Jakobsweg_ohne_Geld

28.06.2006 um 14:54 Uhr

Dienstag, 27. Juni, Zauberland

Musik: Love is a rose, Linda Ronstadt

Ich bin begeistert von der Carmargue. Vor allem natürlich am frühen Morgen. Ich bin extra früh aufgestanden und habe mein Zelt schnell zusammengepackt, damit mich hier niemand erwischt. Und dann nichts wie los, solange noch nicht die Touristen durch das Land brausen. Wie schön ist diese Gegend um diese Zeit. Es ist relativ frisch noch, alles voller Tau. Die Vögel schon geschäftig und ganz schön lärmend. Die weißen Pferde noch ein wenig schläfrig. Ich gebe Gas, laufe schnell auf den recht guten Wegen, die hier meist ein Stück weg von der Straße verlaufen. Grund ist auch, dass ich kein Frühstück hatte, total vergessen, was zu kaufen. Also nur ein Schluck Wasser und Nougat ... Erst in Albaron finde ich eine Bäckerei, außerdem gibt es günstige Trauben, die Frau wiegt großzügig ab und ich habe einen Vorrat, der den ganzen Tag hält. Ich verlasse endlich die Straße, die nun doch sehr voll und laut wird. Ich finde einen kleinen Platz für eine Pause, und um endlich mein Zelt zu trocknen, das ich taunass eingepackt habe. Kaum liegt es ausgebreitet in der Sonne, kommt eine Art Parkrancher und schnauzt mich böse an. Er will 200 Euro, weil ich hier unerlaubt zelte. Es braucht eine Menge Hartnäckigkeit, bis ich ihm erklärt habe, dass ich nicht zelte, sondern nur mein Zelt trockne. Er schreit, ich soll ihn nicht anlügen, ich zelte hier und er hat die Schnauze voll hat von den Deutschen, die hier die Landschaft verschandeln. Erst als ich sage, dass wir zusammen zur Polizei gehen und das klären, da gibt er auf. Das Zelt ist inzwischen trocken, ich packe es zusammen. Er schaut mir hinter einem Busch versteckt zu. Nichts wie weg hier. Die Gegend wird von den Touristen wohl nicht so stark besucht. Nur einmal reitet eine Gruppe Holländer an mir vorbei. Sind wohl alle keine großen Reiter und haben Mühe, sich auf den Pferden zu halten. Ohne Holland, fahrn wir nach Berlin ... summe ich und muss lachen. Die Landschaft hält einen langen Mittagsschlaf, alles scheint träge und faul. Außer den Stechmücken. Trotzdem ist es wunderschön hier, die Ruhe ist toll, und die Spiegelungen der Bäume in den kleinen Seen sind fantastisch. Leider sehe ich weder die Flamingos noch die Stiere. Wohl die falsche Gegend dazu. Ich wage es nicht, noch einmal einfach so zu zelten. Und so frage ich bei Mas des Iscles mal wieder bei einem Bauern, ob ich hier zelten kann. Kein Problem. Und ich kann nicht nur am Brunnen hinter der Scheune duschen (ohne Seife aber nur, und argwöhnisch bewacht vom Hofhund, ich werde auch eingeladen zum Fußballspiel. Brasilien hat Ghana schon mit 3:0 besiegt. Jetzt kommt es zum vielleicht hochkarätigsten Spiel. Die Franzosen schwitzen eine ganze Weile, vor allem nach dem Elfer, den sie natürlich wieder als unberechtigt empfinden. Da hilft auch die Zeitlupe nichts – der war eindeutig. Aber dann haben die Spanier eigentlich, wie immer bei großen Turnieren, nichts mehr zu bieten. Dabei haben sie seit über 1,5 Jahren kein Spiel mehr verloren. Und als dann der große Zidane noch das dritte Tor schießt, da ist klar, dass Frankreich jetzt Weltmeister wird. Ich verkneife mir zu erwähnen, dass der nächste Gegner Brasilien ist. Ziemlich voll (vom Essen und vom „Sandwein“, der erstaunlich süffig ist in so einer warmen Fußballnacht) schlüpfe ich in mein Zelt.

  

Km: 25,1,  Kasse: Euro 378

28.06.2006 um 14:35 Uhr

Montag, 26. Juni, Gewitterwein

Musik: Like a hurrican, Neil Young

Ich hätte mir das Spiel doch anschauen sollen, also, das zwischen Portugal und Holland. Da muss ja wirklich was los gewesen sein. Die Zeitungen schreiben von der „Schlacht in Nürnberg“. Wundert mich schon, dass ein Mann wie Deko vom Platz gestellt wird. Und auch Figo muss sich sehr daneben benommen haben. England war (wie immer bei dieser WM wohl eher langweilig). Immerhin wird das auch ein interessantes Duell. Ich bin ein wenig müde heute, schleppe mich so dahin. Das Wetter ist so was von drückend, schon morgens um zehn sehe ich im Westen die ersten Gewitter. Schließlich bin ich in Arles, dem Herz der Provence. Eine schöne Stadt, aber bei dem Wetter nicht gerade der Hit. Ich kaufe mir schnell meine Postkarte, damit ich das nicht vergesse. Ich bummle trotzdem ein wenig durch die Gassen – zu entdecken gibt es eine Menge. Natürlich das Amphitheater und das antike Theater gleich daneben – aber ich liebe eher die kleinen Details. Zum Beispiel einen Wasserspeier in Form eines Krieges mit Löwenhelm. Und dann steckt eine Menge Atmosphäre in der Stadt. In den kleinen Altstadtgassen mit dem etwas morbiden Charme ebenso wie im Stadtpark, wo die alten Frauen im Platanenschatten die Zeit verplaudern. Noch ein Blick ins Kloster St.-Trophime. Ruhe, Kühle, Kraft ... ein wunderschöner Ort für eine Pause. Vincent fällt mir ein, ausgerechnet hier. Mit Kirchen hatte er es ja nicht besonders. Hat er je eine gemalt. Auf Anhieb fällt mir keine ein. Vor dem Kloster steht ein Paar aus Österreich, die einen Stadtplan haben. Ich frage sie, ob ich einen Blick darauf werfen darf, um einen guten Weg aus der Stadt zu finden. Sie dagegen suchen die Post. Wir tauschen uns gegenseitig aus, und ich begleite sie zur Post, weil die beiden kein Wort Französisch sprechen. Sie hat sich ihre alten Wanderschuhe schicken lassen. Ganz Frau hatte sie sich einen Tag vor dem Urlaub neue gekauft (frau muss ja schick sein) und jetzt entsprechende Blasen. Der Postler findet kein Paket unter U wie Ursula und auch nicht unter P. Ich frage ihn, ob unter F denn vielleicht was zu finden wäre. Ja, einsortiert unter F wie „Frau“. Als Gegenleistung für die Übersetzungsdienste bekomme ich dann noch einen Eisbecher und ein wenig Nachhilfe zu van Gogh. Er hat sehr wohl Kirchen gemalt. Und sein berühmtes gelbes Haus, in dem er hier gelebt hat, wurde im Krieg durch einen Bombenangriff zerstört. Ich muss dringend weiter und verabschiede mich. Weit komme ich eh nicht mehr, die Stadt hat mich zu lange aufgehalten. Ich entscheide mich nicht für Nimes, sondern für die Route runter in die Carmargue. Kaum bin ich aus der Stadt, treibt mich ein Gewitter in eines der Restaurants, die hier auf Touristen warten. Der Patron ist nett, lässt ich unterstellen, und, weil noch nichts los ist, schaue ich mit den Kellnern und Köchen an, wie draußen für eine halbe Stunde die Welt untergeht. Das eigentlich harmlos wirkende Grau wird innerhalb von Sekunden zu einem Gelbschwarz, und als der Himmel dann aufmacht, da ist es, als schütte er wahllos Eimer von Wasser durch die Gegend. Alle schauen stumm zum Fenster hinaus, unterhalten wäre eh nicht möglich. Der Donner und das Rauschen des Wassers sind infernalisch. Dann sind die Blitze weg, nur der Regen rauscht noch. Plötzlich habe ich ein Glas Wein in der Hand – Gewitterwein, lacht einer. Wir schauen uns den Rest des Spieles Italien – Australien an. Was für ein Betrug! So einen lächerlichen Elfmeter habe ich noch nie gesehen. Und das zehn Sekunden vor Schluss. Und warum Canavaro nach der Tätlichkeit direkt vor dem Schiedsrichter nicht vom Platz geflogen ist, weiß auch nur der Mann in Schwarz. Die Franzosen lachen sich halb tot und schimpfen natürlich auf die Schiedsrichter, die ihnen ja auch wohl ein klares Tor aberkannt haben. Schade, der Fußball der Italiener war, wie eigentlich immer, wenn sie nicht gegen Deutschland spielen, mies. Hoffentlich schafft es die Schweiz nachher. Nach einer Stunde hört der Regen dann auf, ich mache mich, ein wenig beschwingt, wieder auf den Weg. Eigentlich wollte ich nach einem Bauernhof suchen, aber es kommt nichts. Und ich bin schon im Nationalpark. Puh. Hier ist zelten eigentlich verboten. Eigentlich.

  

Km: 17,7,  Kasse: Euro 385

28.06.2006 um 14:09 Uhr

Sonntag, 25. Juni, Time machine

Musik: Time Machine, Beggars Opera

Früh bin ich wieder auf den Beinen, schaue mir die Pond noch einmal an, nutze die Waschräume im Besucherzentrum und kaufe meine Postkarte. Hätte ich gestern im Café ein paar Cent billiger bekommen. Als die anderen Touristen anrücken, bin ich schon wieder auf dem Weg. Immer am Fluss Gard entlang geht es wieder in Richtung Autobahn. Viel Wein wächst hier, und das heißt – kaum Schatten für Wanderer. Mein Hut tut, was er kann, aber ich bin innerhalb weniger Minuten patschnass und für jede noch so kleine Wolke dankbar. Am frühen Nachmittag erreiche ich Beaucaire. Der Fluss liegt da wie geschliffener Stahl, die beiden Burgen, vor allem die auf der anderen Seite von Tarason, sehen aus wie übrig gebliebene Pfeiler einer mächtigen alten Brücke. Ich versorge mich mit Essen und beschließe, auf der westlichen Seite des Flusses zu bleiben. Bis Arles kommen kaum größere Ortschaften, und so mache ich gar nicht den Versuch, einen Fernsehplatz zu bekommen. Mir geht Avignon nicht aus dem Kopf. Mit zwei Tagen Verspätung schleicht sich das Mittelalter in meinen Kopf. Ich überlege, wie das wohl wäre, in dieser Zeit gelebt zu haben. Besser? Interessanter? Aufregender? Oder wäre es für mich nichts als eine Schinderei gewesen, beim Bau des Papstpalastes zum Beispiel? Ich komme zu der Erkenntnis, dass die „normale“ Bevölkerung damals nicht viel zu lachen hatte. Ich singe „Time Machine“ und überlege, wie die Päpste wohl gelebt haben und was sie wirklich angetrieben hat. Ich mache noch eine längere Pause und gehe dann noch lange nach der Dämmerung, weil die Temperatur jetzt ein wenig angenehmer ist. Nicht so angenehm sind die vielen Stechmücken. Schließlich finde ich einen schönen Platz direkt am Fluss.

  

Km: 25,8,  Kasse: Euro 393

28.06.2006 um 13:53 Uhr

Samstag, 24. Juni, Zickzack-Kurs

Musik: Keep talking, Pink Floyd

Ich stehe früh auf, genieße noch einmal den Luxus einer langen Dusche, helfe beim Frühstück machen und schiebe dann weiter. Meine nächsten Ziele sind die Pont de Gard und Arles. Das heißt, ich muss im Zickzack laufen – ein ganz schöner Umweg. Und vor allem der erste Teil ist nicht besonders schön zu gehen. Erst einmal raus aus der Stadt, über die Brücke und dann den meisten Teil an der RN entlang. Ich gebe Gas, um 17 Uhr kommt das Spiel gegen Schweden. Gar nicht so leicht, denn das Wetter ist extrem drückend. Ein Gewitter hängt in der Luft, aber es entlädt sich nicht. Immer mal wieder fährt ein heißer Windstoß vom Meer dazwischen und vertreibt die Wolken. Kurz vor der Autobahn kommen zwei kleine Tälchen, in denen es ganz schön bergauf geht. Das schlaucht. Trinken, trinken, trinken ... Zum Glück habe ich mir eine zusätzliche Flasche Wasser aufs Rad geklemmt. Die 1,5 Liter sind im Nu weg. Ich wusste gar nicht, dass ich so viel trinken kann. Aber ich kann keine so großen Pausen machen, ich brauche bis 17 Uhr eine Fernseher, komme, was da wolle. Und letztlich war das auch kein Problem. Ich bin schon gegen 16 Uhr in Remouins – einem sehr aufgeräumten Ort kurz vor der Pond de Gard. Ich kaufe noch ein, esse was und suche mir dann ein kleineres Café, in dem ein paar Jüngere das Spiel anschauen. Sie interessieren sich aber nicht für mich, und so kann ich den Sieg in Ruhe genießen. Die Jungs nicken nach dem 2:0 anerkennend. Danach Argentinien gegen Mexiko – kein schönes Spiel und vor allem kein überzeugendes. Also, dann geht es gegen Argentinien im nächsten Spiel. Das wird ein Endspiel. Danach gehe ich die Strecke bis zur Pond noch raus. Überall stehen Wohnmobile, vor allem Deutsche und Engländer. Die Brücke ist voll beleuchtet und es gibt ein großes Besucher-Zentrum. Aber das ist natürlich jetzt zu. Ich genieße noch ein paar Minuten den schönen Blick auf die altehrwürdige Brücke, dann verziehe ich mich ein Stück weit in den lichten Wald.

  

Km: 25,8,  Kasse: Euro 393

28.06.2006 um 13:29 Uhr

Freitag, 23. Juni, Pause

Musik: Come up, Cockney Rebel

Pause, ich habe Pause. Die Jungs vom Camp haben nichts dagegen, wenn ich morgen auch noch hier bleibe. Und so genieße ich die Vorzüge unbegrenztem Duschens, Rührei mit Nachschlag, einer Waschmaschine, einer Steckdose für die Akkus und einem Aufpasser für mein Gepäck. So kann ich genüsslich in die Stadt ziehen und mich noch ein wenig umschauen. Natürlich meine Postkarte kaufen, den Papstpalast anschauen (wieder gönne ich mir den Eintritt, fast das Essen für einen Tag). Wie eine Felswand steht der Palast der Gegenpäpste trutzig in der Stadt. Wieder so Episode der katholischen Geschichte, die mich schmunzeln lässt. Vergnügungssucht gepaart mit Machtbesessenheit. Mich schaudert. Mit einem Pärchen aus Köln komme ich ins Gespräch über den Papst und die Religion. Und auch über den Jakobsweg. In Deutschland ist gerade ein Buch von Hape Kerkeling der Renner. Anscheinend hat der sich auch schon auf diesen Weg gemacht. Muss recht witzig zu lesen sein – eben Hape. Kennt es jemand? Gibt’s es war davon im Netz? Es ist ziemlich heiß und ich mache nur einen kurzen Abstecher zur berühmten Brücke – „sur le pond d’Avignon …“. Ein Internetcafé lockt, und ich schreibe schnell mein Blog. Für Mails und Kommentare hat es nicht so richtig gereicht. Nächstes Mal wieder mehr. Zum Mittagessen bin dann wieder im Camp, es ist einfach zu heiß in der Stadt. Es gibt Wassermelone zum Nachtisch. Die hat wohl ein Großhändler großzügig spendiert. Und der Nachtisch artet denn ein wenig aus. Hätte man filmen sollen, wie sich rund 40 Jugendliche mit Wassermelone bewerfen. Die Betreuer haben alle Hände voll zu tun, dass es nicht ganz ausartet und ist auch nicht so gelungen. So ganz ungefährlich ist Wassermelone doch nicht. Es gab ein paar blaue Flecken und keinen, der nicht von oben bis unten kleben würde. Also wieder waschen. Da kann ich dann erledigen, während die Gruppe nachmittags in die Stadt geht. Ich übernehme es dann so lange, auf das Lager aufzupassen und später dem Koch zu helfen. Dankbare Aufgabe. Abends ist dann wieder Fußball. Dieses Mal auf einem relativ kleinen Fernseher. Leider hat Togo eh schon keine Chance mehr, und so ist das Spiel gegen Frankreich unwichtig. Aber bei der Schweiz und Südkorea geht es um die Wurst. Die Schweizer machen das gut und sind weiter. Schade um die tollen Zuschauer aus Korea. Vorher hatte schon Spanien nur mit 1:0 gegen die Saudis gewonnen, und auch die Ukraine hat gegen Tunesien ein Tor geschossen. Das reicht beiden.

 

Km: 13,1,  Kasse: Euro 406

28.06.2006 um 13:07 Uhr

Donnerstag, 22. Juni, Augen zu und durch

Musik: Cathedral, Tanita Tikaram

Nachdem ich mich wieder orientiert habe und ausgiebig geärgert, mache ich mich auf den Weg nach Avignon. Ich bin ein wenig unschlüssig, ob ich links oder rechts vom Fluss laufen soll. Entscheide mich aber dann durch für die westliche Route. War wohl auch besser, weil ich hier wieder direkt am Fluss laufen kann und nicht sicher war, ob auf der anderen Seite auch eine Brücke kommt. Eingezeichnet ist keine, aber der Wirt von meinem Frühstückscafé meinte, dass es schon eine gibt. Aber mit dem Auto sieht das immer ganz anders aus als zu Fuß. Fünf Minuten Gas geben sind eben keine fünf Minuten auf den eigenen Beinen. Und heute zieht es sich. Aber ich komme voran, Avignon kommt Schritt für Schritt näher. Als ich dann am Nachmittag vor der Brücke stehe, weiß ich nicht, ob ich noch in die Stadt soll. Aber ich habe auch noch nichts zum Essen, und so schiebe ich rein. Ich setze mich auf eine Bank und schaue dem doch regen Touristentreiben zu. Eine schöne Sommernacht, Brasilien und Japan spielen und die Franzosen begeistert schauen zu, wie man Fußball spielt (Nach und nach merke ich dann, dass die meisten Zuschauer doch ausländische Touristen sind). Obwohl die erste Halbzeit, vor allem mit dem Tor der Japaner, den Samba ein wenig gestoppt hat und alle die Sensation wittern. Und dann macht ausgerechnet der dicke Ronaldo zwei Tore. Ich verstehe das eh nicht, dickes kleines Müller war früher doch wohl auch kein Laufwunder. Ich komme mit einem pickeligen (tschuldigung, Pierre) Jungen ins Gespräch und der lädt mich ein, bei ihnen zu campen. Sie haben ein Jungendcamp hier in der Stadt. Das einzige Problem, sie sind mit dem Auto da und es sind runde 5 Kilometer. Also schiebe ich dann noch zügig eine Stunde durch die Nacht, eigentlich wollte ich einfach unten am Fluss schlafen. Aber das Camp ist natürlich schon besser. Aber das sehe ich erst am nächsten Morgen. Zunächst einmal bin ich schon etwas fertig, war auch eine lange Strecke, sagt mein Kilometerzähler.

 

Km: 27,4,  Kasse: Euro 421

28.06.2006 um 13:06 Uhr

Mittwoch, 21. Juni, Römer und andere

Musik: Absolut beginners, David Bowie

Orange ist ein komisches Städtchen. Eine (selbst für Frankreich) ungewöhnliche Mischung aus antiken Bauwerken, modernen Dingen, Praktischem und Notwendigem und dem morbiden Charme, der das Mittelmeer ankündigt. Ich laufe ein wenig in der Stadt umher, kaufe mir meine Postkarte, gönne mir angesichts meines guten Kontostandes sogar den teuren Eintritt in die Arena und angesichts der hohen Preise kein Eis (Weiß jemand, warum Eis in Frankreich fast dreimal so teuer ist wie in Deutschland?). Der Weg hierher war nicht besonders aufregend. Und er wird es auch weiter nicht, Autobahnen beherrschen das untere Rhonetal. Ich habe keine so rechte Lust, weiterzulaufen, und der Lärm eines Freibades lockt mich an. So gönne ich mir auch diesen Luxus, hänge ein wenig ab und ziehe ein paar Bahnen zwischen kreischenden Kinderscharen und genervten Müttern. Obwohl ich im Schatten war, hole ich mir an den Oberschenkeln einen leichten Sonnenbrand. Als das Bad schließt, hilft mir einer der Bademeister sogar, meine Sachen nach draußen zu tragen. Erst, weil es ihm nicht schnell genug geht, dann, weil er neugierig ist, und ich muss ihm noch eine ganze Weile alles Mögliche erzählen. So bin ich immer noch in der Stadt, als es schon 21 Uhr ist. Niederlande gegen Argentinien. Das muss ich natürlich sehen. Aber sehr enttäuscht, ich bin noch vor der Halbzeit gegangen. Kommt auch nicht oft vor. Ebenso, dass ich mich total verfranze – die blöde Autobahn hat mich total durcheinander gebracht. So verbringe ich wieder eine Nacht in der Nähe der Straße und schlafe schlecht. Auch, weil es zwischendrin mal heftig gewittert und schüttet.

  

Km: 18,2,  Kasse: Euro 429

28.06.2006 um 13:05 Uhr

Dienstag, 20. Juni, Auszug aus dem Schlaraffenland

Musik: Wild Theme, Mark Knopfler

Früh morgens fahre ich wieder mit einem Kollegen in die Stadt. Der Schuster hat noch zu, aber das ist besser als mit dem Bus – den muss ich nachher dann zurück nehmen. Die Schuhe sehen wieder toll aus, er hat zwei andere Nähte auch nachgenäht und das Leder irgendwie eingesprüht. Trotz Pilger- und Kollegen-Sonderpreis muss ich satte 31 Euro bezahlen. Er sieht, wie ich erschrecke und erklärt, dass das eine Menge Handarbeit war. Ich nicke nur – verstehe ich ja. Ich kenne die Preise der Schuster in Deutschland. Den einen Euro gibt er mir dann wieder zurück. Mit dem Bus dann zurück in die Fabrik, gepackt habe ich schon. Während der Chef rechnet, trinke ich noch schnell eine Schoki aus dem Automaten und esse ein Stück Nougat. Mein Zahnarzt wird es mir danken. Ich habe keine Angst, wie der Chef auf den Betrag gekommen ist, aber ich vermute, er hat einfach die Kartons gezählt. Ich bekomme insgesamt 184 Euro – er gibt mir 200 und bedankt sich. Das hätte ihm schon geholfen, sonst hätte er an die Maschine sitzen müssen, sagt er mit einem Augenzwinkern. 200 Euro, das ist viel mehr, als ich gedacht habe. Und als ich dann zu meinem Gepäckträger komme, da haben sie mir ein paar Tüten drangehängt – insgesamt so um die 5 Kilo Nougat schätze ich. Hoffentlich keine Schokolade dabei, die würde bei der Hitze nicht lange überstehen. Ein kurzer Händedruck, dann schiebe ich wieder los. Weit komme ich eh nicht, denn um 16 Uhr ist Fußball. Aber ich will bis dahin wenn es geht ohne Pause laufen. Und es geht. Ein kurzer Stopp in einem Supermarkt, eine kurze Rast zum Essen. Das Tal ist wieder voll mit Verkehr, trotzdem bin ich früh dem Geruch, der Hitze und dem Lärm der Maschinen wieder entkommen zu sein. Der Fluss teilt sich wieder und macht einen Knick und ich laufe nun zwischen den beiden Wasserläufen. Pünktlich zum Anpfiff bin ich in La Coisiere, setzte mich ins nächste Café mit Fernseher und genieße das Spiel. Nicht so schlecht, aber auch nicht so gut, wie die Sprecher das loben. Das war Ecuador, und die waren schlecht. Keine Ahnung, warum die Polen da verloren haben. Ich laufe noch ein Stück, schaue dann England-Schweden an (Oh Mann, was haben die für eine Sportart betrieben?). Und Owen, der arme Kerl, die Franzosen haben das in Zeitlupe gezeigt, wie sein Knie da raus und wieder reinspringt. Das sieht nicht gut aus. Eine relativ laute Nacht in der Nähe der Autobahn.

 

Km: 22,1,  Kasse: Euro 451

28.06.2006 um 13:03 Uhr

Montag, 19. Juni, Wo Milch und Honig fließen

Stelle gerade fest, dass ich ein paar Tage gar nicht eingetragen habe hier. Muss ich schnell rauskopieren. Moment.

 

Der Chef wollte mich überreden, dass ich die ganze Woche noch dranhänge. Eigentlich verlockend, aber ich will dann doch nicht. Den Montag hänge ich noch dran, auch, weil es schon am frühen Morgen aussieht, als würde es gleich gewittern. Und: Weil ich ein Problem an den Schuhen habe. Eine Naht ist schlecht verarbeitet und löst sich auf. Oder besser, hat sich schon gelöst. Also arbeite ich eine Weile, fahre dann mit einem wortkargen Kollegen nach Montelimar zu einem Schuster, den ein anderer Kollege kennt. Dann habe ich zwei Stunden lang Zeit, weil er so lange ein paar Dinge erledigen muss. Also schnell nichts wie ins Internet-Café und die letzten Tage festgehalten. Wie komme ich nicht, dann hupt es draußen. Zurück zum Nougat. Schon nach einer Stunde bereue ich die Entscheidung. Ich kann den Geruch nicht mehr ausstehen. Und die eintönigen Bewegungen. Aber da muss ich jetzt durch. Zum Glück hatte ich in Lyon diesen einen Job, sonst würde ich jetzt sicher das Angebot annehmen noch die Woche dranzuhängen. So sitze ich also da, schiebe ein Papier nach dem anderen rein und mampfe Schoki. Ich habe mich gestern Abend gewogen – nur noch (Ma, hör weg) 82 Kilo. Nicht, dass ich vorher mopsig gewesen wäre, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal 5 Kilo abnehmen kann. Abends dann wieder Fußball: Die Schweiz hat sich gegen Togo durchgesetzt. Gute Chance also auch für die, weiterzukommen. Spanien – Tunesien. Wieder so ein grausames Spiel. Ich schaus mir trotzdem bis zu Ende an, weil ich immer noch die Überraschung glaubte, aber die Tunesier sind so was von schlecht.

 

Kasse: Euro 290