Jakobsweg_ohne_Geld

06.04.2006 um 23:28 Uhr

Dienstag, 4. April. Klosterleben

Obwohl ich fix und fertig bin, kann ich nicht einschlafen. Vielleicht auch, weil ich so fertig bin. Mit dem Umweg am Flughafen und dem Boulespiel zeigte mein Schrittzähler 39,6 km. Das ist unglaublich viel, finde ich. Der Boden ist uneben, ich liege unbequem, hätte noch Blätter oder so drunter legen sollen. Und jedes Geräusch lässt mich auffahren und hellwach nach draußen horchen. Ich rede mir ein, dass es zum einen keine wilden Tiere gibt, zum anderen wohl keinen, der mich hier draußen suchen geschweige denn finden würde. Und außerdem gibt es eh wenig Menschen, die einem etwas Böses wollen. Wahrscheinlich habe ich dann doch irgendwann geschlafen. Aber viel nicht. Und ich bin früh wieder wach, habe aber keine Lust, vor sechs aufzustehen. Es ist affig kalt und das ganze Zelt ist patschnass. Ich bibbere richtig, als ich aus meinen Schlafsack krabble und beeile mich, alles schnell zusammenrollen. Und dann nichts wie los. Ich lege ein gutes Tempo vor, damit mir da wenigstens ein wenig warm wird und bin nach wenigen Minuten in Maulbronn - meine erste Station, das erste UNESCO. Ich muss an Tina denken, die mich da drauf gebracht hat mit den UNESCOs. Am liebsten würde ich ihr eine Karte schicken - aber die kostet Geld. (Du verstehst mich schon, Tina, gell.) Die Kirche ist noch geschlossen, aber der Klosterhof ist wunderschön. Um die Zeit ist vor allem noch nichts los. Nachdem ich mich ein wenig umgesehen habe, geht der Ernst der Reise los. Jetzt muss ich mir also etwas überlegen, wie ich an etwas zu essen komme und an Geld für die Postkarte. Ich habe zwar noch ein wenig was von Adelheids Paket und meine kompletten 5 Euro, aber die will ich sparen. Während ich noch überlege, geht ein Mann auf die Kirche zu und schließt sie auf. Ich schnell hin, vielleicht kann ich das Ding ja doch von innen sehen. Aber er ist erst ein wenig ungehalten, als ich reingehe. Er wollte nur etwas holen, sagt er, und die Besichtigungen starten erst um 9 Uhr. Ich sage, dass ich nur ein wenig Ruhe finden wollte für meine Wallfahrt nach Santiago - und die Besichtigung könne ich mir eh nicht leisten, dafür habe ich wirklich kein Geld. „Maulbronn besuchen ohne es zu besichtigen, geht nicht“, meint er. Ich erkläre ihm geschwind, wie ich unterwegs bin, und er meint, dass wäre ja wirklich zu blöde, was ich da vorhabe. Aber dann lacht er und kann sich gar nicht mehr beruhigen. Eine halbe Stunde später sitze ich mit ihm im Frühstücksraum der Schule. Ich habe eine kurze Führung durch das Kloster hinter mir, weiß (fast) alles über das Kloster und seine Geschichte und erfahre, dass die Mönche schon im 12. Jahrhundert Mustergüter anlegten, um die landwirtschaftlichen Erträge zu steigern. Eine weitere halbe Stunde später weiß vieles über das Leben der Mönche und über die prominenten Gäste hier. Ich musste versprechen, Hesse zu lesen. Und noch eine weitere halbe Stunde später bin ich in tiefe Diskussionen verstrickt über Geld und Besitz, über Pilger und Christen. All das, was ich im Vorfeld schon so oft habe führen müssen, vor allem in den Foren der Pilgergesellschaften und so. Aber auch mit Freunden und Bekannten. Und dieses Mal mit theologisch geschulten Gegenspielern. Aber – ich hatte gar keine Diskussionsgegner. Im Gegenteil, durchweg alle waren der Meinung, dass es sehr wohl dem Grundprinzip der Pilger entspricht, so zu reisen. Und ich habe hier die meisten Tipps und Tricks bekommen, wie man unterwegs zu etwas Geld, einer Unterkunft oder Essen kommen kann. Gut, einige waren nicht ganz so legal, andere wiederum sehr banal und logisch. Immer wieder kommen neue Menschen an unseren Tisch - fragen, diskutieren, hören zu; teilen sich in die Gruppe, die meint, das wäre eine tolle Idee und in die, die glauben, dass es ziemlich blöde ist in der heutigen Zeit. Aber beide Gruppen sind schließlich nur noch damit beschäftigt, mir Ratschläge zu geben, wie ich meine Wallfahrt gut hinter mich bringen kann. Klöster und Kirchen werden als Anlaufstellen empfohlen. Einer meint, dass es im Aldi am Ausgang immer wieder einen Tisch gibt mit Sachen, die schon abgelaufen sind oder mit Brot vom Vortag. Einer meinte, dass Bettler gar nicht so schlecht leben und ich das ruhig versuchen soll. Am besten mit einem Schild „Pilger braucht Unterstützung“. Einer stellt die Früchte zusammen, die ich man unterwegs „ernten“ kann. Und von einem kam der Tipp aufs Sozialamt zu gehen. Da haben sich alle gewundert, dass ich den nicht kannte und mich auch ein wenig sträubte, ihn zu nutzen. Dort könne, je nach Gemeinde verschieden, als „Durchreisender“ eine Art Zehrgeld bekommen. Der Grund, dass die Gemeinden da die Kasse aufmachen, ist, dass sie die „Durchreisenden“, in der Regel Penner und Tippelbrüder (O-Ton aus dem Kloster) wieder loshaben wollen. Also nicht in der Stadt betteln oder der Gemeinde länger auf der Tasche liegen. Hm, passt mir gar nicht, weil ich ja nicht betteln will. Hat nichts mit Betteln zu tun, höre ich dann. Das ist eher eine Art Zuwendung von der Gemeinde. Na ja, hat schon einen gewissen Reiz. Und geht eh nur in Deutschland, erfahre ich, also komme ich nur noch ein paar Tage in den „Genuss“ dieser Erwerbsquelle. Was für Tipps von angehenden Priestern! Eine weitere Stunde später bin ich wieder unterwegs. Aber ich gebe zu, ich habe den Platz in der Nähe der Teekanne genossen, zumal es draußen immer wieder geregnet hat. Jetzt komme ich nur langsam in Tritt, und ich bin eh schon viel zu spät, um mein Tagesziel noch einigermaßen zu erreichen. Egal. Mit meinem ersten Stempel im Pilgerbuch, mit meiner ersten Postkarte und mit einem Vesperpaket, das mich schwer drückt. Auch, weil es unter anderem eine Flasche Wein beinhaltet. Das Kloster hat eben einen eigenen Weinberg, und der Wein soll gar nicht schlecht sein. Außerdem mit im Gepäck habe ich zwei Briefe. Einen Brief an einen Freund in Baden-Baden, einen in Straßburg. Und beide mit der Empfehlung, dass ich dort sicher übernachten kann. So stapfe ich schließlich aus dem Klosterhof, begleitet von Händeschütteln, Schulterklopfen und einsetzendem Regen. Der Weg führt steil hinauf durch die Weinberge in den Buchwald. Ich gehe langsam, der Rucksack ist viel zu schwer, die Beine auch. Ich mache trotzdem den kleinen Umweg zum See runter und lasse ein wenig meine Seele baden. Versuche, die Diskussion zu verarbeiten. Über den Sinn meines Unternehmens. Über die Art und Weise. Über die Chancen und Risiken. Komischerweise hatte ich hier von schätzungsweise 10 Leuten keinen, der meinte, das wäre nicht machbar. Und auch den Jakobsweg musste keiner vor mir schützen. Nur – jetzt kamen mir die ganzen Diskussionen und zum Teil Anfeindungen wieder in den Kopf, die ich im Vorfeld so erlebt hatte. Ich schaue auf das Wasser, sitze eine Stunde lang fast regungs- und schließlich auch gedankenlos da, nehme dann den Rucksack wieder auf und gehe nach Knittlingen rein. „Sie suachat sicher ’s Fauschtmusäum? Abr des hat scho zua.“ Die ältere Frau weiß, wonach Wanderer Ausschau hielten. Ich wusste noch nicht einmal, dass es hier ein „Faustmusäum“ gab. Aber das ist neben der Schlagergruppe „Die Flippers“, die Hauptattraktion des Ortes. Das erfahre ich alles von der gut informierten Dame, die es ihrerseits natürlich nicht auslässt, mich auszufragen. Ich erzähle ihr, was ich mache und dass ich eine Arbeit suche, um mir mein Abendessen und vielleicht eine Übernachtung zu verdienen. Sie sagt sofort, dass sie eine Arbeit für mich hätte. Es ist eh schon zu spät, um heute noch irgendwie voranzukommen, und so nehme ich das Angebot an. Eine Stunde später staple ich einen großen Brennholzstapel von der Garagenwand, die neu verputzt werden muss, um an die Hauswand. Drei weitere Stunden später tut mir der Rücken entsprechend weh. Die Handwerker wollten 100 Euro dafür, was ich denn verlangen würde?, fragte die Frau. Ich zucke mit den Schultern und sage, sie solle mir geben, was es ihr Wert ist. Sie meint, dass sie 30 Euro bezahlen kann. Dazu ein Vesper, ein Frühstück, eine Übernachtung im Gartenhaus und den Eintritt ins Museum am nächsten Tag. Den Wein zum Vesper spendiere ich, die Flasche ist einfach zu schwer, um sie durch die Gegend zu tragen. Und bei der Gelegenheit, als ich das „Klosterfresspaket“ ganz auspacke, entdecke ich ganz unten noch einen Umschlag mit 20 Euro.

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