Werner Tübke am Strand von Ostia
Werner Tübke: Am Strand von Ostia (Auf der Rückseite der Arbeiterklasse)
Dem ersten Blick nicht greifbar: Fremd in fremdem Land: Zwei Strandkörbe am Mittelmeer! Wieso Ostia? Nichts ist italienisch an diesem Bild – außer der Manier des Malers.
Wir schauen von schräg oben auf ein schmales Stück Sandstrand. Nur am oberen Rand ist ein Streifen lackblauen Meeres zu sehen. Die sehr breite Tafel ist erfüllt von menschlichen Körpern, von sehnigen Muskeln, hautbespannten Knochen, diagonal gespreizten Gliedmassen mit scharf abgeknickten Händen und Füssen, Rümpfen in altmodisch einteiligen roten und blauen Badeanzügen. Sie geben die wenigen Töne an in dem bleichen Timbre von Sand und Haut.
Die Körper sind in voller Bewegung erstarrt, völlig aus dem Gleichgewicht. Wie in einer Wäscheschleuder, oder als ob die Welt sich mit einem Ruck zur Rotation entschlossen hätte. Die Glieder stützen sich im Nichts ab. Stumm: wo es laut sein müsste. Die Gesichter abgewandt, erstarrt oder fragend leer. Das Mienenspiel, als Spiegel vergangener Erlebnisse und Erfahrungen, ist hier erblindet. Eine in die Zukunft weisende Physiognomie des Leibes und der Glieder kommt ins Bild.
Wie hat Tübke das Licht gemalt?
Es scheint von oben, fast senkrecht, leicht von hinten wie auf eine Bühne. Die Rücken, Nacken, Schulterblätter der gebeugten Gestalten sind erhellt. Die zugewandten Vorderseiten abgedunkelt. Die beiden Menschen in den Strandkörben fast ganz im Dunkel. Schlagschatten fallen auf den Sand. Kaum zu Denken, dass man sich hier wärmt und bräunt. Es ist ein fahles, unterweltliches Licht, das nur Körper sichtbar macht.
Die Kinder im Vordergrund, angstlos vor dem Getümmel der Erwachsenen, geben sich rätselhaften, unlustigen Spielen hin: die in der Ferne wandeln sehen aus wie von Wüstenei sklerotisiert.
Am meisten der von außen wirkenden Dynamik ausgesetzt ist der quasi rückwärts ins Nichts fallende junge Mann im rechten Strandkorb; aus dem linken schaut uns eine frontal sitzende Frauengestalt an: Prächtige, wie von El Greco gefaltete Tücher öffnen sich vor ihrer Brust. Ist es Diane de Poitiers? Oder eine Madonna? Vollends Zitat ist ein im Mittelgrund zu findender Putto. Halbrechts sitzend – ich sah ihn erst beim zweiten oder dritten Betrachten – wendet er den Kopf dem fallend gekreuzigten Manne zu und deutet mit segnender Gebärde auf ihn.
Studiere Mantegna, studiere Reni und beschäftige dich mit Pontormo! Sagt es in mir. Was aber hat den Tübke hierher verschlagen?
