Jakobsweg_ohne_Geld

12.04.2006 um 08:11 Uhr

Dienstag, 11. April. HB mit Gulasch

Am nächsten Morgen warte ich wie versprochen um neun auf den Wirt und er ist sichtlich erstaunt, dass ich noch da bin. Hätte er nicht gedacht, meint er, ich hätte ja einfach weitergehen können, mein Essen hatte ich schon. Ich grinse ihn nur an: Versprochen ist versprochen. Er bietet mir an, dass ich entweder bis Mittag arbeite, ein Essen und 10 Euro bekomme und dann weiter gehe. Oder bis zum Abend arbeiten, dann noch ein Essen, hier noch einmal übernachten kann, ein Frühstück und 25 Euro. Ich überlege kurz: Arbeit wird in Frankreich eher schwer zu kriegen sein, also nehme ich die lange Variante. Die Aufgabe, die er hat, ist nicht gerade eine leichte: Ich muss alte Waschbetonplatten von einem Stapel nehmen, sie mit Schlauch und Bürste abschruppen und in 10er-Stapel vor dem Haus aufbauen. Er will da eine Terrasse anlegen für den Sommer. Also dann los. Die Dinger sind ziemlich schwer und der Dreck ist hartnäckig. Der Regen stört nach 10 Minuten nicht mehr, die Kälte auch nicht. Aber die Stapel vor dem Haus wachsen. Zum Glück habe ich ein paar Flaschen Mineralwasser da. Kurz vor Mittag kommt ein Auto hochgefahren. (Ziemlich der) Original-Dialog: „Wo’sn der Klausi?“ „Der Wirt?“ „Jo.“ „Kommt so gegen 12 wieder.“ „Sach em, dass heid Abend um halb sechse die HB’ler kommen, mit Gulasch.“ „Hä?“ „Er weiß dann schon. Und sach, dass eher viel HB kommt. Alla.“ Und weg war er wieder. Als „Klausi“ dann kommt und ich ihm das sage, flucht er. Er erklärt mir, dass HB die Handballer sind, dass das „mit“ heißt, die kommen mit Frau oder Freundin, und dass sie Gulasch essen wollen. Aha! Ich schruppe noch ein paar Platten und er macht das Essen, wieder Braten mit Nudeln. Während wir gemeinsam essen, wird umdisponiert. Ich bekomme eine Einkaufsliste und sein Auto und muss nach Achern fahren, Gulasch und ein paar andere Sachen holen. Zum Glück kenne ich mich mit dem Route-Finder aus. Ist mir ganz Recht, besser als Platten schleppen. Als ich wieder zurück bin, werde ich als Küchenhelfer angelernt. Zwiebel mit der Maschine schneiden, Gulasch anbraten, umrühren, Bier einräumen ... Abends schließlich mutiere ich auch noch zur Bedienung. Und das ist gar nicht schlecht. Die reguläre Bedienung übernimmt die Handballer, ich die anderen Gäste und darf sogar kassieren. „Wenn die Kasse stimmt, dann gehört das Trinkgeld dir“, sagt Klaus. Am Abend tut mir zwar unter anderem der Rücken weh, aber die Kasse stimmt und Klaus ist zufrieden. Die Hbler haben ihr Gulasch bekommen und ordentlich getrunken. So erfahre ich nebenbei, dass am Bier fast nichts verdient ist, am Essen auch nicht so viel, weil es eine Menge Aufwand ist, aber am Schnaps und am Kaffee dafür. Schade, meine Gäste haben gar keinen Schnaps getrunken, Kaffee schon. Trotzdem habe ich 18 Euro Trinkgeld in der Tasche. Wenn ich die Bude putze, dann kann ich mein Feldbett in die Gaststube stellen und darf den Internetanschluss benutzen. Klaus hat eh ne Flatrate. Klar, ein Angebot, das ich nicht ausschlagen kann. Auch, wenn ich bis kurz nach eins putze. Ins Blog gehe ich erst morgen früh. Kilometer heute: 0 Kasse: 70,10 Euro

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Ernesto schreibt am 12.04.2006 um 13:31 Uhr:

    Hallo Timo,



    vielen Dank fuer Deine nette Berichte.



    Ich lese gerade das neue Buch fertig von Andreas Altmann

    Ohne Geld von Paris nach Berlin...



    So viel ich lesen konnte wird man auch in Frankreisch von

    Sozialaemter, Karitative Institutionen usw. unterstuetzt als

    Durchreisender, haben dafuer ihr eigenes Wort - gens pasant-

    oder so aehnlich, was soviel heisst wie Durchreisender.



    Wie heist die Web blog Adresse in der Du auch Deine Bilder

    reinsetzt ???



    Weiterhin alles Gute auf Deinem Weg wuenscht Dir aus Frankfurt



    Ernesto


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