Jakobsweg_ohne_Geld

28.06.2006 um 14:54 Uhr

Dienstag, 27. Juni, Zauberland

Musik: Love is a rose, Linda Ronstadt

Ich bin begeistert von der Carmargue. Vor allem natürlich am frühen Morgen. Ich bin extra früh aufgestanden und habe mein Zelt schnell zusammengepackt, damit mich hier niemand erwischt. Und dann nichts wie los, solange noch nicht die Touristen durch das Land brausen. Wie schön ist diese Gegend um diese Zeit. Es ist relativ frisch noch, alles voller Tau. Die Vögel schon geschäftig und ganz schön lärmend. Die weißen Pferde noch ein wenig schläfrig. Ich gebe Gas, laufe schnell auf den recht guten Wegen, die hier meist ein Stück weg von der Straße verlaufen. Grund ist auch, dass ich kein Frühstück hatte, total vergessen, was zu kaufen. Also nur ein Schluck Wasser und Nougat ... Erst in Albaron finde ich eine Bäckerei, außerdem gibt es günstige Trauben, die Frau wiegt großzügig ab und ich habe einen Vorrat, der den ganzen Tag hält. Ich verlasse endlich die Straße, die nun doch sehr voll und laut wird. Ich finde einen kleinen Platz für eine Pause, und um endlich mein Zelt zu trocknen, das ich taunass eingepackt habe. Kaum liegt es ausgebreitet in der Sonne, kommt eine Art Parkrancher und schnauzt mich böse an. Er will 200 Euro, weil ich hier unerlaubt zelte. Es braucht eine Menge Hartnäckigkeit, bis ich ihm erklärt habe, dass ich nicht zelte, sondern nur mein Zelt trockne. Er schreit, ich soll ihn nicht anlügen, ich zelte hier und er hat die Schnauze voll hat von den Deutschen, die hier die Landschaft verschandeln. Erst als ich sage, dass wir zusammen zur Polizei gehen und das klären, da gibt er auf. Das Zelt ist inzwischen trocken, ich packe es zusammen. Er schaut mir hinter einem Busch versteckt zu. Nichts wie weg hier. Die Gegend wird von den Touristen wohl nicht so stark besucht. Nur einmal reitet eine Gruppe Holländer an mir vorbei. Sind wohl alle keine großen Reiter und haben Mühe, sich auf den Pferden zu halten. Ohne Holland, fahrn wir nach Berlin ... summe ich und muss lachen. Die Landschaft hält einen langen Mittagsschlaf, alles scheint träge und faul. Außer den Stechmücken. Trotzdem ist es wunderschön hier, die Ruhe ist toll, und die Spiegelungen der Bäume in den kleinen Seen sind fantastisch. Leider sehe ich weder die Flamingos noch die Stiere. Wohl die falsche Gegend dazu. Ich wage es nicht, noch einmal einfach so zu zelten. Und so frage ich bei Mas des Iscles mal wieder bei einem Bauern, ob ich hier zelten kann. Kein Problem. Und ich kann nicht nur am Brunnen hinter der Scheune duschen (ohne Seife aber nur, und argwöhnisch bewacht vom Hofhund, ich werde auch eingeladen zum Fußballspiel. Brasilien hat Ghana schon mit 3:0 besiegt. Jetzt kommt es zum vielleicht hochkarätigsten Spiel. Die Franzosen schwitzen eine ganze Weile, vor allem nach dem Elfer, den sie natürlich wieder als unberechtigt empfinden. Da hilft auch die Zeitlupe nichts – der war eindeutig. Aber dann haben die Spanier eigentlich, wie immer bei großen Turnieren, nichts mehr zu bieten. Dabei haben sie seit über 1,5 Jahren kein Spiel mehr verloren. Und als dann der große Zidane noch das dritte Tor schießt, da ist klar, dass Frankreich jetzt Weltmeister wird. Ich verkneife mir zu erwähnen, dass der nächste Gegner Brasilien ist. Ziemlich voll (vom Essen und vom „Sandwein“, der erstaunlich süffig ist in so einer warmen Fußballnacht) schlüpfe ich in mein Zelt.

  

Km: 25,1,  Kasse: Euro 378

28.06.2006 um 14:35 Uhr

Montag, 26. Juni, Gewitterwein

Musik: Like a hurrican, Neil Young

Ich hätte mir das Spiel doch anschauen sollen, also, das zwischen Portugal und Holland. Da muss ja wirklich was los gewesen sein. Die Zeitungen schreiben von der „Schlacht in Nürnberg“. Wundert mich schon, dass ein Mann wie Deko vom Platz gestellt wird. Und auch Figo muss sich sehr daneben benommen haben. England war (wie immer bei dieser WM wohl eher langweilig). Immerhin wird das auch ein interessantes Duell. Ich bin ein wenig müde heute, schleppe mich so dahin. Das Wetter ist so was von drückend, schon morgens um zehn sehe ich im Westen die ersten Gewitter. Schließlich bin ich in Arles, dem Herz der Provence. Eine schöne Stadt, aber bei dem Wetter nicht gerade der Hit. Ich kaufe mir schnell meine Postkarte, damit ich das nicht vergesse. Ich bummle trotzdem ein wenig durch die Gassen – zu entdecken gibt es eine Menge. Natürlich das Amphitheater und das antike Theater gleich daneben – aber ich liebe eher die kleinen Details. Zum Beispiel einen Wasserspeier in Form eines Krieges mit Löwenhelm. Und dann steckt eine Menge Atmosphäre in der Stadt. In den kleinen Altstadtgassen mit dem etwas morbiden Charme ebenso wie im Stadtpark, wo die alten Frauen im Platanenschatten die Zeit verplaudern. Noch ein Blick ins Kloster St.-Trophime. Ruhe, Kühle, Kraft ... ein wunderschöner Ort für eine Pause. Vincent fällt mir ein, ausgerechnet hier. Mit Kirchen hatte er es ja nicht besonders. Hat er je eine gemalt. Auf Anhieb fällt mir keine ein. Vor dem Kloster steht ein Paar aus Österreich, die einen Stadtplan haben. Ich frage sie, ob ich einen Blick darauf werfen darf, um einen guten Weg aus der Stadt zu finden. Sie dagegen suchen die Post. Wir tauschen uns gegenseitig aus, und ich begleite sie zur Post, weil die beiden kein Wort Französisch sprechen. Sie hat sich ihre alten Wanderschuhe schicken lassen. Ganz Frau hatte sie sich einen Tag vor dem Urlaub neue gekauft (frau muss ja schick sein) und jetzt entsprechende Blasen. Der Postler findet kein Paket unter U wie Ursula und auch nicht unter P. Ich frage ihn, ob unter F denn vielleicht was zu finden wäre. Ja, einsortiert unter F wie „Frau“. Als Gegenleistung für die Übersetzungsdienste bekomme ich dann noch einen Eisbecher und ein wenig Nachhilfe zu van Gogh. Er hat sehr wohl Kirchen gemalt. Und sein berühmtes gelbes Haus, in dem er hier gelebt hat, wurde im Krieg durch einen Bombenangriff zerstört. Ich muss dringend weiter und verabschiede mich. Weit komme ich eh nicht mehr, die Stadt hat mich zu lange aufgehalten. Ich entscheide mich nicht für Nimes, sondern für die Route runter in die Carmargue. Kaum bin ich aus der Stadt, treibt mich ein Gewitter in eines der Restaurants, die hier auf Touristen warten. Der Patron ist nett, lässt ich unterstellen, und, weil noch nichts los ist, schaue ich mit den Kellnern und Köchen an, wie draußen für eine halbe Stunde die Welt untergeht. Das eigentlich harmlos wirkende Grau wird innerhalb von Sekunden zu einem Gelbschwarz, und als der Himmel dann aufmacht, da ist es, als schütte er wahllos Eimer von Wasser durch die Gegend. Alle schauen stumm zum Fenster hinaus, unterhalten wäre eh nicht möglich. Der Donner und das Rauschen des Wassers sind infernalisch. Dann sind die Blitze weg, nur der Regen rauscht noch. Plötzlich habe ich ein Glas Wein in der Hand – Gewitterwein, lacht einer. Wir schauen uns den Rest des Spieles Italien – Australien an. Was für ein Betrug! So einen lächerlichen Elfmeter habe ich noch nie gesehen. Und das zehn Sekunden vor Schluss. Und warum Canavaro nach der Tätlichkeit direkt vor dem Schiedsrichter nicht vom Platz geflogen ist, weiß auch nur der Mann in Schwarz. Die Franzosen lachen sich halb tot und schimpfen natürlich auf die Schiedsrichter, die ihnen ja auch wohl ein klares Tor aberkannt haben. Schade, der Fußball der Italiener war, wie eigentlich immer, wenn sie nicht gegen Deutschland spielen, mies. Hoffentlich schafft es die Schweiz nachher. Nach einer Stunde hört der Regen dann auf, ich mache mich, ein wenig beschwingt, wieder auf den Weg. Eigentlich wollte ich nach einem Bauernhof suchen, aber es kommt nichts. Und ich bin schon im Nationalpark. Puh. Hier ist zelten eigentlich verboten. Eigentlich.

  

Km: 17,7,  Kasse: Euro 385

28.06.2006 um 14:09 Uhr

Sonntag, 25. Juni, Time machine

Musik: Time Machine, Beggars Opera

Früh bin ich wieder auf den Beinen, schaue mir die Pond noch einmal an, nutze die Waschräume im Besucherzentrum und kaufe meine Postkarte. Hätte ich gestern im Café ein paar Cent billiger bekommen. Als die anderen Touristen anrücken, bin ich schon wieder auf dem Weg. Immer am Fluss Gard entlang geht es wieder in Richtung Autobahn. Viel Wein wächst hier, und das heißt – kaum Schatten für Wanderer. Mein Hut tut, was er kann, aber ich bin innerhalb weniger Minuten patschnass und für jede noch so kleine Wolke dankbar. Am frühen Nachmittag erreiche ich Beaucaire. Der Fluss liegt da wie geschliffener Stahl, die beiden Burgen, vor allem die auf der anderen Seite von Tarason, sehen aus wie übrig gebliebene Pfeiler einer mächtigen alten Brücke. Ich versorge mich mit Essen und beschließe, auf der westlichen Seite des Flusses zu bleiben. Bis Arles kommen kaum größere Ortschaften, und so mache ich gar nicht den Versuch, einen Fernsehplatz zu bekommen. Mir geht Avignon nicht aus dem Kopf. Mit zwei Tagen Verspätung schleicht sich das Mittelalter in meinen Kopf. Ich überlege, wie das wohl wäre, in dieser Zeit gelebt zu haben. Besser? Interessanter? Aufregender? Oder wäre es für mich nichts als eine Schinderei gewesen, beim Bau des Papstpalastes zum Beispiel? Ich komme zu der Erkenntnis, dass die „normale“ Bevölkerung damals nicht viel zu lachen hatte. Ich singe „Time Machine“ und überlege, wie die Päpste wohl gelebt haben und was sie wirklich angetrieben hat. Ich mache noch eine längere Pause und gehe dann noch lange nach der Dämmerung, weil die Temperatur jetzt ein wenig angenehmer ist. Nicht so angenehm sind die vielen Stechmücken. Schließlich finde ich einen schönen Platz direkt am Fluss.

  

Km: 25,8,  Kasse: Euro 393

28.06.2006 um 13:53 Uhr

Samstag, 24. Juni, Zickzack-Kurs

Musik: Keep talking, Pink Floyd

Ich stehe früh auf, genieße noch einmal den Luxus einer langen Dusche, helfe beim Frühstück machen und schiebe dann weiter. Meine nächsten Ziele sind die Pont de Gard und Arles. Das heißt, ich muss im Zickzack laufen – ein ganz schöner Umweg. Und vor allem der erste Teil ist nicht besonders schön zu gehen. Erst einmal raus aus der Stadt, über die Brücke und dann den meisten Teil an der RN entlang. Ich gebe Gas, um 17 Uhr kommt das Spiel gegen Schweden. Gar nicht so leicht, denn das Wetter ist extrem drückend. Ein Gewitter hängt in der Luft, aber es entlädt sich nicht. Immer mal wieder fährt ein heißer Windstoß vom Meer dazwischen und vertreibt die Wolken. Kurz vor der Autobahn kommen zwei kleine Tälchen, in denen es ganz schön bergauf geht. Das schlaucht. Trinken, trinken, trinken ... Zum Glück habe ich mir eine zusätzliche Flasche Wasser aufs Rad geklemmt. Die 1,5 Liter sind im Nu weg. Ich wusste gar nicht, dass ich so viel trinken kann. Aber ich kann keine so großen Pausen machen, ich brauche bis 17 Uhr eine Fernseher, komme, was da wolle. Und letztlich war das auch kein Problem. Ich bin schon gegen 16 Uhr in Remouins – einem sehr aufgeräumten Ort kurz vor der Pond de Gard. Ich kaufe noch ein, esse was und suche mir dann ein kleineres Café, in dem ein paar Jüngere das Spiel anschauen. Sie interessieren sich aber nicht für mich, und so kann ich den Sieg in Ruhe genießen. Die Jungs nicken nach dem 2:0 anerkennend. Danach Argentinien gegen Mexiko – kein schönes Spiel und vor allem kein überzeugendes. Also, dann geht es gegen Argentinien im nächsten Spiel. Das wird ein Endspiel. Danach gehe ich die Strecke bis zur Pond noch raus. Überall stehen Wohnmobile, vor allem Deutsche und Engländer. Die Brücke ist voll beleuchtet und es gibt ein großes Besucher-Zentrum. Aber das ist natürlich jetzt zu. Ich genieße noch ein paar Minuten den schönen Blick auf die altehrwürdige Brücke, dann verziehe ich mich ein Stück weit in den lichten Wald.

  

Km: 25,8,  Kasse: Euro 393

28.06.2006 um 13:29 Uhr

Freitag, 23. Juni, Pause

Musik: Come up, Cockney Rebel

Pause, ich habe Pause. Die Jungs vom Camp haben nichts dagegen, wenn ich morgen auch noch hier bleibe. Und so genieße ich die Vorzüge unbegrenztem Duschens, Rührei mit Nachschlag, einer Waschmaschine, einer Steckdose für die Akkus und einem Aufpasser für mein Gepäck. So kann ich genüsslich in die Stadt ziehen und mich noch ein wenig umschauen. Natürlich meine Postkarte kaufen, den Papstpalast anschauen (wieder gönne ich mir den Eintritt, fast das Essen für einen Tag). Wie eine Felswand steht der Palast der Gegenpäpste trutzig in der Stadt. Wieder so Episode der katholischen Geschichte, die mich schmunzeln lässt. Vergnügungssucht gepaart mit Machtbesessenheit. Mich schaudert. Mit einem Pärchen aus Köln komme ich ins Gespräch über den Papst und die Religion. Und auch über den Jakobsweg. In Deutschland ist gerade ein Buch von Hape Kerkeling der Renner. Anscheinend hat der sich auch schon auf diesen Weg gemacht. Muss recht witzig zu lesen sein – eben Hape. Kennt es jemand? Gibt’s es war davon im Netz? Es ist ziemlich heiß und ich mache nur einen kurzen Abstecher zur berühmten Brücke – „sur le pond d’Avignon …“. Ein Internetcafé lockt, und ich schreibe schnell mein Blog. Für Mails und Kommentare hat es nicht so richtig gereicht. Nächstes Mal wieder mehr. Zum Mittagessen bin dann wieder im Camp, es ist einfach zu heiß in der Stadt. Es gibt Wassermelone zum Nachtisch. Die hat wohl ein Großhändler großzügig spendiert. Und der Nachtisch artet denn ein wenig aus. Hätte man filmen sollen, wie sich rund 40 Jugendliche mit Wassermelone bewerfen. Die Betreuer haben alle Hände voll zu tun, dass es nicht ganz ausartet und ist auch nicht so gelungen. So ganz ungefährlich ist Wassermelone doch nicht. Es gab ein paar blaue Flecken und keinen, der nicht von oben bis unten kleben würde. Also wieder waschen. Da kann ich dann erledigen, während die Gruppe nachmittags in die Stadt geht. Ich übernehme es dann so lange, auf das Lager aufzupassen und später dem Koch zu helfen. Dankbare Aufgabe. Abends ist dann wieder Fußball. Dieses Mal auf einem relativ kleinen Fernseher. Leider hat Togo eh schon keine Chance mehr, und so ist das Spiel gegen Frankreich unwichtig. Aber bei der Schweiz und Südkorea geht es um die Wurst. Die Schweizer machen das gut und sind weiter. Schade um die tollen Zuschauer aus Korea. Vorher hatte schon Spanien nur mit 1:0 gegen die Saudis gewonnen, und auch die Ukraine hat gegen Tunesien ein Tor geschossen. Das reicht beiden.

 

Km: 13,1,  Kasse: Euro 406

28.06.2006 um 13:07 Uhr

Donnerstag, 22. Juni, Augen zu und durch

Musik: Cathedral, Tanita Tikaram

Nachdem ich mich wieder orientiert habe und ausgiebig geärgert, mache ich mich auf den Weg nach Avignon. Ich bin ein wenig unschlüssig, ob ich links oder rechts vom Fluss laufen soll. Entscheide mich aber dann durch für die westliche Route. War wohl auch besser, weil ich hier wieder direkt am Fluss laufen kann und nicht sicher war, ob auf der anderen Seite auch eine Brücke kommt. Eingezeichnet ist keine, aber der Wirt von meinem Frühstückscafé meinte, dass es schon eine gibt. Aber mit dem Auto sieht das immer ganz anders aus als zu Fuß. Fünf Minuten Gas geben sind eben keine fünf Minuten auf den eigenen Beinen. Und heute zieht es sich. Aber ich komme voran, Avignon kommt Schritt für Schritt näher. Als ich dann am Nachmittag vor der Brücke stehe, weiß ich nicht, ob ich noch in die Stadt soll. Aber ich habe auch noch nichts zum Essen, und so schiebe ich rein. Ich setze mich auf eine Bank und schaue dem doch regen Touristentreiben zu. Eine schöne Sommernacht, Brasilien und Japan spielen und die Franzosen begeistert schauen zu, wie man Fußball spielt (Nach und nach merke ich dann, dass die meisten Zuschauer doch ausländische Touristen sind). Obwohl die erste Halbzeit, vor allem mit dem Tor der Japaner, den Samba ein wenig gestoppt hat und alle die Sensation wittern. Und dann macht ausgerechnet der dicke Ronaldo zwei Tore. Ich verstehe das eh nicht, dickes kleines Müller war früher doch wohl auch kein Laufwunder. Ich komme mit einem pickeligen (tschuldigung, Pierre) Jungen ins Gespräch und der lädt mich ein, bei ihnen zu campen. Sie haben ein Jungendcamp hier in der Stadt. Das einzige Problem, sie sind mit dem Auto da und es sind runde 5 Kilometer. Also schiebe ich dann noch zügig eine Stunde durch die Nacht, eigentlich wollte ich einfach unten am Fluss schlafen. Aber das Camp ist natürlich schon besser. Aber das sehe ich erst am nächsten Morgen. Zunächst einmal bin ich schon etwas fertig, war auch eine lange Strecke, sagt mein Kilometerzähler.

 

Km: 27,4,  Kasse: Euro 421

28.06.2006 um 13:06 Uhr

Mittwoch, 21. Juni, Römer und andere

Musik: Absolut beginners, David Bowie

Orange ist ein komisches Städtchen. Eine (selbst für Frankreich) ungewöhnliche Mischung aus antiken Bauwerken, modernen Dingen, Praktischem und Notwendigem und dem morbiden Charme, der das Mittelmeer ankündigt. Ich laufe ein wenig in der Stadt umher, kaufe mir meine Postkarte, gönne mir angesichts meines guten Kontostandes sogar den teuren Eintritt in die Arena und angesichts der hohen Preise kein Eis (Weiß jemand, warum Eis in Frankreich fast dreimal so teuer ist wie in Deutschland?). Der Weg hierher war nicht besonders aufregend. Und er wird es auch weiter nicht, Autobahnen beherrschen das untere Rhonetal. Ich habe keine so rechte Lust, weiterzulaufen, und der Lärm eines Freibades lockt mich an. So gönne ich mir auch diesen Luxus, hänge ein wenig ab und ziehe ein paar Bahnen zwischen kreischenden Kinderscharen und genervten Müttern. Obwohl ich im Schatten war, hole ich mir an den Oberschenkeln einen leichten Sonnenbrand. Als das Bad schließt, hilft mir einer der Bademeister sogar, meine Sachen nach draußen zu tragen. Erst, weil es ihm nicht schnell genug geht, dann, weil er neugierig ist, und ich muss ihm noch eine ganze Weile alles Mögliche erzählen. So bin ich immer noch in der Stadt, als es schon 21 Uhr ist. Niederlande gegen Argentinien. Das muss ich natürlich sehen. Aber sehr enttäuscht, ich bin noch vor der Halbzeit gegangen. Kommt auch nicht oft vor. Ebenso, dass ich mich total verfranze – die blöde Autobahn hat mich total durcheinander gebracht. So verbringe ich wieder eine Nacht in der Nähe der Straße und schlafe schlecht. Auch, weil es zwischendrin mal heftig gewittert und schüttet.

  

Km: 18,2,  Kasse: Euro 429

28.06.2006 um 13:05 Uhr

Dienstag, 20. Juni, Auszug aus dem Schlaraffenland

Musik: Wild Theme, Mark Knopfler

Früh morgens fahre ich wieder mit einem Kollegen in die Stadt. Der Schuster hat noch zu, aber das ist besser als mit dem Bus – den muss ich nachher dann zurück nehmen. Die Schuhe sehen wieder toll aus, er hat zwei andere Nähte auch nachgenäht und das Leder irgendwie eingesprüht. Trotz Pilger- und Kollegen-Sonderpreis muss ich satte 31 Euro bezahlen. Er sieht, wie ich erschrecke und erklärt, dass das eine Menge Handarbeit war. Ich nicke nur – verstehe ich ja. Ich kenne die Preise der Schuster in Deutschland. Den einen Euro gibt er mir dann wieder zurück. Mit dem Bus dann zurück in die Fabrik, gepackt habe ich schon. Während der Chef rechnet, trinke ich noch schnell eine Schoki aus dem Automaten und esse ein Stück Nougat. Mein Zahnarzt wird es mir danken. Ich habe keine Angst, wie der Chef auf den Betrag gekommen ist, aber ich vermute, er hat einfach die Kartons gezählt. Ich bekomme insgesamt 184 Euro – er gibt mir 200 und bedankt sich. Das hätte ihm schon geholfen, sonst hätte er an die Maschine sitzen müssen, sagt er mit einem Augenzwinkern. 200 Euro, das ist viel mehr, als ich gedacht habe. Und als ich dann zu meinem Gepäckträger komme, da haben sie mir ein paar Tüten drangehängt – insgesamt so um die 5 Kilo Nougat schätze ich. Hoffentlich keine Schokolade dabei, die würde bei der Hitze nicht lange überstehen. Ein kurzer Händedruck, dann schiebe ich wieder los. Weit komme ich eh nicht, denn um 16 Uhr ist Fußball. Aber ich will bis dahin wenn es geht ohne Pause laufen. Und es geht. Ein kurzer Stopp in einem Supermarkt, eine kurze Rast zum Essen. Das Tal ist wieder voll mit Verkehr, trotzdem bin ich früh dem Geruch, der Hitze und dem Lärm der Maschinen wieder entkommen zu sein. Der Fluss teilt sich wieder und macht einen Knick und ich laufe nun zwischen den beiden Wasserläufen. Pünktlich zum Anpfiff bin ich in La Coisiere, setzte mich ins nächste Café mit Fernseher und genieße das Spiel. Nicht so schlecht, aber auch nicht so gut, wie die Sprecher das loben. Das war Ecuador, und die waren schlecht. Keine Ahnung, warum die Polen da verloren haben. Ich laufe noch ein Stück, schaue dann England-Schweden an (Oh Mann, was haben die für eine Sportart betrieben?). Und Owen, der arme Kerl, die Franzosen haben das in Zeitlupe gezeigt, wie sein Knie da raus und wieder reinspringt. Das sieht nicht gut aus. Eine relativ laute Nacht in der Nähe der Autobahn.

 

Km: 22,1,  Kasse: Euro 451

28.06.2006 um 13:03 Uhr

Montag, 19. Juni, Wo Milch und Honig fließen

Stelle gerade fest, dass ich ein paar Tage gar nicht eingetragen habe hier. Muss ich schnell rauskopieren. Moment.

 

Der Chef wollte mich überreden, dass ich die ganze Woche noch dranhänge. Eigentlich verlockend, aber ich will dann doch nicht. Den Montag hänge ich noch dran, auch, weil es schon am frühen Morgen aussieht, als würde es gleich gewittern. Und: Weil ich ein Problem an den Schuhen habe. Eine Naht ist schlecht verarbeitet und löst sich auf. Oder besser, hat sich schon gelöst. Also arbeite ich eine Weile, fahre dann mit einem wortkargen Kollegen nach Montelimar zu einem Schuster, den ein anderer Kollege kennt. Dann habe ich zwei Stunden lang Zeit, weil er so lange ein paar Dinge erledigen muss. Also schnell nichts wie ins Internet-Café und die letzten Tage festgehalten. Wie komme ich nicht, dann hupt es draußen. Zurück zum Nougat. Schon nach einer Stunde bereue ich die Entscheidung. Ich kann den Geruch nicht mehr ausstehen. Und die eintönigen Bewegungen. Aber da muss ich jetzt durch. Zum Glück hatte ich in Lyon diesen einen Job, sonst würde ich jetzt sicher das Angebot annehmen noch die Woche dranzuhängen. So sitze ich also da, schiebe ein Papier nach dem anderen rein und mampfe Schoki. Ich habe mich gestern Abend gewogen – nur noch (Ma, hör weg) 82 Kilo. Nicht, dass ich vorher mopsig gewesen wäre, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal 5 Kilo abnehmen kann. Abends dann wieder Fußball: Die Schweiz hat sich gegen Togo durchgesetzt. Gute Chance also auch für die, weiterzukommen. Spanien – Tunesien. Wieder so ein grausames Spiel. Ich schaus mir trotzdem bis zu Ende an, weil ich immer noch die Überraschung glaubte, aber die Tunesier sind so was von schlecht.

 

Kasse: Euro 290

19.06.2006 um 12:15 Uhr

Sonntag, 18. Juni. Die unerhörte Eintönigkeit der Maschinen

Drei Elstern wecken mich so gegen fünf Uhr. Sie machen so einen Lärm, dass ich nicht mehr schlafen kann und lassen sich auch, als ich ein Stück Holz nach ihnen werfe, nur ein paar Meter vertreiben. Also stehe ich auf, es ist ein wunderschöner Morgen und ich genießen ein paar Minuten die frische Luft. Danach beschließe ich, dass ich einfach mal weiter arbeite. Also setze ich mich an meine Maschine und mache eine Tafel nach der anderen. So gegen acht Uhr kommt der Chef und bringt Frühstück. Gerade rechtzeitig, denn mir gehen die Kartons aus. Da staunt er nicht schlecht, wie viele ich schon gefällt habe. „Ja, ja, die Deutschen“, sagt er nur und grinst. Aber dann frühstücken wir erst einmal miteinander, und dann bringt er neue Kartons. Ein paar andere Arbeiter kommen, und bald riecht es wieder nach heißem Honig und Mandeln und Zucker … Ohne Pause ist das Geschäft ganz schön eintönig. Aber der Chef meint, dass das auch ziemlich ein Monatsumsatz wäre, was ich in den zwei Tagen gemacht hätte. War halt schon ein riesiger Auftrag, den sie da bekommen haben von einem englischen Warenhaus. Seit drei Jahren versucht er, da einen Fuß in die Tür zu bekommen, und jetzt hat es geklappt. Aber jetzt wären sie beinahe in Verzug gekommen, deshalb arbeiten sie das Wochenende durch. Mittags dann endlich wieder eine längere Pause. Dann wieder an die Maschine. Die Kollegen lassen noch Nachschub da, dann gehen sie. Ich sitze noch eine ganze Weile an der Maschine. Lasse Tafel um Tafel durchlaufen, packe einen Karton nach dem andren ein. Dann gehe ich ins Bistro und esse einen großen Salat und schaue das zweite Spiel an. Brasilien : Australien. Auch keine Überraschung. Danach mache ich noch eine Stunde und schaue mir, ein wenig zu viel Nougat essend, abends dann das Frankreich-Spiel an. Die Stimmung ist von Anfang an gereizt. Das schlechte Spiel gegen die Schweiz war nicht gerade nach dem Geschmack der Franzosen. Aber Schuld war der Schiedsrichter, hehe. Die werden noch öfter herhalten müssen für schlechte Leistungen. So auch dieses Mal. Nach 10 Minuten führen die Blauen zwar, aber dann liefern beide Mannschaften einen dermaßen schlechten Kick ab, dass die Leute in der Kneipe anfangen zu pfeifen. Trotzdem sind alle zuversichtlich, dass das gut ausgeht für Frankreich, zumal die Koreaner nichts, aber auch gar nichts auf die Reihe bekommen. Das Beste am Spiel sind die koreanischen Fans, die sind echt Weltklasse. Dann wird ein Tor für Frankreich nicht gegeben. Etwas Unmut, aber keine Panik. Die kommt dann 10 Minuten vor Schluss, als der Ausgleich fällt. Unverdient, sicher, aber die Franzosen hatten das Unentschieden gegen die Schweiz auch nicht verdient. Ich bin dann auch schnell gegangen, die Stimmung hat mir nicht gefallen. Kasse: Euro 302

19.06.2006 um 12:15 Uhr

Samstag, 17. Juni. Süße Arbeit

Musik: Spirits in the night, Manfred Man

Am nächsten Morgen bin ich früh wach, bekomme einen Kaffee und ein paar Tipps für die Weiterreise. Zunächst dachte ich, das war nicht so gut, denen zu folgen, denn ich bin über die Brücke auf das andere Ufer. Aber der Weg dort war dann wirklich sehr schön. Keine Straße, kein Verkehr. Wunderschön zu laufen und schieben. Ein kleineres Städtchen kommt, Donzére, und ich kaufe Brot und Pastete. Die Sonne brennt und ich brauche dringend was zu trinken. Zwei Männer rauchen an einem Fabriktor und ich frage, ob meine Wasserflasche füllen kann. Klar, kein Problem. Wir kommen ins Gespräch, und als ich erzähle, dass ich mir mein Essen unterwegs verdiene, da meinen sie, dass ich ja bei ihnen arbeiten könne. Sie bräuchten für das Wochenende noch Hilfe. Eigentlich wollte ich ja im Moment nichts arbeiten. Aber drei Dinge sprechen dagegen. Zum einen bieten sie mir 6 Euro in der Stunde plus eine Akkordzulage. Zum anderen kann ich hinter der Firma zelten und habe hier Waschräume, einen Aufenthaltsraum mit Fernseher und sogar eine kleine Küche. Und: Sie machen Nougat. Wenn das kein Argument ist. Sie fragen geschwind ihren Chef, und der ist sofort einverstanden. Er steht gerade selbst an der Maschine, die ich bedienen muss, und das ist keine so tolle Arbeit. Chefs sollten ja auch was anderes machen. Also bekomme ich erst eine Dusche, dann Arbeitsklamotten, das weiße Häubchen steht mir gut … :-) Und dann fange ich schon an. Ich muss eine Verpackungsmaschine bedienen. Das ist eintönig, denn alles, was ich tun muss, ist ein Zellophanpapier in die Maschine legen, mit dem Fuß auf einen Hebel treten, zuschauen, wie ein Stück Nougat hereinfährt, verpackt wird und wieder rausfährt. Und dann das gleiche wieder. Trotzdem muss man ziemlich aufpassen. Man muss das Papier sehr exakt platzieren und dann mit beiden Händen festhalten. Nur dann wird das Ding richtig gut verpackt. Sonst ist es Ausschuss. Und man darf die Hände nicht zu weit ihnen haben oder zu hoch, sonst schaltet die Lichtschranke ab. Schließlich kommen da ein paar Greifer ans Papier, und da kann schnell mal ein Finger weg sein. Einer der Arbeiter schaut mir ein paar Minuten zu, dann ist er der Meinung, dass ich das alleine kann und geht. Ich sitze in einer Ecke, in der ich nichts sehe außer meiner Maschine und so wird das schnell ganz schön eintönig. Immer die gleichen Bewegungen, immer die gleichen Geräusche von der Maschine. Ich singe ein paar Songs, die zum Rhythmus passen könnten. Zum Glück hört das niemand … Die fertigen Tafeln rutschen nach links in eine Art Schütte. Wenn die einigermaßen voll ist, dann muss ich die Tafeln in einen Karton packen. Der wird dann von einem anderen Arbeiter zugeklebt und abgeholt. Bei der Gelegenheit erfahre ich dann, dass die Firma einen größeren Auftrag aus England bekommen hat. Ein richtig gutes Geschäft, deshalb machen sie am Wochenende eine Sonderschicht, meint der Mann, dessen Namen ich nicht weiß. Weiß ich von keinem, aber gut. Die ganze Halle ist angefüllt von einem eigentümlichen Geruch: süß und warm, Nuss und Honig. Ich kriege richtig Appetit, aber ich traue mich nicht, einfach mal eine der Tafeln zu nehmen und reinzubeißen. Aber das Verlangen wird immer größer, wird richtig zur Gier. Als ich dann mal wieder einpacke und gerade überlege, welche Tafel ich nehme, kommt der Chef und meint, dass Pause ist. Er hat von einem Bistro Essen bringen lassen, Huhn mit Pilzsoße und Salat (lecker). Und als ich frage, ob ich zum Nachtisch mal ein wenig Nougat probieren darf, da lachen sie alle. So viel ich will und essen kann. Wenn ich es richtig verstehe, dann meint einer, dass ich es halt selbst wegputzen muss, wenn ich kotze. Die anderen lachen sich halb tot. Nach einer Weile, meint der Chef, da kann man die süßen Sachen nicht mehr sehen. Aber er muss ja laufend probieren, da dosiert man schon sehr vorsichtig, was man isst. Und er erklärt mir etwas über den speziellen Nougat dieser Gegend, der so gar nichts mit dem zu tun hat, was wir in Deutschland unter Nougat verstehen. Es kommt eher an den „türkischen Honig“ hin. Hauptbestandteile sind (natürlich) Lavendelhonig (fast ein Viertel), Zucker, Eiweiß, Mandeln, Pistazien und Vanille. Der Chef ist stolz darauf, dass er keine Flashkessel einsetzt, also die Masse lange kocht. Das, und die hochwertigen Zutaten, erklärt er, machen die Qualität des Nougats aus. Die Sachen sind ziemlich teuer, so 3,50 kosten 100 gr., aber sie sind wirklich ausgezeichnet. Außer Nougat macht Morin auch Schokolade, Pralinen und Gelee. Hm, da läuft mir als „Süßem“ ja schon das Wasser im Mund zusammen. Aber: es ist wirklich so, dass allein der Geruch, der hier natürlich permanent in der Halle hängt, einem ein wenig den Appetit verdirbt. Und die Hitze. Da ist einem mehr nach Eis. Ich erkundige mich noch über die Ergebnisse von gestern. Oha, Argentinien fegt die Serben mit 6:0 vom Platz. Die Holländer gewinnen mit Müh und Not gegen die Elfenbeinküste (schade). Und Mexiko blamiert sich gegen Angola mit 0:0. Nachher spielt Portugal gegen den Iran - gut, das wird keine Überraschung geben. Muss man nicht sehen. Tschechien gegen Ghana wird sicher spannender. Aber erst einmal geht es zurück an die Maschine. Wieder rein in den Rhythmus. Eine der Tafeln bricht ab, und das nutze ich, um jetzt endlich mal eine zu essen. Nicht so schlecht. Aber die Finger kleben ein wenig. Muss ich also erst mal waschen, weil sonst das Papier was abkriegt. Und man weiß hinterher, ob alle Plomben noch ordnungsgemäß sitzen. Nach einer Weile kommt bleibt die Maschine stehen. Oh, denke ich, kaputt. Aber es sind nur die Nougattafeln ausgegangen. Der Chef kommt und füllt nach. Und er meint, dass ich wirklich ganz schön schnell arbeite. Ich habe aber inzwischen auch einen kleinen Trick. Mit „normalem“ Rhythmus kommt man auf etwa 400 Tafeln in der Stunde, also alle 9 Sekunden eine (mit was man sich alles beschäftigen kann, wenn der Kopf nichts zu tun hat …). Wenn ich aber die Hände flach halte, damit die nicht in die Lichtschranken kommen, dann kann ich sie etwas früher zurückziehen und schon das nächste Papier greifen und damit schneller einlegen. Und so komme ich auf fast 450 in der Stunde. Ich kriege 6 Euro die Stunden, wenn ich 360 schaffe. Alles darüber gibt einen Zuschlag – und ich liege bei rund 25 Prozent. Wow, das wären dann über 7 Euro in der Stunde. Um 18 Uhr gehen die anderen dann. Der Chef meint, dass ich ja noch weitermachen kann, wenn ich will. Aber ich brauche auch eine Pause. Ich schlage erst mal mein Zelt auf, dusche dann und esse die Reste von heute Mittag. Und ich schaue mir einen Teil des Spieles an: Die Tschechen verlieren doch tatsächlich gegen Ghana, und das nicht unverdient. Danach setze ich mich wieder eine Weile an die Maschine, aber nicht zu lange. Ich will doch schauen, wie die Italiener zurecht kommen. Ich komme gerade zum 1:0. Und dann wird das ein richtig spannendes Spiel. Die Italiener haben mal wieder mehr Glück als Verstand und kommen mit einem Unentschieden davon. Hoffentlich darf der Herr Rossi kein Spiel mehr bei dieser WM bestreiten. Ich rechne ein wenig: Ich habe runde 7 Stunden gearbeitet, dann könnte ich auf etwa 50 Euro kommen. Sicher etwas weniger, weil ich am Anfang noch nicht so fix war. 11,0 km, Kasse: Euro 311

19.06.2006 um 12:14 Uhr

Freitag, 16. Juni. Farbwechsel

Musik: Silver and Gold, Neil Young

Nach dem Gewitter gestern Abend gibt es aber irgendwie gar keine Farben mehr. Alles strahlt heute in einem frisch gewaschenen Grün. Ich laufe nach Baix rein und bin schon um acht Uhr ziemlich fertig und verschwitzt. Es ist ziemlich dämpfig heute und ich vermute, dass es auch wieder gewittern wird. Ich gehe in eine kleine Bar, trinke Schoki und esse gefüllte Hörnchen (sehr süß). Neben den Spielautomaten ist ein Internetterminal. Der Wirt sieht, dass ich mit Interesse da hinschaue, erklärt mir, dass es kostenlos ist und macht das Ding an. Das muss ich natürlich nutzen. Erst mal ein paar Mails nach Hause. Dann schnell mein Blog nachgetragen. Die Diskussion um meine Gedanken rund um das Résistance Museum machen mir ein wenig zu schaffen. Ist Napoleon aus dem Grund kein Massenmörder, weil Hitler ein schlimmerer war? „Töte einen, und du bist ein Mörder. Töte Tausende, und Du bist ein Held.“ Die Menschen sind schon komische Tiere. Leider verbringe ich zu viel Zeit in der kleinen Kneipe, die Sonne steigt und steigt. Es hilft nichts, ich muss hinaus und weiter. Eigentlich wollte ich heute mindestens ein Spiel anschauen. Argentinien wäre interessant. Und Holland-Elfenbeinküste auch. In Stuttgart ist sicher der Bär los und eine Riesenfete. Wenn Holland verliert, gebe ich nachträglich einen aus. „Lauft meine kleinen schwarzen Freunde“. Ich lese noch die Ergebnisse von gestern. Ecuador ist also auch weiter, die Tikkos raus. Schade. Und England und Schweden haben sich praktisch in den letzten Minuten gerettet. Das wäre der Hammer gewesen, wenn es die Trinis geschafft hätte, hier noch einmal ein Unentschieden zu retten. In Cruas treffen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite das kleine Dorf, das schon beinahe mittelalterlich wirkt mit den Häusern und der alten Kirche. Auf der anderen die Kühltürme des Atomkraftwerkes. Besonders makaber finde ich das Bild des Kleinkindes, das auf den Kühlturm gemalt ist. Hat jemand eine Ahnung, was die damit sagen wollen? Hier können Kinder spielen? Hier verspielen wir die Zukunft unserer Kinder? Ich laufe weiter, aber als Fußgänger habe ich die riesigen Türme natürlich sehr lange im Blickfeld. Ich habe keine Lust auf WM. Auch, weil ich keinen richtig netten Platz finde, um zu gucken. Also laufe ich weiter, mache eine längere Pause direkt am hier breit gestauten Fluss. Aber die Mücken vertreiben mich schließlich. Dann teilt sich der Fluss wieder, wenn ich das richtig sehe in einen eher naturbelassenen Teil und einen Kanal. Auf der anderen Seite liegt Montelimar. Der „Umweg“ in die Stadt rein beträgt fast 3 Kilometer, also lasse ich es. Vor allem, weil ich mir hier bessere Möglichkeiten zum Schlafen erhoffe. Und richtig: bei La Moutte frage ich bei einem Bauernhof und werde sehr herzlich eingeladen, neben der Scheune zu zelten. Eine improvisierte Dusche ist ebenfalls vorhanden, und ich werde sogar zum Essen eingeladen. Was will man mehr? Dafür verrate ich dem Bauer, dass er nicht die (teuren) Leuchtröhren, sondern die Drosseln austauschen muss, damit die Dinger nicht immer so blinken und surren. 28,2 km, Kasse: Euro 315

19.06.2006 um 12:14 Uhr

Donnerstag, 15. Juni. Weg von der Rhone?

Musik: Water of Love, Dire Straits

Ich bin versucht, das Rhonetal zu verlassen und einfach in eines der kleinen Seitentäler zu wandern, die sich hier eines nach dem anderen auftun. Zumindest auf der Karte sehen die sehr gut aus. Ruhig. Idyllisch. Mit mehr Schatten und weniger Verkehr. Aber es bringt nichts, ich muss hier weiter in Richtung Süden. Also los! Nach dem schweren Spiel gestern Abend komme ich nur langsam in Tritt. Aber dann geht es. Ein gutes Frühstück, ein nettes Städtchen (La Voulte-sur-Rhone), ein günstiger Einkauf, bei dem ich ein paar Sachen geschenkt bekommen habe (unter anderem eine Wassermelone), ein Bad im Fluss … schöner kann ein Tag eigentlich nicht sein. Die Sonne scheint, was sie nur kann, und ich muss laufend Wasser tanken. Aber das geht ganz gut, ich finde immer jemanden, wo ich meine Wasserflasche füllen kann. Ich kann meist direkt am Ufer gehen, der Weg ist ganz gut und ich komme trotz der Hitze gut voran. Ein wenig zwickt meine Rippe, vielleicht bin ich schlecht gelegen heute Nacht. Aber das gibt sich nach und nach. In Le Pouzin geht wieder so ein schönes kleines Tal nach Westen ab. Ouveze heißt der Fluss. Ich verspreche ihm, dass ich ihn einmal besuchen werde. Die schöne alte Kirche hat leider geschlossen. Schade, irgendwie hat der Fleck hier etwas. Irmi taucht wieder. Warum das? Auf einmal ist sie wieder da und geistert durch meine Gedanken. Was soll ich sagen: Hallo! Geht es Dir gut? Denkst Du gerade an mich? Kein Fußball-Asyl weit und breit. Ich lasse es gut sein, wird sich heute eh nichts Besonderes tun. Ecuador wird sich wohl gegen Costa Rica durchsetzen. Und England wird keine zu große Mühe haben mit Trinidad. Schweden – Paraguay? Wenn die Schweden ein Tor schießen, dann gewinnen sie. Die Paras schaffen keines, da bin ich sicher. Weder Roque noch Valdez sind so richtig der Hammer. Bei Baix schlage ich mich wieder in die Büsche. Gar nicht so einfach, was zu finden, wo ich mein Zelt „verstecken“ kann. Aber dann sehe ich eine Art Steinbruch, das geht für eine Nacht. 24,9 km, Kasse: Euro 322

19.06.2006 um 12:14 Uhr

Mittwoch, 14. Juni. Auf in die zweite Runde

Musik: Dancing in the dark, Bruce Springsteen

Mit tun die Knochen weh. Liegt wohl daran, dass ich gestern zwei schwere Fußballspiele hatte ... So geht es heute ein wenig langsamer. Ein schöner Tag steht am Himmel, keine Wolke. Ich kann mich mit der Route nicht so leicht entscheiden. Will eigentlich um Valence herumgehen. Aber dann bleibe ich doch am Fluss, weil es da wohl einen sehr angenehmen und vor allem leicht zu findenden Weg gibt. Das ist zwar ein leichter Bogen, aber sonst müsste ich wieder schauen, wie ich laufen kann und würde der N86 in die Quere kommen. Es ist viel los an diesem Morgen, aber ist ja immer so, wenn man in die Nähe größerer Städte kommt. Es geht trotzdem und ich finde eine angenehme Stelle am Fluss, wo ich meine Frühstückspause verbringen kann. Dann kommt die Stadt und ich bin mir nicht sicher, ob ich „rüber“ soll. So viel weiß ich auch nicht über die Stadt. Lohnt es sich? Das Verbotsschild für Fußgänger an der ersten und für lange Zeit einzigen Brücke sowie die Autobahn auf der anderen Seite nehmen mir die Entscheidung ab. Ich gehe nicht in die Stadt rüber. Hab ich was verpasst? Also weiter den Fluss entlang. Ein Schild zu einem Freibad kommt. Hm? Ja. Ich mache eine kleine Pause, kaufe auch noch ein paar Lebensmittel und verbringe die Mittagszeit im Schatten und im Wasser. Außerdem erlaubt mir ein netter Bademeister, dass ich meine Akkus auflade. War auch höchste Zeit. Weiter, endlich wieder weg von den Häuser. Der Fluss ist hier aufgestaut, wird breit und träge. Immer wieder ziehen Schiffe vorbei. Flussschiffe haben irgendetwas Beruhigendes. Sie scheinen es nie eilig zu haben. Zwei Kids, so um die 10 bis 12, fahren mit ihren Trick-Bikes um mich rum und schauen mich verständnislos an, weil ich mein Rad schiebe. Die beiden sind echt knuffig. Als ich ihnen erklärt habe, warum ich das Rad habe, nicken sie nur. Sie begleiten mich eine ganze Weile, fragen mich Löcher in den Bauch über meine Reise und – spendieren mich nachher sogar ein Eis. Verrückte Welt. Dann geht es so langsam daran, einen Platz für das Spiel zu finden. Aber das geht einfach, ich lande in Charmes-sur-Rhone, einem kleinen, charmanten „Nest“. Das Café ist klein und schon gut besucht. Natürlich läuft Fußball, aber keiner interessiert sich für das Spiel Tunesien gegen die Saudis. Dabei könnte hier einer der Gegner von Frankreich zu sehen sein - falls sie die nächste Runde erreichen ;-). Die Diskussionen gingen um die Leistungen von Frankreich und Brasilien gestern. Wenn das so weiter geht, meinte einer, dann wird ja doch noch Deutschland Weltmeister. Ach was, meinte ein anderer, die verlieren jetzt dann eh. Ich war mal still, setzte mich in meine Ecke und tat unbeteiligt. Aber natürlich war ich als Deutscher von erkannt. Aber die Jungs lassen mich in Ruhe und ich kann das Spiel anschauen. Also dann, ab in die zweite Runde. Genießen kann ich es nicht, dazu ist es viel zu nervös. Und Deutschland geht es wie den anderen Favoriten – sie kommen nicht so richtig in Fahrt. Obwohl sie streckenweise nicht schlecht gespielt haben. Und letztlich gewonnen. Damit sind die Polen raus. Schade. Als ich zahle, nennt mich der Wirt einen „Glückspilz“. Ich zucke mit den Schultern. Die wirklichen Spiele kommen erst in der nächsten Runde. 27,2 km, Kasse: Euro 331

19.06.2006 um 12:13 Uhr

Dienstag, 13. Juni. Immer am Fluss lang

Musik: Rudy, Supertramp

Früh aufgewacht, zum Glück. Ein Bauer ist schon mit seinem Trecker unterwegs, aber er grüßt freundlich zurück, als ich mein Zelt zusammenpacke. Ich schiebe wieder runter an den Fluss und gehe dann strikt am Ufer entlang. Meist geht da ein ganz guter Weg, in der Regel geteert oder betoniert - ist zum Schieben des Rades einfach besser. Eine alte Schwengelpumpe liefert, ganz entgegen der Erwartung, Wasser. Eiskalt, genau das richtige für eine kurze Dusche. Ebenso kurz das Frühstück, ich will die kühleren Stunden nutzen am Morgen. Immer zwischen N86 und Fluss geht es Richtung Süden. Leider ist Karte nicht genau genug für eine Wanderung, aber inzwischen habe ich einen ganz guten Instinkt dafür, wo ich einen Übergang finde werde über die kleineren Zuflüsse und wo es ratsam ist, mich an die Straße zu halten. Gut, klappt nicht immer, aber die Umwege halten sich in Grenzen. Inzwischen hat sich die Landschaft geändert. Immer mehr dominiert der Wein die Landwirtschaft. Geht manchmal schon ein wenig in Richtung Monokultur. Pause in einem kleinen Buschwäldchen. Ich schaue den Reihern zu und döse ein wenig in der heißen Luft, die aus Osten kommt. Dann geht es weiter, mit einem dieses Mal größeren Umweg wegen Zufluss vor Tournon-sur-Rhone. In der Stadt ist es wahnsinnig heiß, die Luft steht in den Straßen. Da kommt mir ein Internet-Café gerade recht. Nichts wie rein, eine Flasche kühles Mineralwasser und ein paar Mails. Dazu die Seiten der letzten Tage. Nachdenkliches, wegen meiner Gedanken zu den Judendeportationen in Frankreich. Habe aber keine Lust mehr, dieses Thema aufzugreifen, das habe ich im Kommentar schon gemacht. Besser wird dadurch (bei mir) nichts. In Yahoo lese ich, dass zwei Usbeken für ein Autogramm von Kahn 6500 Kilometer weit geradelt sind. Anfang März waren sie in Taschkent losgefahren. Respekt! Nach dem Ausflug ins Netz streife ich noch ein wenig durch die Stadt. Die alten Häuser mit der kleinen Fußgängerzone sind nett. Die Kirche wieder geschlossen. Das Schloss kostet Eintritt, reizt mich aber auch nicht unbedingt. Es sieht schon von außen sehr imposant aus, wie es auf seinem Felsen steht. Insgesamt ist mir die Stadt ein wenig zu touristisch, und deshalb auch zu teuer. Raus aus der Stadt. Das zieht sich. Auf der Karte sah das gar nicht so groß aus. Immerhin ist der Weg am Fluss entlang ganz nett. Aber weit komme ich eh nicht. Um 18 Uhr greift Frankreich ins Fußballgeschehen ein. Da bin ich mal gespannt. Ich suche mir rechtzeitig eine Kneipe mit Fernseher. Dir Franzosen stehen alle am Tresen, verrenken sich den Kopf nach dem Fernseher – ich sitze an einem Tisch, mit noch einem älteren Herr, der immer nur nickt, wenn ich etwas sage, und habe besten Blick aufs Geschehen. Erst noch die Ergebnisse der anderen Spiele: Togo verliert gegen Südkorea. Also gut, das war keine Überraschung. Und dann das Spiel in Stuttgart. Bäh. So ein Grottenkick. Erinnerte mich an Spiele der Deutschen, als Ruuudi oder Bööörti noch Trainer waren. Zidane? Ich hab ihn nicht gesehen. Aber die Schweizer haben es nicht verstanden, das zu nutzen. So haben sie zwar einen Punkt ergattert, aber das wird nicht reichen. Die Franzosen wissen nun, dass sie so keinen Blumentopf gewinnen können und werden sich steigern. (Äh, denke ich). Brasilien – Kroatien spielt noch. Also gut, dann schaue ich mir das auch noch an. Brasilien ist immer sehenswert. Dachte ich bis vor dem Spiel. Hinterher nicht mehr. Die Franzosen haben über Ronaldo ähnlich gelacht, wie über Zidane vorher. Ob die beiden bei der WM noch mal was reißen können? Ich bin nur bis zum Schluss geblieben, weil es spannend war. Die Favoriten wanken, aber sie fallen nicht. Hinter Mauves schlage ich mich ein wenig abseits der Straße in die Büsche. Ist immer blöd, wenn man erst so spät nach einem Zeltplatz sucht, dann kann man niemanden mehr fragen. Aber es geht, neben der N86 ist ein kleiner Wald. Allerdings durch die Straße ziemlich laut. 28,5 km, Kasse: Euro 345

13.06.2006 um 16:14 Uhr

Montag, 12. Juni. Kilometer machen

Musik: When a blind man cries, Deep Purple

Gut gelaunt wache ich auf. Sehr früh, aber ich will heute eh ein wenig vorwärts kommen, also nicht lange getrödelt und los. Leider kein Frühstück, der Magen knurrt heftig. Am ein paar kleinen Weihern neben dem Fluss sitzen schon die Angler, und das an einem Montag. Haben die hier nichts zu tun sonst? Die Straße kommt wieder nahe an den Fluss, aber keine Kneipe. Nach mehr als einer Stunde dann ein kleiner Ort, ein Café, ein Laden ... Die Welt ist schön. Und warm. Keine Wolke am Himmel. Ich mache nur kurz Pause, will noch ein wenig vorwärts kommen, solange es nicht zu heiß ist. Am Zusammenfluss der beiden Flussarme mache ich eine längere Pause und warte die Mittagshitze ab. Erst jetzt fällt mir auf, dass sich die Farbe der Wiesen geändert hat. Noch vor einigen Tagen bin ich mehr oder weniger durch ein Meer aus Geld gelaufen, jetzt sind die Blumen auf den Wiesen meist blau, lila oder weiß. Oder liegt das daran, dass ich weiter südlich bin? Hm, auf jeden Fall ist das Gelb des Raps auch schon weg. Ich schaue auf meine Fußball-Liste. Australien gegen Japan – nicht so interessant, ich tippe auf ein Unentschieden. USA gegen Tschechien steht auf dem Programm. Schon interessanter, auch wenn ich denke, dass die USA da keine Chance hat (ist Koller fit?). Abends dann Ghana gegen Italien. Werde mal sehen, ob ich das sehen kann. Und den Ghanesen (oder heißt es Ghanaern?) die Daumen drücken. Es ist immer noch warm, ich ziehe trotzdem weiter. In einem Ort mit dem netten Namen Champagne frage ich eine Frau nach Wasser. Ich bekomme frischen Tee, dazu noch ein Brioche und einen Apfel. Trinken, trinken, trinken ... Noch mal Wasser „betteln“ in Anance – kein Problem, auch wenn die Dame etwas muffig wirkt. Und noch mal in Silon – auch hier gibt’s als Zugabe noch fast ein Kilo Weintrauben. Davor ein Umweg, weil der Weg in einer Sackgasse endete, wieder ein Zufluss, und eine Brücke gibt’s nur für die Route National. Dann werde ich so langsam nervös ... Das Spiel rückt näher und näher. Aber kein größeres Dorf in Sicht. Aber Sarras erlöst mich dann gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen, weil es hier eine Kneipe mit Glotze gibt, zum anderen, weil nicht weit davon ein kleines Wäldchen zu sehen ist, in dem ich sicher zelten kann. Das billigste Getränk (außer Wasser) ist Wein. Also trinke ich einen Weißen. Und bin sehr zufrieden beim Blick auf den Km-Zähler: Ziemlich genau 25 hab ich heute drauf. Dann erst mal die Ergebnisse: Australien gewinnt gegen Japan, na ja. Und die Tschechen lassen den Amis keine Chance: Wer macht das Tor? Koller! Italien enttäuscht dann doch. Kein wirklich schönes Spiel bis auf den Lattenschuss. Wenn die Jungs aus Ghana doch wenigstens ein wenig besser treffen würden ... Es ist stockdunkel, als ich aus der Kneipe komme, eigentlich ist doch Vollmond. Zumindest gestern war er da. So muss ich mich mehr oder weniger auf mein Gefühl verlassen beim Suchen des Zeltplatzes und beim Aufbau. Aber es geht. Routine ist eben alles. 26,3 km, Kasse: Euro 357

13.06.2006 um 16:14 Uhr

Sonntag, 11. Juni. Das schöne Tal der Rhone 2

Musik: If we can reach the stars ...

Der Tag beginnt mit zwei unangenehmen Überraschungen: Es ist Sonntag, und ich habe nicht genügend zu essen eingekauft. Und: Das Waldstück endet in einer Sackgasse an einem kleinen Fluss, ich muss über einen Kilometer zurückgehen, bis ich ihn überwinden kann. In Condrieu gibt es dann Frühstück und eine kleine Pause. In der Bäckerei decke ich mich für den Tag ein, leider etwas teuer. Ein Supermarkt ist zu Fuß nicht erreichbar. Ein Blick in die Zeitungen zu den Ergebnissen von gestern. Wie: Trinidad und Schweden nur 0:0. Yeah! „... lauft, meine kleinen schwarzen Freunde“, kann ich da nur sagen. Der Rest keine Überraschung, schade für die Elfenbeinküste. Ich überlege kurz, ob ich die Uferseite wechseln soll. Auf meiner Karte sieht das östlicheUfer besser aus für Fußgänger, aber dann käme ich der Autobahn wieder sehr nahe. Also lasse ich das, bleibe westlich, laufe den Uferweg entlang, immer neben der N88 her, der Route des Cotes des Rhone. Es war auf jeden Fall die bessere Lösung, auf der anderen Seite tauchen große Industrieareale auf. Ich habe dagegen einen kleinen Grünstreifen, ab und an sogar ein paar Bäume. Gegen Mittag wird es dann ganz schön heiß. Puh! Ich beschließe, dass ich Fußballpause mache. Ein kleines Bistro hat lautstark einen Fernseher plärren: ich schütte mir erst mal eine Menge Wasser ins Gesicht, setze mich an einen Tisch auf der Straße und esse einen Salat. Ein langweiliger Kick zwischen Serbien und Holland reißt niemanden von den Stühlen. Hoffentlich halten die beiden Mannschaften ihr niedriges Niveau, sagt einer der anderen Zuschauer. Ich hoffe mit. Bei etwas angenehmeren Temperaturen gehe ich weiter. In der Nähe von Limony habe ich dann genug – vor allem aber, weil ich eine schöne Stelle finde, an der schon mal ein Lagerfeuer gemacht wurde. Ich sammle etwas Holz, esse etwas, warte, bis es dunkel ist, mache Feuer und schaue in die Sterne. 21,6 km, Kasse: Euro 370

13.06.2006 um 16:13 Uhr

Samstag, 10. Juni. Das schöne Tal der Rhone

Musik: Beatles: Good day, sunshine.

Uh, was für eine Nacht. Schlecht geschlafen habe ich gut. Ich brauche eine Weile, bis ich alles wieder zusammen habe. Liegt vielleicht auch am Bier. Aber gelaufen bin ich gestern noch gut. Heute Morgen dann umso schlechter. Zum einen, weil ich kein richtiges Frühstück habe, zum anderen weil die Beine schwer und der Weg schlecht ist. Ich halte mich ein wenig abseits der Straße, geht über die Äcker und freue mich an den Lerchen, die ziemlich lautstark trillern. In Seysuell gibt es dann Schoki und Brot, außerdem eine günstige Pastete (ich bin ja reich). Weil es dann nur eine Autobahnbrücke gibt (einen Moment lang bin ich versucht, da den Übergang zu machen), muss ich einen ziemlichen Umweg machen. Ein hässliches Industriegebiet, die laute Autobahn, und dann noch die N7, meine Freundin von gestern Abend ... Kein schöner Fleck. Das ändert sich auch erst einmal nicht auf der andere Seite des Flusses. Noch ist die Autobahn hier drüben, und ich laufe praktisch in ihr entlang, die Landstraße und Industrie als Begleiter. Erst bei Verenay biegt die Autobahn ab auf die andere Seite, aber weit weg ist das natürlich auch nicht. Trotzdem gleich viel angenehmer zu laufen. Zumal die Straße sich weiter und weiter entfernt. An einer Staustufe mache ich längere Zeit Halt, schaue dem Wasser zu. Fußball heute? Nein, keine Lust. Würde nur gerne wissen, wie die anderen gespielt habe. Ich schaue im nächsten Laden mal in die Zeitung (oh, Polen hat verloren!). Ich laufe weiter, kaufe ein, laufe noch ein Stück. Was für ein schöner Tag heute. Ist schon komisch, dass das Wetter auf einmal kein Thema mehr ist. Klar, ein paar Grad weniger wären für Wanderer toll, aber man kann nicht alles haben. Ich gehe noch ein Stück, muss dann einen Umweg gehen, weil der Weg an einem Graben endet. Lande dann wieder unten am Fluss und an einem dichten Hecken- und Waldstück. Ideal zum Übernachten. Ich könnte zwar noch eine Stunde laufen, aber gut, der Platz ist sehr schön, sogar ideal für ein Lagerfeuer. 20,1 km, Kasse: Euro 383

13.06.2006 um 16:13 Uhr

Freitag, 9. Juni. On the road again

Musik: Fredl Fesl: 22 Fußballbeine

So, dann schau ’mer mal. Ich bin wieder unterwegs und die WM geht los. Zwei spannende Geschichten also auf einmal. Und beide mit ungewissem Ausgang, hehe. Ganz früh habe ich mich wieder auf den Weg gemacht. Wollte es auch sehr kurz machen. Jean-Michel hat mir noch beschrieben, wie ich am besten aus der Stadt rauskomme. Die beiden wollten noch ein Stück mitlaufen, aber das wollte ich nicht. Dann hab ich den Abschied doppelt. Und wenn ich etwas nicht mag, dann Abschiede. Gestern hatten wir noch ein tolles Essen bei Pierre und seiner sehr netten Frau (deren Namen ich schon nach einem Tag vergessen habe; Alzheimer light). Da hatten wir schon so etwas wie den ersten Abschied, und dann beim Frühstück den zweiten. Das muss genügen, ich weiß dann immer nie, was ich sagen oder machen soll. Also los. Ich bin etwas unentschieden über meine Route. Ich will im Rhonetal bleiben, weil ich Orange als nächstes Ziel habe. Aber das Tal ist leider nicht so der Hit für Spaziergänger, die die Ruhe suchen. Zumindest nicht hier oben bei Lyon. Aber da muss ich durch. Nicht so einfach, aus Lyon rauszukommen, eine Großstadt zieht sich immer! Und der Verkehr und der Asphalt nerven. Bis Venissieux sehe ich nur Häuser, dann kommt eine große Straße, dahinter endlich mal etwas Grün. Der Fluss macht hier einen kleinen Bogen und ich beschließe, dass ich etwas abkürze. Also gerade aus weiter. Das Laufen ist einigermaßen eintönig und fällt mir schwer nach den paar Tagen Pause in Lyon. Ich mache deshalb meine Pausen schon nach zwei und nicht nach zweieinhalb Stunden. Aber es geht trotzdem ganz gut voran. Ich denke ein wenig nach. Oder, besser gesagt, ich versuche es. Aber ich kann mich an keinem Thema fest beißen. Geld: Ich habe fast 400 Euro verdient, das ist Geld für über einen Monat – für weit mehr als einen Monat. Ich werde also mal schauen, dass ich tüchtig Boden gewinne. Denke an „Pilger“, der inzwischen schon in Portugal ist und an einem Tag mal 80 km gelaufen ist. Denke an andere Pilger, die jetzt gerade auf dem Weg sind. Denke an zu Hause, Familie, Freunde, die ehemaligen Kollegen ... Höre dem Rauschen zu, das sich anhört wie ein Meeresstrand, aber nicht anderes ist als die Autobahn. Und denke an heute Abend und überlege, wo ich einen Platz bekomme zum Gucken. Ein paar kleinere Ortschaften kommen, die Autobahn rückt immer näher. Ich gehe auf Nummer sicher und mache einen kleinen Schlenker nach Saint-Symphorien d’Ozon. Was für ein Name für das (tschuldigung) Nest. Aber eine schöne, sehr alte Kirche haben sie schon (natürlich geschlossen). Aber es ist ja auch schon kurz vorher – die Stunde Null: Jetzt geht’s lohos! Ich habe mein „Abendessen“ aus dem Fresskorb von Hélene schon intus und gehe einfach mal die Straßen entlang, suche nach einem Bistro o.ä. in dem ein Fernseher läuft. Kein Problem. Das Rad bleibt mit allem Gepäck draußen, ich finde einen guten Platz mit Blick auf mein Hab und Gut. 20 Minuten vor Anpfiff sind nur ein paar Menschen im Café, das ändert sich fünf Minuten vorher, einer nach dem anderen kommt rein, Fußball ist hier einfach ein Gesellschaftsereignis. Und so sitzt ich auch nicht lange allein am Tisch – und keine Minute später wissen alle, das „ Un Allemand“ hier ist. Klar, dass ich auf die Tragweite des Spiels hingewiesen werde. Es ist nun mal das erste Spiel. Aber irgendwie sind sich alle einige: Die Deutschen werden schlecht spielen aber gewinnen. Aber nach rund eine Viertelstunde und den ersten drei Toren sind alle zufrieden. Ein unterhaltsamer Spiel, und dass die Ticcos gewinnen, daran denkt hier eh keiner. Schrecksekunde für mich beim 3:2, ein wenig Hohn über die deutsche Abwehr. Aber bitte, wie soll denn die stabil sein mit Metzelder (in der Form), Mertesacker und Friedrich (dem vielleicht mal einer erklären sollte, wie eine Abseitsfalle funktioniert). Aber Ende gut, alles gut, das Spiel war nett und „wir“ haben gewonnen. Ich bin etwas benebelt von vier Glas Bier und einem Pastise – stand alles auf einmal vor mir und keiner wusste, woher es kam. „ Bois! Bois! Est payé!“. Ich bedanke mich noch einmal und überlege, was ich mache. Es ist erst acht Uhr und ich beschließe, dass ich noch ein wenig laufe. Und so verabschiede ich mich, laufe an der N 7 entlang, unter der Autobahn durch, dann noch ein Stück weiter und rein in einen schönen Wald. Meine erste Nacht im Freien nach so vielen Tagen in einem Bett. Geht mir fast wie bei meiner ersten Übernachtung draußen: Ich kann mich nicht für eine Platz entscheiden und bin schon wieder am Ende des Waldes. Es dämmert, und das macht die Entscheidung leichter. Zelt aufbauen, reinliegen, schlafen. Km: 19,7, Kasse: Euro 392

08.06.2006 um 13:54 Uhr

2. bis 8. Juni. Überdosis Großstadt, Teil 2

Musik: Hannes Wader „Ich bin auf meinem Weg nach Süden“.

So, nach kurzer Pause, Teil zwei meiner Großstadterlebnisse. Hab noch ein paar Sachen vergessen von den ersten beiden Tagen, aber nichts wirklich Wichtiges. Komisch war der Freitag übrigens: Nachdem ich davor tagelang permanent draußen war, war ich an dem Tag nicht ein einziges Mal vor der Haustüre. Prompt konnte ich dann nicht richtig schlafen. Neben der Arbeit habe ich natürlich Zeit, die Stadt anzuschauen. Hélène und Jean-Michel machen den Fremdenführer, und das ist natürlich toll, wenn man Insider dabei hat, die einem alles erklären und Geschichten erzählen. Und natürlich fangen sie mit dem alten Witz an, den jeder hier kennt. Der Schriftsteller Daudet (keine Ahnung, wer das war) soll gesagt haben: "Kinder schließt die Augen, gleich nach dem Tunnel kommt ... Lyon!" Anscheinend war die Stadt früher nicht gerade schön. Finde ich heute noch so. Nicht für die Menschen gebaut, dafür für den Verkehr. Aber: Eine Menge interessanter Menschen kommen aus Lyon. Antoine de Saint-Exupéry zum Beispiel, den ich sehr gerne lese. (Und nicht nur seinen „kleinen Prinzen“, seine Beschreibung der Wüste in „Wind, Sand und Sterne“ ist einmalig). Oder den Dichter und (hingerichteten) Mörder Pierre-François Lacenaire, der i n“Kinder des Olymp“ unsterblich wurde. Oder Petrus Valdes, Kaufmann und Wanderprediger, der die Waldenser „gegründet (?)“ hat, die später von den päpstlichen Soldaten umgebracht wurden, weil sie sich zu sehr an die Bibel hielten. Nicht zu vergessen, Sidonius Apollinaris, der Erfinder des gleichnamigen Mineralwassers (noch so ein Witz, den keiner verstanden hat L. Den mit de Lyoner Wurst lasse ich dann daraufhin ganz weg). Insgesamt ne Menge Geschichten und Geschichte. Wobei mich die eigentlichen Hauptanziehungspunkte, die Kathedrale Saint-Jean, direkt unten am Fluss, oder die Basilika Notre-Dame de Fourvière nicht so beeindruckt haben. Aber: Ich gebe zu, dass es sicher toll ist, mal wieder in eine „richtige“ Stadt einzutauchen. Vor allem natürlich die Museen. Das waren so viel und Hélène und Jean-Michel haben die Gelegenheit genutzt, weil sie selbst einen Besuch auch immer verschoben haben. Kann man ja immer noch hingehen, liegt ja gleich um die Ecke, sagen sie sich selbst seit Jahren. Nachdem ich die Geschichte der Veranstaltung mit den alten Lumiere-Filmen (noch zwei Lyoner) erzählt habe, mussten wir natürlich unbedingt in das Museum zur Geschichte des Films. Zwei Ksuntmuseen standen dann noch auf dem Programm: das Musée d'Art Contemporain, das mir persönlich nun nicht so gefallen hat. Irgendwie trotz der Größe ein wenig einseitig. Dann das Musée des Beaux-Arts, das einen schön ganz schön erschlagen kann – allein durch seine Größe. Wir haben dann die Antike und die Holländer ausgelassen. Absolut sehenwert, aber nur für Leute, die gut zu Fuß sind und Zeit haben. Und schließlich noch Centre d'Histoire de la Résistance et de la Déportation, ein wahrhaft zwiespältiges Museum. Hélène und Jean-Michel es erstaunlich, dass ich mich damit so beschäftigen kann, ohne Schuldgefühle zu bekommen oder mich schlecht zu fühlen. Kurzes Protokoll der Diskussion im Café: „Klar fühle ich mich schlecht, aber Schuldgefühle ...“ „Warum?“ „Weil du Deutscher bist.“ „Ja, und?“ „Warum muss ich da Schuldgefühle haben. Das war 40 Jahre, bevor ich geboren wurde. Dann müsstest Du ja Schulgefühle haben wegen Napoleon.“ „Warum Napoleon?“ „Na ja, der war auch nichts anderes als ein Kriegstreiber und Massenmörder.“ Schweigen. Ok, das hören die Franzosen nicht gerne. Stimmt aber. Fertig. Ebenso wenig Begeisterung rief die Tatsache hervor, dass sich gerade Lyon im 2. Weltkrieg hervorgetan hat, die Forderungen der Deutschen nach Juden, die deportiert werden sollten zu erfüllen. Ich weiß leider die genauen Zahlen nicht mehr, aber irgendwann gab es mal die Auflage, dass die Franzosen die Summe x an Juden „liefern“ mussten, und sie haben ein paar hundert mehr gebracht. Das ging nicht anders, heißt es dann. Doch, erwidere ich, zum Beispiel in Dänemark. Die haben „ihre Juden“ in einer beispiellosen Aktion mit Schiffen nach Schweden und Norwegen in Sicherheit gebracht. Trotz des kontroversen Themas war die Stimmung nicht wirklich angespannt. Das ist gut. Das kann man von der Stimmung in Paris nicht sagen – da ging es schon wieder rund an Pfingsten. Die Meinungen darüber sind geteilt bei den Leuten. Komisch ist, dass sie es überhaupt nicht verstehen, dass da ein Zusammenhang ist, wenn sie andere gewalttätige Demonstrationen dulden oder gar gutheißen, dann öffnet das schon Tür und Tor, gerade bei den Jüngeren. So, jetzt muss ich mich beeilen. Also das Wichtigste nur ganz kurz noch. Hélène hat darauf bestanden, dass sie mir die Haare schneidet. Macht sie bei Jean-Michel auch immer. Also dann – trage ich jetzt wieder ganz kurz. Meine Klamotten sind alle gewaschen, inklusive Schlafsack. Ich habe meine Vorräte an Seife etc. aufgefüllt. Die Maschinen bei Pierre sind alle angeschlossen, und zwar vernünftig. Außerdem hat er eine Außenbeleuchtung und eine Alarmanlage. (Und ich habe 400 Euro J). Ich habe ein weiteres Unesco besucht und meine sechste Postkarte. Ich bin gut erholt und noch besserer Dinge. Und ich muss los, noch ein paar Dinge bei Pierre erledigen. Heute Abend sind wir alle bei ihm eingeladen zum Abendessen. Kasse: Euro 392