Musik: Spirits in the night, Manfred Man
Am nächsten Morgen bin ich früh wach, bekomme einen Kaffee und ein paar Tipps für die Weiterreise. Zunächst dachte ich, das war nicht so gut, denen zu folgen, denn ich bin über die Brücke auf das andere Ufer. Aber der Weg dort war dann wirklich sehr schön. Keine Straße, kein Verkehr. Wunderschön zu laufen und schieben. Ein kleineres Städtchen kommt, Donzére, und ich kaufe Brot und Pastete. Die Sonne brennt und ich brauche dringend was zu trinken. Zwei Männer rauchen an einem Fabriktor und ich frage, ob meine Wasserflasche füllen kann. Klar, kein Problem. Wir kommen ins Gespräch, und als ich erzähle, dass ich mir mein Essen unterwegs verdiene, da meinen sie, dass ich ja bei ihnen arbeiten könne. Sie bräuchten für das Wochenende noch Hilfe. Eigentlich wollte ich ja im Moment nichts arbeiten. Aber drei Dinge sprechen dagegen. Zum einen bieten sie mir 6 Euro in der Stunde plus eine Akkordzulage. Zum anderen kann ich hinter der Firma zelten und habe hier Waschräume, einen Aufenthaltsraum mit Fernseher und sogar eine kleine Küche. Und: Sie machen Nougat. Wenn das kein Argument ist.
Sie fragen geschwind ihren Chef, und der ist sofort einverstanden. Er steht gerade selbst an der Maschine, die ich bedienen muss, und das ist keine so tolle Arbeit. Chefs sollten ja auch was anderes machen. Also bekomme ich erst eine Dusche, dann Arbeitsklamotten, das weiße Häubchen steht mir gut … :-) Und dann fange ich schon an. Ich muss eine Verpackungsmaschine bedienen. Das ist eintönig, denn alles, was ich tun muss, ist ein Zellophanpapier in die Maschine legen, mit dem Fuß auf einen Hebel treten, zuschauen, wie ein Stück Nougat hereinfährt, verpackt wird und wieder rausfährt. Und dann das gleiche wieder. Trotzdem muss man ziemlich aufpassen. Man muss das Papier sehr exakt platzieren und dann mit beiden Händen festhalten. Nur dann wird das Ding richtig gut verpackt. Sonst ist es Ausschuss. Und man darf die Hände nicht zu weit ihnen haben oder zu hoch, sonst schaltet die Lichtschranke ab. Schließlich kommen da ein paar Greifer ans Papier, und da kann schnell mal ein Finger weg sein. Einer der Arbeiter schaut mir ein paar Minuten zu, dann ist er der Meinung, dass ich das alleine kann und geht. Ich sitze in einer Ecke, in der ich nichts sehe außer meiner Maschine und so wird das schnell ganz schön eintönig. Immer die gleichen Bewegungen, immer die gleichen Geräusche von der Maschine. Ich singe ein paar Songs, die zum Rhythmus passen könnten. Zum Glück hört das niemand … Die fertigen Tafeln rutschen nach links in eine Art Schütte. Wenn die einigermaßen voll ist, dann muss ich die Tafeln in einen Karton packen. Der wird dann von einem anderen Arbeiter zugeklebt und abgeholt. Bei der Gelegenheit erfahre ich dann, dass die Firma einen größeren Auftrag aus England bekommen hat. Ein richtig gutes Geschäft, deshalb machen sie am Wochenende eine Sonderschicht, meint der Mann, dessen Namen ich nicht weiß. Weiß ich von keinem, aber gut. Die ganze Halle ist angefüllt von einem eigentümlichen Geruch: süß und warm, Nuss und Honig. Ich kriege richtig Appetit, aber ich traue mich nicht, einfach mal eine der Tafeln zu nehmen und reinzubeißen. Aber das Verlangen wird immer größer, wird richtig zur Gier. Als ich dann mal wieder einpacke und gerade überlege, welche Tafel ich nehme, kommt der Chef und meint, dass Pause ist. Er hat von einem Bistro Essen bringen lassen, Huhn mit Pilzsoße und Salat (lecker). Und als ich frage, ob ich zum Nachtisch mal ein wenig Nougat probieren darf, da lachen sie alle. So viel ich will und essen kann. Wenn ich es richtig verstehe, dann meint einer, dass ich es halt selbst wegputzen muss, wenn ich kotze. Die anderen lachen sich halb tot. Nach einer Weile, meint der Chef, da kann man die süßen Sachen nicht mehr sehen. Aber er muss ja laufend probieren, da dosiert man schon sehr vorsichtig, was man isst. Und er erklärt mir etwas über den speziellen Nougat dieser Gegend, der so gar nichts mit dem zu tun hat, was wir in Deutschland unter Nougat verstehen. Es kommt eher an den „türkischen Honig“ hin. Hauptbestandteile sind (natürlich) Lavendelhonig (fast ein Viertel), Zucker, Eiweiß, Mandeln, Pistazien und Vanille. Der Chef ist stolz darauf, dass er keine Flashkessel einsetzt, also die Masse lange kocht. Das, und die hochwertigen Zutaten, erklärt er, machen die Qualität des Nougats aus. Die Sachen sind ziemlich teuer, so 3,50 kosten 100 gr., aber sie sind wirklich ausgezeichnet. Außer Nougat macht Morin auch Schokolade, Pralinen und Gelee. Hm, da läuft mir als „Süßem“ ja schon das Wasser im Mund zusammen. Aber: es ist wirklich so, dass allein der Geruch, der hier natürlich permanent in der Halle hängt, einem ein wenig den Appetit verdirbt. Und die Hitze. Da ist einem mehr nach Eis.
Ich erkundige mich noch über die Ergebnisse von gestern. Oha, Argentinien fegt die Serben mit 6:0 vom Platz. Die Holländer gewinnen mit Müh und Not gegen die Elfenbeinküste (schade). Und Mexiko blamiert sich gegen Angola mit 0:0. Nachher spielt Portugal gegen den Iran - gut, das wird keine Überraschung geben. Muss man nicht sehen. Tschechien gegen Ghana wird sicher spannender. Aber erst einmal geht es zurück an die Maschine. Wieder rein in den Rhythmus. Eine der Tafeln bricht ab, und das nutze ich, um jetzt endlich mal eine zu essen. Nicht so schlecht. Aber die Finger kleben ein wenig. Muss ich also erst mal waschen, weil sonst das Papier was abkriegt. Und man weiß hinterher, ob alle Plomben noch ordnungsgemäß sitzen. Nach einer Weile kommt bleibt die Maschine stehen. Oh, denke ich, kaputt. Aber es sind nur die Nougattafeln ausgegangen. Der Chef kommt und füllt nach. Und er meint, dass ich wirklich ganz schön schnell arbeite. Ich habe aber inzwischen auch einen kleinen Trick. Mit „normalem“ Rhythmus kommt man auf etwa 400 Tafeln in der Stunde, also alle 9 Sekunden eine (mit was man sich alles beschäftigen kann, wenn der Kopf nichts zu tun hat …). Wenn ich aber die Hände flach halte, damit die nicht in die Lichtschranken kommen, dann kann ich sie etwas früher zurückziehen und schon das nächste Papier greifen und damit schneller einlegen. Und so komme ich auf fast 450 in der Stunde. Ich kriege 6 Euro die Stunden, wenn ich 360 schaffe. Alles darüber gibt einen Zuschlag – und ich liege bei rund 25 Prozent. Wow, das wären dann über 7 Euro in der Stunde. Um 18 Uhr gehen die anderen dann. Der Chef meint, dass ich ja noch weitermachen kann, wenn ich will. Aber ich brauche auch eine Pause. Ich schlage erst mal mein Zelt auf, dusche dann und esse die Reste von heute Mittag. Und ich schaue mir einen Teil des Spieles an: Die Tschechen verlieren doch tatsächlich gegen Ghana, und das nicht unverdient. Danach setze ich mich wieder eine Weile an die Maschine, aber nicht zu lange. Ich will doch schauen, wie die Italiener zurecht kommen. Ich komme gerade zum 1:0. Und dann wird das ein richtig spannendes Spiel. Die Italiener haben mal wieder mehr Glück als Verstand und kommen mit einem Unentschieden davon. Hoffentlich darf der Herr Rossi kein Spiel mehr bei dieser WM bestreiten. Ich rechne ein wenig: Ich habe runde 7 Stunden gearbeitet, dann könnte ich auf etwa 50 Euro kommen. Sicher etwas weniger, weil ich am Anfang noch nicht so fix war.
11,0 km, Kasse: Euro 311