Jakobsweg_ohne_Geld

26.05.2006 um 13:15 Uhr

Donnerstag, 25. Mai. Das himmlische Kind

Musik: The river, Bruce Springsteen

Der Wind war die ganze Nacht an meinem Zelt, und auch heute Morgen weht er unvermindert. Und es ist kalt und es regnet. Bäh! Aber nach der obligatorischen heißen Schokolade geht es mir schon wieder ausgezeichnet. Auch, wenn der Wind mich weiter begleitet – zum Glück ein wenig abgeschirmt von den Hügeln im Westen. Immerhin hat der Regen den (Blüten)Staub weggewaschen, allerdings sind immer wieder ein paar Wegstellen matschig, was das Schieben etwas anstrengend macht. Bis ich in Gueugnon bin habe ich nasse Füße und ganz rote Hände. Also erst mal Pause. Ich schaue mir die Kirche an, natürlich von außen weil zu, und lande dann, weil es mal wieder regnet, in der Sportbar. Zwei ältere Herren, die hier ihren Pastis trinken, langweilen sich sichtlich. Sie laden mich zum Kaffee ein und erzählen mir alles über die Stadt. Gut, das ist nicht so viel und in 10 Minuten erledigt. Angefangen natürlich, schließlich sind wir in der Sportbar, mit dem legendären Sieg im französischen Pokal. Ich bin skeptisch, gegen Paris Saint Germain? Immerhin ist das Nest hier nicht besonders groß, gerade mal 10.000 Einwohner schätze ich. Aber die beiden zeigen mir den Wimpel und spielen sogar die beiden Tore nach. Danach erzählen sie mir noch, dass ich unbedingt die berühmte Brücke über die Arroux anschauen muss. Hm, habe ich schon gesehen, aber mir ist sie nicht so spektakulär in Erinnerung ... auf jeden Fall sieht man ihr ihre über 200 Jahre nicht an. Schließlich geht es wieder zurück zum einzigen wirklich wichtigen Thema – dem Fußball. Und die beiden erklären mir, warum Frankreich dieses Jahr Weltmeister wird. Und warum Deutschland in der Zwischenrunde schon ausscheidet. Das war so schlüssig, da kann man nichts dagegen sagen. Auch wenn ich nicht glaube, dass Deutschland gegen Polen verliert und Brasilien gegen England ausscheidet. Ich werde zum Burger und zum Pastis eingeladen und ziehe dann am frühen Nachmittag leicht beschwingt weiter. Das Tal wird etwas flacher, aber die Landschaft ist ganz nett. Ich bleibe auf der westlichen Seite des Flusses, auf der anderen ist immer die Straße, und gehe durch üppig grüne Felder. Eine Bushaltestelle gibt einen Regenschutz für einige Zeit. Der Bäcker in Rigny-sur-Arroux schenkt mir zwei zerbrochene Baguette, dazu einen Käse und etwas Marmelade. Nicht so toll ist die Wegbeschreibung, die ich hier erhalte. Sie führt mich immer weiter weg vom Fluss. Schließlich gebe ich auf und schlage ich mich wieder in einem kleines Wäldchen mit meinem Zelt in die Büsche. Es regnet wieder heftiger und morgen ist auch noch ein Tag. 20,1 km, Kasse: Euro 23

26.05.2006 um 13:14 Uhr

Mittwoch, 24. Mai. Anglerfreuden

Musik: Have You ever seen the Rain,CCR

Der Wind hat die ganze Nacht an meinem Zelt gezerrt. War dann schon etwas schräg, aber ich habe keine Lust gehabt, die Schnüre nachzuspannen. Auch am Morgen bläst es frisch aus Nordwesten. Ich dachte, es wird jetzt endlich Sommer. Nach einigem Suchen und Himmelsrichtung bestimmen finde ich schließlich den kleinen Fluss, der mich wieder zum Arroux bringt. Ein schöner Weg, weitab der Straßen, leider nicht immer so gut zum Gehen/Schieben. Felder, Wiesen, Wälder ... begleiten mich. Und das Schnattern von Enten, Summen von dicken Hummeln und Trillern von Lerchen. Nette Musik, und so bleibt der MP3 aus, Akkus schonen. Ich spiele einen Moment mit dem Gedanken, eine Ente zu fangen und zu Entenbraten zu verarbeiten. Aber mangels detaillierter Kochkenntnisse lasse ich das dann doch. Außerdem habe ich noch immer was von gestern, obwohl ich gut gefrühstückt habe. Toulon-sur-Arroux taucht auf. Schade eigentlich, wäre nett gewesen, diese Landschaft ohne (viele) Häuser noch eine Weile zu genießen. Aber das frische Brot ist auch nicht zu verachten. Und der Eisbecher, zu dem ich eingeladen werde. Außerdem ein großer Kaffee und noch ein gut belegtes Baguette für die Weiterreise. Dafür habe ich eine Lampe mit Neonröhre im Café angeschlossen. Perfekter Tausch. Ich gehe westlich vom Fluss weiter, auf der anderen Seite ist eine größere Straße. Außerdem ist hier immer mal wieder Wald, allerdings ist das Tal auch steiler und ich habe immer mal einen kleinen Aufstieg. Wie Perlen liegen ein paar Seen neben dem Fluss. Eine Gruppe Angler sitzt da, aber es scheint, als wäre Angeln nur das Alibi, um von zu Hause zu entfliehen. Sie laden mich zu einem Bier ein, aber sie reden nicht viel. Trinken, fragen mich kurz nach dem Woher und Wohin, schauen mal nach der Angel und genießen die Ruhe. Als ich mich verabschieden will, weil ich noch in die nächste Ortschaft muss, bevor die Geschäfte schließen, winken sie nur ab. Zwei gehen zum Auto und schleppen Tupperschüsseln und anderes Zeug an. Nach ein paar Minuten bricht der wackelige Campingtisch fast zusammen unter dem Abendessen: Hauptbestandteile sind Hühnerschlegel, Couscoussalat, marinierte Pilze, grüner Spargel, Pastete, Käse ... Und Bier. Ich zähle vorsichtig mit. Während ich mein zweites trinke, haben die Männer im Schnitt fünf hinter sich, und ein paar Vorsprung ja auch. Der Wind wird stärker, und richtig kalt zum Teil. Als es dämmert verabschiede ich mich. Ob sie denn nicht heimgehen? Nein, in der Dämmerung beißen sie am besten. (In etwa drei Stunden hat nicht einer angebissen.) Außerdem haben sie noch eine Aufgabe, sagt einer, geht ans Ufer und holt einen weiteren Kasten Bier aus dem Wasser. Ich schiebe noch ein paar Kilometer am Fluss entlang, dann verziehe ich mich aus dem Tal und schlage mich in ein Waldstück. 22,4 km, Kasse: Euro 29

26.05.2006 um 13:14 Uhr

Dienstag, 23. Mai. Nebelmenschen

Musik: Oh Sister, Bob Dylan

Der Nebel weckt mich. Er liegt wir ein schweres Tuch über dem kleinen Tal. Oder besser, wie ein unberechenbares Tier. Ich schaue ihm ein paar Minuten zu wie er sich bewegt, verändert, lebt. Dann mache mich auf den Weg, wähle den Weg wieder direkt nach Süden. Ein etwas matschiger Feldweg, aber es geht. So entgehe ich der Straße und sehe ein paar Rehe, die vom Frühstück zurück in den Wald stapfen. Der Nebel begleitet mich noch eine Weile. Aus einem Seitental kommen drei andere Wanderer aus dem Nebel, scheinen erschrocken, als sie mich sehen, ziehen die Köpfe ein und grüßen nicht zurück. Komische Vögel, der Ausrüstung nach würde ich sagen, dass sie Deutsche waren. Ansonsten ist der Tag zunächst menschenleer. Die Verkäuferin beim Bäcker, ein Mann im Gemüsebeet, zwei alte Frauen ratschen auf der Straße und halten einen Moment an, um mir nachzuschauen, … Das war's dann auch schon. Abgesehen von den Autos, aber auch die hielten sich in Grenzen. Denn erst bei Broye komme ich wieder auf eine richtige Straße, kaufe Brot und lasse mich dann wieder vom Wald verschlingen. Der Regen ist weg, der Wind hat kaum noch da, und so komme ich etwas besser voran. Wenn zwischendurch die Sonne rauskommt, dann wird es innerhalb von Minuten sommerlich warm und ich muss schnell die Jacke ausziehen. Die nassen Straßen und Wiesen dampfen dann, die Vögel singen ein schnelles Lied, aber schon kündigen Regenbogen den nächsten Schauer an. Gegen Mittag dann auf einmal keine Wolke mehr, dafür wird der Wind stärker. Der Wald hält die Sonne ab, es ist angenehm zu gehen. Nur: Ich habe keine größere Ortschaft auf der Route. Na ja, nicht mal eine kleinere, wenn ich das richtig sehe auf meiner Karte. Und Umweg will ich keinen laufen. Zumal mir die Gegend hier sehr gut gefällt. An einem Bauernhof fülle ich Wasser nach, kann aber nichts zu essen kaufen. Der Magen knurrt. Noch ein Bauernhof. Der Sohn ist da, vielleicht 15, sehr misstrauisch. „No, no“, sagt er nur. Es ist niemand da. Eine Viertel Stunde später der dritte Versuch. Ein Bauer mittleren Alters hört mir zu, die Stirn in Falten, die Hände in die Hüften gestemmt. Aber dann verkauft er mir für einen eher symbolischen Euro ein dickes Fresspaket: ein Baguette riecht heraus, der Rest ist eingepackt. Zu arbeiten hat er leider nichts, sagt er. Im Sommer, da könnte er immer jemanden gebrauchen. Ich gehe noch ein kleines Stück, dann will der Magen endlich an die große Tüte. Ich setze mich in eine Wiese, wo Massen von wildem Schnittlauch wächst und schaue, was da so alles in der Wundertüte drinsteckt: Alles! Brot, Käse, Wurst, Radieschen, Paprika, Reissalat, irgendwas Eingelegtes, was schrecklich schmeckt (Innereien?) und sogar eine halbe Tafel Schokolade. Das reicht auch noch für heute Abend. Ich mache länger Pause als geplant, aber das tut gut, habe sogar ein wenig geschlafen. Gegen Abend ist es immer noch relativ wolkenlos, aber mit einem wieder stärker werdenden Wind. Die Sterne funkeln früh. Vielleicht mal eine Nacht, ohne dass das Regenstakkato auf mein Zeltdach trommelt. 21,2 km, Kasse: Euro 34

26.05.2006 um 13:13 Uhr

Montag, 22. Mai. Zurück ins Mittelalter

Musik: Fallensteller, Heinz-Rudolf Kunze

Einer der besten Freund des Menschen steht vor meinem Zelt und fiept. Ich sage ihm, dass er zu einer verwöhnten Rasse gehören muss, denn die meisten Hunde finden morgens um kurz nach fünf niemanden, der für sie Stöckchen wirft. Aber er scheint das nicht verstehen zu wollen, vielleicht stand das auch im Kleingedruckten des Zeltaufstellvertrages. Also, dann halt Stöckchen ... Als Belohnung gibt es ein Frühstück mit der Familie, für französische Verhältnisse sehr nahrhaft mit Omelette und Pastete. Der Sohn, so um die 6 Jahre kommt ganz aufgeregt herein und tuschelt mit dem Vater. Der meint dann irgendwann, dass der Junge gesagt hätte, mir hätte jemand die Pedale am Rad gestohlen. Ich lache und sage, dass gar keine dran waren und ich das Ding nur fürs Gepäck benutze. Hm, sagt er, das machen bei uns nur die Penner. Ist aber praktisch, erwidere ich und er schaut mich schon sehr skeptisch an. Trotzdem bekomme ich noch Kartoffelgratin mit, und ein Stück Speck. Das Wetter ist bestens, nicht zu heiß, aber hin und wieder mit einem „Schluck“ Regen. Ich will ein gutes Stück schaffen und so stapfe ich los, zwinge mich heute, das Rad mal eine längere Zeit auf der linken Seite zu schieben. Geht aber nur, wenn ich mehr Platz habe, also wenn ich einen breiten Weg oder eine Straße ohne Verkehr habe. Aber das geht eine Zeitlang sehr gut. Die Strecke geht zum Teil durch schöne Wälder, zum Schluss steil bergab. Eigentlich wollte ich nicht rein nach Autun, aber irgendwie schien es keinen Weg zu geben. Oder keinen, den die Leute hier kennen. Und so lande ich in der Stadt, die ich meiden wollte – und verliebe mich in sie. Die Kathedrale, die vielen Türmchen, die mittelalterlichen Gassen ... Ich bin ganz hin und weg und zweimal kreuz und quer und genieße diese Zeitreise. Schließlich lande ich, als es mal wieder anfängt zu regnen, in einem Internet-Café. Endlich mal wieder die Errungenschaften der Neuzeit genießen (sorry für die kurzen Mails und Kommentare). Danach ist es schon relativ spät, aber ich mache mich noch mal auf, laufe ein gutes Stück aus der Stadt. Erst wollte ich den Fluss entlang (Arroux), aber das schien mir auf der Karte alles ein wenig verbaut. Ich bin dann einfach nach Süden, auf einen kleinen Berghang zu, dort gibt es einen schönen Wald. Ich finde einen schönen Platz, kriege sogar ein Feuer an und mache in der Glut die Kartoffeln warm. 24,1 km, Kasse: Euro 37

22.05.2006 um 17:37 Uhr

Sonntag, 21. Mai. Lesehunger

Musik: Dark horse, George Harrison

Es windet. Oder besser – es stürmt. Schon in der Nacht hatte es die Luft so eilig, dass sie heftig an den Zeltwänden zog. Vor allem morgens bläst es mir ziemlich heftig ins entgegen, dann ändert sich meine Richtung ein wenig mehr nach Südosten und ich habe den Wind im Rücken. Er schiebt mich ein schönes, ziemlich einsames Tal entlang. Ich hänge meinen Gedanken nach und ertappe mich daran, dass ich mich nie daran erinnern kann, an was ich nur fünf Minuten vorher gedacht habe. Ich würde gerne lesen. Jetzt, während ich laufe. Ein Buch vorne auf der Fahrrad-Gabel, das wäre echt toll. Käme ich endlich mal dazu, Harry Potter oder den Harry der Ringe fertig zu schreiben (Ich weiß, ein Verschreiber, aber den lasse ich drin). Keine Besonderheiten. Die Landschaft ist so schön angenehm dunkelgrün mit weißen und gelben Farbtupfern, dass es schon fast kitschig wirkt. Erinnert mich an Monet – und daran, dass in Stuttgart irgendwann im Sommer die Ausstellung anfängt. Habe ganz vergessen zu schauen, wie lange die geht. Wahrscheinlich nicht lange genug, dass ich sie noch sehe. Gegen Abend geht es angenehm bergab. Ich halte langsam Ausschau nach einem Schlafplatz, finde schließlich einen abseits stehenden Hof, auf dessen Wiese ich schlafen kann. Wasserhahn und sogar ein Handtuch inklusive. Dafür spiele ich noch eine Runde Stöckchen mit dem Hund. 22,6 km, Kasse: Euro 41

22.05.2006 um 17:24 Uhr

Samstag, 20. Mai. Das Leben geht zu Fuß

Musik: Bakerman, Laid Back

Ich bin ganz sicher, dass das Leben nicht mit dem Auto fährt. Oder mit dem Cross-Motorrad. Von denen sind heute Morgen ein paar an mir vorbeigezogen, haben sehr erstaunt geschaut als sie mich gesehen haben. Später sitzen die Jungs in einem Café in Brassy (?). Ich frage, ob ich mal auf ihre Landkarten schauen darf, weil ich mir über meine weitere Route nicht sicher bin. Die Jungs sind aus der Lüneburger Gegend und ich sage ihnen dann bei der Gelegenheit, dass das hier eigentlich ein Nationalpark ist, und es da eigentlich nicht erlaubt ist, neben den Wegen zu fahren. Das wussten sie gar nicht. Das kann in Frankreich schon mal teuer werden, wissen sie aus eigener Erfahrung – sie sind auf dem Herweg in eine Radarkontrolle gekommen und jeder von ihnen hat 150 Euro bezahlt. Ein Foto gab es nicht, aber sie meinten, dass sie höchstens 100 gefahren sind, 90 ist erlaubt auf Landstraßen. Teurer Spaß. Trotzdem laden sie mich zum zweiten Frühstück ein und schenken mir nachher noch fünf Euro. Ich schreibe mir ein paar Routendetails raus und mache mich wieder auf den Weg. Leider regnet es immer mal wieder und der Weg ist sehr matschig, da macht das Schieben keinen Spaß. In Montsauche stelle ich mich an einem Restaurant unter, weil es gerade schüttet. Der Koch macht gerade eine Rauchpause, und ich frage ihn, ob ich meine Wasserflasche füllen kann. Er lacht und meint, ich solle sie einfach raushalten, so wie es regnet. Aber er füllt sie mir natürlich, und er gibt mir noch ein eine Plastiktüte, in der lauter kleine Alufolien-Pakete sind. „Ist übrig“, sagt er, drückt mir die Tüte in die Hand und verschwindet wieder. Ich schiebe weiter, finde später eine halb offene Heuhütte, in der es sich bestens pausieren lässt. Ich schaue hinaus in den Regen und genieße eine gewagte Mischung aus kaltem Braten, mariniertem Hering, Hühnerleber, Linsensalat … Ach ja, in meiner Wasserflasche ist kein Wasser, sondern Rotwein. Und: Wieder habe ich einen See als Kulisse. 18,2 km, Kasse: Euro 46

22.05.2006 um 17:07 Uhr

Freitag, 19. Mai. Deja vu

Musik: Ashes to ashes, David Bowie

Eigentlich gehe ich ja nicht gerne den gleichen Weg zurück, aber das schöne Tal der Cure bot sich an. Auch, weil es eben in der richtigen Richtung lag. Hätte doch auf dem Hinweg lieber über Avalon gehen sollen. Aber schon egal. Das Wetter ist ideal heute, erst später kommt ein frischer Wind auf, der mich dann aber, weil er aus Westen kommt, mehr schiebt als behindert. Es ist nicht so schwül wie gestern, nicht so heiß wie ein paar Tage vorher. Ich mag diese frische Kühle, vor allem am Morgen. Man spürt, dass das Leben, der Tag noch aufwachen muss. Sich bewegen und selbst erwärmen. Meine Lieblingszeit, schätze ich, ist so zwischen sechs und halb sieben. Ich komme ganz gut voran, zuerst im Tal der Cure, dann entlang an einem Stausee. Längere Pause dann in Chalaux. Wieder eine angenehme Wegstrecke abseits von Verkehr in einem Tal. Gestern hatte ich eine Weile mit dem Gedanken gespielt, weiter nach Westen zu gehen, den eigentlichen Jakobsweg über Bourges. Die Stadt würde mich schon reizen, zumal die Kathedrale ja ein Unesco ist. Aber ich will dann doch lieber weiter in den Süden, außerdem hatte ich versprochen, dass ich in Lyon vorbeischaue. Am Abend bin ich an einem weiteren See. Auf meiner Karte hat er keinen Namen. Irgendwo war ein handgeschriebener Wegweiser „Lac Huis Bobin“ oder so stand da drauf. Ich bin eigentlich ganz gut vorangekommen, stelle ich fest, nachdem ich einen schönen Zeltplatz mit Seeblick gefunden habe und am Lagerfeuer Brot röste. Mein Zähler zeigt über 23 Kilometer. Kommt mir nun etwas viel vor, wenn ich die Strecke vergleiche. Ein wenig habe ich Angst, dass ich gar nicht da bin, wo ich mich vermute. Aber eigentlich kann man sich gar nicht richtig verlaufen. Es fängt wieder an zu regnen, erst tröpfelt es noch gemütlich in meine Glut, dann fängt es an zu schütten und ich flüchte ins Zelt. 23,4 km, Kasse: Euro 45

22.05.2006 um 16:29 Uhr

Donnerstag, 18. Mai. Vezelay, Startrampe nach Santiago

Musik: Andrea Doria, Alles Gute zum Geburtstag, Udo!

Also gut, das Fußballspiel war ganz nett und spannend. Und der Lehmann hat dann auch gleich mal wieder bewiesen, dass er ein Verrückter ist – und das nicht immer im positiven Sinne. Aber gut, die Mannschaft hat gut gekämpft. Ich komme relativ beschwingt aus der Kneipe. Der Rotwein war gut, der Rauch weniger. Rauchverbot in Frankreichs Kneipen. Ja doch, ja klar! Danach musste ich mir noch einen Schlafplatz suchen. Aber das ging ganz gut. Zumal es natürlich schon dunkel war, und so habe ich mich einfach unter ein paar Bäume gestellt mit dem Zelt und fertig. Am nächsten Morgen hatte ich schwere Beine, die Jungs gestern haben den Wein schon sehr freizügig ausgeschenkt. So lasse ich mir Zeit, mache ganz langsam. Wieder hat es geregnet, aber nicht so schlimm wie letzte Nacht. Ich mache einen kleinen Umweg, gehe den schönen Wanderweg entlang der Cure und sehe so die schönen alten Brücken bei Pierre-Perthuis. Sehr schöner Weg, und auch angenehm ruhig zu laufen, nur ein paar Treppen bzw. steile Anstiege machen mir zu schaffen. Dann geht es weiter nach St. Père, wo ich mir in der schönen gotischen Kirche eine Pause gönne. Vezelay erreiche ich am Nachmittag. Es ist doch einiges los hier, bin ich gar nicht mehr gewohnt. So habe ich ein kleines Problem mit dem Rad und dem Gepäck. Der Mensch im kleinen Laden, an dem ich meine nun fünfte Postkarte kaufe, meint, dass er leider nicht aufpassen kann. Also lasse ich das Rad einfach stehen vor der Kirche. Ich hoffe auf die Ehrlichkeit der Menschen. Vezelay hat eine lange Geschichte. Franz von Assisi war hier und Richard Löwenherz. Aber vieles an Geschichte und Ort ist düster. Die Reliquien, wegen denen das Kloster im Mittelalter Wallfahrtsort war, waren geklaut. Und der Löwen-Richi (übrigens eine der größten Pfeifen der Weltgeschichte) hat hier auch nur seinen Kriegszug begonnen. Apropos, den beginnen auch viele Pilger/Wanderer. Denn hier ist einer der Startorte für den Jakobsweg. Obwohl das ja eigentlich blöd ist, denn früher sind die Leute ja auch nicht hierher gefahren und dann von hier losgezogen. Witzig ist, mit welchem Trotz (vor allem deutsche Pilger) den Start hier verteidigen. So, als bräuchten sie eine Entschuldigung dafür, dass sie die ersten paar hundert Kilometer mit dem Zug gefahren sind. Wie auch immer: „Vézelay nach Santiago: 1691 km - 71 Wandertage“ informiert ein kleines Schild. Ich hole mir (endlich mal wieder) einen Stempel und verlasse dann das kleine Städtchen. Der „Stempelmensch“ schaut mich ein wenig schräg an, weil er meint, dass bei meinem Buch nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Ich habe eben seit Dijon gerade mal einen Stempel drin. Bin nicht so scharf darauf, das Buch schnell mit Stempel zuzukleistern. Eine Schweizerin, die hinter mir ansteht um den Stempel meint, dass man für jeden Tag zwei braucht, sonst bekommt man seine Compostela nicht. „Das ist mir egal“, sage ich, und sie sieht mich an, als hätte ich gerade den Erfinder der Stempelfarbe geleugnet. Ich gehe auf einem anderen Weg zurück nach Foissy les Vezelay. Es dämmert schon, und ich finde lange keinen schönen Platz zum Zelten. Schließlich habe ich was, was einigermaßen geht und ich hau mich in die Büsche. Kilometer: 21,6, Kasse: Euro 51

17.05.2006 um 20:25 Uhr

Mittwoch, 17. Mai. Fußballfernsehtest

Musik: Walk on the wild side, Lou Reed

Puh, die Nacht war frisch. Und hart. Und vor allem nass. Sehr nass. Es hat so was von geschüttet, dass ich morgens in einer Pfütze liege, sprich – alles ist patschnass. Als ich mich am Wasserhahn wasche, kommt eine Frau aus dem Haus, stellt eine Thermoskanne, ein Brot und einen Apfel auf den Tisch und meint dann: „Wir sind dann weg.“ Ich bedanke mich noch, aber sie winkt nur ab, wünscht mir guten Weg. Das Brot ist dick mit geräuchertem Schinken belegt. So beginnt ein guter Tag. Leider nicht mit dem Wetter. Immer wieder Gewitter, ein paar Mal muss ich mich unterstellen. Mir scheint es auch nicht so ratsam mit dem Rad als Blitzableiter zu fungieren. So komme ich nicht so schnell voran, wie ich wollte, aber egal. Irgendwo geht ein Wegweiser nach „Island“. Sie haben schon nette Namen hier für ihre Dörfer. Das Wetter wird ein wenig besser, und ich mache auf eine Waldwiese eine Pause, kann endlich Zelt, Schlafsack und Klamotten ausbreiten und trocknen. Geht dann doch ganz schnell, weil die Sonne sich richtig Mühe gibt. Am späten Nachmittag verlaufe ich mich dann irgendwie. Aber heute würde ich es eh nicht mehr schaffen. Also langsam tun, noch eine Pause und dann eine Stelle suchen zum Zelten. Zweimal werde ich abgewiesen. Nein, das geht hier nicht. Bäh! Auch egal, dann zelte ich halt im Schutz von einem kleinen Wäldchen. Aber dann lande ich in Usy, noch mal falsch gelaufen, und beschließe, dass ich das Fußballspiel anschaue. Ich kann meine Sachen im „Spielzimmer“ der Bar abstellen. Ein paar Jungs sind hier, belegen das Internet und verraten mir, dass das hier kostenlos ist. Oh! Ich trinke einen Rotwein, rede mit ein paar Leuten am Tresen über – klar – Fußball. Die WM und das Endspiel heute. Aber auch darüber, dass Auxerre den Trainer rausgeschmissen hat, weil sie nicht in den UEFA-Cup kamen. Ich erinnere mich daran, dass Stuttgart mal gegen Auxerre gespielt hat, aber ich weiß nicht mehr, ob sie gewonnen haben. Mein Wein wird nachgeschenkt, der Wirt winkt nur ab und meint, das ist schon bezahlt. Ebenso Käse, Wurst, Oliven und Brot. Dann sind die Jungs fertig und ich setze mich schnell noch ans Netz, bevor das Spiel losgeht. Kilometer: 18,9, Kasse: Euro 55

17.05.2006 um 19:52 Uhr

Dienstag, 16. Mai. Gewitterblumen

Musik: Sugar Mountain, Neil Young

Heute morgen noch ein wenig ins Internet, ein paar Mails geschrieben und nachgeschaut, was denn so los ist in Fußball-Deutschland. So gesehen bin ich froh, dass ich ein wenig Abstand habe. Da scheint sich ja wirklich alles um den Ball zu drehen. Weniger ist manchmal mehr. Allerdings: Was macht denn mein ehemaliger Nachbar, der Bundesjürgen? Schmeißt den Kuranyi raus und holt dafür Hanke (zum Glück eh gesperrt) und Odonkor. Ich liebe Odonkor – immerhin schon 2 Tore in 73 Spielen. Nicht gerade der Hit für einen Außenstürmen. Und der Hinkel wird dem Klinsi auch noch fehlen, aber dafür hat er ja zwei Mann dabei, die verletzt sind. Nach einem fulminanten Frühstück gings dann für mich weiter. Nach drei etwas ruhigen Tagen war ich richtig hungrig auf das Laufen. Rene gab mir für die drei Tage 50 Euro, außerdem wollte er mir ein Fresspaket packen, das bis Arles gereicht hätte. Da konnte ich ihn ein wenig bremsen, vor allem, weil sich Käse nun mal nicht so gut hält ohne Kühlung. Ich bekomme dann immerhin so viel mit, wie ich an einem Tag vertilgen kann. Aber danach wird mir diese Köstlichkeit schon fehlen. Das Wetter ist leider nicht so schön, wie es der Wetterbericht versprochen hat. Es regnet immer mal wieder und ist relativ frisch. Und ich komme auch in ein kleines Gewitter. Aber die Blitze sind weit im Norden, so gehe ich weiter. Am Wegrand stehen kleine blaue Blumen, als Kinder haben wir sie immer Gewitterblumen genannt. Ich habe beschlossen, dass ich nicht nach Avalon gehe, sondern im Süden vorbeimarschiere. Wie befürchtet laufe ich ein wenig zu schnell los, aber das legt sich dann wieder, als ich den ersten kleinen Anstieg hinauf muss. Danach geht es dann wieder mit gemächlicherem Tempo voran. Aber besser als bisher, die kurze meinen hat Rippen gut getan. Ich gehe über die N6 und merke, wie mich der Lärm und die Hektik der Straße stören. Schnell wieder rein in die Landschaft, ziemlich nette, Gegend hier. Hinter Marrault kommt ein kleiner See und ich finde eine nette Stelle zum ausgiebig Pause machen. Aber da ist eh schon später Nachmittag. Ich gönne mir eine kurze Zeit hier, mache mich dann aber doch noch einmal auf den Weg, wenigstens um einen schönen Zeltplatz zu finden. Und das lohnt sich. Ich finde einen Platz bei einem Bauern, Wasserhahn und eine Bank mit Tisch sind auch da. Und der Bauer spendiert mir ein halbes Baguette, Käse, Fleisch und Wein habe ich noch. Den Käse erkennt er sofort, kauft er hin und wieder auf dem Markt in Avalon. Kilometer: 19,2, Kasse: Euro 62

16.05.2006 um 07:41 Uhr

Montag, 15. Mai. Die Teufel sind abgestiegen

Ich habe noch einen Tag drangehängt. Rene will geschwind schauen, wie es seiner Schwiegermutter, und vor allem, wie es seiner Frau geht. Hätte er auch gestern machen können, schimpft er sich selbst. Aber mir ist das ganz recht, denn so verdiene ich noch einmal 15 Euro. So fährt er früh morgens los, zum Melken muss er wieder hier sein. Wie am Sonntag kommen erst die Schafe auf eine abgesperrte Weide, dann gehe ich mit den Ziegen wieder auf den schmalen Streifen. Das ist nicht ganz so einfach, denn die Viecher sind immer in Bewegung. Aber sie wissen genau, was sie dürfen und was nicht. Meist reicht ein kurzer Pfiff, und schon sind sie wieder von der Straße runter in der Wiese. Es ist wieder wärmer geworden, und ich bin froh, dass ich einen Teil des Tages um Schatten von ein paar Bäumen bleiben kann. Abends wieder zurück, die Tiere wissen, wo sie hinmüssen, gehen fast von alleine. Rene verspätet sich ein wenig, schimpft über den Verkehr und macht sich gleich ans Melken. Ich übernehme dann das Essen – Coq au vin mit Pilzen. Während das Tier in der Röhre schmort, schaue ich geschwind ins Internet. Lauten hat also verloren gegen Wolfsburg. Und Hamburg hat es auch nicht geschafft (sorry Andy. Aber keine Angst, die kommen trotzdem weiter. Und danke für die Infos aus der Buli). Alles in allem eine blöde Saison. Jetzt kanns durch die Weltmeisterschaft nur noch … na hoffentlich besser werden. Kilometer: ungefähr 10, Kasse: Euro 15

16.05.2006 um 07:08 Uhr

Sonntag, 14. Mai. Der beste Käse der Welt

Wer Tiere hat, der hat keinen Ruhetag. Und so ist Rene bestimmt gegen halb fünf schon wieder auf den Beinen. Später frühstücken wir gemeinsam, dehnen es ein wenig aus, bis die Schafe unüberhörbar blöken. Ihre Uhr ist genau. Das Wetter immer noch ein wenig trübe, es regnet leicht, als wir losziehen. Erst die Schafe auf eine abgesperrte Weide, dann mit den Ziegen einen schmalen Streifen abweiden, der zwischen Straße und einem kleinen Kanal liegt. Hier wachsen viele Kräuter, die sie lieben, sagt Rene. Er zeigt mir einige und pflückt sogar ein paar, die er heute Abend in den Salat tun will. Leider sagen mir die französischen Namen nichts, aber es hat trotzdem gut geschmeckt. AmAbend helfe ich dann wieder beim Melken, also gut, eher beim Milch filtern. Später dann male ich noch Nüsse, die einen Mantel für den Ziegenkäse geben – eine Spezialität von ihm, meint Rene. Ich muss einen kosten und der schmeckt wirklich gut. Und gut schmecktauch der grüne Salat mit den selbst gesammelten Wildkräutern. Kilometer: ungefähr 10, Kasse: Euro 15

16.05.2006 um 06:25 Uhr

Samstag, 13. Mai. Schäferstündchen

Musik: Give peace a chance, John Lennon

Nachdem es ja gestern nicht geklappt hat mit dem Blog, mache ich heute noch einen Versuch. Mal wieder sicherheitshalber mit dem Text erst im word ... Die letzten Tage waren vom Wetter her ziemlich wechselhaft. Es hat immer mal wieder geregnet, zum Teil aber auch heftig geschüttet und gewittert. Vor allem heute Nacht. Bin ich sogar aufgewacht. Rene meinte vorher, dass er auch ein paar Mal draußen war, um nach den Tieren zu schauen. Aber im Moment sieht es wieder besser aus. Rene ist gerade beim Bäcker – nach dem Frühstück geht’s für mich weiter. Hier noch mal die letzten Tage im Zeitraffer. Mein erster Tag als oberster Schäfer. Die Schafe sind misstrauisch. Sie wissen genau, dass da heute jemand anders auf sie aufpassen soll. Aber sie nutzen meine Unerfahrenheit nicht über Gebühr aus. Eilig haben sie es nicht, da wird sofort klar. Sie bummeln also mit mir ganz gemütlich den Weg entlang. Zum Glück ist kein Verkehr, nur ein Treckerfahrer kommt entlang, staunt über mich, den Unbekannten, und scheucht die Tiere in die Felder. Auf der Wiese angekommen wird es dann ein ruhiger Tag für mich. Die Schafe fressen ein wenig herum, ziehen es vor, nicht groß durch die Gegend zu laufen. Schade, dass ich nichts mehr zu lesen habe. So habe ich einen eher meditativen Tag vor mir, schaue den Wolken zu und fange Blütenblätter. Auch der Rückweg am Nachmittag klappt bestens, ich habe alle 37 wieder im Gatter als Rene gerade in den Hof fährt. Timing. Ich helfe ihm noch schnell auszuladen, mache mich schnell noch an die Wäsche, dann lassen wir den Tag ausklingen mit einem ausgiebigen Essen, trockenem Rotwein und einer Diskussion über Fußball. Leider kriege ich kein Deutsches Fernsehen, habe also nicht live mitbekommen, wie die Saison zu Ende gegangen ist. Klar, Bayern ist Meister, Köln abgestiegen. Den Rest habe ich mir dann im Internet angeschaut. Kilometer: ungefähr 7, Kasse: Euro 15

15.05.2006 um 08:05 Uhr

Blogfrust

So ein Mist ... da bin ich extra früh aufgestanden, um meine letzten Tage einzutragen, und dann stürzt das Ding ab und alles ist weg. Pech, dann halt alles noch mal, wenn ich wieder Zeit habe. Vielleicht heute Abend. ich habe den Montag noch drangehängt bei Rene, den Ziegen und Schafen, morgen geht es dann weiter. Timo

12.05.2006 um 21:35 Uhr

Freitag, 12. Mai. Alles Käse

Musik: Morning has broken, Cat Stevens

Manchmal ist es schon komisch – da überlege ich hin und her, wo ich meine nächste Arbeit finde (vor allem eine, die ich machen kann), und dann kommt sie ganz von alleine. Aber der Reihe nach. Ich habe relativ lange geschlafen, oder besser, bin in meinem Zelt gedöst. Aber dann schien die Sonne schon so warm, dass ich einfach raus musste. Die Gegend ist hügelig, und so muss ich hin und wieder kräftig schieben. Aber ich habe da schon so meine Techniken, dass es möglichst nicht anstrengt, sprich weh tut. Ich finde einen schönen Weg ohne Verkehr – und ohne Menschen. Es ist, als würde die Welt mir gehören (Ja, ja, jetzt kommen wieder die Kommentare von wegen überheblich und so. Es ist einfach so. Aber das kann nur jemand nachvollziehen, der so einen menschenleeren Weg schon mal gelaufen ist.) In einem kleinen Nest, Name vergessen und nicht auf meiner Karte, trinke ich wieder eine heiße Schokolade und esse ein Hörnchen. Zwei Handwerker stehen an der Bar, antworten meinen Gruß mit einem Nicken, gehen dann - und haben meine Zeche bezahlt. Später versuche ich mir das mal vorzustellen in Deutschland ... Ich komme an einen kleinen See und mache eine Pause. Danach habe ich eigentlich keine Lust mehr, aber ich habe erst rund 10 km geschafft, und das ist mir zu wenig. Und hier am See hat es zu viele Stechmücken. Also mache ich mich wieder auf den Weg. In Toutry kaufe ich noch mal ein und schaue etwas besorgt auf meine schwindenden Geldvorräte. Und dann muss mich doch so langsam um einen Schlafplatz kümmern. Der kommt dann mit Mecker und Klingel. René ist mit seiner Ziegenherde gerade auf dem Weg nach Hause. Ich frage ihn, wo ich denn zelten könnte, und er lädt mich ein, das bei ihm zu tun. Er hat einen kleinen Hof (so klein war der dann doch wieder nicht) in der Nähe von Sauvigny. Und so folge ich ihm und seinen Ziegen. Wie selbstverständlich dirigiert er mich dann ins Haus, ich kann das Bad benutzen, kann im Gästezimmer schlafen und bin zum Essen eingeladen. Rene hat hier Ziegen und Schafe, verkauft die Milch, aber auch selbst gemachten Käse. Und so lerne ich an dem Abend noch, wie man Ziegen melkt. Ok, ich versuche es auch mal, aber das klappte nicht so gut. Nichts zu meckern gabs aber beim Misten und Füttern. Als ich Rene erzähle, dass ich einen Job für ein paar Tage suche und in Avalon mal mein Glück versuchen will, meint er, dass ich ja ihm helfen könnte. Er muss morgen auf den Markt, seinen Käse verkaufen, und da hat er niemand für die Schafe. Aber die müssten zu einer bestimmten Wiese. Die Ziegen bleiben dann hier. Eigentlich macht das Silvi, aber die musste zu ihrer Mutter, die aus dem Krankenhaus entlassen wurde und noch nicht so recht den Haushalt schafft. Kein Problem, sage ich, und wir einigen uns auf 15 Euro am Tag plus Essen. Und Internet. Jeder Ziegenhirt habt hier Internet, lacht Rene. Und da sitz ich also jetzt. Kilometer: 16,1 km, Kasse: 17 Euro

12.05.2006 um 21:01 Uhr

Donnerstag, 11. Mai. Einfach ein Tag

Musik: Papa was a rolling stone, Temptations

Montbard, das erste größere Städtchen seit einiger Zeit. Mir gefällt es, obwohl ich mich nicht lange aufhalte. Ich kaufe nur ein paar Sachen zum Essen und gehe dann weiter. Erst ein wenig lästig an einer größeren Straße entlang, dann über schöne Feldwege oder ruhige Nebenstraßen. Das Wetter ist schön sonnig wieder, nachdem es in der Nacht ein wenig geregnet hatte. Aber es ist, zumindest am Vormittag manchmal frisch. Ich laufe wieder mein gemütliches Tempo, aber ohne größere Pausen. Erst nach Mittag setze ich mich auf einen Holzstapel, höre den Lerchen zu und beobachte die Wolken. Ein schöner Tag, an dem schön nichts passiert. Habe ich mit jemanden gesprochen? Nein, nur beim Einkaufen. Hinter Athie suche ich mir ein Plätzchen für mein Zelt, ein kleiner Brunnen plätschert und wird das Badezimmer. Kilometer: 16,9 km, Kasse: 24 Euro

12.05.2006 um 20:43 Uhr

Mittwoch, 10. Mai. Ein ganzes Leben ...

Nach einem kurzen Frühstück und einem Abstecher noch mal ins Internet geht es los. Heute habe ich einen Begleiter, denn Jean-Louis hat beschlossen, dass er mich begleitet. Musste zwar vorher noch ein paar Sachen erledigen, und so konnte ich noch mal schnell ins Netz und einige Kommentare loswerden. Außerdem meinte Jean-Louis, dass ich ruhig mal ein paar Leute anrufen kann. Dazu würde ich ja sicher nicht so oft kommen. Stimmt, und so habe ich als erstes mal Therese und Christophe angerufen, die schon etwas beunruhigt schienen, weil ich mich nicht gemeldet hatte. Kurzer Rückblick noch mal auf gestern: Wir sitzen lange an dem uralten Holztisch, trinken sehr trockenen Rotwein und ich höre ihm zu. Er erzählt sein ganzes Leben: Seine Firma in Paris, die er verkauft hat, als die Kinder groß waren und eigene Wege gingen. Seine Frau, die unbedingt aufs Land wollte, in ein Dorf, in dieses Dorf, und ihn dann nach zwei Jahren verlassen hat. Das war 1990. Seit dem ist er hier, allein, muss für die Kinder immer noch hin und wieder was springen lassen und für die Frau bezahlen. Die Landwirtschaft, die er machen wollte, hat er nach einigen Pannen aufgegeben. So hat er nur wenig Geld, aber es reicht. Und es geht ihm gut. Nach der zweiten Flasche klingelt das Telefon, er telefoniert und entschuldigt sich, dass er noch schnell ein E-Mail schicken muss. Sollte ich auch, murmle ich. „Mach doch“, sagt er, „ich bin eh gleich fertig und geh dann schlafen.“ So kam ich also zu der ausgedehnten Internet-Orgie. Runde 14 km bis zur Abbaye de Fontenay, meiner vierten Unesco-Station. (Danke übrigens an den Internetknecht für die Infos zu den Teilen. Und was hat es denn mit dem „Anstecken“ auf sich? Kerstin hat sich noch nicht gemeldet ...) Jean-Louis kennt sich gut aus und so ist die Navigation kein Thema. Und er lässt es sich auch nicht nehmen, die ganze Zeit das Rad zu schieben. Was mir allerdings sehr recht ist. So läuft es sich sehr bequem und locker. Und er übernimmt auch die Konversation zum größten Teil. Erzählt wieder von seinem „Landleben“ und kann so herrlich über seine eigenen Missgeschicke lachen. Ich verstehe da nicht immer alles, aber manchmal denke ich, so lustig ist das nicht, wenn einem irgendwie das ganze Saatgetreide verschimmelt oder die Hasen die gesamte Bohnenernte auffressen. Fontenay ist nett, die mächtigen Kreuzgewölbe sind fantastisch und auch der Garten ist schön, auch, wenn er mehr zu einem Schloss denn zu einem Kloster passen würde. Jean-Louis spendiert mir noch eine Führung und eine Postkarte. Und auch das Essen übernimmt er. „Ist doch klar“, meint er nur. Außerdem macht er sich Sorgen, wo ich übernachte. Aber es ist ja warm genug, und ich kann hier überall zelten. Schließlich trinken wir noch ein Glas Wein und er macht sich auf den Weg nach Montbard – „wenn ich schon mal hier bin ...“. Wäre auch meine Richtung, aber nach der Führung bin ich doch etwas fußlahm, und in der Stadt habe ich auch keine Chance auf einen Zeltplatz. Also verabschieden wir uns kurz, und ich suche mir einen Platz für die Nacht. Kilometer: 14,5 km, Kasse: 29 Euro

09.05.2006 um 20:48 Uhr

Dienstag, 9. Mai. Ich werde erwartet

Es ist kälter geworden, spürbar kälter. Da bin ich dankbar, dass ich zum Frühstück eingeladen werde. Viel gibt es nicht, der Hausherr ist kein großer Frühstücker, wie er selbst sagt. Aber das sind Franzosen eh nie. Eine halbe Stunde helfe ich noch, Holz schichten, dann schiebe ich wieder los. Ein unspektakulärer Tag. Ich komme langsam, aber stetig voran, immer auf oder an einer Landstraße entlang. Es weht ein kühler Wind, aber es ist auszuhalten. Ich mag’s eh lieber kühler, aber fünf Grad mehr wären nicht schlecht. Ich mache einen kleinen Umweg nach Darcey rein, mache eine Pause und kaufe was zu essen. Dann geht es weiter. Am Nachmittag fällt es mir schwer, mich auf den Weg zu konzentrieren. Meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Mir fallen uralte Lieder ein, die ich schon seit Jahren (ok, seit Moneten) nicht mehr gehört habe. Ich gebe es auf, sie auf dem Player zu suchen, das hält zu sehr auf. Also singe ich selbst. Zum Glück ist niemand in der Nähe. Eine größere Straße kreuzt, ich muss fragen, wie ich am besten weiter kommen. Ich mache es in einem Café, in dem vier Männer und der Wirt beim Wein sitzen. Das bringt mir fünf Meinungen und ein Glas Rotwein ein. Der Weg, der mir dann empfohlen wird, ist wahrscheinlich der kürzeste, aber er geht ein Stück sehr steil bergauf. Egal, ich schaffe es rauf und stapfe dann auf einem ganz guten Weg weiter. Als ich mich Lucenay le Duc nähere, sitzt ein Mann an der Straße auf einem Klappstuhl. Als ich näher komme, steht er auf und geht auf mich zu. Ich weiß erst nicht, was ich davon halten soll, aber er spricht mich an: „Du bist der Pilger“, sagt er und streckt mir die Hand hin. „Jean-Louis“, sagt er und lacht, „Sebastien hat mich angerufen.“ Ich schaue ihn fragend an. „Sebastien aus Corpoyer.“ Aha, das war der Mensch, mit dem ich heute Morgen Holz geschichtet habe. Jean-Louis wohnt alleine in einem riesigen alten Haus, das mal ein Bauernhof war. Aber ein Teil des Hauses ist eingefallen, sagt er. Das renoviert er dann mal später. Er nimmt mich mit, erzählt schon unterwegs viel (oder besser „nur“). Und dann macht er was zu Essen, während ich dusche. Was für eine Wohltat. Als ich fertig bin, steht Jean-Louis in der Türe. Essen ist verschoben, ein Freund braucht seine Hilfe mit einer Maschine. „Schau fernsehen“, sagt er, „oder schick Deiner Liebsten ein E-Mail.“ „E-Mail wäre nicht schlecht“, sage ich und er macht mir schnell den PC an und düst dann mit einer alten Ente ab. Also, dann nutze ich die Gelegenheit und schaue mal wieder in die Blogs und Mails. Er braucht zwei Stunden, hat Jean-Louis geschätzt. Also nichts wie ran. Zu essen gab’s erst mal trockenes Brot. Also, Kommentare hab ich geschrieben. Ein paar kurze Mails (sorry, aber da taten schon die Finger weh). Christophe hat mir die eingescannten Postkarten geschickt. MERCI! Das heißt, es gibt neue Bilder, aber nur wieder auf http://heiligerjakob.blog.de. Und Blogio wird verkauft, hab ich gelesen. Haltet noch durch, solange ich unterwegs bin! Kilometer: 16,9 km, Kasse: 29 Euro

09.05.2006 um 19:32 Uhr

Montag, 8. Mai. Gelb regiert die Welt

Die ganze Welt ist gelb. Auf der anderen Straßenseite stehen eine ganze Reihe Ahornbäume, die blühen gerade und mit ihren Blüten nach allem, was sie zu bieten haben. Ich klopfe die gelbe Schicht, so gut es geht, von meinem Zelt. In dem Obstgarten ist ein Pumpbrunnen, der eiskaltes Wasser nach oben bringt. Hallo-wach in Sekundenbruchteilen. Als ich mein Zelt zusammenpacke, kommt ein kleiner Knirps und schaut mir aufmerksam zu. Als ich fertig bin, winkt er, dass ich ihm folge soll. Ich mache das, lande auf eine Terrasse, wo seine zwei Geschwister und seine Eltern beim Frühstück sind. Ich bin eingeladen. Auch hier ist alles Gelb vom Blütenstaub – er liegt auf dem Marmeladebrot und schmeckt, als ob er dazu gehört. Der Knirps heißt Johann und spricht nicht gern mit Fremden, erklärt seine Mutter. Und Johann nickt mit vollem Ernst und noch vollerem Mund. Die Reste vom Frühstück darf ich einpacken, und dann bekomme ich noch ein paar Tipps für den Weg. Außerdem Geleitschutz von Johann und seinem Bruder, beide mit einem selbst gebastelten Holzschwert an der Seite. Ich laufe wieder langsam, aber stetig. Müde wird man dadurch nicht richtig, und so brauche ich auch keine Pause. Nur, um mal die Seite zu wechseln oder etwas zu essen oder trinken. Die Gegend ist nicht sehr dicht besiedelt und ich treffe auch selten Menschen. Umso mehr freu ich mich über jeden Vogel, der übe den Weg hüpft und mir was pfeift. Hinter Blessey geht es in ein kleines Tal, und ich komme auf einem schmalen, aber guten Weg schön voran. Allerdings verlaufe ich mich später, und dann will ich auch schon nicht mehr. Die Schieberei ist lästig. Und noch lästiger ist eine Erkenntnis: Von was soll ich leben, wenn ich nicht mal richtig arbeiten kann. Und das, weil ich hier eine Arbeit sogar mehr oder weniger angeboten bekommen habe. Aber Holz hacken geht beim besten Willen nicht. Aber ich schichte dann das Holz auf, das geht ganz gut, solange ich mich nicht zu sehr strecken muss. Immerhin kriege ich außer einem Platz zum Zelten auch ein Abendessen (kaltes Huhn, einlegte Birnen und Melonen). Kilometer: 16,3 km, Kasse: 34 Euro

09.05.2006 um 19:10 Uhr

Sonntag, 7. Mai. Die Entdeckung der Langsamkeit

Als ich aufwache tut mir alles weh. Also, alles oberhalb der Leiste. Ist halt doch etwas anderes, wenn man in einem weichen Bett schläft oder auf der Isomatte. Aber es geht. Ich muss mich nur beherrschen, dass ich die herrlich frische Morgenluft nicht mit tiefen Zügen inhaliere. Schon der Gedanke daran schmerzt mir in den Lungen. Ganz langsam geht es voran. Alles muss wirklich überlegt sein. Einen Hering in die Erde zu treiben, dazu brauchte ich gestern nur einmal mit den Wanderstiefeln draufstehen. Ihn wieder herauszukriegen ist eine ganz andere Geschichte. Ebenso das Zelt und den Schlafsack zusammenzurollen. Aber: Ich brauche jetzt nicht mehr ganz so fest zu packen, da mein Packesel doch einiges verzeiht, sprich, er hat mehr Platz. Mir kommt es endlos lange vor, bis ich endlich alles zusammen und auf dem Rad habe. Zwischendrin habe ich dann noch ein wenig was aus dem riesigen Vesperpaket von Therese gemampft. Dann geht es in das nächste kleine Nest, Prenois. Ich frage einen Mann, der vor der Haustür raucht, ob ich meine Wasserflasche füllen kann, und er spendiert mich gleich noch einen Kaffee dazu. Dann „schiebe“ ich weiter. Zum Glück sind die Wege gut. Beton oder ganz feste Erde. Die Haltung ist nicht sehr bequem, aber es geht. Ich muss nur schauen, dass das Rad möglichst gerade steht. Und es hat Vorteile, den Rucksack nicht tragen zu müssen. Sehr angenehm ist zum Beispiel gerade bei dem Wetter, dass man am Rücken dann nicht schwitzt. Ich vermute, dass ich etwa das halbe Tempo schaffe wie bisher, aber trotzdem bin ich irgendwie in sehr guter Stimmung und laufe ziemlich lange. Komischerweise bringt es gar nichts, das Rad auf die andere Seite zu nehmen, ich kann es links einfach nicht haben. Nach 5 Minuten wechsle ich wieder zurück. Ich nehme es zwar noch einige Male rüber, aber immer nur für ein paar Minuten. Die Gegend wird hügelig, immer wieder geht es kleine „Berge“ hinauf, und das merke ich dann schon gehörig. Kurze Pause, dann geht es weiter. Es geht eigentlich ganz gut, ich merke nur, dass mir das Sprechen schwer fällt. Aber so viel gibt es eh nicht zu sagen. Ich komme bis Bligny le Sec, dann merke ich, dass es genug ist für heute. Meine Arme schmerzen durch das ungewohnte Schieben, aber das gibt sich wieder. Ich darf unter blühenden Obstbäumen schlafen, bekomme frische Milch geschenkt und zehre noch immer von den Vorräten von Therese. Kilometer: 15,4 km, Kasse: 38 Euro