Jakobsweg_ohne_Geld

11.07.2006 um 19:08 Uhr

Montag, 3. Juli, Falsche Versprechungen

Musik: Ripples, Genesis

Noch so ein Tag ohne Fußball. Und noch einer, an dem ich zu spät loskomme. Das liegt zum einen daran, dass man in einem dunklen Dachzimmer länger schläft als in der freien Natur. Und dann noch am netten Frühstück mit Yves. Aber dann nichts wie los. Raus aus Sete, und dann immer entlang der Straße und der Eisenbahn. Rechts das Bassin de Thau, in dem große Austernfarmen ihre teuren Schätze züchten. Yves hatte mich überredet, eine zu probieren – meine erste und wohl letzte. Ich mag sie nicht, weder vom Geschmack noch von der Konsistenz. Immerhin: Dass sie hier wachsen, ist ein Zeichen dafür, dass das Wasser sauber sein muss. Es zieht sich bis Marseillan, dem Ende des Dammes. Zum Glück habe ich mich mit einer zusätzlichen Wasserflasche versorgt. Schön ist es hier nicht, finde ich. Das Meer, ja. Aber irgendwie auch wieder langweilig. Ich beschließe, dass ich das Hinterland mehr mag als die langweilige Sandküste hier. Cap d’Agde weist dann ein Schild die Richtung zu einem Ort, der interessanter zu sein scheint. Vielleicht kann man da irgendwie übernachten, denke ich und gehe in die Richtung. Falsch gedacht – es gibt zwar auch ein Kap, aber eigentlich ist das eine Feriensiedlung, nicht unähnlich der von Grande Motte. Ich muss mich erst hindurch und dann wieder rausquälen. Immerhin finde ich kostenlose Strandduschen und später dann auch einen Platz, an dem ich mich in einer Düne niederlassen kann. Km: 25,2, Kasse: Euro 382

07.07.2006 um 12:40 Uhr

Sonntag, 2. Juli, Sete

Musik: Girl with pearls in her hair, Omega

Wieder kein Fußball. Was mache ich nur? Arbeiten, habe ich beschlossen, und werde auch am Mittag vor der Türe stehen und versuchen, ein paar Touristen „zu fangen“. Gestern waren es ganze 28. Vorher schaue ich mir noch ein wenig Sete an. Aber so viel gibt mir die Stadt nicht, ein netter Touristenort, mit viel Flair an den Kanälen entlang. Aber viel zu geschäftig, zum Glück nicht am Sonntag. Ich mache einen Spaziergang zum Seemannsfriedhof und muss dann allerdings schnell wieder zurück zu meinem Türposten. Hat sich gelohnt, denn heute Mittag sind es 33 Gäste, die Yves auf meinen Zettel schreibt. Und das Essen, das ich nachher mit den Köchen einnehme, ist mal wieder ein kulinarischer Höhepunkt: Gefüllte Tintenfische und gefüllte Zucchiniblüten. Danach habe ich wieder eine kleine Pause, aber zu mehr als einem Spaziergang reicht es nicht. Ich wollte in ein Internetcafé, aber gerade das hat zu. Die Luft ist schon wieder drückend schwül und alle erwarten auch für heute wieder ein Gewitter. Abends macht es dann wieder Spaß, vor der Tür zu stehen. Nicht, dass ich nicht erfolgreich gewesen wäre – mit insgesamt 52 Gästen bin ich und Yves sehr zufrieden. Aber ein paar (Deutsche und Österreicher) waren dabei, denen war wohl sehr langweilig und die meinten, mich mit dummen Sprüchen versorgen zu müssen. Lächeln und immer freundlich sein. Zum Glück bin ich ein friedliebender Pilger. Wieder ein gutes Essen und ein aufregendes Wetterleuchten in der Ferne als Abschluss des Tages. Insgesamt habe ich 113 Gäste „hereingeholt“. Wie viel wohl ohne mich gekommen wären? Als Yves das Geld hinzählt, sage ich ihm, er soll mir 50 Euro geben, ich habe ja auch gewohnt und gegessen. Und ich kann ja noch mal eine Nacht hier schlafen.

  

Km: 8,3,  Kasse: Euro 390

07.07.2006 um 12:29 Uhr

Samstag, 1. Juli, Drücker

Musik: Shelter from the storm, Bob Dylan

Ich bekam Frühstück und ein Jobangebot. Ich sollte Drücker spielen, das heißt, vor dem Restaurant interessierte Touristen ansprechen, die Speisenkarten zeigen und auf das Tagesessen hinweisen. Sie haben niemanden fürs Wochenende, meinte Yves, der Chef. Und ich spreche ja Deutsch und Englisch, das sind die wichtigsten Kunden. Und ich bekomme einen halben Euro pro Kunde am Abend. Also gut, übers Wochenende. Ist gar nicht so schlecht, dann kann ich meine Klamotten waschen und meine Füße ein wenig pflegen. Also sage ich zu und werde gleich mal eingeladen, mit zum Markt zu fahren und Einkäufe zu tragen. Danach kommt dann der Bart tatsächlich weg und wir stellen fest, dass ich in meinen Klamotten mich da nicht vor die Türe stellen kann. Yves telefoniert eine ganze Weile herum, und dann schickt er mich mit seinem Auto zu einer Adresse nach Frontignan. Eine ältere Frau (seine Mutter, wie ich später erfahre) empfängt mich, frägt mich erst mal ausführlich aus über meine Wanderung. Ich bekomme Tee und ein paar Hosen und Kittel zum Anprobieren. Schließlich habe ich etwas, was leidlich passt. Die Hose ist etwas zu weit und muss mit einem Gürtel passend gemacht werden. Zum Glück machen sie erst um sieben auf, und so bekomme ich den größten Teil der nächsten Fußballkrimis mit. England wirklich nicht gewinnen in einem Elfmeterschießen. Das ist schon fast wieder tragisch. Und dann trete ich meinen ersten Dienst als Türsteher an. Ist gar nicht so schwer. Nach ein paar Minuten weiß ich sofort, wer nur so bummelt und wer etwas sucht für das Abendessen. Die meisten sind wirklich Deutsche und Engländer. Die Engländer allerdings alle ein wenig gefrustet. Und die Deutschen? Die fragen, ob es einen Fernseher gibt. Sie wollen Brasilien sehen. Nein, gibt es nicht im Gastraum. An der Bar schon. Die meisten gehen dann wieder, ein paar reicht die Bar. Drei älteren Paaren aus Düsseldorf ist das gerade Recht – sie wollen keine Fußball mehr sehen (na ja, wenn man aus Düsseldorf kommt …). Bis halb zehn stehe ich vor der Türe, der Erfolg war heute eher mau. Aber das liegt am Fußballspiel, sagt Yves, er hatte mit noch weniger gerechnet. Aber keinem ist es Unrecht, wenn sie mehr Zeit haben, auf das Spiel zu schauen. Gute Leistung der Franzosen. Hut ab, wie sie das Spiel der Brasilianer gebremst haben. Die Franzosen sind begeistert und wir feiern das ausgiebig. Draußen geht inzwischen ein Gewitter herunter und reinigt die Luft ein wenig. Richtig abkühlen tut es aber nicht.

 

Km: 6,1,  Kasse: Euro 342

07.07.2006 um 12:28 Uhr

Dienstag, 4. Juli, Abschied vom Meer und von der WM

Musik: Fußballlied, Fredl Fesl

Mit noch müden Augen erst mal einen Blick in den WM-Planer: Das Spiel ist um 21 Uhr, also genug Zeit, noch ein wenig voranzukommen. Ich bleibe erst mal am Meer und laufe auf einem ganz guten Rad- und Wanderweg entlang. Wieder gibt es eine Dusche, davor endlich mal ein kurzes Bad im Meer – war bisher nie so richtig die Gelegenheit. Dann ein sehr spätes Frühstück. Heute ist es etwas diesig, zwar heiß, aber nicht so brennend von der Sonne. Also weiter mit nur kurzen Pausen, vor allem zum Trinken. Als es dann zu heiß wird, mache ich in einem Internetcafé Station und lese und schreibe mal wieder Mails. Bin ich lange nicht dazu gekommen und hat natürlich nicht für alle gereicht. Fast wäre mir entgangen, dass ich hier auf mein nächstes Unesco stoße – den Canal de Midi. Erst ein Schild erinnert mich daran. Mist, denn eigentlich geht es ja bis nach Sete. Aber egal, ich werde noch reichlich Gelegenheit haben, ihn zu begleiten. Erst einmal muss ich ihn überwinden, was gar nicht so einfach ist, sprich einen größeren Umweg nach sich zieht. Und damit verlasse ich dann auch schon das Meer. Ich werde es lange nicht mehr sehen … Der Weg nach Beziers ist nicht besonders schön. Liegt vielleicht auch an der Karte, die ich habe, die ist nicht geeignet dafür. Mir kommt es vor, als gäbe es mal wieder nur Straßen, Eisenbahnlinien, Industriegebiete … Und dann noch die Autobahn. Ich wollte eigentlich gar nicht rein nach Beziers heute, aber zum einen finden ich keine schönen Platz zum Übernachten, zum anderen brauche ich einen Fernseher. Den finde ich dann unten am Kanal in einem Bistro. Vier Deutsche, sechs Italiener und etwa 20 Franzosen. Eine gute Mischung und wir haben eine prima Stimmung. Zum Glück keine Holländer da, sagen die Italiener. Sie haben gemeinsam mit ein paar solchen das Spiel gegen Portugal gesehen und es wäre beinahe zu einer Schlägerei gekommen, weil die Holländer zum einen verloren haben, zum anderen wohl wirklich brutal gespielt haben. Als Figo nach einem Kopfstoß nicht vom Platz gestellt worden ist, sind sie ausgerastet. „Ohne Holland fahrn wir nach Berlin“, stimmen die anderen Deutschen an. Das ist wohl der Hit bei der WM. Und einen anderen höre ich auch gleich: Sportfreunde Stiller – 54, 74 … Läuft wohl in Deutschland jede Stunde im Radio. Einer hat die CD dabei und legt sie ein. Die Franzosen, die Italiener und ich sind einer Meinung: Schrott! Die Franzosen drücken den Italienern die Daumen. Aber nur, weil die der leichtere Gegner im Finale sind, sagen sie lachend. Das Spiel, schon wieder nicht hochklassig, aber trotzdem gut. Überraschend, dass die Italiener schon anfangs der zweiten Halbzeit nur noch das 0 : 0 halten. Vor allem die Italiener sind entsetzt und leiden. Und weder Schneider (1 Tor in über 50 Spielen) noch Poldi können ihre großen Chancen nutzen. Einhellig, die Italiener haben sich mich viel Glück in die Verlängerung gerettet. Aber das ändert sich schlagartig – die Azzuris geben in der Verlängerung dermaßen Gas. Und gewinnen schließlich verdient. Schade, das war's. Ist natürlich enttäuschend, aber nicht zu ändern. Die Deutschen können gegen Italien einfach nicht gewinnen. Die Italiener freuen sich und geben eine Runde nach der anderen aus. Die Franzosen freuen sich und feiern jetzt schon den nächsten Weltmeistertitel und geben eine Runde nach der nächsten aus. Die Italiener meinen dann aber, dass Portugal der leichtere Gegner sei, und dass Frankreich morgen verlieren muss. Glaube ich aber nicht, werden wir morgen sehen. Als das Bistro zumacht, ist es schon ganz schön spät. Die Italiener nehmen mich mit und schmuggeln ich in ihren Campingplatz rein. Das Rad muss natürlich draußen bleiben. Und bei der Gelegenheit beschließe ich, dass ich darauf verzichten werde ab jetzt.

  

Km: 28,5,  Kasse: Euro 369

07.07.2006 um 12:07 Uhr

Montag, 3. Juli, Falsche Versprechungen

Musik: Ripples, Genesis

Noch so ein Tag ohne Fußball. Und noch einer, an dem ich zu spät loskomme. Das liegt zum einen daran, dass man in einem dunklen Dachzimmer länger schläft als in der freien Natur. Und dann noch am netten Frühstück mit Yves. Aber dann nichts wie los. Raus aus Sete, und dann immer entlang der Straße und der Eisenbahn. Rechts das Bassin de Thau, in dem große Austernfarmen ihre teuren Schätze züchten. Yves hatte mich überredet, eine zu probieren – meine erste und wohl letzte. Ich mag sie nicht, weder vom Geschmack noch von der Konsistenz. Immerhin: Dass sie hier wachsen, ist ein Zeichen dafür, dass das Wasser sauber sein muss. Es zieht sich bis Marseillan, dem Ende des Dammes. Zum Glück habe ich mich mit einer zusätzlichen Wasserflasche versorgt. Schön ist es hier nicht, finde ich. Das Meer, ja. Aber irgendwie auch wieder langweilig. Ich beschließe, dass ich das Hinterland mehr mag als die langweilige Sandküste hier. Cap d’Agde weist dann ein Schild die Richtung zu einem Ort, der interessanter zu sein scheint. Vielleicht kann man da irgendwie übernachten, denke ich und gehe in die Richtung. Falsch gedacht – es gibt zwar auch ein Kap, aber eigentlich ist das eine Feriensiedlung, nicht unähnlich der von Grande Motte. Ich muss mich erst hindurch und dann wieder rausquälen. Immerhin finde ich kostenlose Strandduschen und später dann auch einen Platz, an dem ich mich in einer Düne niederlassen kann.

  

Km: 25,2,  Kasse: Euro 382

06.07.2006 um 09:33 Uhr

Freitag, 30. Juni, Elf Meter

Musik: With heaven on Your side, Foreigner

Heute bin ich früher auf den Beinen. Sehr viel früher. Ich will nicht noch mal in der Hitze laufen müssen. Lieber sitze ich irgendwo faul im Schatten. Also los. Ist schon komisch, wie diese Urlauberlandschaft eine ganz andere Stimmung verbreitet, wenn man sie morgens vor sechs Uhr passiert. Aber dann steigt die Sonne, und die Urlauber steigen auch aus ihren Zelten und Häusern. Trotzdem ist es hier unten schöner als in La Grande Motte. Der Streifen Land wird immer schmäler und die Luft steht schon wieder wie Blei. Trinken, trinken, trinken … Im Urlauberparadies ist es nicht einfach, Leitungswasser zu schnorren. Zweimal erhalte ich die Auskunft, dass sie Wasser verkaufen und nicht verschenken. Einmal mit dem Zusatz, dass sie allerdings Pennern gar nichts verkaufen. Hm, ich sollte mir mal überlegen, mich wieder zu rasieren … Bei ein paar Leuten aus Wien habe ich dann mehr Glück. Sie picknicken unter einem der wenigen größeren Schattenbäume und ich frage, ob ich die Mittagszeit hier bleiben kann. Ich kann und werde gleich auch eingeladen. Sie haben im Supermarkt eingekauft und lassen es sich gut gehen – essen wie Gott in Frankreich. Zum Nachtisch gibt es Nougat – meine letzten Tafeln. Die Muschel an meinem Rucksack entlarvt mich und eine der Frauen sagt, dass sie ein Buch über ein Jakobspilgerin dabei hat. Sie gibt es mir und ich werfe über die heißen Mittagsstunden einen Blick hinein. „Carmen Rohrbach, Muscheln am Weg“. Die Dame ist mit einem Esel (einem richtigen, nicht einem Drahtesel) von Le Puy bis an die spanische Grenze gezogen. Nett geschrieben, und ich lese mich an einigen Stellen fest. Interessant, dass sie gar nicht so weit gekommen ist mit ihrem Grautier. 20 Kilometer waren schon eher die Ausnahme. Allerdings dauerte alleine das Packen jeden Morgen fast zwei Stunden. Nett auch zu lesen, dass der Esel (und Esel an sich) absolut wasserscheu war und sich nicht bewegen ließ, einen flachen Bachen an eine Furt zu durchqueren. Ebenfalls interessant: mehrere andere Pilger schauten ihr belustigt zu, machten sogar eine längere Pause, um das Spektakel zu sehen. Hilfe wurde abgelehnt. Und noch eine interessante Stelle finde ich: Sie trifft auf mehrmals auf Leute, die ebenfalls ohne Geld unterwegs sind. Allerdings betteln die, vor allem an Pfarrhäusern versuchen sie ihr Glück. Und zumindest die eine Gruppe von drei jungen Männern ist der Meinung, dass diese Art des „Reisens“ nur auf dem Jakobsweg geht. Ich bin da gerade anderer Meinung, aber ich habe auch noch nie in dem Sinn gebettelt. Sete kommt näher. Man merkt es am zunehmenden Verkehr, und am Geruch. Große Industrieanlagen kommen Schritt für Schritt auf mich zu. Eigentlich wollte ich Sete heute noch hinter mir lassen und irgendwo am Bassin de Thau am Strand übernachten. Aber ich muss auch noch daran denken, dass heute Fußball ist. Und zwar schon um 17 Uhr. Also lege ich noch einmal einen Zahn zu und komme auch ganz gut voran. Ich habe noch die Adresse von der Kneipe in Sete. Vielleicht kann ich da Fußball schauen, immerhin habe ich eine Art Empfehlung. Die „Kneipe“ La Marine entpuppt sich aber eher als ein etwas besseres Restaurant. Zu fein für einen Penner, aber ich will trotzdem guten Tag sagen und die Grüße ausrichten. Außerdem fragen, ob ich mein Rad abstellen kann, während ich mich auf die Suche nach einer Fernsehkneipe mache. Ach was, sagt der Oberkellner, der wohl schon durch einen Anruf informiert war, dass da bald ein komischer Deutscher auftaucht. „Fußball schaust Du Dir bei uns an, ich will sehen, wie Du heulst“, sagt er lachend und zieht mich einfach rein. Ich kann sogar vorher noch duschen und dann den Elfmeterkrimi anschauen. Kein schönes Spiel, aber spannend. Ich hätte ja nicht gedacht, dass das nach dem Rückstand noch was wird. Und dann nimmt Pekermann noch Riquelme raus und will das Ergebnis verwalten. Pech, wenn man dann im Elfmeterschießen gegen einen Lehmann antreten muss. Nicht ganz so spannend das Spiel Italien – Ukraine. 3 : 0 hört sich aber klarer an als es war, zumal die Ukrainer dreimal das Aluminium trafen. Ich habe nicht das ganze Spiel gesehen, weil ich immer wieder geholfen habe, so eine richtige Chance hatten sie wohl trotzdem nicht. Essen und Trinken sind irgendwie selbstverständlich. Ebenso, dass ich hinterher helfe, die Küche aufzuräumen. Als ich dann spät in der Nacht weiter will, werde ich gefragt, wo ich denn hin will. An den Strand, schlafen. Nee, nee, werde ich belehrt. Und eine halbe Stunde später liege ich auf einer Liege in einem Zimmer unterm Dach, das nicht viel größer ist als die Liege selbst. Ein wenig stickig, aber besser als am Strand.

 

Km: 26,7,  Kasse: Euro 345

06.07.2006 um 09:13 Uhr

Donnerstag, 29. Juni, Beachwalking

Musik: Mr. Soul, Neil Young

Noch ein fußballfreier Tag. Allerdings einer, bei dem ich schwer aus dem Zelt komme. War wohl doch ein wenig zu lange gestern. Aber schon gegen halb neun wird es ziemlich warm und so mache ich mich mal ans Packen. Die anderen liegen meist noch in ihre Schlafsäcke gewickelt – dass das denen nicht zu warm ist. Ein paar Engländer frühstücken das erste Bier, puh. Ich mache mich auf meinen Weg. Nicht gerade toll zu laufen mit dem schweren Rad im Sand. Ich werde mal darüber nachdenken, was meine Rippen sagen, wenn ich den Rucksack wieder aufnehme. Auf einem Radweg geht es dann schon wieder besser. In La Grande Motte (Großer Haufen, sehr passend) kaufe ich Brot, wundere mich über die Touristenpreise,  und frage einen jüngeren Franzosen, der hier Urlaub macht, ob ihn die riesigen Betonbunker nicht stören. Nee, meint er, er schläft da nur drin. Da sieht er sie nicht. Aber er kommt schon seit zehn Jahren hierher, früher mit seinen Eltern, jetzt alleine. Ihm gefällts hier und man trifft viele Leute. Vor allem Mädels, fügt er noch hinzu und lacht. Und er erzählt er mir, dass die ganze Stadt mehr oder weniger in einer Nacht- und Nebelaktion von Paris aus geplant und gebaut wurde. Grund war, dass früher so viele Franzosen nach Spanien in den Urlaub fuhren und es in Frankreich nicht genügend Hotels gab. Zunächst war das eine Riesenschweinerei, weil da einige sich dumm und dämlich verdient haben. Aber inzwischen hat man sich daran gewöhnt – vor allem die Einheimischen. Die verdienen natürlich gut daran. Meine Stadt ist es nicht und ich laufe weiter. Strand, Strand, Strand … und kein Schatten in Sicht. Ich bereue es, dass ich so spät losgezogen bin. Die quirrlige und laute Urlaubsatmosphäre kommt mir wie aus einem fremden Film vor. Aber das Meer ist schön. Und trügerisch. Es schickt immer wieder ein wenig Abkühlung, aber die Sonne brennt mörderisch. Ich kaufe mir eine Flasche Sonnenschutz, Faktor 30. Schon jetzt ist es ziemlich voll hier am Strand. Ich will gar nicht wissen, wie das im August oder an einem Wochenende aussieht.  Alles Badestrand, eine Bude, ein Restaurant am anderen. Nach Palaves-les-Flots wird es ein wenig besser. Mehr Strand, mehr Meer. Ich habe ein paar Stunden über Mittag im Schatten einer kleinen Strandbude verbracht und für den Besitzer hin und wieder die Tische abgeräumt und geputzt. Dafür gabs dann Wasser (das angebotene Cola war mir bei dem Wetter zu babbig) und ein belegtes Baguette. Leider hat sich meine Hoffnung auf Abkühlung am späten Nachmittag nicht so recht erfüllt. An der Kathedrale von Maguelone hab ich dann auch keine Lust mehr. Natürlich ist die Kirche zu. Bin ja auch viel zu spät dran. Aber auch von außen ist die Kirche sehenswert. Vor allem durch ihr Lage zwischen Mittelmeer und dem Etang.

  

Km: 24,0,  Kasse: Euro 351

06.07.2006 um 08:46 Uhr

Mittwoch, 28. Juni, Weißes Gold

Musik: Angie, Rolling Stones

Beim sehr gehaltvollen Frühstück mit Käseomelette und sehr ! salzig eingelegtem Gemüse fallen mir die Salinen hier wieder ein. Ich frage, ob sie vielleicht jemanden kennen, der mir für einen oder zwei Tage Arbeit geben würde in so einer Saline. Aber sie winken ab. Das ist Arbeit, die ist nicht nur sehr schwer, die erfordert auch eine Menge Erfahrung. Die brauchen keine Aushilfskräfte. Aber ich bekomme immerhin die Adresse vom La Marine in Sete. In der Gastronomie werden immer Leute gesucht. Und ich bekomme einen Tipp, wo man die Stiere ganz gut sehen kann. Und die sehe ich dann auch, mehr als ich gedacht habe. Allerdings sind sie irgendwie ziemlich faul, habe ich das Gefühl. Aber bei dem Wetter kein Wunder. Am späten Nachmittag kommt wieder Straße und Aigues-Mortes in Sicht. Schade, die schönen. fast menschenleeren Wege zwischen den Kanälen und Seen hier haben mir gut gefallen. Um so größer ist der Schock, als ich nach Aigues-Mortes reinkomme. Es ist ein einziges Schieben von einem Souvenirladen zum nächsten. Blöderweise habe ich mich hier auf eine Pause eingestellt. Ich finde eine günstige Kneipe, wo ich Pommes und Salat für 5 Euro bekomme. Und ich bekomme von einem Engländer den Tipp für ein günstiges Internet-Café. Man bekommt kostenlos Eistee, wenn man mehr als eine Stunde surft. Mehr als eine Stunde, das schaffe ich locker. Also dann, nichts wie hin. Vorher aber gönne ich mir noch eine Stunde außerhalb der schönen Stadtmauer und schnorre mir einen Blick in einen Reiseführer von einem deutschen Ehepaar um die 60, die gar nicht verstehen können, dass ich ohne Reiseführer losgezogen bin. Ich sage ihnen, dass jedes Gramm zählt, wenn man es auf dem Rücken hat. Sie lachen nur, weil sie sehen, dass ich mein Gepäck ja nicht auf dem Rücken, sondern auf dem Rad habe. Es gibt tatsächlich Eistee, aber der ist so süß, dass ich nicht viel trinken kann. Dafür geben die Mädels dort eine große Tüte Chips aus und ich spendiere Nougat. Tolle Mischung. Außerdem geben sie mir noch Tipps, wo ich in der Nähe von La Boucenette gut am Strand zelten kann. Der Weg dahin ist allerdings nicht so toll, viel Verkehr und der Weg direkt an der Straße. Ich bin froh, als ich das Meer erreiche. Auch, wenn es hier nicht so schön ist. La Grande Motte kommt in Sicht. Eine furchtbare Stadt mit ihren riesigen Touristenbunkern. Wer will denn da wohnen? Und das noch im Urlaub? Ich finde die beschriebene Stelle, an der schon ein paar andere jüngere Leute zelten oder ihren Schlafsack in den Sand legen. Kein Fußball heute. Schon komisch. Zwei Tage lang tut sich nicht, und dann kommt am Freitag das Spiel der Spiele gegen Argentinien. Statt Fußball gibt es Beach-Volleyball, statt Musikbox ein Gitarrenkonzert zum Mitgröhlen. Der Hit ist Angie von den Stones, das kennen Belgier, Franzosen, Deutsche …

 

Km: 22,9,  Kasse: Euro 364