21. und 22. Juli, Ende der Steinzeit
Musik: John Miles, Music
Ist schon ein komisches Gefühl, jetzt auf einmal alleine aufzuwachen. Jagger ist weg. Keine Stones-Lieder mehr. Dafür Steine vor mir. Ein großer Haufen Steine, der auf den Namen Pico de Aneto hört. Und davor noch ein kleiner Bergrücken. Den gehe ich dann schnell an. Der Weg ist gut und geht auf der Kuppe angenehm bergab. Was für ein Gefühl, auf einmal wieder alleine unterwegs zu sein. Ich kann mein eigenes Tempo gehen, meine eigenen Pausenzeiten machen, die eigene Route nehmen … Und ich habe niemanden mehr, der etwas anderes als ich sieht, riecht, hört, denkt … Ich brauche eine Weile, bis ich mich daran wieder gewöhnt habe. Inzwischen erreiche ich Senet. Letzte und einzige Möglichkeit, Verpflegung aufzunehmen und mich nach der Route zu erkundigen. Ersteres ist schwer, aber immer noch einfacher als die Geschichte mit der Route. Letztlich erfahre ich alles und nichts. Ich treffe nur Menschen, die alle wissen, wo es langgeht, aber die noch nie selbst über den Berg gelaufen sind. Und alle haben unterschiedliche Meinungen, schon über den Einstieg. Mit einem etwas komischen Gefühl verlasse ich Senet und laufe die Straße entlang. Nicht so angenehm, weil viele Wohnwagen und Lkw unterwegs sind. So laufe ich schnell und will es hinter mich bringen. Dann biegt ein Feldweg links ab – ich hoffe, dass das der „Einstieg“ ist. Denn entgegen der Aussagen ist nichts ausgeschildert oder gekennzeichnet. Weder hier am Abzweig noch später. Aber die Richtung des Weges stimmt und er geht von der Straße weg, das ist ja schon mal was. Also lauf ich einen Bach entlang, mache unter ein paar Bäumen Pause … Nach einer Biegung geht es dann bergauf. Ziemlich heftig, und die Sonne sitzt zusätzlich noch auf dem Rucksack und drückt mit aller Macht. Immer wieder gehe ich zum Wasser hinunter und kühle Gesicht und Arme im kalten Wasser. Schließlich stehe ich vor einem kleinen See. Davon hatten die Leute gesprochen. Keiner da, also nehme ich als erstes Mal ein Bad. Puh, eiskalt, aber doch angenehm. Ich sammle Holz und baue in einer Kuhle mein Zelt auf. Das Feuer hält die Mücken ab, der Sternenhimmel ist grandios.
Am nächsten Morgen folge ich einem Pfad nach Norden. Es geht weiter steil bergauf und hin und wieder ist der Weg unangenehm zu gehen durch das feine Geröll. Ich bin früh los, wollte nicht, dass jemand mein Zelt sieht und wollte auch der Sonne ein wenig ausweichen. Ein warmer Wind kommt aus dem Tal und schiebt mich voran. Nur: Wohin? Einen Weg oder Pfad oder gar die versprochenen Markierungen gibt es nicht mehr. Ich bin ziemlich unsicher, was die Richtung angeht. Obwohl, die Richtung ist klar, der Pico de Aneto muss links liegen bleiben. Dann wird das schon stimmen. Ich gehe einfach nach Gefühl und dem Stand der Sonne. Und immer zu einer Stelle hin, von der ich annehme, dass ich dort am einfachsten über den Sattel komme. Und irgendwie stimmt es auch. Ich habe keine Ahnung, wie weit ich oben bin, wahrscheinlich aber meine größte Höhe bisher. Die Sonne brennt und ich schaue nur kurz über die Berge. Also wieder runter, steil runter. Teilweise rutsche ich auf dem Geröll abwärts. Das Tal unten ist gut zu sehen. Und auch, zumindest so wie ich es mir denke, die stelle, an der ich über den Pass muss. Unten im Tal endlich Schatten und eine Pause. Und wieder ein kalter kleiner Bergbach, der Kühlung bringt. Später dann eine Quelle und endlich frisches Wasser. Das Problem im Tal: Ich habe keine Ahnung, wann ich wieder raus muss und wo. Keine Kennzeichnung, und keine nach Sicht nach oben. Ich gehe nach meiner selbst gezeichneten Karte, und als der Bach nach Süden abbiegt, verlasse ich das Tal einfach. Ich finde eine etwas weniger steile Stelle. Hin und wieder muss ich klettern, aber dann habe ich das steilste Stück geschafft und sehe endlich auch wieder den Bergrücken, über den ich will. Das da oben könnte der Pass sein, also laufe ich einfach in die Richtung. Längere Pause im Schatten eines großen Felsens, und dann abends noch weiter. Nur langsam kommt Pass näher, manchmal habe ich das Gefühl, dass er heimlich ein paar Schritte rückwärts geht, wenn ich nicht hinschaue. Ich weiß, dass ich es heute nicht mehr schaffe bis nach Hospice de France. Und ich weiß, dass mein Abendessen dürftig ausfällt, das Frühstück ganz. Immerhin finde ich eine weitere Quelle und Wasser. Schließlich bin ich oben. Was für ein Gefühl. Ich kann die Lichter sehen, schon wieder Frankreich … Da es schon dämmrig wird, gehe ich nur ein paar hundert Meter und übernachte dann hier oben.
Km: 43,9 Kasse: Euro 217
