Donnerstag, 6. April. Eine kurze Liebe, ein langer Weg und ich mitten drin
Wieder kann ich nicht gut schlafen. Dauernd dieses Gefühl, dass da draußen vor dem Zelt jemand ist. Aber dann komme ich doch relativ früh aus dem Schlafsack. Er regnet mal nicht, aber es ist affig kalt. Ich packe zusammen und mache mich dann auf den Weg in Richtung Karlsruhe. Ich gehe zunächst ins nächste Dorf und kaufe mir einfach mal mein Frühstück. Das erste, das ich bezahle. Danach kurzer Kassensturz: 59,30 Euro. Super! Dann laufe ich los. Zwischen B 293 und B 10 hindurch passiere ich Wöschbach und Pfinztal und bin schließlich in Durlach. Ich rufe Tina an und frage, ob ihr Angebot noch steht. Tut es, und wir verabreden uns am späten Nachmittag, wenn sie Feierabend hat.
Jetzt ist es kurz vor zwei. Da bin ich gut gelaufen, der Schrittzähler zeigt runde 17 Kilometer. Ich schaue mir ein wenig die Altstadt von Durlach an, verputze meine restlichen Lebensmittel, die ich noch aus Maulbronn habe und gehe ... aufs Sozialamt. Ist nur vormittags offen. Der Weg nach Karlsruhe ist nicht so toll. Immer an großen Straßen entlang, immer mit viel Verkehr. Wir haben uns direkt an der Pyramide verabredet. Wieder etwas gelernt: Karlsruhe hat eine Pyramide. Na ja, so groß wie die ägyptischen ist sie nicht ;-)
Tina ist pünktlich und nett. Ein wenig hektisch, aber für einen „Pilger“ sind die meisten anderen Menschen ein wenig hektisch. Sie will mir Karlsruhe zeigen, einen kleinen Spaziergang durch den Schlosspark und so ... Ich muss dankend ablehnen. Wenn’s geht, nicht mehr laufen. Also bummeln wir ganz langsam die Kaiserallee entlang, den vielen Kebabständen nach heißt das Ding bald Sultanallee. Wir kommen an einem Buchladen vorbei und Tina, bekennender Bücherfreak, zieht zielsicher ein kleines Buch raus: Auf dem Jakobsweg, Paulo Coelho. Es kostet 2 Euro, Tina kauft es und schenkt es mir. Eigentlich will ich es nicht annehmen, auch, weil ich es tragen muss. Aber sie meint, dass ich es ja wegwerfen kann, wenn ich es gelesen habe. Wegen der 2 Euro. Und unterwegs ist es sicher mal abends so langweilig, dass ich was zu lesen haben will. Also stecke ich es ein. Ich erinnere mich dunkel, dass jemand mal gesagt hat, das Buch sollte man nicht lesen, weil der Typ nur mit dem Mercedes den Jakobsweg entlanggefahren ist, ihn aber nicht selbst gegangen ist. Bin mir nicht ganz sicher, ob es das Buch ist. Mal sehen, vielleicht finde ich das Mail noch. Wir gehen ins Café Bleu, eine Stundenkneipe, in der man brauchbar und vor allem billig essen kann. Tina lädt mich ein, was mir natürlich sehr recht ist. Und, das ist das Beste, sie hat mir einen Platz zum Schlafen inklusive Internetzugang, Telefon, Dusche, Tannenzäpfle und Gummibären besorgt.
Ich hab vorher mit Irmi telefoniert. Erst war Susanne dran, ihre Schwester, und meinte, Irmi will nicht mit mir sprechen. Hä? Susanne druckste ein wenig rum und meinte, dass sie Schluss gemacht hätte. Ich bin irgendwie wie gelähmt, kriege kein Wort raus. Schließlich kommt Irmi doch, aber sie will nicht lange reden. Sie meint nur, dass es einfach keinen Zweck hat mit uns. Weniger, dass ich unterwegs bin jetzt. Mehr, dass wir einfach zu sehr verschieden sind. Und wir kennen uns ja schon so lange, wenn wir das nun noch länger aufrecht halten, dann geht alles kaputt, was wir die langen Jahre miteinander aufgebaut haben. Mehr will sie nicht sagen, legt auf, und ich bin ganz froh darüber. Ich bin total leer in dem Moment, weiß gar nichts, was ich sagen soll. (siehe Prolog)
Und da sitze ich jetzt – höre meine Notizen ab und schreibe sie in mein Blog. Inzwischen ist es nach Mitternacht, aber ich bin nicht müde. Oder doch? Ich weiß es nicht und lege mich endlich hin.
Kilometer heute: 26,4
Kasse: 54,20 Euro

mensch hab ich mich gefreut, als ich gesehen habe, dass du hier wieder rein geschrieben hast. Ich hoffe das machst du oft. Wenn du mich schon nicht mitnehmen woltest ;-) will ich jetzt wenigstens virtuell dabei sein *fg*
Es tut mir wirklich leid, das es mit Irmi nicht geklappt hat. Ich weiß auch garnicht, was ich sagen soll. Denn trösten kann ich dich wohl nicht, wir kennen uns ja garnicht. Aber ich schick dir mal virtuell ganz viel Kraft rüber (falls du den Kommi überhaupt liest)
So, ich denke an dich und finde dein Vorhaben immernoch bewundernswert.
Mach\'s gut und hoffentlich bis bald
Die Thathie
Gruß
Jan
vielen Dank für die lieben Kommentare und die guten Wünsche. Nein, trösten ist bei mir eh schwierig. Aber ich gebe zu, dass das Laufen da gut tut. Man kann sich viele Gedanken machen und hat Zeit, die einzelnen Meinungen abzuwägen.
Viele Grüße aus dem verpis...ten Schwarzwald