Jakobsweg_ohne_Geld

12.04.2006 um 06:43 Uhr

Samstag, 8.April. Brot und Rosen

Stimmung: Black
Musik: Paint it black, Rolling Stones

Das Aufstehen fällt mir wieder schwer. Es ist wieder wolkenloser Himmel, leicht diesig, aber a…kalt. Ich schaue auf die Landschaft am Rhein, kann sie aber nicht wirklich erreichen/erfassen. Ein Reiher stakst über die Wiese, sucht nach seinem Frühstück. Ich sehe ihm zu und schaue, was ich noch habe. Nicht viel, meine Care-Pakete, die ich bisher ziemlich reichlich erhalten habe, sind so gut wie weg. Gummibärchen. Na ja. Also mache ich mich auf die Suche nach etwas Essbarem, immerhin habe ich noch genügend Geld. Das wird, komischerweise, immer mehr. Aber so einfach ist das gar nicht. Ich hab mal wieder keinen Plan, vergessen dann auch, wie der Ort heißt. Schließlich frage ich einen Mann, der eine Hecke schneidet, nach einer Bäckerei. Er weiß keine, aber einen kleinen Laden, der auch Brot hat. Noch besser. Und der „Gärtner“ schenkt mir noch eine kleine Rose, die er eben abgeschnitten hat. Ich finde den Laden und frage nach Brot von gestern. Sie haben keines, aber ich bekomme ein kaputtes ganz billig. Dazu noch einen Käse mit Ablaufdatum von heute zum halben Preis und schon ein paar weiche Trauben geschenkt. Auf einer Bank vor der Kirche mache ich dann Brotzeit. Die Rose, die ich an den Rucksack gesteckt habe, fällt mir ein. Und ein, ich glaube chinesisches Sprichwort: „Ich habe Brot gekauft und rote Rosen geschenkt bekommen: wie glücklich bin ich, beides in Händen zu halten.“ Mit vollem Magen studiert es sich vielleicht nicht gut (noch ein Sprichwort), aber es denkt sich besser und ich orientiere mich. Ich bleibe zwischen Rhein und Schnellstaße und komme auf einem schönen Weg nach Steinmauern und von da auf einem weniger schönen nach Rastatt. Eigentlich eine schöne Stadt, aber mit zu viel Verkehr mitten durch. Gut, was will man erwarten von einer Stadt, die ein riesiges Mercedes-Werk hat. Es ist wieder wärmer geworden. Ich sitze im Stadtpark, habe die Stiefel ausgezogen und genieße ein paar Minuten Ruhe von allem. Vor allem vom Laufen. Eigentlich wollte ich mir das Museum im Schloss anschauen, aber irgendwie habe ich keine Lust mehr. Ich sitze einfach da, und sitze und sitze. Also gut, dann weiter. Ich will noch aus der Stadt raus und mir einen schönen Schlafplatz suchen. Eine Bäckerei einer bekannten Kette liegt auf dem Weg. Ich gehe rein und frage ganz höflich, ob sie vielleicht eine Arbeit hätte, mit der ich mir ein Brot verdienen könnte. Die Antwort überrascht mich so, dass ich sie gar nicht richtig wahrnehme. Irgendwas von „dreckigen, faulen Bettlern und Ausländern, die ihr die Arbeit wegnehmen, von Sozialhilfe leben und sie dann blöd anmachen - von denen hat sie die Nase voll“. Ich schaue mir die Frau an: Um die 50, über 20 Kilo zu viel, schmuddelige Schürze, schreckliches Make-up. „Nein“, sage ich nicht ganz fair, „anmachen würde ich sie ganz sicher nicht. Selbst so ein dreckiger Bettler wie ich hat eine Ekelgrenze.“ Ich drehe mich um und gehe raus - in dem Moment kracht es neben mir. Sie hat einen Tesaabroller nach mir geworfen, aber nur die Schaufenster-Dekoration getroffen. „Daneben“, sage ich, ohne mich umzudrehen. Aber irgendwie habe ich dann doch Angst, dass die kranke Frau mir mit einem Messer in der Hand nachläuft. Aber sie kommt nicht. Immerhin hat sie mich auf die Idee gebracht, dass ich als Penner ja noch zum Sozialamt gehen kann. Ist eh gleich um die Ecke – und hat am Samstag natürlich zu. Ich hab ein wenig den Bezug zum Kalender verloren. Ich mache Großeinkauf im Supermarkt: Brot, Wurst, Schokolade (mir ist danach), eine Banane und Butterkekse (Sonderangebote). Ich laufe endlos aus der Stadt raus, unter der Autobahn durch, sehe Schnellstraßen, Landstraßen und andere Straßen. Irgendwann sehe ich dann Wald und halte einfach darauf zu. Ich suche mir eine schöne Bank, mache Rast und esse. Der Schrittzähler zeigt fast 24 Kilometer. Ich schaue auf die Karte und sehe, dass ich locker hätte nach Baden-Baden kommen können heute. Aber das Erlebnis in Rastatt hat mich dann doch etwas verwirrt. Ich konnte gar nicht mehr klar denken. Habe ich etwas Falsche gesagt? Habe ich sie so provoziert? Was wäre gewesen, wenn sie getroffen hätte? Ich bleibe sitzen bis es dämmrig wird, dann verziehe ich mich in den Wald rein und baue mein Zeit auf. Fast vergessen: Alles Gute zum Geburtstag, Kerstin! Bussis und Knuddel. Kilometer heute: 24,1 Kasse: 58,80

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