Jakobsweg_ohne_Geld

13.06.2006 um 16:13 Uhr

Freitag, 9. Juni. On the road again

Musik: Fredl Fesl: 22 Fußballbeine

So, dann schau ’mer mal. Ich bin wieder unterwegs und die WM geht los. Zwei spannende Geschichten also auf einmal. Und beide mit ungewissem Ausgang, hehe. Ganz früh habe ich mich wieder auf den Weg gemacht. Wollte es auch sehr kurz machen. Jean-Michel hat mir noch beschrieben, wie ich am besten aus der Stadt rauskomme. Die beiden wollten noch ein Stück mitlaufen, aber das wollte ich nicht. Dann hab ich den Abschied doppelt. Und wenn ich etwas nicht mag, dann Abschiede. Gestern hatten wir noch ein tolles Essen bei Pierre und seiner sehr netten Frau (deren Namen ich schon nach einem Tag vergessen habe; Alzheimer light). Da hatten wir schon so etwas wie den ersten Abschied, und dann beim Frühstück den zweiten. Das muss genügen, ich weiß dann immer nie, was ich sagen oder machen soll. Also los. Ich bin etwas unentschieden über meine Route. Ich will im Rhonetal bleiben, weil ich Orange als nächstes Ziel habe. Aber das Tal ist leider nicht so der Hit für Spaziergänger, die die Ruhe suchen. Zumindest nicht hier oben bei Lyon. Aber da muss ich durch. Nicht so einfach, aus Lyon rauszukommen, eine Großstadt zieht sich immer! Und der Verkehr und der Asphalt nerven. Bis Venissieux sehe ich nur Häuser, dann kommt eine große Straße, dahinter endlich mal etwas Grün. Der Fluss macht hier einen kleinen Bogen und ich beschließe, dass ich etwas abkürze. Also gerade aus weiter. Das Laufen ist einigermaßen eintönig und fällt mir schwer nach den paar Tagen Pause in Lyon. Ich mache deshalb meine Pausen schon nach zwei und nicht nach zweieinhalb Stunden. Aber es geht trotzdem ganz gut voran. Ich denke ein wenig nach. Oder, besser gesagt, ich versuche es. Aber ich kann mich an keinem Thema fest beißen. Geld: Ich habe fast 400 Euro verdient, das ist Geld für über einen Monat – für weit mehr als einen Monat. Ich werde also mal schauen, dass ich tüchtig Boden gewinne. Denke an „Pilger“, der inzwischen schon in Portugal ist und an einem Tag mal 80 km gelaufen ist. Denke an andere Pilger, die jetzt gerade auf dem Weg sind. Denke an zu Hause, Familie, Freunde, die ehemaligen Kollegen ... Höre dem Rauschen zu, das sich anhört wie ein Meeresstrand, aber nicht anderes ist als die Autobahn. Und denke an heute Abend und überlege, wo ich einen Platz bekomme zum Gucken. Ein paar kleinere Ortschaften kommen, die Autobahn rückt immer näher. Ich gehe auf Nummer sicher und mache einen kleinen Schlenker nach Saint-Symphorien d’Ozon. Was für ein Name für das (tschuldigung) Nest. Aber eine schöne, sehr alte Kirche haben sie schon (natürlich geschlossen). Aber es ist ja auch schon kurz vorher – die Stunde Null: Jetzt geht’s lohos! Ich habe mein „Abendessen“ aus dem Fresskorb von Hélene schon intus und gehe einfach mal die Straßen entlang, suche nach einem Bistro o.ä. in dem ein Fernseher läuft. Kein Problem. Das Rad bleibt mit allem Gepäck draußen, ich finde einen guten Platz mit Blick auf mein Hab und Gut. 20 Minuten vor Anpfiff sind nur ein paar Menschen im Café, das ändert sich fünf Minuten vorher, einer nach dem anderen kommt rein, Fußball ist hier einfach ein Gesellschaftsereignis. Und so sitzt ich auch nicht lange allein am Tisch – und keine Minute später wissen alle, das „ Un Allemand“ hier ist. Klar, dass ich auf die Tragweite des Spiels hingewiesen werde. Es ist nun mal das erste Spiel. Aber irgendwie sind sich alle einige: Die Deutschen werden schlecht spielen aber gewinnen. Aber nach rund eine Viertelstunde und den ersten drei Toren sind alle zufrieden. Ein unterhaltsamer Spiel, und dass die Ticcos gewinnen, daran denkt hier eh keiner. Schrecksekunde für mich beim 3:2, ein wenig Hohn über die deutsche Abwehr. Aber bitte, wie soll denn die stabil sein mit Metzelder (in der Form), Mertesacker und Friedrich (dem vielleicht mal einer erklären sollte, wie eine Abseitsfalle funktioniert). Aber Ende gut, alles gut, das Spiel war nett und „wir“ haben gewonnen. Ich bin etwas benebelt von vier Glas Bier und einem Pastise – stand alles auf einmal vor mir und keiner wusste, woher es kam. „ Bois! Bois! Est payé!“. Ich bedanke mich noch einmal und überlege, was ich mache. Es ist erst acht Uhr und ich beschließe, dass ich noch ein wenig laufe. Und so verabschiede ich mich, laufe an der N 7 entlang, unter der Autobahn durch, dann noch ein Stück weiter und rein in einen schönen Wald. Meine erste Nacht im Freien nach so vielen Tagen in einem Bett. Geht mir fast wie bei meiner ersten Übernachtung draußen: Ich kann mich nicht für eine Platz entscheiden und bin schon wieder am Ende des Waldes. Es dämmert, und das macht die Entscheidung leichter. Zelt aufbauen, reinliegen, schlafen. Km: 19,7, Kasse: Euro 392

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