Ein komisches Gefühl ist es schon, als ich früh morgens nach
Jaca hineinlaufe. Jetzt bin ich also auf dem Jakobsweg. Den hatte ich bisher ja
immer mal wieder gekreuzt, ihn eine Strecke lang begleitet, aber auch immer
wieder verlassen. Jetzt werde ich das wohl eher nicht mehr tun oder nicht mehr
können. Und nach allem, was man mir so gesagt hat, wird sich das gerade auf
meine Art des Pilgerns auswirken. Ich bin gespannt. Voller gemischter Gefühle.
Ich bin mit Jorge erst gegen 12 Uhr verabredet und so habe ich noch ein wenig
Zeit, die Stadt ungefiltert zu genießen. Ein gutes Gefühl, auch wenn ich ein
wenig zu spät dran bin, die Stadt „erwachen“ zu sehen. Im Süden geht das eben
schon ziemlich früh von statten. Trotzdem liebe ich es, das quirrlige
Morgenleben zu beobachten. Danach endlich wieder ein Abstecher ins Internet –
Blog und Mails schreiben. Jorge ist einigermaßen pünktlich und wir machen uns
auf einen kleinen Spaziergang durch die Stadt. Jorge redet ununterbrochen.
Erklärt hier und da etwas, zeigt irgendwelche kleinen Details und begrüßt
Freunde. Sehr kurzweilig tauche ich so in die Stadt noch tiefer ein. Natürlich
steht die Kathedrale im Mittelpunkt. Eine der ältesten romanischen Kirchen
Spaniens, und doch mit einer außergewöhnlichen Figurenpracht geschmückt. Schon
ist es später Nachmittag und Jorge lädt mich in eine kleine Bar ein. Danach
will ich mich eigentlich verabschieden und noch ein paar Kilometer gehen, aber
Jorge meint, dass er dachte, ich bleibe über Nacht. Er hat schon bei seiner
Mutter das Gästezimmer reserviert. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ab
jetzt ein wenig mehr „Gas zu geben“. Aber daraus wird nichts. Er hakt sich
unter und schleppt mich zum Haus seiner Mutter. Hier ist großes Hallo – ein
halbes Dutzend Leute sind da, alles gestandene Jakobspilger, wie sich
herausstellt. Wenn man hier direkt am Jakobsweg wohnt und jeden Tag die
Menschen sieht, die vorüberpilgern, dann muss man sich auf den Weg machen, sagt
ein älterer Herr, der den Weg von hier aus vor drei Jahren in beide Richtungen
gegangen ist. Warum sollte ich zurück den Zug nehmen, sagt er. Das haben die
Pilger früher auch nicht gemacht. Außerdem habe ich Zeit, sagt und lacht. In
der Küche ist Hochbetrieb und Jorges Schwester stellt erst einmal fest, dass
ich sicher meine Kleider waschen will. Also werde ich in den Keller bugsiert
und in die Waschmaschine eingewiesen. Als die läuft und wir wieder nach oben
kommen, ist der Tisch schon gedeckt. Wir stoßen mit einem Cava an. Ist viel
besser als Champagner, aber viel billiger, sagt Jorge. Ich nicke, will aber
keinen wirklichen Vergleich zum Ruinart ziehen. Das geht sich er auch preislich
nicht. Ich habe schon festgestellt, dass der Wein in Spanien viel billiger ist
als in Frankreich (von Deutschland mal ganz zu schweigen). Vor allem der
spanische Wein ist bei uns sehr teuer, hier gibt es eine gute Flasche für
weniger als drei Euro. Aber ich bin, die Württemberger werden es mir verzeihen,
eh kein Freund von Trollinger und Riesling. Ein paar Stunden und viele
Jakobs-Geschichten später verläuft sich die Gesellschaft dann. Ich muss noch
Wäsche aufhängen, die hatten wir ganz vergessen. Am nächsten Tag ist die
natürlich nicht trocken, aber ich bin natürlich immer noch Gast. Die Mutter
spricht nur Spanisch, aber Jorge übersetzt, dass ich ja mal, nach so einer
langen Wanderung eine Pause brauche. Also habe ich noch einen Tag in Jaca, den
ich mit Körper- und Ausrüstungspflege, mit Internet und Kräfte sammeln
verbringe. Ich frage Jorge, wie denn die Chancen sind, für ein paar Tage eine
Arbeit zu finden. Er zieht nur die Augenbrauen hoch und saugt tief Luft ein. Am
Abend ist wieder die kleine Pilgermannschaft versammelt. Ein paar neue
Gesichter und ein paar neue Geschichten. Immer wieder von den Leuten, die den
Jakobsweg „abrennen“ müssen. Die einen Teil mit dem Bus fahren, nur um sich in
den Pilgerunterkünften einen Platz zu sichern. Aber auch von schönen Plätzen
„irgendwo zwischen Leon und Hospital de Orbigo“, wo man den Geist des Weges
spüren konnte. Jeder hatte so seinen eigenen „schönsten“ Platz, aber keiner
konnte ihn wirklich benennen. Oder wollte es nicht. Aber das ist ok, „schönste“
Plätze sind nun mal sehr persönlich. Mit viel zu viel klebrig süßem Nachtisch
im Bauch schlafe ich schließlich ein.
Km: 11,3 Kasse: Euro 121