Jakobsweg_ohne_Geld

11.08.2006 um 11:59 Uhr

10. August, Auf der Autobahn

Musik: I shall be released, The Band

Ich dachte, ich bin immer früh unterwegs, aber das täusche ich mich. Der Camino ist längst schon zur Autobahn geworden. Ein Wanderweg, auf dem, das lerne ich dann später am Tag, die Freaks schon frühmorgens mit Stirnlampen loslaufen. Nur, um rechtzeitig am Refugio zu sein und ein Bett zu bekommen. Nur so kann man es machen, höre ich. Sonst bekommt man keinen Platz mehr und muss vielleicht in ein teureres Privatquartier. Das kostet schnell mal 2 bis 3 Euro mehr pro Person. Ich sage nichts dazu, nicke nur und mümmle an meinem Brot. Später höre ich von einem Ehepaar aus Linz, dass die Herbergen keineswegs so überfüllt sind, dass man sich so sputen muss. Aber es gibt ein paar Herbergen, die stehen in den Caminoführern und sind deshalb besonders begehrt. Los Arcos gefällt mir nicht – ich lasse es schnell hinter mir und laufe auf der kleinen Landstraße nach Torres del Rio auf ein Quartett Holländer auf. Ich grüße und gehe vorbei. Nach eine halben Stunde kommen sie dann auf einmal wieder von hinten und überholen mich. In Torres del Rio sehe ich sie dann vor der Kirche sitzen. Bis ich dort bin, haben sie schon wieder gepackt und gehen weiter. Zwei Belgier, die ebenfalls vor der Kirche Pause machen, kommen lachend auf mich zu. Ich wäre also der Deutsche, der unbedingt vor den Holländern in Logrono sein möchte. Ich verstehe gar nichts. Und dann erzählen sie, dass die Holländer gemeint hätten, der Deutsche (also ich) würde extra schnell laufen, damit er ihnen, den Holländern, zeigen kann, wer der schnellere Wanderer ist.  Sie haben dann extra beschleunigt, denn so einen wie mich schaffen sie locker. Ich kriege mich fast nicht mehr ein vor Lachen. Beinahe hätte ich dabei vergessen, die Kirche anzuschauen. Da hätte ich wirklich fast was versäumt. Ich beschließe, dass ich gar nicht nach Logrono muss. Ich werde es einfach umgeben. Und so biege ich nach ein paar Kilometern in ein kleines Tal ein, dass mich, begleitet von Weinhängen, zum Ebro bringt. Hier laufe ich dann einfach am Ufer entlang, was sehr gut geht und suche mir noch vor Logrono einen Platz unter ein paar Weiden.


Km: 30,9 Kasse: Euro 84

11.08.2006 um 11:59 Uhr

9. August, Flitzesterne

Musik: Flitzesterne, Flitzesterne (selbst gedichtet, aber nicht hitparadenverdächtig)

Ich konnte mich gar nicht satt sehen. Ein Stern nach dem anderen flitzt durch den Nachthimmel. Also gut, das war übertrieben, aber 5 Stück habe ich sicher gesehen. Dann bin ich eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte ich mir gewünscht, dass ich mal wieder richtig gut schlafe. Gestern hat das irgendwie nicht so gut geklappt. Aber zurück zum Morgen. Nachdem ich die letzten Tage ein sehr lebhaftes Auf und Ab hinter mir hatte, ging es jetzt durch ein schönes, breites und vor allem ebenes Tal. Rio Salado, Salz-Fluss? Hm. Bei Lorca kam ich wieder auf den Weg. Nicht zu übersehen, denn es sind viele Menschen unterwegs. Ich reihe mich ein und mache die ersten Bekanntschaften mit Fahrrad-Pilger, die sich mit einer Sturmklingel den Weg freiklingeln. Die könnten auf der Straße, die parallel fährt, viel besser vorankommen. In Lorca treffe ich eine Engländerin, die verzweifelt nach einer Stelle sucht, an der sie ihren Pass stempeln kann. Sie hat noch in kaum einer Ortschaft einen Stempel versäumt, sagt sie stolz und ich muss ihre Sammlung bewundern. Sie ist seit Pamplona unterwegs, über das Hochgebirge wollte sie nicht gehen, meint sie. Das können die Extremsportler machen. Wozu gibt es einen Bus. Aber ich kann ihr nicht helfen, ich weiß nicht, wo ich einen Stempel bekommen kann. Ich hab seit Wochen keinen mehr „gesammelt“. Sie schaut mich an wie einen, der sich ohne Eintrittskarte in ein Opernkonzert geschmuggelt hat. „Oh“, meint sie nur noch, nickt und macht sich weiter auf die Suche. Estella ist eine wirklich schöne Stadt. Überall Kirchen, Klöster, Paläste … Ich verlaufe mich ein wenig darin, aber eher in der Zeit denn im Weg. Dabei ist der Ortskern gar nicht so groß. Zwei Pilger aus Brandenburg lassen mich einen Blick in ihren Reiseführer werfen. Als ich ihnen sage, dass ich aus Jaca komme und NICHT den Umweg nach Santa Maria de Eunate gemacht habe, da bekomme ich eine nicht ganz ernst gemeinte Predigt zu hören, dass dann der ganze Weg umsonst war. Diese einsame Kirche muss man gesehen haben. Das ist heiliger Boden. Ich lache und sage, dass ich schon so viele Sachen unterwegs NICHT gesehen habe. Schon ein Grund, noch einmal zu kommen. Ob der Weinbrunnen ein Grund, wieder zu kommen, das bezweifle ich. Aber eine nette Idee ist es schon. Vor allem wurde dem Brunnen jetzt am Nachmittag schon heftig zu gesprochen. Ich würde mal gerne umfassende Studien anstellen, welche Landsleute am heftigsten zugreifen, weil es nichts kostet. Mein kurzer Aufenthalt von etwa einer Stunde hat mit einer Überraschung geendet. Erster Platz für die Schweizer, dicht gefolgt von Spanien. Ich verlasse das Monasterio de Irache frisch gestärkt und mache noch ein wenig Tempo. Der Himmel ist leicht bedeckt, das hält die Sonne ein wenig ab. Ein schöner alter Brunnen steht am Weg, er sieht aus, als müsste er eigentlich in Nordafrika stehen. Sind die Mauren bis hierher gekommen? Und stehen da noch Bauwerke aus dieser Zeit? Etwas abseits des Weges schlage ich mich dann wieder in die Büsche. Die Pilger sind längst alle in den Herbergen, der Weg liegt unter mir, verlassen, so als wäre es nur ein ganz normaler Feldweg. Beinahe Vollmond. Ein paar Schleierwolken ziehen romantisch, kitschig davor weg. Ich schaue ihnen zu – und sehe Flitzesterne …

 

Km: 32,6 Kasse: Euro 90

11.08.2006 um 11:58 Uhr

8. August, Vollpension

Musik: My my, hey hey, non, Neil Young

Auch das Frühstück war mit drin, davor der Weckdienst mit einem uralten Traktor, bei dem man die einzelnen Zündungen mitzählen konnte. Es schien, als müsse er sich jedes Mal überlegen, wie das mit dem Viertakt-Diesel nun funktioniert. Ich bekomme eine riesige Tüte Trauben geschenkt. Sie hat so viele von ihrem Sohn, sagt die Bäurin (wenn ich sie richtig verstanden habe). Und auch Brot, Käse, Oliven und Speck stecken in der Tüte. Das ist so viel, dass es für den ganzen Tag reicht. Nicht schlecht, den meine Kasse ist seit gestern wieder im zweistelligen Bereich. So langsam muss ich mal schauen, dass ich da wieder etwas reinfülle. Und dass ich schneller vorankomme. Leider widerspricht sich das. Aber laufen geht heute schon. Obwohl es wieder sehr heiß ist und ich jede Gelegenheit nutze, um an Wasser zu kommen. Allerdings sind das nicht viele. Aber die ersten zwei Stunden geht es schon. Dann baut sich die Autobahn auf. Wie eine Barriere kommt sie mir vor – komisch, dass man als Fußgänger so vom besten Freund des Autofahrers denkt. Zum Glück gibt es eine gute Straße hier, die auch noch unter der Autobahn durchführt. Aber die Straße führt nicht in die Richtung, in die ich will. Und von Muscheln weit und breit keine Spur. Dabei kann ich den Hauptweg schon fast riechen … Nur noch eine Sierra liegt dazwischen, dieses Mal namenlos auf meiner Karte. Also Augen auf und drüber. Geht dann aber ganz gut, und irgendwann bin ich dann, nach zwei Kurskorrekturen, in Artajona. Noch ein Stück laufe ich an dem Tag hinunter ins Arga-Tal. Nach Puente la Reina gehe ich dann aber nicht, beschließe ich, als ich abends mein Zelt aufschlage. Ich will ein wenig abkürzen. Geschlafen habe ich wieder bei einem Bauernhof, dieses Mal ohne Verpflegung, dafür mit einem bettelnden Hofhund und guter Duschmöglichkeit mittels Eimer. Aber ich hatte ja immer noch genug von meinem Paket, außerdem ein wunderbares dunkles Brot.

 

Km: 28,1 Kasse: Euro 96

11.08.2006 um 11:57 Uhr

7. August, Sierra de la Sierra

Musik: Gimme hope Jo'anna, Eddy Grant

Ich seh aus wie ein Streuselkuchen. Die Mücken haben mich wirklich voll erwischt. Komischerweise juckt es nicht, aber ein Pilger aus Mailand, den ich in Sanguesa treffe, gibt mir eine Creme gegen Stiche. Der ältere Herr spricht nur wenig Englisch, kein Deutsch oder Französisch oder Spanisch. Aber wenn ich es richtig verstanden habe, macht er sich jedes Jahr für zwei Wochen auf den Weg und schafft dann so um die 200 Kilometer. Aber er nimmt sich viel Zeit, um die Kirchen und Klöster auf dem Weg zu besichtigen und zu fotografieren. Dazu schleppt er eine Fotoausrüstung mit sich herum, die aller Ehren wert ist. Inklusive zwei Blitzgeräten und einem Stativ. Und weil das so schwer ist, hat er eine Art Einkaufswägelchen mit einem großen Doppelrad. Man muss ja nicht alles tragen. Da hat er Recht und muss an meinen Fahrradesel denken. Hier in Sanguesa gibt es eine Menge zu sehen und fotografieren. Allein das Portal der Kirche ist wie ein Ausflug in eine andere Welt. Eine Reise durch Himmel und Hölle. Leider kommt dann eine lärmende Schulklasse. Aber das kommt mir gerade Recht, ich hab lange genug pausiert. Mit zwei Franzosen aus der Nähe von Metz breche ich auf und wir unterhalten uns über den Weg und den Sinn, ihn zu gehen. Weil er da ist, sagen sie. Also sind wir wieder bei Reinhold Messner: Rauf auf den Berg, weil er da ist. Aber der Weg ist nicht „da“, er wurde von Menschen geschaffen und dazu gemacht, was er heute ist. Ich denke, dass er von jedem Menschen neu geschaffen wird und zu einem neuen Weg gestaltet. Die beiden Franzosen wollen nur bis Aibar gehen heute und dann den ursprünglichen Weg, der etwas weiter im Norden liegt. Aber ich will noch ein gutes Stück weiter und tauche ein in die nächste Sierra (de Izco). Eine wunderschöne Gegend wieder, und mir scheint es manchmal, als sei ich alleine auf der Welt. Am Fuße eines kleinen Berges übernachte ich auf dem Grundstück eines Bauernhofes und werde wie selbstverständlich mit verpflegt. 

11.08.2006 um 11:57 Uhr

6. August, Am Mückensee

Musik: Child in time, Deep Purple

6. August, Am Mückensee

Man kann nördlich des Stausees gehen, durch die kleine, aber wohl sehr schöne Sierra de Leire. Eine wilde Landschaft, hat einer der Männer gesagt, die sich lohnt. Oder man kann südlich vorbei gehen am See und dann nach Sanguesa gelangen. Ich entscheide mich für die Südroute. Dabei kommt man eigentlich gar nicht an den See, aber irgendwie bin ich dem kleinen Flüsschen zu lange gefolgt, war dann in Rusta und fand mit Hilfe von zwei Mountainbikern einen schönen Weg am Ufer des Sees entlang. Und da auch einen netten Zeltplatz. Der Jakobsweg geht eigentlich weg vom Stausee, aber irgendwie war mir nach See und Wasser. Rusta war die einzige nennenswerte Ortschaft heute, und die einzige, wo es etwas zu kaufen gab. Ansonsten war nicht viel zu berichten. Außer, dass ich lange vor dem Zelt lag und in den Nachthimmel geschaut habe. Irgendwo vom anderen Seeufer kam der Lärm einer großen Straße und eines Campingplatzes oder so daher. Ich warte immer noch auf Flitzesterne. Jetzt im August müssten die doch unterwegs sein (wahrscheinlich fahren die da auch in den Urlaub). Nicht im Urlaub sind die Stechmücken. Unterstützt von Glühwürmchen (damit sie besser sehen, nehme ich an), machen sie sich daran, das einzige Opfer auszusaugen, das weit und breit zu finden ist. Also mich. Sterne sehe ich viele, aber keiner will vom Himmel fallen. Muss ich eigentlich dabei in eine bestimmte Richtung schauen? Wieder mal nicht aufgepasst in der Schule, aber wenn ich mich nicht täusche, dann kommen die aus eine ganz bestimmten Richtung. Expertenrat ist gefragt.

 

Km: 31,8 Kasse: Euro 109

11.08.2006 um 11:56 Uhr

5. August, Folge dem Kaninchen

Musik: Halo of Flies, Alice Cooper

Zuerst ein Filmquizz: In welchem Film kommt der Satz vor: „Folge dem Kaninchen“? Ok, das ist einfach, muss ich nicht auflösen. Ich folge erst einmal der Muschel. Die ist eigentlich unübersehbar – und doch gab es gestern Abend schon Diskussionen, welchen Weg man denn am besten nimmt. Es gibt nie einen Jakobsweg, so scheint es mir, es sind immer Dutzende. Noch ein kräftiges Frühstück, noch mal schauen, ob auch alle Wäsche eingepackt ist, und dann geht es los. Jorges Mutter ließ sich es sich nicht nehmen, mir ein Fresspaket mitzugeben, das mich schier erdrückte. Kaum aus der Stadt draußen, war die Muschel schon wieder weg. Irgendwo hatte ich sie wohl doch übersehen. Aber ein Mümmelmann hoppelte ganz geruhsam von links nach rechts, einfach den Weg entlang. Folge dem Kaninchen, dachte ich, und so fand ich auch die Muschel wieder. Und den Weg, den man mir gestern ans Herz gelegt hat: Über den Monte Guaso nach St. Juan de la Pena. Eine schöne Strecke, die es aber mit einigen Steigungen in sich hat. Aber es lohnt: Die Barock-Kirche ist interessant, das alte Kloster ein Stück weiter und der Platz unter dem Felsen (Pena) einfach toll (finde ich). Der strahlt mal wieder diesen Geist aus, den manche Plätze haben. Danach geht es weiter durch die Sierra de Pena. Die Sicht ist klar, und ich kann im Norden immer mal wieder die Berge sehen. Der Weg geht eigentlich wieder zurück an den Fluss und damit an die Straße. Das will ich nicht und biege im kleinen Tag schon nach Westen ab, marschiere zwischen zwei gar nicht so niedrigen Berggipfeln hindurch. Ich gebe Gas, auch denn die Sierra mit einigen steilen Anstiegen in die Waden geht. Aber der Ruhetag hat mir anscheinend gut getan, und ich werde irgendwie nicht müde. Ich komme mir vor wie ein Husky: laufen, laufen, laufen … Obwohl ich ziemlich spät erst aufgebrochen bin und in St. Juan de la Pena eine längere Pause hatte, komme ich ganz gut voran. Wie weit bin ich denn schon gelaufen bisher? Die Frage nach den Kilometern stellte sich gestern Abend, aber ich konnte sie nicht beantworten. Ich werde wohl mal meine Aufschriebe zu Hause anschauen müssen und dann rechnen. Soweit ich den Kilometerzähler auch an hatte. Gestern und vorgestern beim Bummel durch die Stadt hatte ich das mal wieder nicht. Und das kam schon öfter vor. Sind auch immer gleich 10 Kilometer, die man da verbummelt.

11.08.2006 um 11:54 Uhr

3.-4. August, Jaca und der Jakobsweg

Ein komisches Gefühl ist es schon, als ich früh morgens nach Jaca hineinlaufe. Jetzt bin ich also auf dem Jakobsweg. Den hatte ich bisher ja immer mal wieder gekreuzt, ihn eine Strecke lang begleitet, aber auch immer wieder verlassen. Jetzt werde ich das wohl eher nicht mehr tun oder nicht mehr können. Und nach allem, was man mir so gesagt hat, wird sich das gerade auf meine Art des Pilgerns auswirken. Ich bin gespannt. Voller gemischter Gefühle. Ich bin mit Jorge erst gegen 12 Uhr verabredet und so habe ich noch ein wenig Zeit, die Stadt ungefiltert zu genießen. Ein gutes Gefühl, auch wenn ich ein wenig zu spät dran bin, die Stadt „erwachen“ zu sehen. Im Süden geht das eben schon ziemlich früh von statten. Trotzdem liebe ich es, das quirrlige Morgenleben zu beobachten. Danach endlich wieder ein Abstecher ins Internet – Blog und Mails schreiben. Jorge ist einigermaßen pünktlich und wir machen uns auf einen kleinen Spaziergang durch die Stadt. Jorge redet ununterbrochen. Erklärt hier und da etwas, zeigt irgendwelche kleinen Details und begrüßt Freunde. Sehr kurzweilig tauche ich so in die Stadt noch tiefer ein. Natürlich steht die Kathedrale im Mittelpunkt. Eine der ältesten romanischen Kirchen Spaniens, und doch mit einer außergewöhnlichen Figurenpracht geschmückt. Schon ist es später Nachmittag und Jorge lädt mich in eine kleine Bar ein. Danach will ich mich eigentlich verabschieden und noch ein paar Kilometer gehen, aber Jorge meint, dass er dachte, ich bleibe über Nacht. Er hat schon bei seiner Mutter das Gästezimmer reserviert. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ab jetzt ein wenig mehr „Gas zu geben“. Aber daraus wird nichts. Er hakt sich unter und schleppt mich zum Haus seiner Mutter. Hier ist großes Hallo – ein halbes Dutzend Leute sind da, alles gestandene Jakobspilger, wie sich herausstellt. Wenn man hier direkt am Jakobsweg wohnt und jeden Tag die Menschen sieht, die vorüberpilgern, dann muss man sich auf den Weg machen, sagt ein älterer Herr, der den Weg von hier aus vor drei Jahren in beide Richtungen gegangen ist. Warum sollte ich zurück den Zug nehmen, sagt er. Das haben die Pilger früher auch nicht gemacht. Außerdem habe ich Zeit, sagt und lacht. In der Küche ist Hochbetrieb und Jorges Schwester stellt erst einmal fest, dass ich sicher meine Kleider waschen will. Also werde ich in den Keller bugsiert und in die Waschmaschine eingewiesen. Als die läuft und wir wieder nach oben kommen, ist der Tisch schon gedeckt. Wir stoßen mit einem Cava an. Ist viel besser als Champagner, aber viel billiger, sagt Jorge. Ich nicke, will aber keinen wirklichen Vergleich zum Ruinart ziehen. Das geht sich er auch preislich nicht. Ich habe schon festgestellt, dass der Wein in Spanien viel billiger ist als in Frankreich (von Deutschland mal ganz zu schweigen). Vor allem der spanische Wein ist bei uns sehr teuer, hier gibt es eine gute Flasche für weniger als drei Euro. Aber ich bin, die Württemberger werden es mir verzeihen, eh kein Freund von Trollinger und Riesling. Ein paar Stunden und viele Jakobs-Geschichten später verläuft sich die Gesellschaft dann. Ich muss noch Wäsche aufhängen, die hatten wir ganz vergessen. Am nächsten Tag ist die natürlich nicht trocken, aber ich bin natürlich immer noch Gast. Die Mutter spricht nur Spanisch, aber Jorge übersetzt, dass ich ja mal, nach so einer langen Wanderung eine Pause brauche. Also habe ich noch einen Tag in Jaca, den ich mit Körper- und Ausrüstungspflege, mit Internet und Kräfte sammeln verbringe. Ich frage Jorge, wie denn die Chancen sind, für ein paar Tage eine Arbeit zu finden. Er zieht nur die Augenbrauen hoch und saugt tief Luft ein. Am Abend ist wieder die kleine Pilgermannschaft versammelt. Ein paar neue Gesichter und ein paar neue Geschichten. Immer wieder von den Leuten, die den Jakobsweg „abrennen“ müssen. Die einen Teil mit dem Bus fahren, nur um sich in den Pilgerunterkünften einen Platz zu sichern. Aber auch von schönen Plätzen „irgendwo zwischen Leon und Hospital de Orbigo“, wo man den Geist des Weges spüren konnte. Jeder hatte so seinen eigenen „schönsten“ Platz, aber keiner konnte ihn wirklich benennen. Oder wollte es nicht. Aber das ist ok, „schönste“ Plätze sind nun mal sehr persönlich. Mit viel zu viel klebrig süßem Nachtisch im Bauch schlafe ich schließlich ein.

Km: 11,3 Kasse: Euro 121