ihm. Er hat zwar keine Ahnung, so Santiago de Compostela ist, aber er meint, dass das wohl sehr weit ist. Eine der Betreuerinnen holt einen Atlas und ich zeige es ihm. Ein Mädchen meint, so weit kann man gar nicht laufen. Und ein anderer Knirps sagt, dass ich wahrscheinlich nur kein Auto habe, und deshalb laufen muss. Die Kinder wollen, dass ich erzähle, was ich schon alles erlebt habe. Ist aber nicht viel, und eigentlich will ich weiter, bin eh spät dran. Andererseits tut es gut, die Beine mal auszustrecken. Außerdem kriege ich Reisbrei mit Apfel und Zimt – die Reste vom Nachtisch, dazu Früchtetee. Reisbrei mögen wir nicht so, sagt eines der Mädels und die anderen nicken. Als ich gehe, wünschen mir die Betreuerinnen viel Glück, schenken mir noch ein Mars und einen Euro und die Kinder stehen am Zaun und winken. Das hat schon fast etwas Groteskes. Guter Nebeneffekt: Ich bekomme einen Weg beschrieben über Enzberg, so kann ich die Strecke nach Mühlacker an der Bundesstraße entlang meiden. Blöderweise verlaufe ich mich dann aber an dem Flugplatz irgendwie. Aber schließlich schaffe ich es über die Bundesstraße nach Ötisheim und bin ziemlich fertig. Ich rufe bei Irmi an, aber sie ist nicht da. Danach lasse ich mich erst mal am Bouleplatz nieder. Ein paar ältere Leute kommen – sie tragen ihr erstes Turnier in dem Jahr aus. Der Regen stört sie nicht. Sie machen das seit Jahren schon so. Natürlich muss ich ihnen erzählen, von wo nach wo und warum ich unterwegs bin. Außerdem muss ich mitspielen, einer der Spieler kann heute nicht wegen Konfirmationsfeier (ich bin grottenschlecht). Und dann werde ich eingeladen zum Vesper. Und das alles, ohne dass ich erzählt hätte, dass ich ohne Geld unterwegs bin. Zum ersten Mal in meinem Leben esse ich Schwartenmager – wird nicht meine Lieblingswurst. Mit erholten Beinen und leicht beschwingt vom Trollinger ziehe ich spät am Abend weiter. Eine gute Stunde später bin ich kurz vor Maulbronn. Der Wald reicht fast an das Städtchen ran, und ich beschließe, dass ich hier im Wald zelte. Ich kann mich nicht entscheiden, wo eine gute Stelle ist und laufe noch eine Weile unnötig durch die Gegend. Schließlich wird es dämmrig und es beginnt schon wieder zu regnen. Ich lasse meine Sachen einfach irgendwo an einer einigermaßen ebenen Stelle fallen, baue mein Zelt auf und krieche rein. Meine erste Nacht also alleine draußen. Es ist kalt und nass.

06.04.2006 um 22:28 Uhr

Sonntag, 2. April. You never walk alone

Stimmung: Euphorisch
Musik: s. o.

Puh, die ersten Schritte sind die schwersten. Klar, war ja nicht anders zu erwarten. Vor allem nach der Fete, die gestern doch ein wenig länger gedauert hat. Irmi, Kai und Günter laufen mit bis Renningen, dem ersten Etappenziel. Nicht ganz zufällig gewählt, schließlich wohnt Herbert da. Hier werde ich meine erst Nacht verbringen. Zunächst ist erst einmal noch ein wenig Hektik, denn ein paar Leute sind doch zu der frühen Zeit gekommen, um mich zu verabschieden. Ma macht schnell noch ein paar Brote und mehr Kaffee. Ist mir gar nicht Recht, ich mag Abschiede nicht. Schließlich machen wir es kurz, Rucksack auf und los. Immerhin haben wir knappe 30 km vor uns, das ist doch eine ganze Menge für den Anfang. Aber Günter und Kai haben sich angeboten, den Rucksack abwechselnd zu tragen. Das hilft dann schon ein wenig. Kai, der anfangs noch meinte, dass der ja gar nicht so schwer ist, jammert schon einen halben Kilometer später. Die erste Etappe ist langweilig: durch Bernhausen, Echterdingen, Leinfelden ... Immer irgendwie an großen Straßen entlang, die man zur Genüge kennt. Der Lärm vom Flughafen noch dazu. Aber frischen Mutes. Später zweites Frühstück im Café am Markt in Leinfelden. Günter meint, er zahlt. Bis ich jetzt das Geld für alle drei auftreiben würde, das dauert zu lange. Ha, ha. Schock: Irmi will ein Foto von uns machen – und die Kamera ist nicht da. Sch … Wo ist das Ding? Ich erinnere mich, dass ich sie rausgezogen habe, um ein letztes Bild von zu Hause zu machen. Aber ich erinnere mich nicht daran, dass ich sie wieder eingepackt habe. Günter pumpt mir „ausnahmsweise“ seine Telefonkarte und ich rufe zu Hause an. Aber da ist schon niemand mehr. Toller Start! Ich hoffe, dass das Ding noch da liegt und ich es nicht verloren habe. Aber hätten wir doch merken müssen. Der Aufbruch vom Café fällt wie erwartet schwer. Vor allem Kai, er hat Probleme mit den Schuhen, aber da muss er durch. Kaum gehen wir los, fängt es an zu regnen. Und das ziemlich heftig. Der Anstieg hoch nach Musberg schlaucht dann, aber danach geht es endlich rein in den Wald. Da ist der Regen nicht mehr so stark und endlich der Verkehr weg. Zum Glück hat Günter eine gute Wanderkarte dabei. Ich habe mal versucht, mich nach meinem Gefühl zu orientieren, aber das wäre schon ein paar Mal schief gegangen. Wir schlängeln uns auf dem immer schmäler werdenden Band zwischen Autobahn und Sindelfingen hindurch, sind schließlich oberhalb von Magstadt und dann in Renningen. Kai ist fix und fertig und meint, dass ich das nie schaffe. Danke für die Motivation. Selbst Irmi ist fitter, das wurmt ihn. Aber: Wir sind auch zu schnell gelaufen. Anfängerfehler, hoffentlich büße ich das morgen nicht. Der Schrittzähler zeigt immerhin 30,8 km. Jetzt sind wir auf jeden Fall zu früh da, Herbert kommt erst so gegen 18 Uhr. Aber das macht nichts. Adelheid ist da, wir können duschen und die Füße pflegen. Dann gibt es Sauerbraten und Knödel, ein paar Schlucke Wein und viele gute Ratschläge. Und dann gehen (schleppen sich) Irmi, Günter und Kai zur S-Bahn. Obwohl mir die Füße, vor allem die Fußsohlen wehtun, begleite ich sie. Irmi drückt mir noch eine Telefonkarte in die Hand. Ich soll sie anrufen, so oft es geht. Ich muss schlucke, ich werde Irmi mindestens drei Monate nicht mehr sehen. Danach gehe ich früh schlafen, bin auch fix und fertig. Herbert muss morgen um kurz nach 7 los zum Flughafen. Ist mir Recht, auch ich will früh raus, um ein wenig Spielraum zu haben.

06.04.2006 um 21:48 Uhr

31. März und 1. April, Start verschoben

Stimmung: gemischt
Musik: The passender, Iggy Pop

Ich bin stinkesauer. Zumindest für fünf Minuten. Die Jungs haben einfach meinen Start verschoben. Herbert ist am Samstag Abend nicht da und Günter kann auch nicht. Also haben sie beschlossen, dass ich erst am Sonntag starte. Und haben auch die Abschiedsfete auf den Samstag verlegt. Kurz überlege ich, ob es ein Aprilscherz ist. Aber der 1. ist ja erst morgen. Ich finde das unmöglich. Aber nach ein paar Minuten ist es mir egal. Und nach ein paar weiteren ganz recht. Also noch ein wenig ausruhen. Ein wenig raus, um der Familie zu entgehen. Endlich wieder eine schwäbische Brezel. Endlich wieder im eigenen Bett. Der Samstag vergeht geruhsam. Das Wetter wäre eh nicht besonders gewesen. Außer nass. Aber morgen soll es auch nicht besser werden. Ich schaue noch einmal alle meine Sachen an. Nichts vergessen? Kann noch etwas dableiben? Nein, das ist schon so ok. Der Rucksack kommt mir leicht vor. Aber das hat zwei Gründe. Ich habe in der Türkei keine Touren immer mit 11 Kilo gemacht. Und ich habe jetzt gerade mal 9,3 drin. Und: noch keine Verpflegung. Nach der ersten Pause, wenn ich ihn wieder aufnehme, dann sieht das schon gleich ganz anders aus. Nachdem die Jungs den Termin verschoben haben, habe ich mich aus der Vorbereitung für die Fete rausgeschoben. Aber da war eh nicht so viel zu machen. Als ich dann abends bei Kerstin einlaufe, ist alles schon gerichtet. Beamer für die Sportschauübertragung. Jede Menge belegte Brötchen und Chili. Von der Decke abgehängte Blätter mit Jakobsmuscheln drauf. Ich kann sie nicht mehr sehen. Der VfB verliert. Ich esse zu viel Chili. Und die Stimmung ist ein wenig komisch – zumindest bei mir. Um 23 Uhr kurze, aber herzliche Verabschiedung. Morgen geht es früh raus.

06.04.2006 um 21:16 Uhr

24. – 31. März, drei Minuten Sofi und eine Woche Türkei

Musik: Dark side of the moon. Was sonst?

Nach dem letzten Glas Sekt in der Firma und einem herzlichen Abschied von den Kollegen, ging es mit fliegenden Fahnen zum Flughafen. Kai spielte Taxi für mich und Irmi. Einchecken, rumsitzen. Wer in den nächsten Wochen von Stuttgart aus fliegt, sollte unbedingt die Fotoausstellung anschauen, die dort zu sehen ist. Ich glaube, sie heißt „Gesichter der Welt“ und hat großartige Fotos zu bieten. Besser, als in der langweiligen Flughafenhalle den ganzen Neckermännern zuzuschauen. Obwohl das auch nicht schlecht ist. Und: Einen Blick auf die Preise des Leihsieffer Cafés (schreiben die sich so?) zu werfen. Die haben echt ein Rad ab, was die verlangen. Aber es gibt genügend Menschen, die das bezahlen. Irmi und ich hatten auf jeden Fall schon vor dem Abflug eine Menge Spaß. Der Flug war weniger spaßig. Sunexpress hat wohl niemanden gefunden, der kochen kann – der Fraß war einfach ungenießbar. Und sie haben selten Gäste, die größer als 1,50 sind. Scheint mir auf jeden Fall, wenn ich den Sitzabstand so betrachte. Ich weiß nicht, wie ich da mit meinen über 1,90 reingekommen bin. Eine Stunde Verspätung, ein wenig länger geflogen als gedacht, eine Stunde aufs Gepäck gewartet, fast zwei Stunden bis zum Hotel … Dann noch eine Stunde früher nach türkischer Zeit. Es war also kurz nach drei, als wir ins Hotel kamen. Nach einer kurzen Nacht dann erstmal ein Rundgang. Das Hotel ist ganz nett. Gut, keine fünf Sterne wert, aber das war klar. Das Frühstück hätte knappe 0,5 Punkte verdient. Wir laufen in die Stadt rein, schauen uns ein wenig um. Es ist angenehm warm, die Händler schlafen noch mehr oder weniger, der Verkehr ist sehr tü(r)kisch. Weitere Kurzeindrücke: Der Strand ist nicht so toll, aber wir wollen eh nicht baden. Ganz Side scheint eine Baustelle zu sein. Wie wollen die hier all die Hotels voll kriegen? Gut, unseres war voll. Aber drumrum scheint es nicht so gut ausgelastet zu sein. Vor allem die Kneipen sind leer. Abends ist kein Mensch drin. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Leute hier „all inklusive“ haben. Das heißt, sie bewegen sich kaum mal einen Meter weg vom Hotel, weil das Bier dort schon bezahlt ist und sie es draußen bezahlen müssten. Uns egal – wir gehen nach dem Abendessen (im rammelvollen und saulauten Speisesaal) immer schnell raus und genießen die lauen Abende auf der Terrasse einer Hafenkneipe. Wir schauen, was es für Ausflüge gibt. Es gibt von unterschiedlichen Anbietern die gleichen Touren für 10 und für 20 Euro. Wir fragen, was der Unterschied ist. „Kein Unterschied“. Doch, es gibt einen, erfahren wir dann von zwei Polen, die schon eine Weile hier sind. Die für 10 Euro sind reine Verkaufsfahrten, die für 20 nur halbe. Für 25 Euro pro Tag gibt es einen Mietwagen – also machen wir uns auf eigene Faust auf den Weg. Aber nur zwei Tage lang, einen Ausflug in die Berge und einen nach Aspendos (sehr schöne Ruinenstadt). Nach Antalya fahren wir mit dem Bus. Und auch unsere kleinen Wanderungen haben wir mit Busunterstützung gemacht. Ich musste ja weiter trainieren. Also bin ich (fast) jeden Tag um sechs morgens raus und bin zügig zwei bis drei Stunden gelaufen. So hatte ich meine 10 bis 15 Kilometer schon hinter mir, bis ich zum 2. Frühstück eingelaufen bin. Und dann sind wir zusammen noch mal auf Tour gegangen. Je nach Lust und Strecke wieder zwischen 10 und 15 Kilometer. Manchmal auch unfreiwillig mehr (Danke den beiden Stuttgartern, ohne Eure Richtungshilfe würden wir heute noch in Antalya rumirren). Sonnenfinsternis: Erst wollten wir sie auch in Manavgat anschauen, weil sie da angeblich am besten zu sehen war. Aber dann sind wir doch einfach ein Stück mit dem Bus gefahren und ein paar Kilometer gelaufen. Und hatten das Schauspiel ganz für uns alleine. Sagenhaft!!! Die Türken hat das übrigens nicht so sehr interessiert. Die Schulklassen schon, aber die Erwachsenen sind auch während der totalen Eclipse unbeirrt mit ihren Autos weitergefahren, haben nicht mal angehalten. Rückflug. Noch enger als der Hinflug. Kam mir zumindest so vor. Dazu ein wenig Wehmut. Die Uhr tickt. Und nach eine Woche jede Minute mit Irmi gemeinsam verbracht zu haben, fällt es mir nun unheimlich schwer, daran zu denken, wie das die nächsten Wochen ist. Immerhin haben wir beschlossen, dass sie mich im Sommer besuchen will und zwei bis drei Wochen mit mir gemeinsam wandern. Ab 5. Juli hat sie keine wichtigen Vorlesungen mehr.

06.04.2006 um 20:33 Uhr

Ein kurzer Prolog

Stimmung: ganz mies
Musik: keine

Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer wird. Ich hätte nie gedacht, dass es so leicht wird. Ich hätte nie gedacht, dass es sooo wird. Ich sitze jetzt hier in Karlsruhe und genieße den vollen Luxus. Das sind im Moment Dinge, die mir sonst alltäglich sind. Ein Dach über dem Kopf, eine Dusche, Mineralwasser … Vor allem aber unbeschränkten Internetzugang und Telefon (Noch mal herzlichen Dank, Tina!). Und doch bin ich nach der ganzen Euphorie, die die ersten Tage meiner Wanderung in mir entfacht haben, jetzt total am Boden. Nach dem Telefonat mit Irmi bin ich eine Stunde nur rumgesessen und habe nichts gemacht. Gar nichts. Ich glaube, ich habe nicht mal was gedacht. Dann bin ich aufgestanden und habe das Angebot von Tina angenommen, und mir ein Tannenzäpfle geholt. Und noch eins und noch eins. Ich habe mal eine Studie gelesen, nach der Katzen, wenn man ihnen zum Essen Bier hinstellt, sie dieses nicht anrühren. Unter normalen Umständen. Wenn man sie aber dann unter Stress stellt, dann sieht das ganz anders aus – sie werden tatsächlich zu Säuferkatzen. Hm, das war eine amerikanische Studie, also amerikanische Katzen und amerikanisches Bier. Das würde einiges erklären. Ich beschließe trotzdem, es bei den drei Bieren zu belassen. Immerhin bringt das Bier mich zum Denken. Ich denke an meine Schnapsidee. An Irmi. An meine letzten Tage unterwegs. An Menschen, die ich getroffen habe. Eindrücke, die im Kopf blieben. An Irmi. Ans Aufhören. Ich beschließe, weiter zu laufen. Und ich beschließe, jetzt doch alles aufzuschreiben, was mir so passiert ist. Ich versuche dabei, so chronologisch wie nur möglich vorzugehen, weil ich in den letzten Tagen schon gemerkt habe, wie ich mir meinen eigenen Kosmos bastle und in meinen Gedanken springe. Für andere ist das sicher schwer, sich darin zurecht zu finden.

06.04.2006 um 20:04 Uhr

Eine kurze technische Einleitung

Nachdem das auch von der Türkei mit blog.de aus dem Internet nicht so gut geklappt hat, werde ich einen Umweg über „http://www.blogigo.de/heiliger_jakob“ machen. Weil aber die meisten Menschen blog.de als Favorit gespeichert haben, überträgt Günter die Texte dann in mein altes Blog. Kann dann zwar hin und wieder eine Zeitverzögerung geben, aber da ich eh immer ein paar Tage „en blog“ (nettes Wortspiel, gell) schreibe, ist das ja egal. Und sorry an alle, die mir Mails schreiben und keine Antwort bekommen. Ich werde das zeitlich meist nicht schaffen. Meist nicht mal zum Lesen. Besser, ihr schreibt einen kurzen Kommentar in mein Blog.

04.04.2006 um 14:50 Uhr

test von Günter

nur ein Test