Sonntag, 7. Mai. Die Entdeckung der Langsamkeit
Als ich aufwache tut mir alles weh. Also, alles oberhalb der Leiste. Ist halt doch etwas anderes, wenn man in einem weichen Bett schläft oder auf der Isomatte. Aber es geht. Ich muss mich nur beherrschen, dass ich die herrlich frische Morgenluft nicht mit tiefen Zügen inhaliere. Schon der Gedanke daran schmerzt mir in den Lungen. Ganz langsam geht es voran. Alles muss wirklich überlegt sein. Einen Hering in die Erde zu treiben, dazu brauchte ich gestern nur einmal mit den Wanderstiefeln draufstehen. Ihn wieder herauszukriegen ist eine ganz andere Geschichte. Ebenso das Zelt und den Schlafsack zusammenzurollen. Aber: Ich brauche jetzt nicht mehr ganz so fest zu packen, da mein Packesel doch einiges verzeiht, sprich, er hat mehr Platz. Mir kommt es endlos lange vor, bis ich endlich alles zusammen und auf dem Rad habe. Zwischendrin habe ich dann noch ein wenig was aus dem riesigen Vesperpaket von Therese gemampft. Dann geht es in das nächste kleine Nest, Prenois. Ich frage einen Mann, der vor der Haustür raucht, ob ich meine Wasserflasche füllen kann, und er spendiert mich gleich noch einen Kaffee dazu. Dann „schiebe“ ich weiter. Zum Glück sind die Wege gut. Beton oder ganz feste Erde. Die Haltung ist nicht sehr bequem, aber es geht. Ich muss nur schauen, dass das Rad möglichst gerade steht. Und es hat Vorteile, den Rucksack nicht tragen zu müssen. Sehr angenehm ist zum Beispiel gerade bei dem Wetter, dass man am Rücken dann nicht schwitzt. Ich vermute, dass ich etwa das halbe Tempo schaffe wie bisher, aber trotzdem bin ich irgendwie in sehr guter Stimmung und laufe ziemlich lange. Komischerweise bringt es gar nichts, das Rad auf die andere Seite zu nehmen, ich kann es links einfach nicht haben. Nach 5 Minuten wechsle ich wieder zurück. Ich nehme es zwar noch einige Male rüber, aber immer nur für ein paar Minuten. Die Gegend wird hügelig, immer wieder geht es kleine „Berge“ hinauf, und das merke ich dann schon gehörig. Kurze Pause, dann geht es weiter. Es geht eigentlich ganz gut, ich merke nur, dass mir das Sprechen schwer fällt. Aber so viel gibt es eh nicht zu sagen.
Ich komme bis Bligny le Sec, dann merke ich, dass es genug ist für heute. Meine Arme schmerzen durch das ungewohnte Schieben, aber das gibt sich wieder. Ich darf unter blühenden Obstbäumen schlafen, bekomme frische Milch geschenkt und zehre noch immer von den Vorräten von Therese.
Kilometer: 15,4 km, Kasse: 38 Euro
