Jakobsweg_ohne_Geld

11.07.2006 um 19:09 Uhr

Mittwoch, 5. Juli, Immer am Kanal entlang

Musik: Against the Wind, Bob Seeger

Leider weiß ich nicht genug über Beziers und über den Kanal de Midi, aber egal – ich werde mir das einfach mal anschauen. Beziers erwacht früh. Ich noch früher. Ich schleiche mich vom Campingplatz, bevor der Besitzer wach ist und laufe in die Stadt. Zum ersten Mal wieder mit dem Rucksack auf dem Rücken. Ich habe zwar schon immer mal wieder probiert, und das ging ganz gut. Aber es ist trotzdem etwas anderes und ich überlege, ob ich das Rad nicht doch wieder holen soll. Ist schon bequemer, wenn man das ganze Zeugs nicht schleppen muss. Ist aber auch ein anderes Gefühl, nicht mehr so einseitig daher zu kommen. Nicht mehr an Treppen zu verzweifeln oder im Sand und an engen Durchlässen. Gut, Sand werde ich jetzt erst mal keinen mehr haben. Ich schleppe mich die steilen Gassen hinauf zur Kathedrale. Natürlich hat die noch geschlossen. Aber ich habe einen fantastischen Ausblick und nehme bei einem Paar aus Heidelberg Nachhilfe in der Geschichte. Sie sind ebenfalls auf Wallfahrt, allerdings mit dem Motorrad. Interessante Geschichte hat Beziers gehabt – und wie vieles, was interessant ist in unseren Augen, ist es nur ein weiteres Kapitel im Buch von Gewalt und Machtgeilheit. Die war Hauptrolle natürlich wieder mal mit der katholischen Kirche und seinen Päpsten besetzt. Die schrecken 1209 nicht zurück, die gesamt Stadt mehr oder weniger hinzumetzeln und sogar die Kirche zu zerstören. Wer weiß, wie Frankreich heute aussehen würde, hätten sie damals nicht die Drecksarbeit für die Päpste gemacht, denn die profitierten wohl letztlich davon. Bei einem Frühstück und einem Gang durch die Markthalle vertiefen wir den ganz anderen Eindruck, den Beziers heute macht – es ist einfach eine schöne Stadt. Die beiden sind schon wieder in Eile, wollen weiter. Was für ein Luxus ist doch Zeit. Und Geld. Ich beschließe, dass ich beides habe und schaue mir noch das Kunstmuseum an. Inzwischen hat dann auch die Kathedrale geöffnet und ich lasse mich ein paar Minuten ein in die doch etwas seelenlose Gotik im Innern. Von der Ferne macht die Kirche einen viel besseren Eindruck. Also, einmal tief durchatmet und wieder los. Es eh schon spät genug. Schnell noch eine Postkarte, hätte ich fast vergessen. Die Sonne hat heute ein Einsehen und hält sich bedeckt. Und so komme ich recht flott aus Beziers raus, runter an den Kanal, dem ich nun folge. Das geht ganz gut, zumal entweder ein guter Weg oder eben eine betonierte Kanaleinfassung gut zu begehen ist. Interessant sind die sechs hintereinander folgenden Schleusen gleich nach der Stadt. Hier stehen die Hausboote Schlange, und haben jede Menge Zuschauer. Einen kurzen Abstecher mache ich nach Oppidum d’Enserune, aber dann schaue ich mir die Ausgrabungen doch nicht an. Ich will noch ein wenig vorankommen. Ich mache eine Pause, kaufe eine Melone und genieße die schöne Landschaft. Weit komme ich dann aber doch nicht mehr, der Rucksack wird schwerer und schwerer. Immerhin habe ich keinerlei Probleme mit den Rippen gehabt. Ich suche mir eine Stelle zum Schlafen, was aber gar nicht so einfach ist, denn mit Wald sieht es nicht so gut aus. So frage ich wieder bei einem Bauern und bekomme ohne Probleme die Erlaubnis zu zelten. Ohne Problem heißt, wenn man davon absieht, dass ich den Menschen kaum verstanden habe. Der Süden macht sich im Dialekt bemerkbar. Km: 23,9, Kasse: Euro 357

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