Musik: Oh Sister, Bob Dylan
Der Nebel weckt mich. Er liegt wir ein schweres Tuch über dem kleinen Tal. Oder besser, wie ein unberechenbares Tier. Ich schaue ihm ein paar Minuten zu wie er sich bewegt, verändert, lebt. Dann mache mich auf den Weg, wähle den Weg wieder direkt nach Süden. Ein etwas matschiger Feldweg, aber es geht. So entgehe ich der Straße und sehe ein paar Rehe, die vom Frühstück zurück in den Wald stapfen. Der Nebel begleitet mich noch eine Weile. Aus einem Seitental kommen drei andere Wanderer aus dem Nebel, scheinen erschrocken, als sie mich sehen, ziehen die Köpfe ein und grüßen nicht zurück. Komische Vögel, der Ausrüstung nach würde ich sagen, dass sie Deutsche waren. Ansonsten ist der Tag zunächst menschenleer. Die Verkäuferin beim Bäcker, ein Mann im Gemüsebeet, zwei alte Frauen ratschen auf der Straße und halten einen Moment an, um mir nachzuschauen, … Das war's dann auch schon. Abgesehen von den Autos, aber auch die hielten sich in Grenzen. Denn erst bei Broye komme ich wieder auf eine richtige Straße, kaufe Brot und lasse mich dann wieder vom Wald verschlingen. Der Regen ist weg, der Wind hat kaum noch da, und so komme ich etwas besser voran. Wenn zwischendurch die Sonne rauskommt, dann wird es innerhalb von Minuten sommerlich warm und ich muss schnell die Jacke ausziehen. Die nassen Straßen und Wiesen dampfen dann, die Vögel singen ein schnelles Lied, aber schon kündigen Regenbogen den nächsten Schauer an. Gegen Mittag dann auf einmal keine Wolke mehr, dafür wird der Wind stärker. Der Wald hält die Sonne ab, es ist angenehm zu gehen. Nur: Ich habe keine größere Ortschaft auf der Route. Na ja, nicht mal eine kleinere, wenn ich das richtig sehe auf meiner Karte. Und Umweg will ich keinen laufen. Zumal mir die Gegend hier sehr gut gefällt. An einem Bauernhof fülle ich Wasser nach, kann aber nichts zu essen kaufen. Der Magen knurrt. Noch ein Bauernhof. Der Sohn ist da, vielleicht 15, sehr misstrauisch. „No, no“, sagt er nur. Es ist niemand da. Eine Viertel Stunde später der dritte Versuch. Ein Bauer mittleren Alters hört mir zu, die Stirn in Falten, die Hände in die Hüften gestemmt. Aber dann verkauft er mir für einen eher symbolischen Euro ein dickes Fresspaket: ein Baguette riecht heraus, der Rest ist eingepackt. Zu arbeiten hat er leider nichts, sagt er. Im Sommer, da könnte er immer jemanden gebrauchen. Ich gehe noch ein kleines Stück, dann will der Magen endlich an die große Tüte. Ich setze mich in eine Wiese, wo Massen von wildem Schnittlauch wächst und schaue, was da so alles in der Wundertüte drinsteckt: Alles! Brot, Käse, Wurst, Radieschen, Paprika, Reissalat, irgendwas Eingelegtes, was schrecklich schmeckt (Innereien?) und sogar eine halbe Tafel Schokolade. Das reicht auch noch für heute Abend. Ich mache länger Pause als geplant, aber das tut gut, habe sogar ein wenig geschlafen. Gegen Abend ist es immer noch relativ wolkenlos, aber mit einem wieder stärker werdenden Wind. Die Sterne funkeln früh. Vielleicht mal eine Nacht, ohne dass das Regenstakkato auf mein Zeltdach trommelt.
21,2 km, Kasse: Euro 34