Jakobsweg_ohne_Geld

11.07.2006 um 19:09 Uhr

Dienstag, 4. Juli, Abschied vom Meer und von der WM

Musik: Fußballlied, Fredl Fesl

Mit noch müden Augen erst mal einen Blick in den WM-Planer: Das Spiel ist um 21 Uhr, also genug Zeit, noch ein wenig voranzukommen. Ich bleibe erst mal am Meer und laufe auf einem ganz guten Rad- und Wanderweg entlang. Wieder gibt es eine Dusche, davor endlich mal ein kurzes Bad im Meer – war bisher nie so richtig die Gelegenheit. Dann ein sehr spätes Frühstück. Heute ist es etwas diesig, zwar heiß, aber nicht so brennend von der Sonne. Also weiter mit nur kurzen Pausen, vor allem zum Trinken. Als es dann zu heiß wird, mache ich in einem Internetcafé Station und lese und schreibe mal wieder Mails. Bin ich lange nicht dazu gekommen und hat natürlich nicht für alle gereicht. Fast wäre mir entgangen, dass ich hier auf mein nächstes Unesco stoße – den Canal de Midi. Erst ein Schild erinnert mich daran. Mist, denn eigentlich geht es ja bis nach Sete. Aber egal, ich werde noch reichlich Gelegenheit haben, ihn zu begleiten. Erst einmal muss ich ihn überwinden, was gar nicht so einfach ist, sprich einen größeren Umweg nach sich zieht. Und damit verlasse ich dann auch schon das Meer. Ich werde es lange nicht mehr sehen … Der Weg nach Beziers ist nicht besonders schön. Liegt vielleicht auch an der Karte, die ich habe, die ist nicht geeignet dafür. Mir kommt es vor, als gäbe es mal wieder nur Straßen, Eisenbahnlinien, Industriegebiete … Und dann noch die Autobahn. Ich wollte eigentlich gar nicht rein nach Beziers heute, aber zum einen finden ich keine schönen Platz zum Übernachten, zum anderen brauche ich einen Fernseher. Den finde ich dann unten am Kanal in einem Bistro. Vier Deutsche, sechs Italiener und etwa 20 Franzosen. Eine gute Mischung und wir haben eine prima Stimmung. Zum Glück keine Holländer da, sagen die Italiener. Sie haben gemeinsam mit ein paar solchen das Spiel gegen Portugal gesehen und es wäre beinahe zu einer Schlägerei gekommen, weil die Holländer zum einen verloren haben, zum anderen wohl wirklich brutal gespielt haben. Als Figo nach einem Kopfstoß nicht vom Platz gestellt worden ist, sind sie ausgerastet. „Ohne Holland fahrn wir nach Berlin“, stimmen die anderen Deutschen an. Das ist wohl der Hit bei der WM. Und einen anderen höre ich auch gleich: Sportfreunde Stiller – 54, 74 … Läuft wohl in Deutschland jede Stunde im Radio. Einer hat die CD dabei und legt sie ein. Die Franzosen, die Italiener und ich sind einer Meinung: Schrott! Die Franzosen drücken den Italienern die Daumen. Aber nur, weil die der leichtere Gegner im Finale sind, sagen sie lachend. Das Spiel, schon wieder nicht hochklassig, aber trotzdem gut. Überraschend, dass die Italiener schon anfangs der zweiten Halbzeit nur noch das 0 : 0 halten. Vor allem die Italiener sind entsetzt und leiden. Und weder Schneider (1 Tor in über 50 Spielen) noch Poldi können ihre großen Chancen nutzen. Einhellig, die Italiener haben sich mich viel Glück in die Verlängerung gerettet. Aber das ändert sich schlagartig – die Azzuris geben in der Verlängerung dermaßen Gas. Und gewinnen schließlich verdient. Schade, das war's. Ist natürlich enttäuschend, aber nicht zu ändern. Die Deutschen können gegen Italien einfach nicht gewinnen. Die Italiener freuen sich und geben eine Runde nach der anderen aus. Die Franzosen freuen sich und feiern jetzt schon den nächsten Weltmeistertitel und geben eine Runde nach der nächsten aus. Die Italiener meinen dann aber, dass Portugal der leichtere Gegner sei, und dass Frankreich morgen verlieren muss. Glaube ich aber nicht, werden wir morgen sehen. Als das Bistro zumacht, ist es schon ganz schön spät. Die Italiener nehmen mich mit und schmuggeln ich in ihren Campingplatz rein. Das Rad muss natürlich draußen bleiben. Und bei der Gelegenheit beschließe ich, dass ich darauf verzichten werde ab jetzt. Km: 28,5, Kasse: Euro 369

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