Jakobsweg_ohne_Geld

28.07.2006 um 09:45 Uhr

27. Juli, Lourdes – ein Fehler

Musik: Don’t think twice, Bob Dylan

Ganz sicher war ich mir nicht, aber jetzt, wo ich in der Stadt bin, da kommt es mir so vor, als hätte ich schon heute morgen gewusst, dass es ein Fehler ist, nach Lourdes zu gehen. Meine Beine sträubten sich schon am Morgen dagegen. Wollten sich nicht den kleinen, giftigen Anstieg hochquälen. Mein Magen war dagegen, so viel Wasser und so wenig Essen zu sich zu nehmen. Nichts zu kaufen bis zum Nachmittag. Und der Kopf, der hing seltsam leer herum. Dabei war Lourdes ja ein Ziel gewesen. Jetzt lag es vor mir, wie ein Amphitheater eingebettet in den Talkessel. Aber das Stück, das da unten gespielt wurde, das gefiel mir nicht. Aber natürlich wollte ich es sehen. Also Augen auf und rein. Ich glaube, es gab noch keinen Ort, der mich so enttäuscht hat. Wo war der Geist? Wo das Gefühl? Wo die Ruhe? Die Andacht? Ich kam mir vor wie in einem überdimensionalen Souvenirshop. Carcassonne war dagegen ein beschaulicher Ort. Wer bisher nicht der Meinung war, dass man Seeligkeit und das Glück im Paradies kaufen kann - hier muss er seine Meinung ändern. Nach einer Stunde beschließe ich, dass alles nur ein Irrtum ist. Lourdes ist ein Film von den Marx-Brothers. Wie anders wäre die Szene zu erklären, wenn zwei Frauen in Nonnentracht mit einem Waschkorb in einem Leiterwagen das Geld abtransportieren, das sie aus den Boxen für Kerzen und Karten holen. Mit einem Mal muss ich lachen – und siehe da, alles wird gut. Ich finde einen Platz in einem Schlafsaal. Die Dusche tut gut, das Gepäck kann man einschließen. Danach muss ich nur noch schmunzeln über die Plastikmadonnen mit abschraubbarem Kopf, die hier der Renner sind, weil man das heilige Wasser darin einfüllen kann. Ich kann mich amüsieren über das heilige Wasser aus der Wasserleitung, denn sie eigentliche Quelle gibt so viel gar nicht her. Ich lächle über die Menschen, die mit einem Taschentuch den Staub von der Grotte sammeln. Und alles in Eile, mit bissigen Kommentaren gegenüber anderen Pilgergruppen, die nicht schnell genug vorankommen. Als es dunkel wird, werden die alten Frauen wieder Kinder und begeistern sich für Kerzen und Fackeln.   

Km: 22,4 Kasse: Euro 171

28.07.2006 um 09:28 Uhr

26. Juli, Aufgestiegen

Musik: Geiler is schon, Westernhagen

Das Tal der Adour ist wirklich wunderschön. Ein schöner Weg geht zum Teil ein paar Meter neben der Straße. Ich genieße es, wieder sehr früh unterwegs zu sein. Aber dann kommt die Sonne wieder und steigt auf den Rucksack. Ich mache Pause, zu lange, und bereue es. Es wird schnell heiß und sehr schwül. Die Grottes de Medous liegen am Weg. Das wäre eine nette Abkühlung, ein paar Stunden da drin zu verbringen. Aber für eine Abkühlung ist es zu teuer. Außerdem will ich unbedingt mal wieder schauen, was meine Mailbox macht. Und ein paar Seiten blog sollte ich auch einmal wieder schreiben. Also gehe ich weiter nach Bagnere de Bigorre. Die Stadt ist heiß und atmet schwer. Aber sie hat eine Internet-Kneipe. Auch hier ist es heiß, aber es gibt Wasser und eine Pizzeria. Also ran an die Mails. Danke für die Geduld, die Ihr gehabt habt. Das ist schon Schwerstarbeit, sich da durchzuwühlen. Spams und Freunde zu trennen und dann noch immer ein paar nette Sätze zu schreiben. Viel passiert ist nicht. Der Klinsmann-Effekt wurde benamst. Der neue Duden kam raus. Die Italiener haben ihren Fußball-Skandal wie gewohnt ohne größere Konsequenzen beendet. Und ich – bin aufgestiegen. Ich darf in der kommenden Saison Oberliga pfeifen. Das Problem nur: Ich habe mich ja gar nicht mal gemeldet für die Saison. Ich wusste ja nicht, wann ich wieder zurück bin. An dem Lehrgang kann ich also nicht teilnehmen. Hat mein netter Verein das wieder verschlafen? Ich schreibe also schnell ein Mail zurück und erkläre das. Und siehe da, nach nicht mal einer halben Stunde habe ich die Antwort. Es ist gar kein Problem. Meine Bewertungen waren wohl so gut, dass ich sozusagen auf die Warteliste gesetzt werde. Ich kann den nächsten Lehrgang mitmachen und auch mitten in der Saison einsteigen. Wenn das so weiter geht, dann pfeife ich eines Tage doch noch in der Bundesliga. Wenn das wirklich mal wahr wird, lass ich mir eine Glatze scheren – schließlich  ist Collina schon immer mein Lieblingsschiedsrichter gewesen, auch, wenn sie ihn ausgebootet haben. Ob es da wohl einen Zusammenhang gab? Schön lächerlich. Den besten Mann schmeißen sie raus, weil er Werbung macht. Und Schiedsrichter, die nachweißlich bestochen/beeinflusst waren, bekommen 4 Monate Sperre. Widerwillig verlasse ich das Internet. Zum Glück hat es schon abgekühlt. Aber ich komme trotzdem nicht mehr weit, habe schwere Beine. Bei Pouzac biege ich links ab. So spare ich mir einige Kilometer Straße und Verkehr. Und ich finde leichter einen Platz zum Zelten. Heute mal wieder bei einem Bauernhof, bei dem ich auch den eiskalten Brunnen nutzen kann.

Km: 19,9 Kasse: Euro 182

28.07.2006 um 09:06 Uhr

25. Juli, Tour der Leiden

Musik: Corinna, Corinna, Wolfgang Ambros

Mit einem guten Frühstück im Bauch und ein paar Kopien von Wanderkarten meiner nächsten Strecken mache ich mich wieder auf den Weg. Wenn ich die Höhenangaben richtig erkenne, dann liegt Arreau auf einer Höhe von 698 Meter – und praktisch hinter der Stadt beginnt der Aufstieg zum Col d’Aspin. Da oben sind es dann 1489. In engen Kehren windet sich die Straße den Berg hinauf. Und jeder, der sich da einmal ohne Motorhilfe hinauf gequält hat, der weiß, warum die Tour de France auch Tour der Leiden heißt. Denn die zieht hier regelmäßig hinauf. Nicht weit davon ist der noch berüchtigtere Col du Tourmalet, der bis über 2100 Meter hochgeht. In früheren Jahren hatte einer der Fahrer die Organisatoren der Tour einmal als Mörder beschimpft, weil sie den Pass in die Tour eingebaut haben. Und es ist wirklich mörderisch. Es zieht sich. Das Wasser ist schnell alle. Ein Pärchen aus Berlin macht in einer Kehre Picknick und füllt meine Flasche nach. Irgendwann bin ich oben. Ich setze mich auf einen großen Stein und genieße die Aussicht und die klare Luft. Auffallend viele Radler quälen sich nach oben – die wollen es den Profis nachtun. Aber müssen sie das in der prallen Mittagshitze tun? Na ja, ich habe ja auch keine Wahl, aber dem einen oder anderen Gespräch entnehme ich dann schon die Reue, nicht doch ein paar Stunden früher losgefahren zu sein. Abwärts geht es besser. Zumal mit mehr Schatten und einem kühlen Bach als Begleiter. Pavolle lädt zur Rast ein, aber irgendwie scheint mir der Ort laut und hektisch. Da ist Ste-Marie-de-Campan gemütlicher. Aber da ist die Luft auch schon ein paar Grad kälter, die Sonne bereits dabei, uns eine kleine Pause zu gönnen. Ich bin einen Augenblick versucht, nach Süden abzubiegen und den Col du Tourmalet mal anzuschauen. Aber ich lasse es dann doch, suche mir einen schönen Platz für mein Zelt und warte auf Sternschnuppen.

Km: 28,1 Kasse: Euro 196

28.07.2006 um 08:52 Uhr

24. Juli, Ruinat

Musik: The fool on the hill, The Beatles

Die kleine Straße ist schön zu laufen. Immer mal wieder ein Baum, der Schatten gibt, wenig Verkehr, die Berge als Kulisse. Ich habe das Laufe ein wenig automatisiert – gehe, ohne groß nachzudenken. Genieße es, wenn die Landschaft langsam, aber stetig an mir vorbei zieht. Bourg d’Oueil taucht auf. Der kleine Ort wirkt auf mich, als hätte man ihn vergessen. Kein Mensch auf der Straße. Wohnt hier jemand? Ja, ein Vorhang bewegt sich, ein zuckt im Schatten seiner Hütte matt mit dem Schwanz … Bareilles schein mir ein wenig lebendiger. Aber das ist relativ. Es geht bergab, es wird heißer … Ich erreiche Arreau. Arme und Gesicht im Brunnen kühlen. Die Kirche ist offen. Ich beschließe eine kleine Pause. Der Innenraum hat nichts Besonderes zu bieten, aber es ist nett und alles passt zueinander. Während ich mir den Altar anschaue, kommt eine Frau und stellt Blumen in eine Vase. Sie sieht meinen Rucksack und die Muschel und wir kommen ins Gespräch. Über den Jakobsweg, über das Wandern und über Gott und die Welt. Schließlich lädt sie mich ein zum Abendessen. Sie hat eh Freunde da und zwei kommen nicht. „Ich kann also für zwei essen“, sagt sie lachend. Ich weiß nicht, ob ich das getan habe, wahrscheinlich schon. Der Tag heute war von der Verpflegung her nicht so toll. Wie eine Belohnung schien mir das hier. Und vor allem konnte ich duschen (das war aber auch notwendig), die Übernachtung im Gartenhaus war auch kein Thema und ich konnte endlich die Akkus laden. Schließlich kamen die Gäste und ich musste natürlich erzählen, wie ich auf die Tour kam, was unterwegs so passiert ist. Puh, gar nicht so einfach, auf einmal wieder so viel Kommunikation treiben zu müssen. Aber ich wurde fürstlich dafür belohnt, denn das Essen war phantastisch. Und noch besser war das Trinken, es gab einen hervorragenden Rotwein aus der Gegend und als Aperitif einen Champagner. Habe mir extra den Namen gemerkt: Ruinat, kupferfarbenes Etikett mit einem schwarzen „R“. Wer mal die Chance hat, so einen zu trinken, sollte das tun. Obwohl niemand von meinen Gastgebern wusste, ob es den in Deutschland überhaupt zu kaufen gibt. Also, ich würde behaupten, dagegen kann man einen Moet gerade mal für eine Bowle nehmen. Das Essen war übrigens nett. Es sind vier Ehepaar (eines fehlte), die sich regelmäßig einmal die Woche zum Essen abwechselnd in vier Lokalen getroffen haben. Dann hat eines der Lokale geschlossen, in einem hatten sie Krach mit dem Besitzer, eines hat einen neuen Koch und eines … weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall haben sie dann beschlossen, dass sie selbst kochen, jede Woche jemand anders für den Rest. Und wie gesagt, das Essen konnte sich sehen lassen! Davon verstehen die Franzosen wirklich etwas.

Km: 29,0 Kasse: Euro 205

28.07.2006 um 08:32 Uhr

23. Juli, Ich bin über de(n)m Berg

Musik: Neil Young, Burned

Der Morgen beginnt ernüchternd. Ich habe nichts mehr zu essen. Ich habe Gummi in den Knien. Ich habe einen ziemlichen Sonnenbrand. Und ich weiß, dass ich die Berge, die ich jetzt überquert habe, in die andere Richtung noch einmal bewältigen muss. Kurz die frische Bergluft inhaliert und los. Ich muss mich nach Osten wenden, immer noch ohne richtigen Weg. Aber der kommt nach einer guten halben Stunde, kommt aus einer anderen Richtung, mehr Osten. Immerhin, er bringt mich schnell und gut ins Tal und nach Hospice de France. Auf die Frau, die ich nach einer Einkaufsmöglichkeit gefragt habe, muss ich schrecklich gewirkt haben. Sie hat mich auf jeden Fall mit allem versorgt, was ich brauche oder zu brauchen schien. Sonnencreme, Tee, Obst, Brot, Paprika … Später gönne ich mir an einem Kiosk noch einen Riegel Schoki. Die Straße kommt, der Verkehr kommt, die Menschen kommen, Bagnesres-de-Luchon kommt, ein etwas komischer Kurort. Ich laufe durch und staune, wie ein so kleiner Ort so hektisch sein kann. Immerhin gibt es etwas zu essen hier, das ist ja auch schon mal was. Bei St. Auventin steht eine schöne Kapelle (natürlich zu, war ja klar). Aber gut für eine kleine Pause im Schatten. Und danach geht ein Weg von der großen Straße ab, der in meine Richtung führt. Ich laufe, bis es dämmrig wird und schlage mich dann in die Büsche.

 

Km: 25,9 Kasse: Euro 211

28.07.2006 um 08:07 Uhr

21. und 22. Juli, Ende der Steinzeit

Musik: John Miles, Music

Ist schon ein komisches Gefühl, jetzt auf einmal alleine aufzuwachen. Jagger ist weg. Keine Stones-Lieder mehr. Dafür Steine vor mir. Ein großer Haufen Steine, der auf den Namen Pico de Aneto hört. Und davor noch ein kleiner Bergrücken. Den gehe ich dann schnell an. Der Weg ist gut und geht auf der Kuppe angenehm bergab. Was für ein Gefühl, auf einmal wieder alleine unterwegs zu sein. Ich kann mein eigenes Tempo gehen, meine eigenen Pausenzeiten machen, die eigene Route nehmen … Und ich habe niemanden mehr, der etwas anderes als ich sieht, riecht, hört, denkt … Ich brauche eine Weile, bis ich mich daran wieder gewöhnt habe. Inzwischen erreiche ich Senet. Letzte und einzige Möglichkeit, Verpflegung aufzunehmen und mich nach der Route zu erkundigen. Ersteres ist schwer, aber immer noch einfacher als die Geschichte mit der Route. Letztlich erfahre ich alles und nichts. Ich treffe nur Menschen, die alle wissen, wo es langgeht, aber die noch nie selbst über den Berg gelaufen sind. Und alle haben unterschiedliche Meinungen, schon über den Einstieg. Mit einem etwas komischen Gefühl verlasse ich Senet und laufe die Straße entlang. Nicht so angenehm, weil viele Wohnwagen und Lkw unterwegs sind. So laufe ich schnell und will es hinter mich bringen. Dann biegt ein Feldweg links ab – ich hoffe, dass das der „Einstieg“ ist. Denn entgegen der Aussagen ist nichts ausgeschildert oder gekennzeichnet. Weder hier am Abzweig noch später. Aber die Richtung des Weges stimmt und er geht von der Straße weg, das ist ja schon mal was. Also lauf ich einen Bach entlang, mache unter ein paar Bäumen Pause … Nach einer Biegung geht es dann bergauf. Ziemlich heftig, und die Sonne sitzt zusätzlich noch auf dem Rucksack und drückt mit aller Macht. Immer wieder gehe ich zum Wasser hinunter und kühle Gesicht und Arme im kalten Wasser. Schließlich stehe ich vor einem kleinen See. Davon hatten die Leute gesprochen. Keiner da, also nehme ich als erstes Mal ein Bad. Puh, eiskalt, aber doch angenehm. Ich sammle Holz und baue in einer Kuhle mein Zelt auf. Das Feuer hält die Mücken ab, der Sternenhimmel ist grandios.

Am nächsten Morgen folge ich einem Pfad nach Norden. Es geht weiter steil bergauf und hin und wieder ist der Weg unangenehm zu gehen durch das feine Geröll. Ich bin früh los, wollte nicht, dass jemand mein Zelt sieht und wollte auch der Sonne ein wenig ausweichen. Ein warmer Wind kommt aus dem Tal und schiebt mich voran. Nur: Wohin? Einen Weg oder Pfad oder gar die versprochenen Markierungen gibt es nicht mehr. Ich bin ziemlich unsicher, was die Richtung angeht. Obwohl, die Richtung ist klar, der Pico de Aneto muss links liegen bleiben. Dann wird das schon stimmen. Ich gehe einfach nach Gefühl und dem Stand der Sonne. Und immer zu einer Stelle hin, von der ich annehme, dass ich dort am einfachsten über den Sattel komme. Und irgendwie stimmt es auch. Ich habe keine Ahnung, wie weit ich oben bin, wahrscheinlich aber meine größte Höhe bisher. Die Sonne brennt und ich schaue nur kurz über die Berge. Also wieder runter, steil runter. Teilweise rutsche ich auf dem Geröll abwärts. Das Tal unten ist gut zu sehen. Und auch, zumindest so wie ich es mir denke, die stelle, an der ich über den Pass muss. Unten im Tal endlich Schatten und eine Pause. Und wieder ein kalter kleiner Bergbach, der Kühlung bringt. Später dann eine Quelle und endlich frisches Wasser. Das Problem im Tal: Ich habe keine Ahnung, wann ich wieder raus muss und wo. Keine Kennzeichnung, und keine nach Sicht nach oben. Ich gehe nach meiner selbst gezeichneten Karte, und als der Bach nach Süden abbiegt, verlasse ich das Tal einfach. Ich finde eine etwas weniger steile Stelle. Hin und wieder muss ich klettern, aber dann habe ich das steilste Stück geschafft und sehe endlich auch wieder den Bergrücken, über den ich will. Das da oben könnte der Pass sein, also laufe ich einfach in die Richtung. Längere Pause im Schatten eines großen Felsens, und dann abends noch weiter. Nur langsam kommt Pass näher, manchmal habe ich das Gefühl, dass er heimlich ein paar Schritte rückwärts geht, wenn ich nicht hinschaue. Ich weiß, dass ich es heute nicht mehr schaffe bis nach Hospice de France. Und ich weiß, dass mein Abendessen dürftig ausfällt, das Frühstück ganz. Immerhin finde ich eine weitere Quelle und Wasser. Schließlich bin ich oben. Was für ein Gefühl. Ich kann die Lichter sehen, schon wieder Frankreich … Da es schon dämmrig wird, gehe ich nur ein paar hundert Meter und übernachte dann hier oben.

Km: 43,9 Kasse: Euro 217

28.07.2006 um 07:39 Uhr

20. Juli, Vall de Boi

Musik: Rolling Stones, Street fighting man

Da war doch was an dem Tag. Jagger singt „Street fighting man“ zum Frühstück und wir beschließen, das Lied allen zu widmen, die sich gegen Gewalt, vor allem militärische, engagieren. Ansonsten sind wir früh unterwegs, auch aus Angst, dass uns doch die Parkaufsicht erwischen könnte. Der Weg nach Süden ist ziemlich steil und irgendwie habe ich das Gefühl, wir haben uns verlaufen. Der Weg stimmt in der Richtung nicht mir dem überein, was Jagger auf der Karte hat. Schließlich, als es gar zu sehr nach Osten geht, verlassen wir den Weg, gehen querfeldein, kommen auf einen anderen Weg, der und schließlich nach Südwesten führt, und endlich ins Vall de Boi. Ein tüchtiger Umweg, wie wir feststellen. Aber ein schöner. Mittagszeit. Alles wirkt verschlafen, und ich habe das Gefühl, dass das auch sonst nicht viel unruhiger werden wird. Dabei sind die Kirchen hier doch ein Unesco. Wo sind die Busse? Natürlich sind die Kirchen noch zu, und auch für die erste Bar müssen wir noch ein Stück laufen bis ins Dörfchen Boi. Ein großer Pott Kaffee und viele Fragen vom Wirt, der sich wundert, dass ein Jakobspilger hier vorbei kommt. Er hat meine Muschel sofort gesehen und erzählt, dass er den Weg selbst schon drei Mal gegangen ist. Nicht immer ganz, einmal von hier bis Burgos, einmal von Jaca aus ganz, einmal von Pamplona bis Sarria. Er klopft auf seinen weinfassähnlichen Bauch und meint, dass das gut ist für die Figur und dass er mal wieder loslaufen sollte. Ich kaufe bei ihm meine Postkarte und wir bekommen zwei belegte Brote. Zwar nicht billiger, aber dafür extra dick mit Wurst und Käse. Außerdem weiß er, welche der Kirchen gleich aufmacht. Und da sehen wir dann auch den ersten Bus. Holländer natürlich … Zum Glück gehen die meisten gar nicht in die Kirche, sondern direkt aus dem Bus in die Bar. Wir verdösen die heißen Stunden unter einem großen Baum, der Bus ist weg, es ist ruhig hier. Friedlich und die ganze Gegend strahlt etwas aus, das man nicht beschreiben kann. Wieder so ein Platz, der „etwas hat“. Ein Fleck Erde, der anders ist, auch wenn man das nicht beschreiben kann. Also, ich nicht. Falls jemand schon mal im Vall de Boi war, würden mich seine Eindrücke interessieren. Jagger und ich trennen uns hier. Wir schieben das ein wenig raus, trinken noch einen Wein zusammen, essen einen Salat. Und ich mache mir eine Skizze von der Karte und der Route, die ich gehen will. Zuerst dachte ich, ich nehme den direkten Weg nach Westen. Da war ein nett aussehendes kleines Tal. Aber das führte geradewegs auf einen 3000er Berg zu. Ich habe spontan beschlossen, nach Lourdes zu gehen. Also muss ich wieder nach Norden, wieder nach Frankreich. Also will ich den Umweg, die Straße nach Pont de Suete, nicht gehen. Wir fragen zwei Leute in der Kneipe. Ja, nach Senet, über den Bergrücken, das geht. Das sind runde 10 Kilometer. Aber dann geht es entweder die Straße entlang, und das ist nicht schön, zumal ein großer Tunnel kommt. Und weiter westlich steht mir der Pico de Aneto im Weg, und der hat schlanke 3404 Meter. Puh, das ist eine Menge. Aber es geht, sagt einer. Allerdings ist der Sattel, über den man da steigen muss, schon hoch. Wie hoch, das weiß er nicht. Aber er weiß, wo der Einstieg ist. Und der Weg soll gut ausgezeichnet sein. Von da kommt dann ein kleines Tal, das man aber wieder verlassen muss und über einen weiteren Sattel, der laut Jaggers Karte 2450 Meter hat nach Frankreich kommt. Zwischen Senet und Hospice de France gibt es keine Menschenseele, sagen die Leute. Gut, sage ich. Luftlinie sind das gerade mal etwas über 20 Kilometer, real sicher 30. Also zwei gemütliche Tage. Ein kurzes Schulterklopfen, ein Schnaps vom Wirt, dann trennen sich unsere Wege. Jagger geht nach Süden, ich nach Westen. Weit komme ich eh nicht mehr an dem Tag, aber weit genug, um einen schönen Platz zu finden, mit eigenem Brunnen und schöner Sicht auf das Tal, das schnell dunkel wird.

 

Km: 18,2 Kasse: Euro 232

26.07.2006 um 12:45 Uhr

17. – 19. Juli, Bergab

Musik: Rolling Stones, Miss You

Kaum haben wir unser Zelt zusammengepackt und sind eine halbe Stunde marschiert, da kommen französische Grenzer auf Enduros angefahren. Wir waren uns beide nicht sicher, ob man hier überhaupt wild campen darf. Aber – wir könnten ja auch noch in Andorra übernachtet haben, sagt Jagger. Die beiden sind dann auch ziemlich rüde, wollen wissen, was wir hier machen, woher, wohin … Komische Sache, lohnt sich denn Schmuggel noch, denn sie wollen außer unseren Pässen auch die Rücksäcke sehen. Und dass Jagger eine Gitarre dabei hat, das finden sie sehr verdächtig. Die wollen wir mit hohem Gewinn an die Bergvölker hier verkaufen, will ich eigentlich sagen. Ich lasse es aber dann, denn zum einen sehen die beiden nicht so aus, als würden sie Humor verstehen, zum anderen fällt mir das französische Wort für Bergvolk nicht ein. Schließlich rauschen die beiden wieder ab und wir packen unsere Rücksäcke zum zweiten Mal an dem Morgen. Aber wir finden eine Menge wilder Himbeeren dafür und machen die zu unserem zweiten Frühstück. Der Ausflug nach Frankreich ist nur kurz, dann geht es nach Spanien rein. Ein kurzer Blick zurück in das Land, das sich so lange Schritt für Schritt an meiner Seite hatte. Und dann rein nach Spanien. Kurz nach der Grenze kommen wir ins Vall Ferrera und folgen dem kleinen Flüsschen gerne, denn es geht bergab, und das auf einem schönen Weg. Kurze Pause ob der Entscheidung, ob einen Umweg (4 km etwa) zu einem kleinen See machen sollen. Nein, es kommen noch ein paar andere stellen wir fest und folgen dem Tal abwärts. In Areu hat alles geschlossen, aber niemand weiß, warum. Außerdem wird es, das stellen wir schnell fest, nun mit der Verständigung schwieriger. Aber noch geht es, französisch wird gut verstanden. Wenn auch der Dialekt schon ab Carcassonne immer schwieriger zu verstehen war. Es geht weiter bergab, jetzt auf einer richtigen Straße. Bis Llavorsi geht das ganz gut, aber dann ist doch wieder viel Verkehr. Klar, Urlaubszeit. Viele Holländer sind unterwegs. Ein Freund hat mal gesagt, wenn man wissen will, wo es schön ist, dann muss man nur den Holländern nachfahren. Vor Standpunkt eines Autotouristen her stimmt das sicher, denn die Gegend hier ist wirklich toll, wenn man mit dem Auto ursprüngliche Landschaft erleben will. Leider haben wir keine richtige Alternative und müssen im Tal bleiben – also an der Straße. Zum Glück gibt es meist einen ganz guten Weg nebendran oder einen Grünstreifen, denn die Holländer, vor allem wenn sie noch mit Wohnwagen unterwegs sind, machen ihrem Namen als Verkehrsschreck alle Ehre. Immerhin bringt die Straße Ortschaften, und die haben dann auch mal, nachdem wir schon Hungerschichten geschoben haben, Läden, die geöffnet haben. Endlich wieder frisches Brot, Käse, Obst, fette Wurst … Ich gönne mir ein Eis, Jagger packt eine Flasche Rotwein für das Abendessen ein. Leider ist das Tal doch sehr schmal und wir müssen immer einen ziemlichen Aufstieg machen, um eine Stelle zu finden, von der wir denken, dass wir ruhig und sicher übernachten können. Aber man bekommt ein Gefühl dafür, in welche Richtung man gehen muss und wir finden stets eine wirklich tolle Stelle. Die Straße geht weiter nach Norden, wir biegen nach Westen ab. Im etwas seelenlosen Wintersportort Espot verpflegen wir uns noch einmal und machen uns auf in den Nationalpark mit dem klangvollen Namen „Parque Nacional de Aigües Tortes-Sant-Madrici“. Ach, ich liebe Spanien, allein schon wegen seiner Namen. Und wegen Landschaften wie dieser gleich noch mehr. Schade, dass ich nur auf der Durchreise bin, hier würde ich gerne noch ein wenig bleiben. Auch, wenn uns ein Parkranger gleich am Anfang eindringlich darauf aufmerksam macht, dass wir hier im Park unter keinen Umständen übernachten dürfen. Also wild. Nein, nein, wir doch nicht, sagen wir. Sind ja nur noch 20 Kilometer, das schaffen wir locker. Er schaut etwas skeptisch. Wir auch, immerhin war es schon nach 10 und die Sonne drückte mal wieder mächtig, selbst im Schatten der Bäume. Abkühlung gabs dann im See. Endlich mal eine Runde schwimmen. Ob's erlaubt war, waren wir uns auch nicht sicher. Aber wir waren nicht die einzigen. Jagger marschierte in Badehose weiter und bereute es dann, weil er sich doch einige böse Stiche einfing. Also Hose wieder an und die scheute jetzt genau an den Stichen. Wie gesagt, eine wunderschöne Gegend. Landschaft und Natur pur, zum Greifen, zum Einatmen, zum den Akku aufladen. Leider nur den menschlichen, der für meinen MP3 ist leer. Letzte Nacht gemeinsam. Wir haben ein wenig abgekürzt und sind nach Süden gegangen, direkt zu aufs Vall de Boi. Wieder ein herrlicher Sternenhimmel. Nur die Ausschau nach Sternschnuppen (Flitzesternen) war vergeblich. Noch zu früh im Jahr.

Km: 75,3 Kasse: Euro 244

 

26.07.2006 um 12:19 Uhr

14. – 16. Juli, Andorra

Musik: Rolling Stones, Sympathie for the devil

Der Morgen ist wunderschön und angenehm kühl. Aber wir sind auch schon ein paar Meter hoch und es weht ein frischer Wind durch das Tal. Rechts von uns ist der Pic Espaillat, immerhin 2260 Meter hoch. Ein schmaler Weg geht das Tal entlang und leider fahren immer wieder Leute mit Autos hoch und stauben uns ein. Aber es werden gegen Mittag weniger. Allerdings wird es da auch so langsam heiß und wir suchen uns eine Stelle in einem Waldstück und legen uns in den Schatten. Tatsächlich schlafen wir beide ein bis uns Regentropfen wecken. Ein kurzer Schauer zieht vorbei und wir sind nass bis auf die Haut. Und das, obwohl wir unter Bäumen sind und der Regen keine 20 Minuten dauert. Danach breiten wir unsere Klamotten in der Sonne aus und in 10 Minuten sind sie trocken. Verrücktes Wetter. Danach geht es weiter bergauf, nicht zu steil eigentlich, aber stetig. Am Pass oben ist die Grenze zu Andorra. Wenn man aus dem Tal raufschaut, dann sieht es furchtbar hoch auf, aber Jagger lacht nur und meint, dass das noch nichts wäre mit den andren Pässen hinter Andorra. Je nach Route. Er ist hier schon mal vor ein paar Jahren gewandert, fand aber Andorra zu voll. Das sollte sich auch am nächsten Tag schon bestätigen. Wir hatten uns den Pass hochgeschoben und eine wunderschöne, sternenklare Nacht da oben verbracht. Am nächsten Morgen waren wir früh „abgestiegen“, wieder durch ein schönes, kleines Tal mit der Möglichkeit, in einem glasklaren, eiskalten Flüsschen die Beine zu kühlen. Soldeu ist unser Ziel, wir brauchen Proviant. Und da sehen wir die Blechlawine, die sich die einzige große Straße in Andorra entlang wälzt. Es ist auch noch Samstag, und da kommen viele Wochenendtouristen und viele Franzosen zum Einkaufen. Vor allem Zigaretten sind billig hier, meint Jagger und kauft sich in der ersten Bretterbude eine Stange Marlboro. Auch Lebensmittel sind wohl billiger, so kommt es mir vor. Aber wir müssen uns natürlich immer nach dem richten, was wir tragen können und was wir brauchen. Wir wollen schnell weg von dieser Straße, an der wirklich ein Auto nach dem anderen sich das Tal hochquält. Der kleine Umweg nach Soldeu und das Einkaufen haben uns Zeit gekostet, aber das macht nichts. Wir haben es ja nicht eilig und wollen eh nicht zu hoch in die Berge, weil es da nachts doch ziemlich frisch ist. Also noch frisches Brot gekauft, eine steinharte Wurst und Trauben. Außerdem, wer weiß, ob sich noch eine Gelegenheit ergibt, meine Postkarte vom Vall del Madriu, dem Unesco in Andorra, und dann ging es los. Der Verkehrslärm der Straße begleitet uns noch eine ganze Weile, und wir kommen dem Pic Serrere nur langsam näher. Über 2900 Meter ist er hoch und Jagger meint, dass wir so auf 2000 kommen werden. Das ist doch eine ganze Menge. Nur, die erfrischende Bergluft bleibt erst einmal aus. Nicht, dass es stickig wäre, aber die Sonne brennt schon ganz schön und so verbringen wir den Nachmittag im Schatten einer alten Hütte und gehen erst weiter, als es merklich abgekühlt ist. Wieder ein Zeltplatz unter einem klaren Sternenhimmel. Am Morgen zieht es dann ein wenig zu und ist den ganzen Vormittag diesig. Das hält die Sonne ein wenig ab, lässt uns aber die Sicht auf die schönen Berge. Ich habe schon immer Probleme gehabt, aus Quellen zu trinken. Das liegt vielleicht dran, weil ich in einer Gegend aufgewachsen bin, in der alle Quellen vergiftet sind, die Flüsse und Seen sowieso. Aber Jagger meint, dass das Wasser hier reiner ist als das, was man aus dem Wasserhahn bei uns bekommt. Ich glaube es ihm und staune erst einmal über den Geschmack. Jagger auch. Irgendwas ist da mit im Wasser, das irgendwie „metallisch“ schmeckt. Den ganzen Tag warte ich darauf, dass es in meinem Magen irgendwie rund geht, aber nichts passiert. Und so ist die zweite Quelle, die wir an dem Tag finden, eine echte Erfrischung. Aber es ist halt nur Wasser. Dieses Mal ohne Beigeschmack. Jagger improvisiert einen Weizenbierblues und ich schaue den schmalen Wolkenfetzen nach, die über die Berge klettern. Dabei fällt mir ein, dass je die Tour eigentlich auch irgendwie hier durch geht. Wahrscheinlich ist sie aber schon weg. Ist ja nur noch eine Woche, das heißt, die sind schon in den Alpen. Leider keine Chance, irgendwie zu sehen, wer führt und warum. Wir sind über dem Sattel, haben den Pic Serrere im Rücken und laufen zügig nach El Serrat hinunter. Ein kühles Bier ist beschlossene Sache. Das tut gut, mal wieder eine andere Musik zu hören als Jagger (tschuldigung!) und eben ein Bier zu trinken. Wir haben unsere Route noch einmal umgestellt. Jagger hat beschlossen, mich bis ins Vall de Boi zu begleiten. Und so schenken wir nicht nach Süden, sondern gehen einen angenehmen Weg Richtung Nordwesten in einem schmalen, schattigen Tal. Aber nach etwa zwei Stunden müssen wir das Tal verlassen und steigen keuchend wieder in Richtung französischer Grenze.

Km: 52,1 Kasse: Euro 259

26.07.2006 um 11:45 Uhr

Donnerstag, 13. Juli, Direktschwämme

Musik: Rolling Stones, She’s like a rainbow

Es geht bergab. Oh, wie schön, wenn man noch die Höhenmeter vom Vortag in den Waden hat. Das beißt dann ganz schön, vor allem, wenn der Weg durch den kleinen Schotter so rutschig ist. Wir gehen, wo das möglich ist, auf dem Gras. Schon morgens um 9 Uhr ist es unglaublich warm und die Sonne sticht wie durch ein Brennglas. Dabei dachte ich, wir wären in den Bergen. Ax-les-Thermes kommt in Sicht. Und das ist dringend notwendig, weil wir „Futter“ brauchen. Außerdem beschließt Jagger, dass er mal wieder ein Konzert gibt. Er will sich, so weit das geht, mit seiner Gitarre unterwegs immer mal wieder was dazu verdienen. Hat bisher ganz gut geklappt, obwohl nicht alle Franzosen auf die Stones stehen, meint er lachend. Er hat in seinem Rucksack sogar ein kleines faltbares Plakat, das er aufstellen kann. Nach einem zweiten Frühstück macht er sich an die Arbeit. Und weil es nicht so gut aussieht, wenn noch ein zweiter, nicht gerade salonfähiger Typ daneben steht, mache ich mich mal auf und erkunde solange den noblen Badeort. Aber es gibt nicht so viel zu entdecken, Hotels eben und teure Läden. Und so groß ist das Nest auch nicht. Das Publikum ist schon älter, die Preise gesalzen. Ich schaue mir an einem Restaurant die Speisekarte an, die ein Koch gerade in den Schaukasten hängt. Puh, keine Vorspeise unter 12 Euro, das Saisonmenü mit Pfifferlingen kostet 85. Ganz schön happig die Karte, aber mit hohem Unterhaltungsfaktor, denn es gibt auch eine Übersetzung ins Deutsche. Ich lache mich halb tot über die Begriffe, die da stehen und vergesse ganz, dass der Koch ja immer noch hantiert mit den Karten. Schließlich fragt er mich, was denn da so lustig daran sei. Ich erkläre es ihm und er schaut etwas unsicher und denkt, dass ich ihn auf den Arm nehme. Aber irgendwie kann ich ihn überzeugen, dass man die deutsche Übersetzung seines Menüs nur schwer verstehen kann. Und das liegt nicht an ein paar Schreibfehlern, das ist ja klar, dass das mal passieren kann (aber bei einem Lokal der Preisklasse nicht passieren sollte.) Am besten ist der „Lässige Seeerntesalat“ oder die „Direktschwämme“. Aber was das ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Kommt jemand drauf? Auslösung ganz unten. Und so habe ich zwei Minuten später einen Job – ich übersetze die Speisekarte neu. Dafür bekomme ich im hintersten Eck der noch geschlossenen Terrasse einen Tisch, außerdem einen kühlen Rosé und kalten Braten. Ist doch eine angenehme Beschäftigung. Und dann mache ich mich an die  Übersetzung der Speisekarte. Das heißt, ich übersetze eine Reihe von Speisen und Menüs, die der Koch in den nächsten Wochen vorhat zu kochen oder die eben immer mal wieder drankommen. Ist gar nicht so einfach, weil viele Speisen eben doch sehr spezielle Namen haben, die man nicht übersetzen kann. Ein paar Sachen muss ich erst einmal notieren und mir nachher vom Koch erklären lassen oder zeigen. Dann ist es eigentlich meist schnell klar. Inzwischen ist Jagger auch bei mir. Lange hat er nicht gespielt und gerade mal 2,10 Euro verdient – dann kam ein Mensch in einer komischen Uniform und meinte, dass er hier nicht Musik machen kann, das mögen die Leute nicht. Keine Diskussion möglich, das kennt er schon. Stört das Stadtbild, sagt er und verzieht das Gesicht. Ein Kellner kommt, bringt ebenfalls ohne Diskussion Wein und Braten für Jagger, da sieht die Welt schon wieder besser aus. Zwei Stunden dauert die Übersetzungsaktion. Dann wird die Terrasse für Mittagsansturm geöffnet und da stören wir nur. Wir bekommen noch ein dickes Fress-Paket und die Bitte, dass wir es nicht auf der Bank direkt vor dem Restaurant essen. Kein Problem, wir gehen ein paar hundert Meter weiter, finden da eine schöne Bank und dinieren. Inzwischen ist es Mittag und wahnsinnig heiß. Wir beschließen, dass wir in ein Internet-Café gehen und uns da abkühlen. Zumal es Wasser aus dem Wasserspender gibt und eine Klimaanlage. Es dauert, bis ich meine Mails und Blogs mal wieder auf Vordermann gebracht habe. Danach kaufen wir und Verpflegung für zwei Tage, packen den Rest vom Fresspaket dazu und gehen noch ein wenig aus der Stadt raus, direkt nach Süden in ein kleines Tal. Es geht steil bergan, aber Jagger meint, dann hätten wir es morgen schon leichter. Wir sind heute eh noch nicht weit gelaufen, also macht mir das nichts. Ach ja, die Übersetzung. Ich bin draufgekommen, als ich sah, dass sie die französischen Namen erst ins Englisch und dann von dort ins Deutsche übersetzen. Und so wurde aus dem schon falschen „cool“ ein „lässig“ und aus dem „Stein“ ein „concret“ und daraus ein „direkt“. „Lässiger Seeerntesalat“ ist also ein „kalter Meeresfrüchtesalat“ und „Direktschwämme“ sind „Steinpilze“. Ganz einfach.

Km:16,9 Kasse: Euro 275

26.07.2006 um 11:15 Uhr

vermisst

Ich werde vermisst? Ach, ist das schön. Aber ich gebe zu, ich habe lange nicht geschrieben. Lag einfach daran, dass ich keine Gelegenheit dazu hatte. Ich war ein wenig von der Zivilisation abgeschlossen und hatte auch nicht immer Lust, für einen Internetanschluss alles Mögliche zu unternehmen. Aber versprochen, das kommt, wenn ich auf die Landkarte schaue, nicht mehr vor.  

13.07.2006 um 14:22 Uhr

Mittwoch, 12. Juli, Berge in den Beinen

Musik: Rolling Stones, You cant always get what You want

Dieses Mal sind wir besser gerüstet. Das Frühstück ist in der Tasche, ebenso das Mittagessen. Denn auch heute wird sich keine Gelegenheit zum Einkauf bieten. Dafür bekommen wir Berge. Reichlich. Als mir Jagger sagt, dass wir heute auf über 1200 Meter kommen, schaue ich ihn nur schräg an. Nach zwei Stunden glaube ich es. Heute heißt es beißen, aber das ist gut so. Die Wanderung war mir bisher ein wenig zu brav. Zum Glück will Jagger auch vorankommen. Nicht, dass wir ein Wettrennen veranstalten, jeder hat sein eigenes Tempo und manchmal sind wir hundert Meter auseinander, aber irgendwie findet sich unser Rhythmus dann doch wieder. Für mich immer frustrierend, wenn ich irgendwo hinabsteigen muss, und sehe schon den nächsten Anstieg vor mir. Und, wenn ich noch weiter in die Ferne blicke, die wirklich mächtigen Berge. Ouh, da müssen wir rauf, frage ich. Jagger nickt nur und grinst. Na ja, er weiß ja, dass mich das nicht wirklich schreckt. Wir laufen irgendwie parallel zu einer größeren Straße und ich finde der Weg ist toll. Nur, ohne die Karte hätte ich den nie gehen können. Zwei, drei Stunden sind wir unterwegs, ohne ein Haus zu sehen, ohne einen Menschen zu treffen. Das habe ich lange nicht gehabt. Der Wald gibt zudem guten Schutz vor der heißen Sonne, und so müssen wir mittags nicht so lange pausieren. Früh los war eh klar. Ein breites, hügeliges Tal mit Feldern kommt, dann wieder ein steiler Anstieg, wieder Wald. Und dann zwei heftige Aufstiege, die wir jeder Mal mit einer Pause auf dem „Gipfel“ feiern. Und noch einmal müssen wir runter, einen steilen, rutschigen Weg, nur, um dann wirklich in die Berge zu kommen. Der Pass liegt vor uns. Weit oben kann man ein Auto sehen, vorsichtig eine Serpentine fahrend. Aber dann sind wir doch schon oben. Alles ging schneller, als ich dachte. Schritt für Schritt zieht die Landschaft vorbei. Im 85-cm-Tempo. Eine Pause, ein Essen, der Entschluss, nicht hier oben zu nächtigen, sondern, zumal es noch gutes Licht hat, noch ein Stück zu gehen. Und so gehen wir noch fast zwei Stunden und schlagen dann unser Lager auf. Km:29,2 Kasse: Euro 286

13.07.2006 um 14:03 Uhr

Dienstag, 11. Juli, Berge in Sicht

Musik: Rolling Stones, Wild horses

Das erste Mal, dass ich nicht alleine gelaufen bin. Und dementsprechend ist es ein komisches Gefühl, wenn man morgens seinen Rhythmus nicht alleine bestimmen kann. Aber Jagger ist da schmerzfrei. Ich krabble früh aus dem Zelt, er hat eh draußen geschlafen. Alles ist voller Tau – das wäre mir zu nass. Die Luft ist einigermaßen klar und wir haben einen schönen Blick auf die Berge. Der Ausblick auf das Frühstück ist weniger schön – es gibt keines. Wasser und Kekse. Und den ganzen Tag eigentlich keine Hoffnung auf eine Ort mit Laden. So viel haben wir gestern erfahren. Puh, das wird hart. Immerhin finden wir erst Mal einen Brunnen, der vertrauenserweckend genug aussieht, dass er Trinkwasser haben könnte. Gegen Mittag versuche ich dann, an zwei Bauernhöfen etwas zu essen zu bekommen. Es scheitert daran, dass ich niemanden antreffe. Erst in einem kleinen Ort (Festes?) habe ich Glück, bekomme Brot, Käse und Kirschen. Ein spätes, aber gutes Frühstück. Die Felder und der Wein verschwinden wie ausradiert, Weiden und Wald kommt stattdessen. Schön, ab und zu ein wenig Schatten zu haben. Unter einer schönen Baumgruppe rasten wir die heiße Zeit ab. Gehen erst spät los, obwohl der Magen uns schön viel früher losgeschickt hätte. Das Tal knickt nach Westen weg, der Weg auch. Kaum mal ein Auto fährt hier entlang. Eine schöne Strecke. Auch, wenn es gleich mal einen heftigen Anstieg gibt. Noch einen Umweg, weil wir der Straßenführung und der Karte folgen . Ich wäre den Weg nach Süden gegangen, aber der endet wohl in einer Sackgasse. Schließlich landen wir in Puivert. Ein Laden. Schnell einkaufen – die gekühlte Schokolade essen wir noch im Laden auf. Der Himmel hat auf einmal Wolken. Und so lange geht es heute eh nicht mehr zu laufen. Wir überqueren die Straße und gehen eine kleinen Weg direkt nach Süden. Erst noch durch Felder, dann kommt ein schöner Wald. Gut genug, um Melone und Ameisen, Pastete und Elstern, Baguette und Fichtennadeln zu genießen. Km:26,9 Kasse: Euro 286

13.07.2006 um 13:47 Uhr

Montag, 10. Juli, Jagger

Musik: Rolling Stones, Paint it black

Sehr früh bin ich heute unterwegs, will möglichst weit kommen, solange die Sonne noch nicht sticht und der Mittagshitze irgendwo im Schatten begegnen. Also, dann mal los. Der Fluss macht einige Schlenker, aber ich widerstehe der Versuchung, Abkürzungen zu suchen. Zumal es hier einen ganz guten Weg gibt, der auch durch die Bäume ein wenig Schatten gibt. In Roffiac versorge ich mich mit Essen, suche mit dann unten am Fluss einen schönen Platz an einem Wehr und mache Mittag. Das Wasser ist eiskalt und die Versuchung zu groß, dass ich nicht ein wenig darin herumplantsche. Wenn man sich mal dran gewöhnt hat, dann geht es, aber der erst Sprung hinein nimmt einem die Luft. Hinterher schmeckt die Pastete umso besser – mitnehmen ist bei der Wärme eh nicht angesagt. Am Horizont bauen sich ein paar Wolken auf. Vielleicht reicht es für ein Gewitter. Drei Uhr, größte Hitze schätze ich, trotzdem gehe ich weiter. Langsam allerdings, und nur, nachdem ich noch einmal einen Sprung ins Wasser getan habe. Der Schatten wird spärlicher und die Schritte kürzer. Limoux kommt. Ich schleppe mich durch die heißen Straßen. Ein Brunnen hat zwar kein Trinkwasser, aber für einen Guss über den Kopf reicht es. Von einem Straßencafé aus werde ich beobachtet – der Mensch ist mir gestern schon in Carcassonne aufgefallen. Auch ein Wanderer, nur hat er statt der Pilgermuschel die rote Rolling Stones Zunge am Hut kleben und statt des Pilgerstocks eine Gitarre. Er hält mir das Glas mit Rosewein hin, als ich ihm grüßend zulächle. Nein, danke, Alkohol bei dem Wetter würde mich umhauen. Wir kommen ins Gespräch. Harald kommt aus Bielefeld, er ist zwei Monaten unterwegs und will nach Porto. Er wird von allen nur „Jagger“ genannt, weil er ein totaler Stones-Fan ist. Und natürlich geht er nicht einfach nur so nach Porto, nein, er pilgert da hin, sagt er lachend, denn da spielen die Stones. Bis Anfang August hat er Zeit. Ich trinke dann doch ein Glas Wein, es ist einfach zu einladend, und Jagger nimmt seine Gitarre und wir singen zusammen Angie. Dank unserer beidcr begrenzter Stimmtalente ist der Applaus nur mäßig, aber es gab auch keine Buh-Rufe. Jagger weiß alles über die Stones, und das muss er (mal wieder, wie er selbst zugibt) loswerden. Er gibt noch einen Wein aus und erzählt. Erst mal von sich. Und dann von der Musik. Als er sieht, wie ich mir Notizen mache und ich ihm das von meinem Blog erzähle, meint er, dass er da nicht gerne Details drin hätte. Kein Problem, sage ich, ich weiß ja, wie sensibel Stars sind. Er lacht sich halb tot und spielt „Paint it black“, eines meiner absoluten Lieblingslieder von den Stones. Jagger sagt, dass er rund 200 Songs von ihnen spielen kann. Ohne Noten, nur aus dem Kopf. Und die Texte sowieso. Jagger hat eine sehr gute Wanderkarte und ich schaue ein wenig rein. Er hat seine Route darauf eingezeichnet und wir stellen fest, dass wir eine Strecke gemeinsam gehen können. Und wir beschließen, dass wir das auch machen. Aber erst einmal machen wir noch eine Pause, dann kaufen wir für das Abendessen ein und machen uns erst auf den Weg, als die Sonne nur noch hell macht und nicht mehr warm. Hinter Limoux biegen wir von der Straße ab in ein kleines Seitental und entschließen uns für wildes Campen. Aber dann kommt gerade ein Bauer mit einem Trecker daher gefahren und wir fragen einfach, erhalten die Genehmigung und noch einen Tipp, wo wir eine gute Stelle finden, an der wir sogar eine Feuerstelle haben. Also nutzen wir die Gelegenheit, sammeln Holz, machen später ein Feuer und natürlich spielt Jagger ein paar Songs von den Stones. Gegen 23 Uhr fährt dann der Bauer noch einmal vorbei und fragt, ob alles in Ordnung ist. Klar, sagen wir und teilen unseren letzten Schluck Wein, erzählen ein wenig, warum wir hier sind. Ich habe das Gefühl, dass uns beiden nicht glaubt, dass wir von Deutschland aus hierher gelaufen sind. Km:25,3 Kasse: Euro 304

13.07.2006 um 13:35 Uhr

Sonntag, 9. Juli, Carcassonne

Musik: Chris de Burgh, Lonesome Cowboy

Ich gehe früh los. Im Haus rührt sich noch nichts und so verlasse ich Monsieur Oui grußlos und gehe zurück zum Kanal. Kurzes Frühstück in Trebes, eine schöne Schleusenanlage hält mich ein wenig auf. Dann verlasse ich den Kanal und gehe den kürzeren, direkten Weg auf Carcassonne zu. Was für ein Panorama, was für eine Stadt. Schnell steigt das Thermometer und ich schwitze ziemlich, bis ich endlich im Schatten der mächtigen Mauern bin. Es ist Sonntag, stelle ich wieder mal erschreckt fest. Die Supermärkte haben also schon zu, ich nichts mehr zu essen und außerdem bin ich schlechter Laune. Die Stadt ist voll, laut und heiß – und hat hinter der wunderschönen Kulisse nichts zu bieten außerdem Touristenfallen. Wenn doch, dann mag sie mir verzeihen, ich habs nicht gefunden. Schnell die obligatorische Postkarte – und das hat sich ebenfalls bewährt, einen Blick in den Reiseführer eines anderen Besuchers erschnorrt. Das schon ältere Paar ist misstrauisch: Warum haben Sie denn keinen Reiseführer? Weil jedes Gramm, das ich mit mir herumtrage, eine ziemliche Qual ist. Aber was, wischt die Dame meinen Einwand mit einer Handbewegung weg, ich bin viel älter als sie und habe sogar zwei Reiseführer. Ich nicke nur und bekomme eine Gänsehaut: die beiden sind gerade mal 250 Meter gelaufen, vom Parkplatz bis zum nächsten Café. Komischerweise kommt Carcassonne auch im Führer nicht so gut weg – sehr kurz beschrieben. Immerhin erfahre ich, dass die Festung, eigentlich schon verfallen, in einer Art kombinierten Denkmalschutz- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für arbeitslose Soldaten wieder aufgebaut wurde. Ich fülle meinen Wasservorrat nach, mache dann noch eine Pause in der Kathedrale und gehe, als auch hier eine Busladung nach der anderen einfällt. Als ich vor die Türe trete, trifft mich die Hitze wie ein Schlag und ich beschließe, einen Ausflug in die Berge zu machen. Also, ab direkt nach Süden, immer der Aude nach. Hat allerdings den Nachteil, dass die Straße hier im Tal geht, aber das ist mir egal. Ich will weiter heute. Noch ein letzter Blick auf die Cite, dann schaue ich nur noch in Richtung Pyrenäen. Der Pyrenäenweg geht von hier aus nach Foix, ich will aber ehe nach Andorra. Also trennen sich unsere Wege schon wieder. Km:18,9, Kasse: Euro 317

13.07.2006 um 13:31 Uhr

Samstag, 8. Juli, Monsieur Oui!

Musik: Omega, Hall of Flowders …

Ich ringe ein wenig mit mir, ob ich das Spiel anschauen soll. Aber ich habe eine Einladung, also nehme ich sie an. Mit gemischten Gefühlen, gebe ich zu. Denn mein Gastgeber ist zugegebenermaßen ein wenig „schräg“. Ich bin den ganzen Tag wieder relativ schnell gelaufen. Nichts passiert auf der Strecke, die nun doch etwas eintönig wird. Vom dauernden Begleiter des Kanals und der Hausboote angefangen bis zur Landschaft. Und bei der ich froh bin, dass ich das Rad nicht mehr habe. Denn ich habe ein paar Mal Gräben und Zäune gehabt, die ich mit dem Rad nur schwerlich hätte überwinden können. Das hat hin und wieder einiges an Zeit gekostet und ist bei dem Wetter schweißtreibend. Etwa 15 Kilometer vor Carcassonne wird es dann Zeit, nach einem Nachtlager zu schauen. Ein kleiner Bauernhof liegt nicht weit vom Kanal entfernt. Er sieht schon etwas heruntergekommen aus, und der einzige Bewohner, den ich antreffe, auch: ein älterer Mann, so um die 55 mit einem breiten Grinsen im Gesicht kommt mir entgegen. Ob ich hier zelten kann? Oui. Wo wäre es denn für Sie angenehm? Oui. Hm, da hinten vielleicht, unter den Bäumen? Oui. Haben Sie auch einen Brunnen oder einen Wasserhahn? Oui. Wo denn? Oui. Aha. Oui. Ich grinse und bedanke mich. Während ich mein Zelt aufbaue, schaut er mir aus einiger Entfernung zu. Aber dann ist er weg und ich mache mich auf die Suche nach einem Wasserhahn. Finde aber nichts. Die Scheune, in die ich schaue, ist vollkommen zugestopft mit Schrott, alten Wagen, Pflügen, Holz … Als ich an die Türe klopfe, winkt er mich hinein. Ein Raum, der ihm wohl als Küche, Wohn- und Schlafzimmer gleichzeitig dient. Sauber ist hier nichts. Der Mann wohnt mit Sicherheit alleine hier. Und er wohnt hier nur, eine Landwirtschaft betreibt er nicht. Oder nicht mehr. Kann ich mir etwas Wasser nehmen? Oui. Zum Glück habe ich meine eigene Wasserflasche. Aus den Gläsern, die da stehen, würde ich nicht trinken wollen. Der Fernseher läuft. Oh, heute ist ja Fußball, sage ich. Oui. Ob er das Spiel anschaut? Oui. Kann ich nachher mitschauen. Oui. Ich muss unwillkürlich grinsen und frage mich, ob er wohl noch etwas anderes sagt. Oder sagen kann. Und ob er eigentlich versteht, was ich sage. Ich mache mir ein kleines Abendessen und gehe dann doch um neun rüber und schaue das Spiel an. Schweigend sitzen wir vor dem Fernseher. Ein Gespräch gibt es nicht – er antwortet auf alles, was ich sage oder frage nur mit „oui“. Ich mache mir einen Spaß und frage ihn nach seinem Namen. „Oui“. Was für ein Spiel. Die Franzosen mit einem Jahrhundert-Elfmeter. Danach die Italiener mit Wut im Bauch und guten Möglichkeiten. Danach hatten die Franzosen das Spiel im Griff, aber Domenech keinen Mut, einen zweiten Stürmer einzuwechseln. Die Italiener sind stehend ko und die Franzosen bringen sie nicht wirklich in Verlegenheit. Zwischendrin so viel Leerlauf, dass die Zuschauer pfeifen. Hat man das bei einem WM-Finale mal gesehen? Und dann Zidane ... Ohne Worte. Was macht der Mann da? Monsieur ist sprachlos, als sie die Szene in Zeitlupe zeigen. Und zum ersten Mal in dieser WM rächt der Fußball eine solche Unsportlichkeit. Oh Mann, was wird Frankreich dazu sagen? Monsieur nimmt es gelassen und freut sich mit den Italienern. Auch schön. Km: 29,8, Kasse: Euro 330

13.07.2006 um 13:12 Uhr

Freitag, 7. Juli, Keine besonderen Vorkommnisse

Musik: Father of day, Manfred Mann

Ich bin weiter am Kanal unterwegs und genieße es, weg von der doch hektischen Gegend am Meer zu sein. Ich bin wieder sehr früh unterwegs, um der brennenden Mittagssonne zu entgehen. Ich genieße den Flug der Schwalben, die dicht über dem Wasser nach Mücken jagen. Höre den vielen Lärchen zu, die immer wieder das gleiche Lied in den Himmel schreiben. Schau den vielen Hausbooten nach, winke hin und wieder den Kindern, die am Bootsrand sitzen und stelle überrascht fest, dass das Korn schon gelb wird. Puh, das Jahr geht schneller als ich. Unwillkürlich lege ich einen Gang zu und marschiere kräftig. Frühstück in Le Somail. Hier kommt die Straße wieder an den Kanal, aber es ist nicht so viel los. Jetzt liegen ein paar kleinere Ortschaften direkt am Kanal. Und der Wein dominiert auf einmal. Und das heißt wieder: Kein Schatten. Zum Glück ist es kein Problem, Wasser zu bekommen. Die Mittagszeit verbringe ich dann im Schatten einer kleinen Kirche. Laufe dann aber bis weit in den Abend rein. Selbst erstaunt darüber, wie weit man noch kommen kann, wenn man nach 19 Uhr noch einmal richtig Gas gibt. Da wollte ich eigentlich schon den Tag beschließen. Aber ich fand keinen schönen Platz zum zelten und eine Frage bei einem Bauer wurde mit einem sehr deutlichen „NO!“ beantwortet. Also dann halt nicht. Auch in Homps finde ich nichts, nur ein Hausboot am anderen. Hier sieht es aus, wie in einem Jachthafen. Also laufe ich weiter, bis es dämmert und schlage mich dann in die Büsche. Km: 36,2, Kasse: Euro 338

11.07.2006 um 19:11 Uhr

Donnerstag, 6. Juli, Natürlich Frankreich, natürlich Zidane

Musik: Bobby McGee, Janis Joplin

Ich geb’s zu: Ich hab es total vergessen, das zweite Halbfinale. So ein Mist. Irgendwie war die WM nach der Niederlage von Deutschland für mich erledigt. Als ich morgens Capestang in eine Bäckerei gehe und mein Baguette kaufen will, unterhalten sich zwei Männer über das Spiel. Ich frage, wer gewonnen hat und sie schauen mich nur unverständlich an. „Natürlich Frankreich.“ Und natürlich hat Zidane das Tor geschossen. Ein Elfer. Schade um die Portugiesen, aber ich fände es schon gut, wenn Frankreich Weltmeister wird. Die haben auf jeden Fall das schönere Spiel. Witzig ist, dass sich die beiden größten Kotzbrocken unter den Trainern durchgesetzt haben. Wahrscheinlich ist der Schönjubler Klinsmann einfach nicht geeignet für so was. Bin mal gespannt, ob der nach der WM zurücktritt. (Und der erste, der dann wieder „HIER!“ schreit, ist der Loddamadeus. Hat sich ja immerhin von Brasilien schon wieder angerobbt bis Österreich.) He! Das heißt, dass Deutschland und Portugal in Stuttgart um Platz drei spielen. Jungs! Feiert eine Runde für mich mit. Ich schaue auf meine Karte und sehe nicht viele Ortschaften und schon gar keine größeren Städtchen in der nächsten Zeit am Kanal. Also noch mal schnell Proviant fassen. Und eine Pause im Internet-Café. Ich habe so lange nichts mehr geschrieben, und mein MP3 ist so langsam voll mit meinen Notizen. Also haue ich mal wieder in die Tasten und lade die Akkus. Das kostet mich dann allerdings schon einiges an Zeit, und so komme ich erst wieder gegen Mittag aus der Stadt. Aber ich beschließe, heute noch ein wenig Strecke zu machen und laufe mal tüchtig aus. Komisch für einen Kanal, aber der Midi macht nach der Stadt ein paar ganz wilde Mäander. Ist zwar schöner, als immer gerade aus, aber man kommt natürlich nicht so schnell voran. Immer wieder ziehen Hausboote an mir vorbei. Scheint eine sehr beliebte Route zu sein. Kann ich aber auch verstehen, denn hier mit dem Boot zu fahren ist wirklich schön. Die meisten der Freizeitkapitäne sind nett, winken oder tröten, und eine Gruppe aus Dortmund lädt mich sogar zum Kaffee ein. Die Angebote fürs Mitfahren lehne ich allerdings ab. Gerade hier macht es wieder richtig Spaß entlangzuwandern, abseits von großen Straßen und Städten. Km: 20,1, Kasse: Euro 345

11.07.2006 um 19:09 Uhr

Mittwoch, 5. Juli, Immer am Kanal entlang

Musik: Against the Wind, Bob Seeger

Leider weiß ich nicht genug über Beziers und über den Kanal de Midi, aber egal – ich werde mir das einfach mal anschauen. Beziers erwacht früh. Ich noch früher. Ich schleiche mich vom Campingplatz, bevor der Besitzer wach ist und laufe in die Stadt. Zum ersten Mal wieder mit dem Rucksack auf dem Rücken. Ich habe zwar schon immer mal wieder probiert, und das ging ganz gut. Aber es ist trotzdem etwas anderes und ich überlege, ob ich das Rad nicht doch wieder holen soll. Ist schon bequemer, wenn man das ganze Zeugs nicht schleppen muss. Ist aber auch ein anderes Gefühl, nicht mehr so einseitig daher zu kommen. Nicht mehr an Treppen zu verzweifeln oder im Sand und an engen Durchlässen. Gut, Sand werde ich jetzt erst mal keinen mehr haben. Ich schleppe mich die steilen Gassen hinauf zur Kathedrale. Natürlich hat die noch geschlossen. Aber ich habe einen fantastischen Ausblick und nehme bei einem Paar aus Heidelberg Nachhilfe in der Geschichte. Sie sind ebenfalls auf Wallfahrt, allerdings mit dem Motorrad. Interessante Geschichte hat Beziers gehabt – und wie vieles, was interessant ist in unseren Augen, ist es nur ein weiteres Kapitel im Buch von Gewalt und Machtgeilheit. Die war Hauptrolle natürlich wieder mal mit der katholischen Kirche und seinen Päpsten besetzt. Die schrecken 1209 nicht zurück, die gesamt Stadt mehr oder weniger hinzumetzeln und sogar die Kirche zu zerstören. Wer weiß, wie Frankreich heute aussehen würde, hätten sie damals nicht die Drecksarbeit für die Päpste gemacht, denn die profitierten wohl letztlich davon. Bei einem Frühstück und einem Gang durch die Markthalle vertiefen wir den ganz anderen Eindruck, den Beziers heute macht – es ist einfach eine schöne Stadt. Die beiden sind schon wieder in Eile, wollen weiter. Was für ein Luxus ist doch Zeit. Und Geld. Ich beschließe, dass ich beides habe und schaue mir noch das Kunstmuseum an. Inzwischen hat dann auch die Kathedrale geöffnet und ich lasse mich ein paar Minuten ein in die doch etwas seelenlose Gotik im Innern. Von der Ferne macht die Kirche einen viel besseren Eindruck. Also, einmal tief durchatmet und wieder los. Es eh schon spät genug. Schnell noch eine Postkarte, hätte ich fast vergessen. Die Sonne hat heute ein Einsehen und hält sich bedeckt. Und so komme ich recht flott aus Beziers raus, runter an den Kanal, dem ich nun folge. Das geht ganz gut, zumal entweder ein guter Weg oder eben eine betonierte Kanaleinfassung gut zu begehen ist. Interessant sind die sechs hintereinander folgenden Schleusen gleich nach der Stadt. Hier stehen die Hausboote Schlange, und haben jede Menge Zuschauer. Einen kurzen Abstecher mache ich nach Oppidum d’Enserune, aber dann schaue ich mir die Ausgrabungen doch nicht an. Ich will noch ein wenig vorankommen. Ich mache eine Pause, kaufe eine Melone und genieße die schöne Landschaft. Weit komme ich dann aber doch nicht mehr, der Rucksack wird schwerer und schwerer. Immerhin habe ich keinerlei Probleme mit den Rippen gehabt. Ich suche mir eine Stelle zum Schlafen, was aber gar nicht so einfach ist, denn mit Wald sieht es nicht so gut aus. So frage ich wieder bei einem Bauern und bekomme ohne Probleme die Erlaubnis zu zelten. Ohne Problem heißt, wenn man davon absieht, dass ich den Menschen kaum verstanden habe. Der Süden macht sich im Dialekt bemerkbar. Km: 23,9, Kasse: Euro 357

11.07.2006 um 19:09 Uhr

Dienstag, 4. Juli, Abschied vom Meer und von der WM

Musik: Fußballlied, Fredl Fesl

Mit noch müden Augen erst mal einen Blick in den WM-Planer: Das Spiel ist um 21 Uhr, also genug Zeit, noch ein wenig voranzukommen. Ich bleibe erst mal am Meer und laufe auf einem ganz guten Rad- und Wanderweg entlang. Wieder gibt es eine Dusche, davor endlich mal ein kurzes Bad im Meer – war bisher nie so richtig die Gelegenheit. Dann ein sehr spätes Frühstück. Heute ist es etwas diesig, zwar heiß, aber nicht so brennend von der Sonne. Also weiter mit nur kurzen Pausen, vor allem zum Trinken. Als es dann zu heiß wird, mache ich in einem Internetcafé Station und lese und schreibe mal wieder Mails. Bin ich lange nicht dazu gekommen und hat natürlich nicht für alle gereicht. Fast wäre mir entgangen, dass ich hier auf mein nächstes Unesco stoße – den Canal de Midi. Erst ein Schild erinnert mich daran. Mist, denn eigentlich geht es ja bis nach Sete. Aber egal, ich werde noch reichlich Gelegenheit haben, ihn zu begleiten. Erst einmal muss ich ihn überwinden, was gar nicht so einfach ist, sprich einen größeren Umweg nach sich zieht. Und damit verlasse ich dann auch schon das Meer. Ich werde es lange nicht mehr sehen … Der Weg nach Beziers ist nicht besonders schön. Liegt vielleicht auch an der Karte, die ich habe, die ist nicht geeignet dafür. Mir kommt es vor, als gäbe es mal wieder nur Straßen, Eisenbahnlinien, Industriegebiete … Und dann noch die Autobahn. Ich wollte eigentlich gar nicht rein nach Beziers heute, aber zum einen finden ich keine schönen Platz zum Übernachten, zum anderen brauche ich einen Fernseher. Den finde ich dann unten am Kanal in einem Bistro. Vier Deutsche, sechs Italiener und etwa 20 Franzosen. Eine gute Mischung und wir haben eine prima Stimmung. Zum Glück keine Holländer da, sagen die Italiener. Sie haben gemeinsam mit ein paar solchen das Spiel gegen Portugal gesehen und es wäre beinahe zu einer Schlägerei gekommen, weil die Holländer zum einen verloren haben, zum anderen wohl wirklich brutal gespielt haben. Als Figo nach einem Kopfstoß nicht vom Platz gestellt worden ist, sind sie ausgerastet. „Ohne Holland fahrn wir nach Berlin“, stimmen die anderen Deutschen an. Das ist wohl der Hit bei der WM. Und einen anderen höre ich auch gleich: Sportfreunde Stiller – 54, 74 … Läuft wohl in Deutschland jede Stunde im Radio. Einer hat die CD dabei und legt sie ein. Die Franzosen, die Italiener und ich sind einer Meinung: Schrott! Die Franzosen drücken den Italienern die Daumen. Aber nur, weil die der leichtere Gegner im Finale sind, sagen sie lachend. Das Spiel, schon wieder nicht hochklassig, aber trotzdem gut. Überraschend, dass die Italiener schon anfangs der zweiten Halbzeit nur noch das 0 : 0 halten. Vor allem die Italiener sind entsetzt und leiden. Und weder Schneider (1 Tor in über 50 Spielen) noch Poldi können ihre großen Chancen nutzen. Einhellig, die Italiener haben sich mich viel Glück in die Verlängerung gerettet. Aber das ändert sich schlagartig – die Azzuris geben in der Verlängerung dermaßen Gas. Und gewinnen schließlich verdient. Schade, das war's. Ist natürlich enttäuschend, aber nicht zu ändern. Die Deutschen können gegen Italien einfach nicht gewinnen. Die Italiener freuen sich und geben eine Runde nach der anderen aus. Die Franzosen freuen sich und feiern jetzt schon den nächsten Weltmeistertitel und geben eine Runde nach der nächsten aus. Die Italiener meinen dann aber, dass Portugal der leichtere Gegner sei, und dass Frankreich morgen verlieren muss. Glaube ich aber nicht, werden wir morgen sehen. Als das Bistro zumacht, ist es schon ganz schön spät. Die Italiener nehmen mich mit und schmuggeln ich in ihren Campingplatz rein. Das Rad muss natürlich draußen bleiben. Und bei der Gelegenheit beschließe ich, dass ich darauf verzichten werde ab jetzt. Km: 28,5, Kasse: Euro 369