Mittwoch, 10. Mai. Ein ganzes Leben ...
Nach einem kurzen Frühstück und einem Abstecher noch mal ins Internet geht es los. Heute habe ich einen Begleiter, denn Jean-Louis hat beschlossen, dass er mich begleitet. Musste zwar vorher noch ein paar Sachen erledigen, und so konnte ich noch mal schnell ins Netz und einige Kommentare loswerden. Außerdem meinte Jean-Louis, dass ich ruhig mal ein paar Leute anrufen kann. Dazu würde ich ja sicher nicht so oft kommen. Stimmt, und so habe ich als erstes mal Therese und Christophe angerufen, die schon etwas beunruhigt schienen, weil ich mich nicht gemeldet hatte.
Kurzer Rückblick noch mal auf gestern:
Wir sitzen lange an dem uralten Holztisch, trinken sehr trockenen Rotwein und ich höre ihm zu. Er erzählt sein ganzes Leben: Seine Firma in Paris, die er verkauft hat, als die Kinder groß waren und eigene Wege gingen. Seine Frau, die unbedingt aufs Land wollte, in ein Dorf, in dieses Dorf, und ihn dann nach zwei Jahren verlassen hat. Das war 1990. Seit dem ist er hier, allein, muss für die Kinder immer noch hin und wieder was springen lassen und für die Frau bezahlen. Die Landwirtschaft, die er machen wollte, hat er nach einigen Pannen aufgegeben. So hat er nur wenig Geld, aber es reicht. Und es geht ihm gut. Nach der zweiten Flasche klingelt das Telefon, er telefoniert und entschuldigt sich, dass er noch schnell ein E-Mail schicken muss. Sollte ich auch, murmle ich. „Mach doch“, sagt er, „ich bin eh gleich fertig und geh dann schlafen.“ So kam ich also zu der ausgedehnten Internet-Orgie.
Runde 14 km bis zur Abbaye de Fontenay, meiner vierten Unesco-Station. (Danke übrigens an den Internetknecht für die Infos zu den Teilen. Und was hat es denn mit dem „Anstecken“ auf sich? Kerstin hat sich noch nicht gemeldet ...)
Jean-Louis kennt sich gut aus und so ist die Navigation kein Thema. Und er lässt es sich auch nicht nehmen, die ganze Zeit das Rad zu schieben. Was mir allerdings sehr recht ist. So läuft es sich sehr bequem und locker. Und er übernimmt auch die Konversation zum größten Teil. Erzählt wieder von seinem „Landleben“ und kann so herrlich über seine eigenen Missgeschicke lachen. Ich verstehe da nicht immer alles, aber manchmal denke ich, so lustig ist das nicht, wenn einem irgendwie das ganze Saatgetreide verschimmelt oder die Hasen die gesamte Bohnenernte auffressen.
Fontenay ist nett, die mächtigen Kreuzgewölbe sind fantastisch und auch der Garten ist schön, auch, wenn er mehr zu einem Schloss denn zu einem Kloster passen würde. Jean-Louis spendiert mir noch eine Führung und eine Postkarte. Und auch das Essen übernimmt er. „Ist doch klar“, meint er nur. Außerdem macht er sich Sorgen, wo ich übernachte. Aber es ist ja warm genug, und ich kann hier überall zelten. Schließlich trinken wir noch ein Glas Wein und er macht sich auf den Weg nach Montbard – „wenn ich schon mal hier bin ...“. Wäre auch meine Richtung, aber nach der Führung bin ich doch etwas fußlahm, und in der Stadt habe ich auch keine Chance auf einen Zeltplatz. Also verabschieden wir uns kurz, und ich suche mir einen Platz für die Nacht.
Kilometer: 14,5 km, Kasse: 29 Euro
