Jakobsweg_ohne_Geld

08.06.2006 um 11:58 Uhr

2. bis 8. Juni. Überdosis Großstadt

Musik: Überdosis Großstadt (von wem?)

Ich mache mal was, was ich bisher noch nicht gemacht habe. Ich fasse zusammen. Aber das hat seinen Grund – ich habe mal wieder versagt, was die Technik angeht. Ich habe bisher, wenn immer das ging, meine Sache irgendwie in ein Word-Dokument reingeschrieben und sie dann ins Blog kopiert. Und gestern habe ich die Texte von hier schon zum zweiten Mal die Texte irgendwie verbummelt. Ich vermute, ich habe irgendwo falsch auf sichern gedrückt, auf jeden Fall ist alles weg und ich habe überhaupt keine Lust, alles noch mal zu schreiben. Und auch heute keine Zeit. Also dann im Kurzraffer. Am Freitag war lange Schlafen angesagt. Puh, das tat gut. Hélène und Jean-Michel sind nach St. Ettiene gefahren, Hélènes Mutter besuchen. Die wohnt da in einer Alten-WG, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich habe mir überlegt, ob ich mitfahre, wusste aber nicht, was den beiden Recht ist. Und dann meine Hélène vollkommen zu Recht, dass ich mich wohl um meine Klamotten kümmern muss. Also war, wie gesagt, erst mal schlafen und dann waschen angesagt. Danach hatte ich noch ein wenig Muse, ins Internet zu schauen, also in die Blogs und Mails. Hoffentlich habe ich niemanden vergessen. Ist ja aber schon ne Weile her. Hab auch endlich mal wieder in den Wander- und Pilgerforen gestöbert. Nett – und Grüße an alle dort. Sind ja doch einige auf dem Camino unterwegs oder haben das in der Planung. Mal sehen, vielleicht sehe ich da ja jemanden oder Spuren in den Gästebüchern, wenn ich es bis Spanien schaffe. Am späten Nachmittag sind die beiden dann wieder gekommen. Ich hatte mir schon überlegt, was für ein Vertrauen die beiden haben. Lassen einfach einen wildfremden Menschen hier in ihrer Wohnung. Ich hätte ja alles ausräumen können. Habe ich natürlich nicht, aber ich gebe zu, dem Inhalt des Kühlschranks habe ich zugesetzt. Jetzt musste ich natürlich erst einmal erzählen. Die beiden haben zwar immer wieder mal in mein Blog geschaut, aber natürlich kein Wort verstanden. Also dann los. Das zog sich eine Weile, zwischendrin kamen dann zwei Freunde von Jean-Michel, haben einen Kasten Bier mitgebracht und uns gezeigt, wie man den bedient. Und Hélène hat angefangen zu kochen. Da musste ich dann für die beiden so lange noch einmal alles erzählen, natürlich am besten von Anfang an ... Immerhin, mein Französisch wird besser. Danach haben wir dann beim Essen Fußball geschaut - Jean-Michel hat einen riesengroßen LCD-Fernseher. Das war der eigentliche Grund, warum die beiden da waren. Das Spiel war ja ganz nett, aber nicht überzeugend. Wenn es gegen eine Abwehr geht, die richtig gut steht, dann haben die Deutschen Außenstürmer keine Chance, da sind wir uns relativ einig. Wir haben dann die Chancen der einzelnen Mannschaften abgeklopft. Blöderweise kamen wir trotzdem auf die Halbfinalisten Deutschland, Brasilien, Frankreich (musste ich auch sagen, man weiß ja, was sich gehört) und England. Eigentlich ein wirklich blödes Ergebnis. Unspannend. Ich habe deshalb für mich beschlossen, dass die vier Letzten Italien, Mexiko, Holland und Polen sind. Immerhin hatte ich die Lacher damit auf meiner Seite. Aber mal sehen. Das Beste an dem Abend war aber was ganz anderes. Einer von Jean-Michels Kumpels hat eine Firma für Kunststoffspritzguss und er hat seit einer Woche eine neue Maschine dastehen, die nur sehr provisorisch angeschlossen ist. Der Elektriker, der das machen sollte, der kommt einfach nicht, und gestern hat ihm der Gabelstaplerfahrer dann das provisorische Kabel aus der Maschine gerissen. Als ich dann sagte, dass ich ja eigentlich so was wie Elektriker bin, da war ich schon engagiert. Weil, am Samstag kommt der Elektriker eh nicht. Also ging es am Samstag dann erst mal auf Arbeit. Ich muss ein ziemlich fassungsloses Gesicht gemacht haben, als ich sah, die diese eine Maschine angeschlossen war und die anderen drei angeschlossen sind. Äh, also, ja ... ich will mal behaupten, dass ich niemanden kenne, der das nicht auch so hätte hinbekommen (Kerstin, Jörg und Kai eingeschlossen). Also, wenn jemand keine Ahnung hat, was eine gerade verlegte Leitung ist, Unterputz und Kabelschutz Fremdwörter sind, Sicherungen zwar da sind, aber die Zahlen darauf ebenso verwirren wie die Leistungsangaben auf den Maschinen – dann kann er/sie in Frankreich Elektriker werden. Ich fragte, dann Pierre, was der Elektriker denn von Beruf ist, aber irgendwie klappt das nicht so mit Witzen von einer in die andre Sprache. Egal, wie dem auch sei. Ich habe ihm gesagt, dass da diverse Probleme auftauchen könnten (Netzschwankungen, Überlastungen), wenn man das so macht und der meinte dann, dass die nicht auftauchen „könnten“, sondern auftauchen. Der Elektriker habe ihm gesagt, dass er da nichts machen kann und dass das am Stromnetz liegt. Ob ich denn eine Lösung habe? Ja, sage ich, den Elektriker feuern. Schnell. Ich hab mir dann die Pläne angeschaut, soweit sie da waren und dann gesagt, was man machen muss, soll, kann. Hat anscheinend eingeleuchtet, denn Pierre war mit allem einverstanden und hat mir den offiziellen Auftrag gegeben, alles zu machen. Das war natürlich nicht so im Sinne der Erfinders, denn grob geschätzt dauert das drei volle Arbeitstage. Und ich wollte eigentlich noch was von Lyon sehen und dann am Montag weiter. Allein das schöne Wetter lockt. Aber Pierre auch, und zwar mit Geld. Er bietet mir 100 Euro am Tag, außerdem wird es das mit Hélène und Jean-Michel regelt, dass ich so lange bei ihnen wohnen kann. Das ist ja auch so ein Problem, denn ich kann verstehen, dass die Leute ihr eigenes Leben haben und sich da nicht so gerne reinplatzen lassen. Aber bis ich noch überlege, telefoniert Pierre schon mit Hélène und fünf Minuten später ist alles geregelt. Also dann – an die Arbeit. Zunächst feststellen, dass nicht nur das Kabel aus der Maschine gerissen ist, sondern auch das Netzteil für die Steuerung beschädigt. Lässt sich aber relativ leicht reparieren. Aber dazu brauche ich Ersatzteile. Überhaupt brauche ich ein paar Teile. Und Werkzeug. Also düsen Pierre und ich noch kreuz und quer durch Lyon, um Werkzeug zu leihen und Teile zu kaufen. Der Trafo muss bestellt werden, kommt erst am Mittwoch. Toll. Also dann bis Mittwoch. Dann kann ich ja in Ruhe die anderen Sachen erledigen. Separaten und spannungssicheren Stromkreis für den Büro- und Computerbereich. Sichere Anschlüsse für die drei anderen Maschinen. Steuerung für die Hebebühne reparieren. So geht die Zeit auch rum.

02.06.2006 um 14:47 Uhr

Donnerstag, 1. Juni. Ein Strich wie eine eins

Musik: Shelter from the storm, Manfred Mann

So ganz war ich die letzten beiden Tage nicht sicher, ob ich überhaupt nach Lyon soll. Das Loiretal von Roanne nach St-Etienne sieht zwar auf der Karte auch nicht so verlockend aus, aber dann wird es besser, zum Teil ganz ohne Straße. Und ich wäre immerhin nach Le Puy gekommen. Aber Lyon ist nun mal das Unesco. Also rein in die Stadt. Ich habe schon einen kleinen Aber davor. Und meine Befürchtungen von wegen Verkehr und Straßen werden schnell bestätigt. Außerdem verlaufe ich mich irgendwo, die kopierte Karte, die ich habe, ist wohl zu ungenau. Und ungenau ist auch jede Aussage, jemanden zu fragen wie man nach Lyon „gehen“ kann. Wie man fährt, dass wissen alle. Aber irgendwie schaffe ich es, irgendwann kommen die hässlichen Hochhäuser, die Einkaufsmärkte und die Industrie. Ich finde ein großes Einkaufszentrum und hole mein Mittagessen. Außerdem mache ich ausgiebig Gebrauch von den angebotenen Proben. Überall stehen aufgeschnittene Melone, Schinken, Käse, Zwiebelbrot … Sogar Bier wird angeboten in kleinen Plastikbechern. Das ist jetzt mein Spartipp für alle, die auf den Euro schauen müssen. Dann kommen die Straßen … Es ist eklig, es ist laut, es ist gefährlich. Einmal stehe ich an einer Schnellstraßenbrücke, muss auf die andere Seite, aber es gibt keinen Gehweg. Nur ein schmaler Streifen neben der Leitplanke. So eng, dass ich nicht neben dem Rad laufen kann. Ich muss von hinten schieben, praktisch freihändig. Das geht dann einigermaßen, aber ich bin froh als ich drüber bin. Die große Stadt macht mich fertig habe ich das Gefühl. Sie ist wie Wackelpudding, in den man nicht mit dem Löffel reinkommt. Und sie zieht sich. Ein Schachtisch in einem kleinen Park gibt einen hervorragenden Esstisch ab, eine offene Kirche einen Unterschlupf gegen einen Schauer. Aber schließlich habe ich meine Straße gefunden. Ich rufe die Nummer von Hélène und Jean-Michel an, aber es nimmt niemand ab. Hoffentlich sind sie überhaupt da. Also laufe ich erstmal hin. Ich brauche Hausnummer 24/6. Bei Nummer 150 komme ich auf die Straße, gehe stadteinwärts – und finde keine 24/6. Es sind zwar verwinkelte Häuser, aber es gibt keine Hinterhöfe, wenn ich das richtig sehe. Ein junges Mädchen hilft mir, meint aber, dass es die Nummer nicht gibt. Ich zeige ihr den Zettel, habe schon einen kleinen Verdacht, dass Hélène und Jean-Michel vielleicht gar nicht wollen, dass ich sie besuche, also eine falsche Nummer aufgeschrieben haben. Das Mädchen meint, dass das statt 24/6 auch 2416 heißen könnte. Die Straße geht weit raus und da kommen nach einem Ladengebiet dann noch mehrere große Wohnhäuser. Ich schlucke und mache mich auf den Weg. Noch ein Anruf, immer noch niemand da. Ich mache mich auf in Richtung Flughafen. Die Nummern werden größer. 150, hier war ich schon mal. 200, 300, 500. Ein Polizist schaut mich misstrauisch an. Ich spüre, dass er mit sich kämpft, ob er mich kontrollieren soll. Aber dann lässt er es, vielleicht hat er meinen müden Gesichtsausdruck gesehen. 1000, ein größeres Stück ohne Bebauung zieht sich. 1200, 1500, 2000. Lange Wohnblocks tauchen auf, es ist weit von einer Nummer zur nächsten. 2100, 2200, 2300, ein abbiegender Lieferwagen fährt mich an einer Ampel fast über den Haufen, dabei habe ich Grün. Aber in Frankreich ist das für Fußgänger keine Garantie. 2350, 2400 … ich zähle jede einzelne Nummer. Und dann steht das Ding vor mir: Hausnummer 2416, ein riesiger Wohnblock, so um die 15 Stock hoch. Und der richtige Name steht auf der Klingel. Ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte. Keiner da. Toll. Ich setze mich auf die Treppe vor dem Eingang und warte. Nach fast zwei Stunden kommen Hélène und Jean-Michel – aber nicht von vorne, sondern aus der Türe. Sie sind schon eine ganze Weile da, sind hinten durch die Tiefgarage reingefahren. Herzliche, aber kurze Begrüßung. Sie haben Theaterkarten, sind eh schon knapp dran. Mein Rad kommt in den Abstellraum, ich werde nach oben verfrachtet. Ein voller Kühlschrank, sagt Hélène. Ein Fernseher, sagt Jean-Michel. Außerdem das Gästezimmer und die Dusche, dann sind die beiden verschwunden. Eine Stunde später geht es mir besser. Eine lange Dusche, Essen, ein Glas Bier. Ich sitze vor dem Fernseher, zappe mich durch die Programme und überlege, ob ich fremden Menschen einfach so meine Wohnung überlassen würde. 28,0 km, Kasse: Euro 9

02.06.2006 um 13:23 Uhr

Mittwoch, 31. Mai. Der Tod im Rapsfeld

Musik: My Lady ’d Arbanville, Cat Stevens

Der Körper liegt regungslos im Rapsfeld, ein Stillleben aus Gelb, Grün und Braun. Die Stoßstange des Peugeot hängt herunter, die Haube ist eingedrückt, die Scheibe rissig, aber noch am Stück. Die beiden Frauen stehen daneben – die Hände vor dem Gesicht, fassungslos. Sie sind schon älter, so um die 50, beide in geblümten Sommerkleidern und zu kleinen Schuhen. Als ich hinzukomme, stehen die beiden vor dem Auto, sagen nichts, deuten nur mit dem Kinn auf das Rapsfeld. Makaber - von der Motorhaube tropft Blut. Ein Transporter fährt vorbei, hupt, weil die beiden die Straße blockieren, hält aber nicht an. Ich sage ihnen, dass sie die Polizei verständigen müssen, aber die eine Frau schüttelt nur den Kopf. „Wegen der Versicherung“, sage ich. Sie sagt, dass das eh nicht bezahlt. Aber sie müssen dringend in die Stadt. Und das Auto ist ja kaputt. Noch ein Auto fährt vorbei, ganz langsam, damit der Fahrer alles sieht, anhalten tut er nicht. Ich schaue mir das Auto an: Der Kühler ist heil, nur das Licht und die Haube haben was abbekommen. Die Scheibe hat zwar Risse, aber man sieht gut hindurch und es sieht nicht so aus, als würde sie ganz reißen. Ich zerre die Stoßstange ganz herunter und lade sie in den Kofferraum. „Nicht schneller als 70 fahren“, sage ich. Die beiden nicken und steigen ein. „Was machen wir mit ihm?“, frage ich und deute aufs Rapsfeld. Die Fahrerin zuckt mit den Schultern, ihre Beifahrerin sagt nur „Merde“. Dann fahren sie los. Ein kurzer Blick noch auf das tote Wildschwein, dann schiebe ich weiter. Ich war sehr früh heute unterwegs, die Männer haben noch geschlafen. Es war aber auch vor fünf, gebe ich ja zu. Sie haben gestern, als ich mich schlafen gelegt habe, schon gesagt, dass sie noch etwas „zu tun haben“ und öffnen eine weitere Flasche. Wenn die Katze aus dem Haus ist, denn saufen die Mäuse. Die Türe ist offen, ich werde den Kaffee und den Käse schon finden, hat es geheißen. Habe ich. Durch das enge Tal, mitten durch die Stadt, zieht sich ein Eisenbahnviadukt. Nett anzuschauen, aber sicher nicht so schön zu wohnen, wenn oben die Züge vorbeidonnern. Aber der Marktplatz ist schön mit den Fachwerkhäusern und dem mächtigen Kirchturm. Kurz hinter Tarare bin ich raus aus dem Tal und quer über die Hügel. Eine schöne Landschaft, Felder, Wiesen, Wald ... alles da. Nur keine Menschen. Ich laufe und laufe, mache wenig Pausen. Ein ausgiebiges Picknick mit Käse, geschnittenem Schinken und Erdbeeren ... reißt ein 1-Euro-Loch in meine Kasse, musste aber sein. Die Landschaft wird flacher, die Felder nehmen zu, auch die Häuser. Ein schönes kleines Tal spült mich auf die N 89. Hier bin ich mit dem Auto auch schon entlang gedonnert. Dahinter wieder Felder, in einem der Rapsfelder hier liegt ein totes Wildschwein. Ein größeres Waldstück ist mein Ziel, ich komme spät an, die Beine tun mir weh. Lyon ist in Reichweite. 26,8 km, Kasse: Euro 14

02.06.2006 um 12:05 Uhr

Dienstag, 30. Mai. Fährt er in den Graben ...

Musik: Red red wine

Ich muss das Schild übersehen haben: Absolut nichts die nächsten 10 Kilometer. Auf jeden Fall lässt das Frühstück auf sich warten. Erst nach einigen kleineren Hügeln und vielen Feldern kommt Amplepuis. Noch eine Partnerstadt aus der Nachbarschaft, dieses Mal von Gültstein (sorry, das kannte ich auch nicht, liegt bei Herrenberg). Das Städtchen ist nett – und berühmt. Zumindest bei Menschen, die alte Nähmaschinen mögen. Der Erfinder (ich dachte immer, das war der Herr Singer) kommt von hier. Hat einen komischen Namen, den ich eh falsch schreiben würde und den sich keiner merken will. Und ein Museum hat er hier – nur nachmittags geöffnet. Kurzes Frühstück, dann geht es weiter. Ich folge der D 8, einer Landstraße, die zum Glück nicht besonders befahren ist. Gefällt mir zwar nicht auf der Straße, aber es gibt keine besonders gute Alternative. Aber es geht gut. Es geht zu gut. Gestern schon habe ich seit lange mal wieder über 25 Kilometer geschafft. Und ich will auch endlich wieder richtig Strecke machen, schon, um in den Süden zu kommen. Muss es ja nicht unbedingt „Pilger“ nachmachen, der letzte Woche an einem Tag mal 80 Kilometer gelaufen ist. (Respekt, keine schlechte Leistung. Hoffentlich hast Du das nicht gebüßt. Müsstest jetzt dann ja bald in Santiago sein.) Ich bin noch so weit davon weg und entferne mich gerade sogar noch weiter, weil ich ja nach Süden gehe. Und immerhin, ich bin schon zwei Monate unterwegs. Und so lasse ich mich heute hinreißen, ein paar Mal mit dem Rad zu fahren. Sprich, wenn es die Strecke zulässt, also leicht bergab geht und kein Verkehr, dann setze ich mich auf die Stange und balancieren das Ding die Straße entlang. Ist nicht besonders komfortabel und sind auch immer nur ein paar Meter, aber wie sagt der Schwabe: „Lieber schlecht gfara als guat gloffa.“ Allerdings fahre ich wirklich schlecht – bei vierten oder fünften Versuch klappt das dann nicht so gut. Ich lande im Graben. Zum Glück nur relativ langsam, zum Glück weich im Gras. Aber ich habe die Warnung verstanden und lasse den Ritt auf der Stange fortan bleiben. Vor Tarare tun mir die Beine weh vom ständigen Asphalt und es wird schnell frisch, wenn die Sonne weg ist. Ich verlasse das Tal und will in den Wald oberhalb der Stadt. Auf halbem Weg komme ich an einem Bauernhof vorbei, ein paar Männer stehen davor, einer spricht mich an. Er weiß, dass ich einen Platz für die Nacht suche und bietet mir das alte Dienstbotenzimmer an. Das ist zwar direkt im Heustall, in ziemlicher Höhe, aber gar nicht so schlecht. Und unten am Haus gibt es sogar ein separates kleines Bad. Oh wie schön ist eine warme Dusche. Und ein deftiges Abendessen. Und ein Glas Rotwein. Und noch eines, und noch eines ... Die drei Männer sind alleine heute, die Frauen sind „unterwegs“, was immer das heißt, begleitet von einem Augenzwinkern. 23,2 km, Kasse: Euro 21

02.06.2006 um 11:40 Uhr

Montag, 29. Mai. Kennt jemand Roanne?

Musik: All the tired horses in the sun, Bob Dylan

„Ja, wo beginnt denn die Loire? Wo fängt die denn an? Schau’ mal in Deinen Reiseführer!“ Der Wirt der kleinen Kneipe hatte wohl eine schlechte Nacht. Nicht, dass er seine Laune an mir auslassen würde, aber er musste das mal loswerden. „Das Tal der Loire, das beginnt bei Nevers. Vorher gibt es keine Loire. Dabei hat sie hier schon die Hälfte der Strecke hinter sich. So einfach machen die sich das. Die Loire, das sind die Schlösser. Und wir, wir existieren nicht. Man kann keinem Tourist böse sein, dass er nicht hierher fährt. Es steht ja nichts darüber in den Büchern.“ Und als Beweis zeigt er mir einen relativ neuen Merian (in Deutsch), der tatsächlich den Titel „Loiretal“ trägt, und dessen Karte ... in Nevers beginnt. Und deshalb, so der Wirt, fangen die Leute auch alle erst in Nevers oder noch später an mit einer Reise das Loiretal hinab. Das hier, das ist touristisches Niemandsland. Als ich ihm dann auch noch sagen muss, dass ich mir nur eine heiße Schokolade leisten kann, da ist ihm das dann auch schon egal. Er lacht, setzt sich zu mir und lässt sich nun, nachdem er alles gesagt hat, was er zu sagen hatte, von mir erzählen, was ich so auf dem Herzen habe. Außer schönerem Wetter. Nach ein paar Minuten kommen dann ein paar Handwerker und er muss arbeiten. Als ich gehen will, da kommt er auf einmal mit Spiegeleiern und Baguette, mit Käse und einem Glas Roten. „Das Laufen, das geht in die Knochen“, sagt er, „da braucht man was auf die Rippen.“ Und bevor ich mich versehe, knufft er mich kräftig in selbige. Mist, falsche Stelle erwischt, mir bleibt kurz die Luft weg. Das ist ihm dann wieder arg, aber das konnte er ja nicht wissen. Ich hab’s nicht erzählt. Als „Trostpflaster“ bekomme ich noch ein belegtes Baguette mit. Und die Schoki war umsonst. Auch gut. Ich mache noch einen kleinen Schwenker zur Kirche, aber die ist natürlich zu. Und von außen ist sie nicht so tolle, zumal es schon wieder zu regnen beginnt. Vor allem ist es eiskalt, das Thermometer zeigt 8 Grad. Ich fasse es nicht - wir haben fast Juni. Immerhin erfahre ich, dass Roanne eine Partnerstadt von Reutlingen ist. Aha. Hallo Nachbarn. Und so stapfe ich wieder aus der Stadt hinaus und sehe dabei noch ein paar sehr schöne Häuser. Eigentlich eine ganz nette Stadt, vor allem am frühen Morgen, wenn sie gähnend erwacht. Und eigentlich wollte ich gar nicht rein, aber es gab keine Brücke über den Fluss, und so musste ich länger am Ufer entlang als ich wollte. Ich verlasse die Stadt über eine große Brücke, bin aber noch kilometerweit zwischen Häusern, die immerhin den Wind abhalten. Schließlich kommt die N 7 – dahinter beginnt wieder die Welt. Die Felder strecken sich weit aus, große Wiesen dazwischen, ein Hügel mit etwas Wald. Ich mache eine Pause, fühle mich aber noch ganz gut und laufe weiter. Pradines kommt, ein sehr verschlafenes Nest. Jemand hat am Wegweiser „Pralines“ draus gemacht. Noch ein Hügel mit einem Wäldchen. Aber ich bin immer noch nicht müde, will auch ein wenig Strecke machen. Und es geht bergab. Also folge ich den engen Wegen runter nach Regny, fülle noch einmal meine Wasserflasche, bekomme eine Tomate geschenkt und gehe langsam in die Dämmerung hinein. Die kommt früh, die Wolken werden wieder dichter. 25,8 km, Kasse: Euro 25

02.06.2006 um 11:17 Uhr

Sonntag, 28. Mai. Die Mädchen in den Schänken

Musik: Die Mädchen in den Schänken, Reinhard Mey

Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass heute Sonntag ist. Und Chambily ist die einzige größere Ortschaft, wo ich heute Vormittag noch was zu essen kriege. Also hier schnell zum Bäcker. Leider nichts mit billigem Brot und so, keines runtergefallen. Die Verkäuferin schaut mich an, als wollte ich den Laden ausrauben. Also, dann nichts wie weg hier. Hinter dem Ort gehen die Straßen dann nicht mehr entlang des Kanals, es wird richtig ruhig. Liegt vielleicht auch daran, dass es Sonntag ist. So ist nichts los auf den Straßen und noch weniger auf den Feldern. Der Fluss schlängelt sich dahin, hat ziemlich große Sandbänke und würde geradezu einladen, mal ein wenig zu baden. Aber es ist einfach zu kalt. Ärgert mich ein wenig, ist aber nicht zu ändern. An einem See, der zwischen Fluss und Kanal ist, will ich Pause machen. Ein paar Angler sitzen da und erklären mir, dass das Privatbesitz ist und ich verschwinden soll. Siehe da, solche gibt es also hier auch. Wäre ja auch zu schön gewesen. Also mache ich meine Pause ein paar Kilometer weiter, direkt am Ufer der Loire. Auch schön. Hier kommen sich Kanal, Fluss und Straße wieder sehr nahe und ich hoffe, dass ich nicht mal an einem Zaun oder so stehe, wo ich mit dem Rad nicht weiter komme. Aber dann gehen Fluss und Kanal wieder auseinander und ich finde einen guten Weg, der mich nach Briennon bringt. Ich gehe in eine Bar, Toilette und was zu essen wäre nicht schlecht. Ein paar Männer sind da, scherzen mit einer Frau, die zu viel Schminke auf und viel zu viel Alkohol in sich hat. Ein Lied von Reinhard Mey fällt mir ein, „Die Mädchen in den Schänken“, aber das kennt eh keiner. Die Theke ist voll belegt. Ich setze mich an einen Tisch, bestelle einen Salat. Der Wirt deutet auf mein Rad mit dem Rucksack – Pilger? Ich nicke, er nickt. Der Salat ist riesig, obendrauf liegt ein Kotelett, der Brotkorb ist gut gefüllt, ein Glas Wein kommt dazu. Als ich später zahle, stehen exakt 5 Euro auf meiner Rechnung. Der Wirt nickt nur noch einmal. Die Männer schäkern immer noch mit der Frau, bezahlen ihr einen weiteren Schnaps. Auf der Karte ist westlich der Stadt ein Wald eingezeichnet, aber das wäre ein Umweg von zwei Kilometern. Also bleibe ich lieber unten am Fluss, laufe noch ein Stück und fragen dann bei einem Bauern, ob ich zelten kann. Er will mich wohl nicht direkt in der Nähe haben, weist zu einer Wiese, die so einen Kilometer weg ist. Auch egal. 21,2 km, Kasse: Euro 31

02.06.2006 um 10:58 Uhr

Samstag, 27. Mai. Immer am Kanal entlang

Musik: Lady in Red, Chris de Burgh

Ich wollte ziemlich früh raus, weil ich weiter wollte. Aber der Fahrer mit dem Modem kam erst um neun. Solange haben wir dann gefrühstückt. Eine Freundin kam vorbei und brachte noch Kuchen, war ganz nett. Dann schnell das Modem installiert und gleich ausprobiert. Funktionierte auf Anhieb – sehr gut. So konnte ich dann doch noch am Vormittag starten. Noch ein Stück Pizza zum Schluss, das muss sein. Die Jungs essen wirklich den ganzen Tag Pizza. Und sie haben mir noch 20 Euro gegeben für die Installation der Anlage. Ich bin baff. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Jüngeren und die Älteren bedürftigen Menschen am meisten geben. Aber die Leute mitten drin, die, die das meiste Geld haben, die geben eher nichts. Ok, ich bin nicht bedürftig in dem Sinne (uiuiui, jetzt fallen mir wieder die Kommentare ein, die ich vor Beginn meiner Reise einstecken musste ...) Aber trotzdem ist es auffällig. Das war auf jeden Fall ein frischer Regen in meine Kasse. Klar, wenn sie das Ding hätten installieren lassen von einem Handwerker, dann hätte es den Faktor 30 oder mehr gekostet. Also so gesehen auch ein gutes Geschäft für sie. Also wieder los. Nachdem ich gestern praktisch im Internet schwelgt habe (und hoffentlich alle Mails und Kommentare beantwortet, wenn nicht bitte melden, ich hab halt immer ne Menge auf einmal zu bewältigen und bin nicht böse, wenn jemand anmeckert. Und noch ein Tipp für alle Blog.de-ler: Wer’s verkraften kann, setzt mich auf die Friends-Liste, dann hab ich Euch immer vor Augen, wenn das Blog aufgeht.), bin ich jetzt wieder ohne Anbindung an die Außenwelt. Heute Morgen hatte ich nur begrenzt Lust dazu (2 Seiten waren ja auch genug, Kerstin ... ;-)). Zwischen dem Kanal und dem Fluss geht es genau in Richtung Süden. Es ist etwas wärmer geworden, so scheint mir. Aber der Wetterbericht heute Morgen war nicht wirklich erbaulich. Zunächst sind die beiden noch weit entfernt, aber dann rücken die beiden immer enger zusammen. Auf meiner Karte ist nicht zu sehen, ob da ein Weg ist und ich habe zunächst ein wenig Bedenken, ob und wie ich da weiterkommen. Aber es geht, und wenn es auf dem Damm vom Kanal ist. Gar nicht so schlecht zu laufen und zu schieben. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Loire Europas größter ungezähmter Fluss ist. Also, so groß scheint er mir hier nicht, aber er hat ja noch einiges vor sich. Und ungezähmt stimmt schon, wenn man die betonierten Flussbette in Deutschland damit vergleicht. Eine schöne Gegend. Ich laufe tapfer voran, treffe kaum einen Menschen hier. Höchstens Mal ein paar Bauern auf ihrem Trecker in den Feldern. Zum Glück gibt es ein paar kleine Nester, in denen ich Wasser bekomme und Brot. Ich mache zwei längere Pausen, laufe dafür lange, bis es dämmert und ich mein Zelt hinter ein paar Büsche nicht weit vom Fluss stellen kann. Schnell ins Zelt, der nahe Fluss ist wohl ein Erholungsheim für Stechmücken. 24,2 km, Kasse: Euro 38

02.06.2006 um 10:03 Uhr

Freitag, 26. Mai. L'électricien

Musik: The river, Bruce Springsteen

Ja, wieder ein Tag, und wieder einer, der ein kaltes Schmuddelwetter bringt. Ich habe es nicht weit geschafft, gerade Mal runde 5 km bis Digoin. Ein nettes Städtchen, an dem die Arroux in die Loire fließt. Und in dem es in Strömen gießt. Aber: Es gibt ein Internet-Café und da hinein flüchte ich mich. Die beiden Jungs haben nichts dagegen, ich kann sogar die Toilette benutzen. Als ich rauskomme, mühen die beiden sich gerade ab, eine Alarmanlage zu installieren. Ich muss lachen, weil sie den Kontakt auf der falschen Seite der Türe anbringen wollen. Also mische ich mich ein, bevor sie anfangen zu bohren. Wir werden uns schnell einig. Ich bekomme ein Mittagessen (Pizza) und kann surfen, so viel ich will. Dafür baue ich ihnen die Alarmanlage ein. Das haben sie als Vorgabe von der Versicherung bekommen, sonst sind ihre Computer nicht versichert. Sehr toll, so entgehe ich dem schlechten Wetter, bekomme was zu essen und kann endlich mal wieder Mails und Blog schreiben. Später stellen wir fest, dass einer der Verteiler kaputt ist. Außerdem haben sie ja jede Menge Computer online, also empfehle ich ihnen über ein spezielles Modem eine Warnschaltung aufs Handy zu machen. Das finde Sie toll, aber das Modem gibt es natürlich nicht in Digoin. Sie telefonieren rum und kriegen morgen eines in Chalon-sur-Saoné. Kurze Planänderung, ich kann bei ihnen übernachten und bastle morgen alles zusammen. Auch Recht. Pierre hat ein Gästebett im Keller, ein Waschbecken im Garten und einen Wäschetrockner. So verbringe ich den Rest des Nachmittags mit Wäsche waschen und ausruhen. Danach gehe ich wieder ins Café und schreibe noch ein paar Mails und repariere Lichtschalter. Abends gibt’s dann schon wieder Pizza mit Artischocken und Tunfisch (sie bestellen immer die gleiche) und Bier. 5,7 km, Kasse: Euro 23