Jakobsweg_ohne_Geld

28.07.2006 um 09:45 Uhr

27. Juli, Lourdes – ein Fehler

Musik: Don’t think twice, Bob Dylan

Ganz sicher war ich mir nicht, aber jetzt, wo ich in der Stadt bin, da kommt es mir so vor, als hätte ich schon heute morgen gewusst, dass es ein Fehler ist, nach Lourdes zu gehen. Meine Beine sträubten sich schon am Morgen dagegen. Wollten sich nicht den kleinen, giftigen Anstieg hochquälen. Mein Magen war dagegen, so viel Wasser und so wenig Essen zu sich zu nehmen. Nichts zu kaufen bis zum Nachmittag. Und der Kopf, der hing seltsam leer herum. Dabei war Lourdes ja ein Ziel gewesen. Jetzt lag es vor mir, wie ein Amphitheater eingebettet in den Talkessel. Aber das Stück, das da unten gespielt wurde, das gefiel mir nicht. Aber natürlich wollte ich es sehen. Also Augen auf und rein. Ich glaube, es gab noch keinen Ort, der mich so enttäuscht hat. Wo war der Geist? Wo das Gefühl? Wo die Ruhe? Die Andacht? Ich kam mir vor wie in einem überdimensionalen Souvenirshop. Carcassonne war dagegen ein beschaulicher Ort. Wer bisher nicht der Meinung war, dass man Seeligkeit und das Glück im Paradies kaufen kann - hier muss er seine Meinung ändern. Nach einer Stunde beschließe ich, dass alles nur ein Irrtum ist. Lourdes ist ein Film von den Marx-Brothers. Wie anders wäre die Szene zu erklären, wenn zwei Frauen in Nonnentracht mit einem Waschkorb in einem Leiterwagen das Geld abtransportieren, das sie aus den Boxen für Kerzen und Karten holen. Mit einem Mal muss ich lachen – und siehe da, alles wird gut. Ich finde einen Platz in einem Schlafsaal. Die Dusche tut gut, das Gepäck kann man einschließen. Danach muss ich nur noch schmunzeln über die Plastikmadonnen mit abschraubbarem Kopf, die hier der Renner sind, weil man das heilige Wasser darin einfüllen kann. Ich kann mich amüsieren über das heilige Wasser aus der Wasserleitung, denn sie eigentliche Quelle gibt so viel gar nicht her. Ich lächle über die Menschen, die mit einem Taschentuch den Staub von der Grotte sammeln. Und alles in Eile, mit bissigen Kommentaren gegenüber anderen Pilgergruppen, die nicht schnell genug vorankommen. Als es dunkel wird, werden die alten Frauen wieder Kinder und begeistern sich für Kerzen und Fackeln.   

Km: 22,4 Kasse: Euro 171

28.07.2006 um 09:28 Uhr

26. Juli, Aufgestiegen

Musik: Geiler is schon, Westernhagen

Das Tal der Adour ist wirklich wunderschön. Ein schöner Weg geht zum Teil ein paar Meter neben der Straße. Ich genieße es, wieder sehr früh unterwegs zu sein. Aber dann kommt die Sonne wieder und steigt auf den Rucksack. Ich mache Pause, zu lange, und bereue es. Es wird schnell heiß und sehr schwül. Die Grottes de Medous liegen am Weg. Das wäre eine nette Abkühlung, ein paar Stunden da drin zu verbringen. Aber für eine Abkühlung ist es zu teuer. Außerdem will ich unbedingt mal wieder schauen, was meine Mailbox macht. Und ein paar Seiten blog sollte ich auch einmal wieder schreiben. Also gehe ich weiter nach Bagnere de Bigorre. Die Stadt ist heiß und atmet schwer. Aber sie hat eine Internet-Kneipe. Auch hier ist es heiß, aber es gibt Wasser und eine Pizzeria. Also ran an die Mails. Danke für die Geduld, die Ihr gehabt habt. Das ist schon Schwerstarbeit, sich da durchzuwühlen. Spams und Freunde zu trennen und dann noch immer ein paar nette Sätze zu schreiben. Viel passiert ist nicht. Der Klinsmann-Effekt wurde benamst. Der neue Duden kam raus. Die Italiener haben ihren Fußball-Skandal wie gewohnt ohne größere Konsequenzen beendet. Und ich – bin aufgestiegen. Ich darf in der kommenden Saison Oberliga pfeifen. Das Problem nur: Ich habe mich ja gar nicht mal gemeldet für die Saison. Ich wusste ja nicht, wann ich wieder zurück bin. An dem Lehrgang kann ich also nicht teilnehmen. Hat mein netter Verein das wieder verschlafen? Ich schreibe also schnell ein Mail zurück und erkläre das. Und siehe da, nach nicht mal einer halben Stunde habe ich die Antwort. Es ist gar kein Problem. Meine Bewertungen waren wohl so gut, dass ich sozusagen auf die Warteliste gesetzt werde. Ich kann den nächsten Lehrgang mitmachen und auch mitten in der Saison einsteigen. Wenn das so weiter geht, dann pfeife ich eines Tage doch noch in der Bundesliga. Wenn das wirklich mal wahr wird, lass ich mir eine Glatze scheren – schließlich  ist Collina schon immer mein Lieblingsschiedsrichter gewesen, auch, wenn sie ihn ausgebootet haben. Ob es da wohl einen Zusammenhang gab? Schön lächerlich. Den besten Mann schmeißen sie raus, weil er Werbung macht. Und Schiedsrichter, die nachweißlich bestochen/beeinflusst waren, bekommen 4 Monate Sperre. Widerwillig verlasse ich das Internet. Zum Glück hat es schon abgekühlt. Aber ich komme trotzdem nicht mehr weit, habe schwere Beine. Bei Pouzac biege ich links ab. So spare ich mir einige Kilometer Straße und Verkehr. Und ich finde leichter einen Platz zum Zelten. Heute mal wieder bei einem Bauernhof, bei dem ich auch den eiskalten Brunnen nutzen kann.

Km: 19,9 Kasse: Euro 182

28.07.2006 um 09:06 Uhr

25. Juli, Tour der Leiden

Musik: Corinna, Corinna, Wolfgang Ambros

Mit einem guten Frühstück im Bauch und ein paar Kopien von Wanderkarten meiner nächsten Strecken mache ich mich wieder auf den Weg. Wenn ich die Höhenangaben richtig erkenne, dann liegt Arreau auf einer Höhe von 698 Meter – und praktisch hinter der Stadt beginnt der Aufstieg zum Col d’Aspin. Da oben sind es dann 1489. In engen Kehren windet sich die Straße den Berg hinauf. Und jeder, der sich da einmal ohne Motorhilfe hinauf gequält hat, der weiß, warum die Tour de France auch Tour der Leiden heißt. Denn die zieht hier regelmäßig hinauf. Nicht weit davon ist der noch berüchtigtere Col du Tourmalet, der bis über 2100 Meter hochgeht. In früheren Jahren hatte einer der Fahrer die Organisatoren der Tour einmal als Mörder beschimpft, weil sie den Pass in die Tour eingebaut haben. Und es ist wirklich mörderisch. Es zieht sich. Das Wasser ist schnell alle. Ein Pärchen aus Berlin macht in einer Kehre Picknick und füllt meine Flasche nach. Irgendwann bin ich oben. Ich setze mich auf einen großen Stein und genieße die Aussicht und die klare Luft. Auffallend viele Radler quälen sich nach oben – die wollen es den Profis nachtun. Aber müssen sie das in der prallen Mittagshitze tun? Na ja, ich habe ja auch keine Wahl, aber dem einen oder anderen Gespräch entnehme ich dann schon die Reue, nicht doch ein paar Stunden früher losgefahren zu sein. Abwärts geht es besser. Zumal mit mehr Schatten und einem kühlen Bach als Begleiter. Pavolle lädt zur Rast ein, aber irgendwie scheint mir der Ort laut und hektisch. Da ist Ste-Marie-de-Campan gemütlicher. Aber da ist die Luft auch schon ein paar Grad kälter, die Sonne bereits dabei, uns eine kleine Pause zu gönnen. Ich bin einen Augenblick versucht, nach Süden abzubiegen und den Col du Tourmalet mal anzuschauen. Aber ich lasse es dann doch, suche mir einen schönen Platz für mein Zelt und warte auf Sternschnuppen.

Km: 28,1 Kasse: Euro 196

28.07.2006 um 08:52 Uhr

24. Juli, Ruinat

Musik: The fool on the hill, The Beatles

Die kleine Straße ist schön zu laufen. Immer mal wieder ein Baum, der Schatten gibt, wenig Verkehr, die Berge als Kulisse. Ich habe das Laufe ein wenig automatisiert – gehe, ohne groß nachzudenken. Genieße es, wenn die Landschaft langsam, aber stetig an mir vorbei zieht. Bourg d’Oueil taucht auf. Der kleine Ort wirkt auf mich, als hätte man ihn vergessen. Kein Mensch auf der Straße. Wohnt hier jemand? Ja, ein Vorhang bewegt sich, ein zuckt im Schatten seiner Hütte matt mit dem Schwanz … Bareilles schein mir ein wenig lebendiger. Aber das ist relativ. Es geht bergab, es wird heißer … Ich erreiche Arreau. Arme und Gesicht im Brunnen kühlen. Die Kirche ist offen. Ich beschließe eine kleine Pause. Der Innenraum hat nichts Besonderes zu bieten, aber es ist nett und alles passt zueinander. Während ich mir den Altar anschaue, kommt eine Frau und stellt Blumen in eine Vase. Sie sieht meinen Rucksack und die Muschel und wir kommen ins Gespräch. Über den Jakobsweg, über das Wandern und über Gott und die Welt. Schließlich lädt sie mich ein zum Abendessen. Sie hat eh Freunde da und zwei kommen nicht. „Ich kann also für zwei essen“, sagt sie lachend. Ich weiß nicht, ob ich das getan habe, wahrscheinlich schon. Der Tag heute war von der Verpflegung her nicht so toll. Wie eine Belohnung schien mir das hier. Und vor allem konnte ich duschen (das war aber auch notwendig), die Übernachtung im Gartenhaus war auch kein Thema und ich konnte endlich die Akkus laden. Schließlich kamen die Gäste und ich musste natürlich erzählen, wie ich auf die Tour kam, was unterwegs so passiert ist. Puh, gar nicht so einfach, auf einmal wieder so viel Kommunikation treiben zu müssen. Aber ich wurde fürstlich dafür belohnt, denn das Essen war phantastisch. Und noch besser war das Trinken, es gab einen hervorragenden Rotwein aus der Gegend und als Aperitif einen Champagner. Habe mir extra den Namen gemerkt: Ruinat, kupferfarbenes Etikett mit einem schwarzen „R“. Wer mal die Chance hat, so einen zu trinken, sollte das tun. Obwohl niemand von meinen Gastgebern wusste, ob es den in Deutschland überhaupt zu kaufen gibt. Also, ich würde behaupten, dagegen kann man einen Moet gerade mal für eine Bowle nehmen. Das Essen war übrigens nett. Es sind vier Ehepaar (eines fehlte), die sich regelmäßig einmal die Woche zum Essen abwechselnd in vier Lokalen getroffen haben. Dann hat eines der Lokale geschlossen, in einem hatten sie Krach mit dem Besitzer, eines hat einen neuen Koch und eines … weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall haben sie dann beschlossen, dass sie selbst kochen, jede Woche jemand anders für den Rest. Und wie gesagt, das Essen konnte sich sehen lassen! Davon verstehen die Franzosen wirklich etwas.

Km: 29,0 Kasse: Euro 205

28.07.2006 um 08:32 Uhr

23. Juli, Ich bin über de(n)m Berg

Musik: Neil Young, Burned

Der Morgen beginnt ernüchternd. Ich habe nichts mehr zu essen. Ich habe Gummi in den Knien. Ich habe einen ziemlichen Sonnenbrand. Und ich weiß, dass ich die Berge, die ich jetzt überquert habe, in die andere Richtung noch einmal bewältigen muss. Kurz die frische Bergluft inhaliert und los. Ich muss mich nach Osten wenden, immer noch ohne richtigen Weg. Aber der kommt nach einer guten halben Stunde, kommt aus einer anderen Richtung, mehr Osten. Immerhin, er bringt mich schnell und gut ins Tal und nach Hospice de France. Auf die Frau, die ich nach einer Einkaufsmöglichkeit gefragt habe, muss ich schrecklich gewirkt haben. Sie hat mich auf jeden Fall mit allem versorgt, was ich brauche oder zu brauchen schien. Sonnencreme, Tee, Obst, Brot, Paprika … Später gönne ich mir an einem Kiosk noch einen Riegel Schoki. Die Straße kommt, der Verkehr kommt, die Menschen kommen, Bagnesres-de-Luchon kommt, ein etwas komischer Kurort. Ich laufe durch und staune, wie ein so kleiner Ort so hektisch sein kann. Immerhin gibt es etwas zu essen hier, das ist ja auch schon mal was. Bei St. Auventin steht eine schöne Kapelle (natürlich zu, war ja klar). Aber gut für eine kleine Pause im Schatten. Und danach geht ein Weg von der großen Straße ab, der in meine Richtung führt. Ich laufe, bis es dämmrig wird und schlage mich dann in die Büsche.

 

Km: 25,9 Kasse: Euro 211

28.07.2006 um 08:07 Uhr

21. und 22. Juli, Ende der Steinzeit

Musik: John Miles, Music

Ist schon ein komisches Gefühl, jetzt auf einmal alleine aufzuwachen. Jagger ist weg. Keine Stones-Lieder mehr. Dafür Steine vor mir. Ein großer Haufen Steine, der auf den Namen Pico de Aneto hört. Und davor noch ein kleiner Bergrücken. Den gehe ich dann schnell an. Der Weg ist gut und geht auf der Kuppe angenehm bergab. Was für ein Gefühl, auf einmal wieder alleine unterwegs zu sein. Ich kann mein eigenes Tempo gehen, meine eigenen Pausenzeiten machen, die eigene Route nehmen … Und ich habe niemanden mehr, der etwas anderes als ich sieht, riecht, hört, denkt … Ich brauche eine Weile, bis ich mich daran wieder gewöhnt habe. Inzwischen erreiche ich Senet. Letzte und einzige Möglichkeit, Verpflegung aufzunehmen und mich nach der Route zu erkundigen. Ersteres ist schwer, aber immer noch einfacher als die Geschichte mit der Route. Letztlich erfahre ich alles und nichts. Ich treffe nur Menschen, die alle wissen, wo es langgeht, aber die noch nie selbst über den Berg gelaufen sind. Und alle haben unterschiedliche Meinungen, schon über den Einstieg. Mit einem etwas komischen Gefühl verlasse ich Senet und laufe die Straße entlang. Nicht so angenehm, weil viele Wohnwagen und Lkw unterwegs sind. So laufe ich schnell und will es hinter mich bringen. Dann biegt ein Feldweg links ab – ich hoffe, dass das der „Einstieg“ ist. Denn entgegen der Aussagen ist nichts ausgeschildert oder gekennzeichnet. Weder hier am Abzweig noch später. Aber die Richtung des Weges stimmt und er geht von der Straße weg, das ist ja schon mal was. Also lauf ich einen Bach entlang, mache unter ein paar Bäumen Pause … Nach einer Biegung geht es dann bergauf. Ziemlich heftig, und die Sonne sitzt zusätzlich noch auf dem Rucksack und drückt mit aller Macht. Immer wieder gehe ich zum Wasser hinunter und kühle Gesicht und Arme im kalten Wasser. Schließlich stehe ich vor einem kleinen See. Davon hatten die Leute gesprochen. Keiner da, also nehme ich als erstes Mal ein Bad. Puh, eiskalt, aber doch angenehm. Ich sammle Holz und baue in einer Kuhle mein Zelt auf. Das Feuer hält die Mücken ab, der Sternenhimmel ist grandios.

Am nächsten Morgen folge ich einem Pfad nach Norden. Es geht weiter steil bergauf und hin und wieder ist der Weg unangenehm zu gehen durch das feine Geröll. Ich bin früh los, wollte nicht, dass jemand mein Zelt sieht und wollte auch der Sonne ein wenig ausweichen. Ein warmer Wind kommt aus dem Tal und schiebt mich voran. Nur: Wohin? Einen Weg oder Pfad oder gar die versprochenen Markierungen gibt es nicht mehr. Ich bin ziemlich unsicher, was die Richtung angeht. Obwohl, die Richtung ist klar, der Pico de Aneto muss links liegen bleiben. Dann wird das schon stimmen. Ich gehe einfach nach Gefühl und dem Stand der Sonne. Und immer zu einer Stelle hin, von der ich annehme, dass ich dort am einfachsten über den Sattel komme. Und irgendwie stimmt es auch. Ich habe keine Ahnung, wie weit ich oben bin, wahrscheinlich aber meine größte Höhe bisher. Die Sonne brennt und ich schaue nur kurz über die Berge. Also wieder runter, steil runter. Teilweise rutsche ich auf dem Geröll abwärts. Das Tal unten ist gut zu sehen. Und auch, zumindest so wie ich es mir denke, die stelle, an der ich über den Pass muss. Unten im Tal endlich Schatten und eine Pause. Und wieder ein kalter kleiner Bergbach, der Kühlung bringt. Später dann eine Quelle und endlich frisches Wasser. Das Problem im Tal: Ich habe keine Ahnung, wann ich wieder raus muss und wo. Keine Kennzeichnung, und keine nach Sicht nach oben. Ich gehe nach meiner selbst gezeichneten Karte, und als der Bach nach Süden abbiegt, verlasse ich das Tal einfach. Ich finde eine etwas weniger steile Stelle. Hin und wieder muss ich klettern, aber dann habe ich das steilste Stück geschafft und sehe endlich auch wieder den Bergrücken, über den ich will. Das da oben könnte der Pass sein, also laufe ich einfach in die Richtung. Längere Pause im Schatten eines großen Felsens, und dann abends noch weiter. Nur langsam kommt Pass näher, manchmal habe ich das Gefühl, dass er heimlich ein paar Schritte rückwärts geht, wenn ich nicht hinschaue. Ich weiß, dass ich es heute nicht mehr schaffe bis nach Hospice de France. Und ich weiß, dass mein Abendessen dürftig ausfällt, das Frühstück ganz. Immerhin finde ich eine weitere Quelle und Wasser. Schließlich bin ich oben. Was für ein Gefühl. Ich kann die Lichter sehen, schon wieder Frankreich … Da es schon dämmrig wird, gehe ich nur ein paar hundert Meter und übernachte dann hier oben.

Km: 43,9 Kasse: Euro 217

28.07.2006 um 07:39 Uhr

20. Juli, Vall de Boi

Musik: Rolling Stones, Street fighting man

Da war doch was an dem Tag. Jagger singt „Street fighting man“ zum Frühstück und wir beschließen, das Lied allen zu widmen, die sich gegen Gewalt, vor allem militärische, engagieren. Ansonsten sind wir früh unterwegs, auch aus Angst, dass uns doch die Parkaufsicht erwischen könnte. Der Weg nach Süden ist ziemlich steil und irgendwie habe ich das Gefühl, wir haben uns verlaufen. Der Weg stimmt in der Richtung nicht mir dem überein, was Jagger auf der Karte hat. Schließlich, als es gar zu sehr nach Osten geht, verlassen wir den Weg, gehen querfeldein, kommen auf einen anderen Weg, der und schließlich nach Südwesten führt, und endlich ins Vall de Boi. Ein tüchtiger Umweg, wie wir feststellen. Aber ein schöner. Mittagszeit. Alles wirkt verschlafen, und ich habe das Gefühl, dass das auch sonst nicht viel unruhiger werden wird. Dabei sind die Kirchen hier doch ein Unesco. Wo sind die Busse? Natürlich sind die Kirchen noch zu, und auch für die erste Bar müssen wir noch ein Stück laufen bis ins Dörfchen Boi. Ein großer Pott Kaffee und viele Fragen vom Wirt, der sich wundert, dass ein Jakobspilger hier vorbei kommt. Er hat meine Muschel sofort gesehen und erzählt, dass er den Weg selbst schon drei Mal gegangen ist. Nicht immer ganz, einmal von hier bis Burgos, einmal von Jaca aus ganz, einmal von Pamplona bis Sarria. Er klopft auf seinen weinfassähnlichen Bauch und meint, dass das gut ist für die Figur und dass er mal wieder loslaufen sollte. Ich kaufe bei ihm meine Postkarte und wir bekommen zwei belegte Brote. Zwar nicht billiger, aber dafür extra dick mit Wurst und Käse. Außerdem weiß er, welche der Kirchen gleich aufmacht. Und da sehen wir dann auch den ersten Bus. Holländer natürlich … Zum Glück gehen die meisten gar nicht in die Kirche, sondern direkt aus dem Bus in die Bar. Wir verdösen die heißen Stunden unter einem großen Baum, der Bus ist weg, es ist ruhig hier. Friedlich und die ganze Gegend strahlt etwas aus, das man nicht beschreiben kann. Wieder so ein Platz, der „etwas hat“. Ein Fleck Erde, der anders ist, auch wenn man das nicht beschreiben kann. Also, ich nicht. Falls jemand schon mal im Vall de Boi war, würden mich seine Eindrücke interessieren. Jagger und ich trennen uns hier. Wir schieben das ein wenig raus, trinken noch einen Wein zusammen, essen einen Salat. Und ich mache mir eine Skizze von der Karte und der Route, die ich gehen will. Zuerst dachte ich, ich nehme den direkten Weg nach Westen. Da war ein nett aussehendes kleines Tal. Aber das führte geradewegs auf einen 3000er Berg zu. Ich habe spontan beschlossen, nach Lourdes zu gehen. Also muss ich wieder nach Norden, wieder nach Frankreich. Also will ich den Umweg, die Straße nach Pont de Suete, nicht gehen. Wir fragen zwei Leute in der Kneipe. Ja, nach Senet, über den Bergrücken, das geht. Das sind runde 10 Kilometer. Aber dann geht es entweder die Straße entlang, und das ist nicht schön, zumal ein großer Tunnel kommt. Und weiter westlich steht mir der Pico de Aneto im Weg, und der hat schlanke 3404 Meter. Puh, das ist eine Menge. Aber es geht, sagt einer. Allerdings ist der Sattel, über den man da steigen muss, schon hoch. Wie hoch, das weiß er nicht. Aber er weiß, wo der Einstieg ist. Und der Weg soll gut ausgezeichnet sein. Von da kommt dann ein kleines Tal, das man aber wieder verlassen muss und über einen weiteren Sattel, der laut Jaggers Karte 2450 Meter hat nach Frankreich kommt. Zwischen Senet und Hospice de France gibt es keine Menschenseele, sagen die Leute. Gut, sage ich. Luftlinie sind das gerade mal etwas über 20 Kilometer, real sicher 30. Also zwei gemütliche Tage. Ein kurzes Schulterklopfen, ein Schnaps vom Wirt, dann trennen sich unsere Wege. Jagger geht nach Süden, ich nach Westen. Weit komme ich eh nicht mehr an dem Tag, aber weit genug, um einen schönen Platz zu finden, mit eigenem Brunnen und schöner Sicht auf das Tal, das schnell dunkel wird.

 

Km: 18,2 Kasse: Euro 232