Stimmung: Gregorianisch
Musik: s.o.
Ja, ja, ja, Ihr habt richtig gelesen. Aber es ist ein wenig anders, als Ihr Euch das vorstellt. Zuerst einmal bin ich wieder „nach Gefühl“ gelaufen. Wie war das bei Loriot: „Vielleicht stimmt ja mit Deinem Gefühl etwas nicht.“ Auf jeden Fall bin ich nicht in Baden-Baden, sondern in Ebersteinburg gelandet. Immer bergauf ... Aber dann war es nicht mehr zu verfehlen. Verfehlt habe ich dafür aber Kevin, für den ich ja einen Brief und eine Empfehlung hatte. Seine Frau ist am Telefon und sagte mir, dass er erst am späten Nachmittag wieder da ist. Also schaue ich mir die Stadt an. Ich war noch nie in Baden-Baden und bin auch nicht sicher, ob ich was versäumt habe. Die Häuser sind zwar sehr schön zum Teil, aber hinter hohen Toren und Hecken versteckt, vergittert, verdeckt. Die Preise auf den Speisenkarten sind astronomisch. Ein Restaurant, Stahlbad, hatte Vorspeisen drin, die über 20 Euro kosten. Das ist für mich, der Gesamtbedarf von zwei bis drei Tagen. Von einem Hauptgericht könnte ich preislich eine Woche leben.
Ich setzte mich in den Kurpark, schaue mir die Trinkhalle an, das Casino hat noch zu. Bummle ein wenig durch die Einkaufszone ... Das Burda-Museum kostet Eintritt, aber die aktuelle Ausstellung interessiert mich ah nicht und der Bau ist eigentlich auch ganz nett. Ich habe Hunger und kaufe mir eine Portion Pommes und eine Wurst – die musste ich einfach haben. Dann stapfe ich in Richtung Bahnhof, wo Kevin wohnt. Hier werde ich mit offenen Armen aufgenommen, ja, ich war eigentlich schon gestern oder vorgestern erwartet worden. Also muss ich gestehen, dass ich etwas getrödelt habe. Es gibt ein Gästezimmer, es gibt eine Dusche, es gibt Kaffee und selbst gemachten Apfelkuchen. Natürlich muss ich erzählen, was so alles passiert ist. Soll ich das mit der Bäckerei gestern erzählen? Ja, warum nicht. Er schüttelt nur den Kopf, meint aber, dass manche Menschen halt unter gewissen Umständen sehr aggressiv reagieren. Er muss es wissen, er ist Polizist. Und dann – machen wir uns auf ins Kloster Lichtenthal. Ich schaue ihn komisch an. Er lacht nur und meint, dass es sich lohnt. Und da hat er Recht: Schon das Kloster hat etwas ... ich weiß nicht, was. Es gibt einfach Plätze, die sind beseelt. Ich will nicht von Energieadern oder anderen esoterischen Dingen reden, davon halte ich nicht viel. Aber manche Plätze/Orte strahlen etwas aus, das Besitz ergreift, ohne Besitz ergreifend zu werden - wenn man sich darauf einlassen kann. Und dann die Nonnen, die waren einfach sehr stark, in sich ruhend. Das Stundengebet wird in lateinischer Sprache, der Sprache der Kirche, gesungen, und zwar nach den alten Melodien des Gregorianischen Chorals. Das passt natürlich hervorragend zur klassischen, etwas kühl im Stil der 60er renovierten Gotikkirche. Leider versäume ich es, nach dem Gottesdienst mit einer der Frauen ins Gespräch zu kommen. Ich war mir aber auch nicht sicher, ob sie das wollen. Immerhin ist die Klausur, die Abgeschiedenheit und das Schweigen ein Teil ihres (Kloster)Lebens. Und ich wollte auch nicht herkommen und sagen: „Hallo, ich bin Pilger, lobt mich.“ Immerhin denke ich gerade noch daran, mir einen Stempel für mein Buch zu holen. Und apropos Buch, die haben ganz tolle Kaligraphien hier. Wir fahren wieder zurück und Kevin will mich eigentlich in die Caracala-Therme einladen. Aber das wird mir dann doch zu spät. Wir reden noch ein wenig über Gott und die Welt. Ich erfahre, dass Stuttgart endlich mal gegen Nürnberg gewonnen hat und die Bayer verloren. Auch schön. Nach einem üppigen Abendessen gehe ich dann früh schlafen. Kevin und Katrin müssen auch bald raus, sie haben Frühschicht.
Kilometer heute: 11,2
Kasse: 52,10