Donnerstag, 13. Juli, Direktschwämme
Musik: Rolling Stones, Shes like a rainbow
Es geht bergab. Oh, wie schön, wenn man noch die Höhenmeter vom Vortag in den Waden hat. Das beißt dann ganz schön, vor allem, wenn der Weg durch den kleinen Schotter so rutschig ist. Wir gehen, wo das möglich ist, auf dem Gras. Schon morgens um 9 Uhr ist es unglaublich warm und die Sonne sticht wie durch ein Brennglas. Dabei dachte ich, wir wären in den Bergen. Ax-les-Thermes kommt in Sicht. Und das ist dringend notwendig, weil wir „Futter“ brauchen. Außerdem beschließt Jagger, dass er mal wieder ein Konzert gibt. Er will sich, so weit das geht, mit seiner Gitarre unterwegs immer mal wieder was dazu verdienen. Hat bisher ganz gut geklappt, obwohl nicht alle Franzosen auf die Stones stehen, meint er lachend. Er hat in seinem Rucksack sogar ein kleines faltbares Plakat, das er aufstellen kann. Nach einem zweiten Frühstück macht er sich an die Arbeit. Und weil es nicht so gut aussieht, wenn noch ein zweiter, nicht gerade salonfähiger Typ daneben steht, mache ich mich mal auf und erkunde solange den noblen Badeort. Aber es gibt nicht so viel zu entdecken, Hotels eben und teure Läden. Und so groß ist das Nest auch nicht. Das Publikum ist schon älter, die Preise gesalzen. Ich schaue mir an einem Restaurant die Speisekarte an, die ein Koch gerade in den Schaukasten hängt. Puh, keine Vorspeise unter 12 Euro, das Saisonmenü mit Pfifferlingen kostet 85. Ganz schön happig die Karte, aber mit hohem Unterhaltungsfaktor, denn es gibt auch eine Übersetzung ins Deutsche. Ich lache mich halb tot über die Begriffe, die da stehen und vergesse ganz, dass der Koch ja immer noch hantiert mit den Karten. Schließlich fragt er mich, was denn da so lustig daran sei. Ich erkläre es ihm und er schaut etwas unsicher und denkt, dass ich ihn auf den Arm nehme. Aber irgendwie kann ich ihn überzeugen, dass man die deutsche Übersetzung seines Menüs nur schwer verstehen kann. Und das liegt nicht an ein paar Schreibfehlern, das ist ja klar, dass das mal passieren kann (aber bei einem Lokal der Preisklasse nicht passieren sollte.) Am besten ist der „Lässige Seeerntesalat“ oder die „Direktschwämme“. Aber was das ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Kommt jemand drauf? Auslösung ganz unten. Und so habe ich zwei Minuten später einen Job – ich übersetze die Speisekarte neu. Dafür bekomme ich im hintersten Eck der noch geschlossenen Terrasse einen Tisch, außerdem einen kühlen Rosé und kalten Braten. Ist doch eine angenehme Beschäftigung. Und dann mache ich mich an die Übersetzung der Speisekarte. Das heißt, ich übersetze eine Reihe von Speisen und Menüs, die der Koch in den nächsten Wochen vorhat zu kochen oder die eben immer mal wieder drankommen. Ist gar nicht so einfach, weil viele Speisen eben doch sehr spezielle Namen haben, die man nicht übersetzen kann. Ein paar Sachen muss ich erst einmal notieren und mir nachher vom Koch erklären lassen oder zeigen. Dann ist es eigentlich meist schnell klar. Inzwischen ist Jagger auch bei mir. Lange hat er nicht gespielt und gerade mal 2,10 Euro verdient – dann kam ein Mensch in einer komischen Uniform und meinte, dass er hier nicht Musik machen kann, das mögen die Leute nicht. Keine Diskussion möglich, das kennt er schon. Stört das Stadtbild, sagt er und verzieht das Gesicht. Ein Kellner kommt, bringt ebenfalls ohne Diskussion Wein und Braten für Jagger, da sieht die Welt schon wieder besser aus. Zwei Stunden dauert die Übersetzungsaktion. Dann wird die Terrasse für Mittagsansturm geöffnet und da stören wir nur. Wir bekommen noch ein dickes Fress-Paket und die Bitte, dass wir es nicht auf der Bank direkt vor dem Restaurant essen. Kein Problem, wir gehen ein paar hundert Meter weiter, finden da eine schöne Bank und dinieren. Inzwischen ist es Mittag und wahnsinnig heiß. Wir beschließen, dass wir in ein Internet-Café gehen und uns da abkühlen. Zumal es Wasser aus dem Wasserspender gibt und eine Klimaanlage. Es dauert, bis ich meine Mails und Blogs mal wieder auf Vordermann gebracht habe. Danach kaufen wir und Verpflegung für zwei Tage, packen den Rest vom Fresspaket dazu und gehen noch ein wenig aus der Stadt raus, direkt nach Süden in ein kleines Tal. Es geht steil bergan, aber Jagger meint, dann hätten wir es morgen schon leichter. Wir sind heute eh noch nicht weit gelaufen, also macht mir das nichts. Ach ja, die Übersetzung. Ich bin draufgekommen, als ich sah, dass sie die französischen Namen erst ins Englisch und dann von dort ins Deutsche übersetzen. Und so wurde aus dem schon falschen „cool“ ein „lässig“ und aus dem „Stein“ ein „concret“ und daraus ein „direkt“. „Lässiger Seeerntesalat“ ist also ein „kalter Meeresfrüchtesalat“ und „Direktschwämme“ sind „Steinpilze“. Ganz einfach.
Km:16,9 Kasse: Euro 275
