Jakobsweg_ohne_Geld

28.06.2006 um 14:35 Uhr

Montag, 26. Juni, Gewitterwein

Musik: Like a hurrican, Neil Young

Ich hätte mir das Spiel doch anschauen sollen, also, das zwischen Portugal und Holland. Da muss ja wirklich was los gewesen sein. Die Zeitungen schreiben von der „Schlacht in Nürnberg“. Wundert mich schon, dass ein Mann wie Deko vom Platz gestellt wird. Und auch Figo muss sich sehr daneben benommen haben. England war (wie immer bei dieser WM wohl eher langweilig). Immerhin wird das auch ein interessantes Duell. Ich bin ein wenig müde heute, schleppe mich so dahin. Das Wetter ist so was von drückend, schon morgens um zehn sehe ich im Westen die ersten Gewitter. Schließlich bin ich in Arles, dem Herz der Provence. Eine schöne Stadt, aber bei dem Wetter nicht gerade der Hit. Ich kaufe mir schnell meine Postkarte, damit ich das nicht vergesse. Ich bummle trotzdem ein wenig durch die Gassen – zu entdecken gibt es eine Menge. Natürlich das Amphitheater und das antike Theater gleich daneben – aber ich liebe eher die kleinen Details. Zum Beispiel einen Wasserspeier in Form eines Krieges mit Löwenhelm. Und dann steckt eine Menge Atmosphäre in der Stadt. In den kleinen Altstadtgassen mit dem etwas morbiden Charme ebenso wie im Stadtpark, wo die alten Frauen im Platanenschatten die Zeit verplaudern. Noch ein Blick ins Kloster St.-Trophime. Ruhe, Kühle, Kraft ... ein wunderschöner Ort für eine Pause. Vincent fällt mir ein, ausgerechnet hier. Mit Kirchen hatte er es ja nicht besonders. Hat er je eine gemalt. Auf Anhieb fällt mir keine ein. Vor dem Kloster steht ein Paar aus Österreich, die einen Stadtplan haben. Ich frage sie, ob ich einen Blick darauf werfen darf, um einen guten Weg aus der Stadt zu finden. Sie dagegen suchen die Post. Wir tauschen uns gegenseitig aus, und ich begleite sie zur Post, weil die beiden kein Wort Französisch sprechen. Sie hat sich ihre alten Wanderschuhe schicken lassen. Ganz Frau hatte sie sich einen Tag vor dem Urlaub neue gekauft (frau muss ja schick sein) und jetzt entsprechende Blasen. Der Postler findet kein Paket unter U wie Ursula und auch nicht unter P. Ich frage ihn, ob unter F denn vielleicht was zu finden wäre. Ja, einsortiert unter F wie „Frau“. Als Gegenleistung für die Übersetzungsdienste bekomme ich dann noch einen Eisbecher und ein wenig Nachhilfe zu van Gogh. Er hat sehr wohl Kirchen gemalt. Und sein berühmtes gelbes Haus, in dem er hier gelebt hat, wurde im Krieg durch einen Bombenangriff zerstört. Ich muss dringend weiter und verabschiede mich. Weit komme ich eh nicht mehr, die Stadt hat mich zu lange aufgehalten. Ich entscheide mich nicht für Nimes, sondern für die Route runter in die Carmargue. Kaum bin ich aus der Stadt, treibt mich ein Gewitter in eines der Restaurants, die hier auf Touristen warten. Der Patron ist nett, lässt ich unterstellen, und, weil noch nichts los ist, schaue ich mit den Kellnern und Köchen an, wie draußen für eine halbe Stunde die Welt untergeht. Das eigentlich harmlos wirkende Grau wird innerhalb von Sekunden zu einem Gelbschwarz, und als der Himmel dann aufmacht, da ist es, als schütte er wahllos Eimer von Wasser durch die Gegend. Alle schauen stumm zum Fenster hinaus, unterhalten wäre eh nicht möglich. Der Donner und das Rauschen des Wassers sind infernalisch. Dann sind die Blitze weg, nur der Regen rauscht noch. Plötzlich habe ich ein Glas Wein in der Hand – Gewitterwein, lacht einer. Wir schauen uns den Rest des Spieles Italien – Australien an. Was für ein Betrug! So einen lächerlichen Elfmeter habe ich noch nie gesehen. Und das zehn Sekunden vor Schluss. Und warum Canavaro nach der Tätlichkeit direkt vor dem Schiedsrichter nicht vom Platz geflogen ist, weiß auch nur der Mann in Schwarz. Die Franzosen lachen sich halb tot und schimpfen natürlich auf die Schiedsrichter, die ihnen ja auch wohl ein klares Tor aberkannt haben. Schade, der Fußball der Italiener war, wie eigentlich immer, wenn sie nicht gegen Deutschland spielen, mies. Hoffentlich schafft es die Schweiz nachher. Nach einer Stunde hört der Regen dann auf, ich mache mich, ein wenig beschwingt, wieder auf den Weg. Eigentlich wollte ich nach einem Bauernhof suchen, aber es kommt nichts. Und ich bin schon im Nationalpark. Puh. Hier ist zelten eigentlich verboten. Eigentlich.

  

Km: 17,7,  Kasse: Euro 385


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