Musik: April, Deep Purple
Als ich morgens unter der Dusche stehe, habe ich mir überlegt, dass das mein letztes richtiges Bett für einige Zeit war, vom Luxus des riesengroßen Gästebades bei Herbert, den flauschigen Frotee-Handtüchern und der Fußbodenheizung ganz zu schweigen. Letztes gutes Frühstück, letzte gute Ratschläge. Zum Glück nicht so viele. Eigentlich nur einer: Wenn es gar nicht mehr geht, dann ruf an, fahr zurück, setz’ deine Notreserven ein. Ich verspreche es, denke mir aber im Stillen, dass es dazu nicht kommen wird. Meine Notreserven, das sind 500 Euro, versteckt im „Geheimfach“ des Rucksackes. Die sind eigentlich für die Rückfahrt. Dann 50 Euro, die für akute Notfälle unterwegs sind: Medikamente, Essen, wenn gar nichts
geht, Telefon etc. Und dann noch 5 einzelne Euro, die mir Herbert noch auf den Tisch zählt, sozusagen als Startgeld. Damit’s eine schöne Schnapszahl ist, meint er lachend. Herbert ist ein wenig spät dran, ein kurzer Händedruck, dann ist er weg. Ich muss auf Günter warten, der sich bereit erklärt hat, die Kamera „einzufliegen“. Er ist einigermaßen pünktlich, und so kann auch ich meinen Rucksack packen. Ich habe allerdings Probleme, das Vesperpaket, das mir Adelheid mitgeben will, unterzubringen. Ein letzter Abschied. Hoffe ich.
Und dann los. Raus aus Renningen, Als ich in den Wald oberhalb von Malmsheim „eintauche“, atme ich irgendwie auf. Jetzt geht die Reise eigentlich los. Das spüre ich daran, dass ich mich schlagartig einsam fühle. Erste Pause oberhalb von Heimsheim. Ich spreche meine ersten Gedanken auf dem mp3, muss ja auch gestern nachholen, weil ich das nicht wollte, so lange Irmi, Kai und Günter dabei sind. Dann weiter, leider der Hauptstraße entlang, weil ich unter der Autobahn durch muss, und da gibt es keine andere Möglichkeit. Und zum Teil keinen Gehweg, ich muss auf der Straße laufen – sehr blöd und gefährlich. Danach geht
es wieder auf schönen Waldwegen weiter. Ich bin alleine unterwegs, keine Menschenseele ist hier auf den Beinen. Kein Wunder bei dem Wetter. Es regnet schon wieder. Kurze Pause an einer Grillstelle, Adelheids Vesperpaket muss reduziert werden. Der Tee ist schon weg und ich habe vergessen, in Heimsheim Wasser zu tanken. Aber ich will auch nicht nach Mönsheim rein, also laufe ich weiter und büße es durch ziemlichen Durst und recht schnell schwere Beine. In Wirnsheim tanke ich dann nach. Ich frage in einem Kindergarten, ob ich etwas Wasser haben kann, was gar kein Problem ist. Mein erstes „Almosen“.
Ein Knirps fragt mich, was ich denn mache, und ich sage es ihm. Er hat zwar keine Ahnung,
so Santiago de Compostela ist, aber er meint, dass das wohl sehr weit ist. Eine der Betreuerinnen holt einen Atlas und ich zeige es ihm. Ein Mädchen meint, so weit kann man gar nicht laufen. Und ein anderer Knirps sagt, dass ich wahrscheinlich nur kein Auto habe, und deshalb laufen muss. Die Kinder wollen, dass ich erzähle, was ich schon alles erlebt habe. Ist aber nicht viel, und eigentlich will ich weiter, bin eh spät dran. Andererseits tut es gut, die Beine mal auszustrecken. Außerdem kriege ich Reisbrei mit Apfel und Zimt – die Reste vom Nachtisch, dazu Früchtetee. Reisbrei mögen wir nicht so, sagt eines der Mädels und die anderen nicken. Als ich gehe, wünschen mir die Betreuerinnen viel Glück, schenken mir noch ein Mars und einen Euro und die Kinder stehen am Zaun und winken. Das hat schon fast etwas Groteskes.
Guter Nebeneffekt: Ich bekomme einen Weg beschrieben über Enzberg, so kann ich die Strecke nach Mühlacker an der Bundesstraße entlang meiden. Blöderweise verlaufe ich
mich dann aber an dem Flugplatz irgendwie. Aber schließlich schaffe ich es über die Bundesstraße nach Ötisheim und bin ziemlich fertig. Ich rufe bei Irmi an, aber sie ist nicht da. Danach lasse ich mich erst mal am Bouleplatz nieder. Ein paar ältere Leute kommen – sie tragen ihr erstes Turnier in dem Jahr aus. Der Regen stört sie nicht. Sie machen das seit Jahren schon so. Natürlich muss ich ihnen erzählen, von wo nach wo und warum ich unterwegs bin. Außerdem muss ich mitspielen, einer der Spieler kann heute nicht wegen Konfirmationsfeier (ich bin grottenschlecht). Und dann werde ich eingeladen zum Vesper. Und das alles, ohne dass ich erzählt hätte, dass ich ohne Geld unterwegs bin. Zum ersten Mal in meinem Leben esse ich Schwartenmager – wird nicht meine Lieblingswurst. Mit erholten Beinen und leicht beschwingt vom Trollinger ziehe ich spät am Abend weiter. Eine gute Stunde später bin ich kurz vor Maulbronn. Der Wald reicht fast an das Städtchen ran, und ich beschließe, dass ich hier im Wald zelte. Ich kann mich nicht entscheiden, wo eine gute Stelle ist und laufe noch eine Weile unnötig durch die Gegend. Schließlich wird es dämmrig und es beginnt schon wieder zu regnen. Ich lasse meine Sachen einfach irgendwo an einer einigermaßen ebenen Stelle fallen, baue mein Zelt auf und krieche rein. Meine erste Nacht also alleine draußen. Es ist kalt und nass.