Jakobsweg_ohne_Geld

26.05.2006 um 13:15 Uhr

Donnerstag, 25. Mai. Das himmlische Kind

Musik: The river, Bruce Springsteen

Der Wind war die ganze Nacht an meinem Zelt, und auch heute Morgen weht er unvermindert. Und es ist kalt und es regnet. Bäh! Aber nach der obligatorischen heißen Schokolade geht es mir schon wieder ausgezeichnet. Auch, wenn der Wind mich weiter begleitet – zum Glück ein wenig abgeschirmt von den Hügeln im Westen. Immerhin hat der Regen den (Blüten)Staub weggewaschen, allerdings sind immer wieder ein paar Wegstellen matschig, was das Schieben etwas anstrengend macht. Bis ich in Gueugnon bin habe ich nasse Füße und ganz rote Hände. Also erst mal Pause. Ich schaue mir die Kirche an, natürlich von außen weil zu, und lande dann, weil es mal wieder regnet, in der Sportbar. Zwei ältere Herren, die hier ihren Pastis trinken, langweilen sich sichtlich. Sie laden mich zum Kaffee ein und erzählen mir alles über die Stadt. Gut, das ist nicht so viel und in 10 Minuten erledigt. Angefangen natürlich, schließlich sind wir in der Sportbar, mit dem legendären Sieg im französischen Pokal. Ich bin skeptisch, gegen Paris Saint Germain? Immerhin ist das Nest hier nicht besonders groß, gerade mal 10.000 Einwohner schätze ich. Aber die beiden zeigen mir den Wimpel und spielen sogar die beiden Tore nach. Danach erzählen sie mir noch, dass ich unbedingt die berühmte Brücke über die Arroux anschauen muss. Hm, habe ich schon gesehen, aber mir ist sie nicht so spektakulär in Erinnerung ... auf jeden Fall sieht man ihr ihre über 200 Jahre nicht an. Schließlich geht es wieder zurück zum einzigen wirklich wichtigen Thema – dem Fußball. Und die beiden erklären mir, warum Frankreich dieses Jahr Weltmeister wird. Und warum Deutschland in der Zwischenrunde schon ausscheidet. Das war so schlüssig, da kann man nichts dagegen sagen. Auch wenn ich nicht glaube, dass Deutschland gegen Polen verliert und Brasilien gegen England ausscheidet. Ich werde zum Burger und zum Pastis eingeladen und ziehe dann am frühen Nachmittag leicht beschwingt weiter. Das Tal wird etwas flacher, aber die Landschaft ist ganz nett. Ich bleibe auf der westlichen Seite des Flusses, auf der anderen ist immer die Straße, und gehe durch üppig grüne Felder. Eine Bushaltestelle gibt einen Regenschutz für einige Zeit. Der Bäcker in Rigny-sur-Arroux schenkt mir zwei zerbrochene Baguette, dazu einen Käse und etwas Marmelade. Nicht so toll ist die Wegbeschreibung, die ich hier erhalte. Sie führt mich immer weiter weg vom Fluss. Schließlich gebe ich auf und schlage ich mich wieder in einem kleines Wäldchen mit meinem Zelt in die Büsche. Es regnet wieder heftiger und morgen ist auch noch ein Tag. 20,1 km, Kasse: Euro 23

26.05.2006 um 13:14 Uhr

Mittwoch, 24. Mai. Anglerfreuden

Musik: Have You ever seen the Rain,CCR

Der Wind hat die ganze Nacht an meinem Zelt gezerrt. War dann schon etwas schräg, aber ich habe keine Lust gehabt, die Schnüre nachzuspannen. Auch am Morgen bläst es frisch aus Nordwesten. Ich dachte, es wird jetzt endlich Sommer. Nach einigem Suchen und Himmelsrichtung bestimmen finde ich schließlich den kleinen Fluss, der mich wieder zum Arroux bringt. Ein schöner Weg, weitab der Straßen, leider nicht immer so gut zum Gehen/Schieben. Felder, Wiesen, Wälder ... begleiten mich. Und das Schnattern von Enten, Summen von dicken Hummeln und Trillern von Lerchen. Nette Musik, und so bleibt der MP3 aus, Akkus schonen. Ich spiele einen Moment mit dem Gedanken, eine Ente zu fangen und zu Entenbraten zu verarbeiten. Aber mangels detaillierter Kochkenntnisse lasse ich das dann doch. Außerdem habe ich noch immer was von gestern, obwohl ich gut gefrühstückt habe. Toulon-sur-Arroux taucht auf. Schade eigentlich, wäre nett gewesen, diese Landschaft ohne (viele) Häuser noch eine Weile zu genießen. Aber das frische Brot ist auch nicht zu verachten. Und der Eisbecher, zu dem ich eingeladen werde. Außerdem ein großer Kaffee und noch ein gut belegtes Baguette für die Weiterreise. Dafür habe ich eine Lampe mit Neonröhre im Café angeschlossen. Perfekter Tausch. Ich gehe westlich vom Fluss weiter, auf der anderen Seite ist eine größere Straße. Außerdem ist hier immer mal wieder Wald, allerdings ist das Tal auch steiler und ich habe immer mal einen kleinen Aufstieg. Wie Perlen liegen ein paar Seen neben dem Fluss. Eine Gruppe Angler sitzt da, aber es scheint, als wäre Angeln nur das Alibi, um von zu Hause zu entfliehen. Sie laden mich zu einem Bier ein, aber sie reden nicht viel. Trinken, fragen mich kurz nach dem Woher und Wohin, schauen mal nach der Angel und genießen die Ruhe. Als ich mich verabschieden will, weil ich noch in die nächste Ortschaft muss, bevor die Geschäfte schließen, winken sie nur ab. Zwei gehen zum Auto und schleppen Tupperschüsseln und anderes Zeug an. Nach ein paar Minuten bricht der wackelige Campingtisch fast zusammen unter dem Abendessen: Hauptbestandteile sind Hühnerschlegel, Couscoussalat, marinierte Pilze, grüner Spargel, Pastete, Käse ... Und Bier. Ich zähle vorsichtig mit. Während ich mein zweites trinke, haben die Männer im Schnitt fünf hinter sich, und ein paar Vorsprung ja auch. Der Wind wird stärker, und richtig kalt zum Teil. Als es dämmert verabschiede ich mich. Ob sie denn nicht heimgehen? Nein, in der Dämmerung beißen sie am besten. (In etwa drei Stunden hat nicht einer angebissen.) Außerdem haben sie noch eine Aufgabe, sagt einer, geht ans Ufer und holt einen weiteren Kasten Bier aus dem Wasser. Ich schiebe noch ein paar Kilometer am Fluss entlang, dann verziehe ich mich aus dem Tal und schlage mich in ein Waldstück. 22,4 km, Kasse: Euro 29

26.05.2006 um 13:14 Uhr

Dienstag, 23. Mai. Nebelmenschen

Musik: Oh Sister, Bob Dylan

Der Nebel weckt mich. Er liegt wir ein schweres Tuch über dem kleinen Tal. Oder besser, wie ein unberechenbares Tier. Ich schaue ihm ein paar Minuten zu wie er sich bewegt, verändert, lebt. Dann mache mich auf den Weg, wähle den Weg wieder direkt nach Süden. Ein etwas matschiger Feldweg, aber es geht. So entgehe ich der Straße und sehe ein paar Rehe, die vom Frühstück zurück in den Wald stapfen. Der Nebel begleitet mich noch eine Weile. Aus einem Seitental kommen drei andere Wanderer aus dem Nebel, scheinen erschrocken, als sie mich sehen, ziehen die Köpfe ein und grüßen nicht zurück. Komische Vögel, der Ausrüstung nach würde ich sagen, dass sie Deutsche waren. Ansonsten ist der Tag zunächst menschenleer. Die Verkäuferin beim Bäcker, ein Mann im Gemüsebeet, zwei alte Frauen ratschen auf der Straße und halten einen Moment an, um mir nachzuschauen, … Das war's dann auch schon. Abgesehen von den Autos, aber auch die hielten sich in Grenzen. Denn erst bei Broye komme ich wieder auf eine richtige Straße, kaufe Brot und lasse mich dann wieder vom Wald verschlingen. Der Regen ist weg, der Wind hat kaum noch da, und so komme ich etwas besser voran. Wenn zwischendurch die Sonne rauskommt, dann wird es innerhalb von Minuten sommerlich warm und ich muss schnell die Jacke ausziehen. Die nassen Straßen und Wiesen dampfen dann, die Vögel singen ein schnelles Lied, aber schon kündigen Regenbogen den nächsten Schauer an. Gegen Mittag dann auf einmal keine Wolke mehr, dafür wird der Wind stärker. Der Wald hält die Sonne ab, es ist angenehm zu gehen. Nur: Ich habe keine größere Ortschaft auf der Route. Na ja, nicht mal eine kleinere, wenn ich das richtig sehe auf meiner Karte. Und Umweg will ich keinen laufen. Zumal mir die Gegend hier sehr gut gefällt. An einem Bauernhof fülle ich Wasser nach, kann aber nichts zu essen kaufen. Der Magen knurrt. Noch ein Bauernhof. Der Sohn ist da, vielleicht 15, sehr misstrauisch. „No, no“, sagt er nur. Es ist niemand da. Eine Viertel Stunde später der dritte Versuch. Ein Bauer mittleren Alters hört mir zu, die Stirn in Falten, die Hände in die Hüften gestemmt. Aber dann verkauft er mir für einen eher symbolischen Euro ein dickes Fresspaket: ein Baguette riecht heraus, der Rest ist eingepackt. Zu arbeiten hat er leider nichts, sagt er. Im Sommer, da könnte er immer jemanden gebrauchen. Ich gehe noch ein kleines Stück, dann will der Magen endlich an die große Tüte. Ich setze mich in eine Wiese, wo Massen von wildem Schnittlauch wächst und schaue, was da so alles in der Wundertüte drinsteckt: Alles! Brot, Käse, Wurst, Radieschen, Paprika, Reissalat, irgendwas Eingelegtes, was schrecklich schmeckt (Innereien?) und sogar eine halbe Tafel Schokolade. Das reicht auch noch für heute Abend. Ich mache länger Pause als geplant, aber das tut gut, habe sogar ein wenig geschlafen. Gegen Abend ist es immer noch relativ wolkenlos, aber mit einem wieder stärker werdenden Wind. Die Sterne funkeln früh. Vielleicht mal eine Nacht, ohne dass das Regenstakkato auf mein Zeltdach trommelt. 21,2 km, Kasse: Euro 34

26.05.2006 um 13:13 Uhr

Montag, 22. Mai. Zurück ins Mittelalter

Musik: Fallensteller, Heinz-Rudolf Kunze

Einer der besten Freund des Menschen steht vor meinem Zelt und fiept. Ich sage ihm, dass er zu einer verwöhnten Rasse gehören muss, denn die meisten Hunde finden morgens um kurz nach fünf niemanden, der für sie Stöckchen wirft. Aber er scheint das nicht verstehen zu wollen, vielleicht stand das auch im Kleingedruckten des Zeltaufstellvertrages. Also, dann halt Stöckchen ... Als Belohnung gibt es ein Frühstück mit der Familie, für französische Verhältnisse sehr nahrhaft mit Omelette und Pastete. Der Sohn, so um die 6 Jahre kommt ganz aufgeregt herein und tuschelt mit dem Vater. Der meint dann irgendwann, dass der Junge gesagt hätte, mir hätte jemand die Pedale am Rad gestohlen. Ich lache und sage, dass gar keine dran waren und ich das Ding nur fürs Gepäck benutze. Hm, sagt er, das machen bei uns nur die Penner. Ist aber praktisch, erwidere ich und er schaut mich schon sehr skeptisch an. Trotzdem bekomme ich noch Kartoffelgratin mit, und ein Stück Speck. Das Wetter ist bestens, nicht zu heiß, aber hin und wieder mit einem „Schluck“ Regen. Ich will ein gutes Stück schaffen und so stapfe ich los, zwinge mich heute, das Rad mal eine längere Zeit auf der linken Seite zu schieben. Geht aber nur, wenn ich mehr Platz habe, also wenn ich einen breiten Weg oder eine Straße ohne Verkehr habe. Aber das geht eine Zeitlang sehr gut. Die Strecke geht zum Teil durch schöne Wälder, zum Schluss steil bergab. Eigentlich wollte ich nicht rein nach Autun, aber irgendwie schien es keinen Weg zu geben. Oder keinen, den die Leute hier kennen. Und so lande ich in der Stadt, die ich meiden wollte – und verliebe mich in sie. Die Kathedrale, die vielen Türmchen, die mittelalterlichen Gassen ... Ich bin ganz hin und weg und zweimal kreuz und quer und genieße diese Zeitreise. Schließlich lande ich, als es mal wieder anfängt zu regnen, in einem Internet-Café. Endlich mal wieder die Errungenschaften der Neuzeit genießen (sorry für die kurzen Mails und Kommentare). Danach ist es schon relativ spät, aber ich mache mich noch mal auf, laufe ein gutes Stück aus der Stadt. Erst wollte ich den Fluss entlang (Arroux), aber das schien mir auf der Karte alles ein wenig verbaut. Ich bin dann einfach nach Süden, auf einen kleinen Berghang zu, dort gibt es einen schönen Wald. Ich finde einen schönen Platz, kriege sogar ein Feuer an und mache in der Glut die Kartoffeln warm. 24,1 km, Kasse: Euro 37