Jakobsweg_ohne_Geld

12.04.2006 um 06:09 Uhr

Freitag, 7. April. Badische, Unsymbadische und die Ohnmacht des Betens

Stimmung: mies, obermies, richtigobermies
Musik: Don't think twice, Bob Dylan

Kurz nach sieben Uhr morgens ist Tina wieder da, ich muss ja weg sein, bevor jemand kommt. Sie hat frische Brezeln mitgebracht und wir frühstücken noch zusammen. Ich erzähle ihr nichts von Irmi und mir. Ich will nicht, dass jemand Fragen stellt. Sie hilft mir noch schnell, die Bilder vom Foto zu laden, aber wir kriegen sie nicht ins Blog. (Günter, die schicke ich Dir per Mail in der Zwischenzeit, wenn’s geht, bau sie ein. Danke!) Also verabschieden wir uns, sie wünscht mir viel Glück und gibt mir noch eine Tüte mit lauter kleinen Gummibären-Tütchen mit, die sie als Muster bekommen haben und die hier keiner mehr sehen kann. Im Radio haben sie vorher gesagt, dass der Winter wieder zurückkommt – wenn auch nur für einen Tag. Und das stimmt. Es ist affig kalt, aber strahlend blauer Himmel. Also wenigstens kein Regen. Ich beschließe, dass ich noch ein wenig was von KA anschaue. Am Schloss bin ich schon gestern vorbeigekommen. Kostet alles Eintritt. Ich würde gerne das ZKM sehen und die Kunsthalle. Also laufe ich in die Stadt, aber es ist natürlich noch viel zu früh. Und bei der Kälte über zwei Stunden warten habe ich auch keine Lust. Außerdem kostet es Eintritt. Ich könnte es ja mal auf dem Sozialamt versuchen. Aber die haben ja auch noch zu. Und das ZKM ist mir dann doch zu weit abseits meiner Route, und wahrscheinlich komme ich eh nicht umsonst rein. Ich will mich eigentlich schon auf den Weg machen, aber dann will ich noch einen Stempel haben von KA. Also frage ich mich zur nächsten katholischen (schließlich bin ich Pilger) Kirche durch. Als ich am Pfarramt klingle und um einen Pilgerstempel frage, bekomme ich folgenden Satz zur Begrüßung: „Ah, schon wieder so ein Schnorrer“. Und während ich noch erstaunt schaue und nach einer Antwort suche, die scharf genug, aber nicht unverschämt ist, verschwindet die Person wieder, lässt aber die Türe offen. Was soll denn das nun wieder? Ich überlege, dass ich mich schriftlich beschwere, vielleicht beim Papa Razzi, aber in dem Moment geht die Türe wieder auf, ein 10-Euro-Schein wedelt vor meiner Nase. „Das reicht, alla, grüß Gott.“ Und die Türe ist in dem Moment zu, als ich den Schein nehme. Ich wollte meinen Stempel holen – und bekomme Geld. Aber eigentlich wäre es mir lieber gewesen, wenn die Leute nett sind. Anscheinend sind nette Worte schwerer zu kriegen als Geld. Es gibt halt, wie ein alter Spruch sagt, Badische und Unsymbadische. Ich laufe in Richtung Südwesten. Nicht so einfach, wenn man in einer größeren Stadt ist. Zickzack und die Straßen entlang. Ich komme an einem Aldi vorbei, der gerade aufmacht. Wie war das noch mal mit dem Aldi? Da gibt es ab und zu Sachen kostenlos, wenn das Datum überschritten ist. Mal schauen bzw. fragen. Nein, so was haben sie nicht. Aber als ich frage, ob ich was helfen kann, da stimmt die Dame zu. Ich helfe ihr geschwind, ein paar Paletten einzustapeln, nach einer halben Stunde sind wir fertig, und ich bekomme einen Apfelsaft, zwei Dosen Tunfisch, Essiggurken, Oliven, zwei Bananen und eine Packung Brot. Ich suche mir eine Bank und mache erst mal Brotzeit. Eine Süddeutsche Zeitung liegt auf der Bank, ist von letztem Samstag schon, aber auf der ersten Seite steht etwas, was ich sehr witzig finde: Beten hilft nichts. Die Amis haben tatsächlich einen großen Versuch gemacht und haben mit Unterstützung der Kirche für Krebskranke gebetet. Dabei haben sie die Leute in drei Gruppen eingeteilt: Die einen, denen man gesagt hat, dass für ihre Gesundheit gebetet wird. Die zweite, für die heimlich gebetet wurde und die dritte, für die nicht gebetet wurde. Das Ergebnis ist einigermaßen ernüchternd für die Kirche: Gruppen zwei und drei waren ziemlich gleich in den Heilungserfolgen und Komplikationen. Aber Gruppe eins schloss schlechter ab. Vermutlich, so die Forscher, weil die Menschen dachten, oh weh, es ist schon so schlimm, dass sie für uns beten müssen. Ich finde das herrlich. Also, an der Stelle noch mal die Frage an alle, die mir die Bitte auf den Weg gegeben haben, für sie in Santiago zu beten. Soll ich wirklich? Aber im Ernst: Der Wunsch an wirklich alle – bleibt gesund! Dann stapfe ich weiter. Es ist ein wenig wärmer, aber nicht wirklich gemütlich, der Wind ist sehr kalt. Endlich bin ich aus der Stadt draußen. Ich laufe relativ gemütlich, aber ohne größere Pause, knabbere unterwegs die Gummitiere, bis mir dann so leicht schlecht wird und versuche den Verkehr zu ignorieren. Ich laufe und lauf. Mache den MP3 hin und singe mit (zum Glück hört das niemand). Bob Dylan kommt: It ain’t no use in turning on the lights babe … I’m walkin down that long lonesome road babe … Wie kriegt man eine Frau aus dem Kopf, die einem fehlt? Irgendwann habe ich keine Lust mehr. Ich bin auch irgendwo falsch abgebogen, bin plötzlich unten am Rhein. Auch nicht schlecht, denke ich und laufe weiter. Ein kleiner Ort namens Neuburgweiher, dahinter ein schmales Wäldchen und der Rhein. Ich suche mir ein schönes Plätzchen, an dem mein Zelt niemand sieht, setze mich auf eine alte Öltonne und esse den restlichen Tunfisch, dazu Oliven und Brot. Jetzt würde ein schwerer Rotwein passen, stattdessen Leitungswasser. Kilometer heute: 25,2 Kasse: 64,20 Euro

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