in such a night
Stimmung: retardierend
Musik: dave, dee, dozy etc.
Liebe X und Y,
Venedig ist und bleibt bezaubernd, auch wenn du dir noch sooft sagst, daß du es nun eigentlich schon oft genug gesehen habest, daß es doch die Schönheit des Verfalls sei, die dich anzieht und daß du somit im Canale Grande der Postmoderne mitschwimmst. Alles ist passé, wirklich, hier, aber in welchen Farben! Und solche Anziehung will erst einmal nachgemacht sein, nach dem unglaublichen Gewimmel von Menschen zwischen Bahnhof und Piazza San Marco zu schließen. 80000 Einwohner und 12 Millionen Touristen jährlich! Das macht wieviele pro Einheimischem? 150? Die wollen erst einmal beherbergt, genährt und dann auch wieder erleichtert sein....Die Kommune überlegt ernsthaft, für Ortsfremde eine Pinkelsteuer von 1000 Lire einzuführen.
Das Wunder aber : gehst du einige Schritte abseits, bist du unvermittelt (fast) alleine und hast alle Muße der Welt, dir all die Winkel, Treppchen, Hinterhöfe und Dachterassen anzusehen. In Venedig wird alle Tage gewaschen und quer über weitere und schulterenge Sträßchen hängt die Wäsche, ordentlich nach Sorten, entweder in weiß-rosa-himmelblau oder ganz in schwarz. An den salzigen Hauswänden aber findest du eine Skala von allen Farben. Warme Ziegeltöne, grünschwarze Algenschichten, graues Entzücken der Kalke von den Euganeischen Hügeln, Anstricharchäologie auf Türen und Fensterrahmen, Wellensittichkeckheit in den zahlreichen Käfigen. Und alles wird in jeder Sekunde von den Wassern umspült, liebkost, unterhöhlt, zerfressen.
Wir gingen wiederum zuerst zum Ghetto. Hauseingänge stellen sich oft als Straßen heraus. Manche Gasse endet blind und der Dichter des Merchant of Venice wispert abendlich in ihnen:
Lorenzo:
The moon shines bright: in such a night as this,
When the sweet wind did gently kiss the trees
And they did make no noise, in such a night
Troilus methinks mounted the Troyan walls,
And sighed his soul toward the Grecian tents,
Where Cressid lay that night.
Jessica:
In such a night
Did Thisbe fearfully o’ertrip the dew,
and saw the lion’s shadow there himself,
and ran dismay’d away.
Lorenzo:
In such a night
Stood Dido with a willow in her hand
Upon the wild sea-banks, and waft her love
To come again to Carthago.
Jessica:
In such a night
Medea gather’d the enchantet herbs
That did renew old Jason.
Lorenzo:
In such a night
Did Jessica steal from the wealthy Jew,
And with an unthrift love did run from Venice
As far as Belmont.
Jessica:
In such a night
Did young Lorenzo swear he lov’d her well,
stealing her soul wiht many vows of faith,
and ne’er a true one.
Lorenzo:
In such a night
Did pretty Jessica, like a little shrew,
slander her love, and he forgave it her.
Jessica:
I WOULD OUT-NIGHT YOU, did nobody come
But, hark! I hear the footing of a man.....
Als wir müde waren, nahmen wir ein Motorboot, wohin es auch immer führe. Über den Lido und Punta Sabbioni ganz am Rand der Lagune kamen wir bis Burano. Ein Miniaturvenedig der Seidensticker, wie Murano das der Glasbläser ist, mit bunten Häuschen und der Locanda zur Schwarzen Katze.
Die Biennale war dann zwei Tage lang unser Hauptziel. Sie ist ganz in Venedig gebettet, diesmal noch mehr als vor zwei Jahren, denn auch das Arsenal war jetzt der Kunst geöffnet worden.
Ein Traum! Wo zu Zeiten der Macht 16000 Menschen gearbeitet hatten und täglich eine Galeere vom Stapel lief, wuchs alles zu, blühte Oleander, rosteten die Öltanks, waren die Schienen einzementiert, die Fenster blind. Nur im riesigen Hafenbecken brausten fünf schöne Carabinieri wie angezogene Dream-men hin und her. Ein hoher schwarzbrauner Kran reckte sich, und in der schrottgefülltesten Halle weiße Gipfel, und neonblaue Flüsse zogen durchs Alteisen. Es trommelte nur noch auf den hautbezogenen Stühlen und Betten eines chinesischen Künstlers. Tausend Gläser füllten wie stumme Balanceartisten Boden und Dachgebälk des Pulverlagers. In Sansovinos überdachtem Becken schwamm ein Teppichfloß und Pipilotti Rists Maschine spie fröhlich Dampfblasen. Die ganze Ausstellung hatte Auftrieb, war Versuchen und Erkundungen offen und wie durch den Zufall zur Einheit komponiert, einen zweitägigen Spaziergang wohl wert. Viele junge und „unbekannte“ Künstler stellten aus, China war stark vertreten und wohl der spezielle Akzent der Schau, unbefangen sind die Chinesen, neugierig auf die alte Welt wie auf sich selbst, keinen Strömungen verfallen. Wer sagt, es sei nicht mehr die Zeit der Malerei? Viel mehr Bilder als erwartet gab es zu sehen. Hier wie auch im Bereich Video ebensoviel Überraschendes wie Enttäuschendes. Aber alles spannend zu entdecken. Außer vielleicht Louise Bourgeois mit ihren verstümmelten Puppen boten gewiß nicht die Arrivierten das Gelbe vom Ei.
Ein gelungener Pavillon: der Frankreichs, gemeinsam von einem Franzosen und einem Chinesen gestaltet. Von langen, das Dach durchstoßenden Baumstämmen herab dräuten in einem Bogen verschiedene chinesische Ungeheuer: Hua Tao, der Panther-Schlangen-Mensch, Xian Liu, Kamel mit neun Menschenköpfen, Gu Yu, der geflügelte Fisch oder Zhu Huai, die Kuh mit vier Hörnern, Schweinsohren und Menschenaugen, darstellend die Jahrtausendplagen Sintflut, Dürre, Epidemie, Krieg etc. Vor dem Pavillon ein kleiner Mensch auf einem halbversunkenen Streitwagen, der mit einer Geste die apokalyptische Kavalkade in Schach zu halten versucht...
„Im Rahmen der letzten Biennale vor dem Jahre 2000 stelle ich die Frage: kann man ein anderes System der Erkenntnis haben, ein anderes Zeitgefühl und andere Bewußtseinskoordinaten als es die heute verinnerlichten sind? Ich will die Bewegung von innen nach außen, vom Hirn zum Himmel zeigen“ (Huang Yong Ping, der diese Figuren in der Bretagne für diese Ausstellung schuf). Im Innern des Hauses ziemlich asketische, strenge Bilder der beiden Künstler, Jean Pierre Bertrand und Huang Yong Ping und in der Tiefe, zwei Meter unter den Füßen der Betrachter, ein zerbrochener Goldgrund.
All that glisters is not gold:
Often have you heard that told:
Many a man his life has sold
But his outside to behold;
Gilded tombs do worms infold......
Weiter „prämierten“ wir ein Doppelvideo von Shirin Neshad, die persische Künstlerin läßt darauf einen Mann und eine Frau nacheinander mit Gesang antreten. Urbildlich aber mit feinen verborgenen „Anmerkungen“ komponiert: der Mann singt mit dem Rücken zu einem vollen Auditorium, die Frau frontal zu einem leeren Saal, der Mann intoniert ein einfaches Lied, die Frau singt Zaubermelodien, ihre Stimme löst sich nach und nach von ihr ab und füllt einen aus.....
Bemerkenswert die gefilmten Performances von Zhang Huan, die Installation der Kopenhagener Künstlerin Simone Aalberg-Kaern „Sisters in the air“ über Kampfpilotinnen im 2.Weltkrieg, der ganz mit geheimnisvollem weißem Nebel gefüllte Belgische Pavillon, die mechanischen Kunststückchen Roman Signers, der USA-Pavillon von Ann Hamilton, wo rotes Farbpulver unaufhörlich über die Blindenschrift an den Wänden rieselte......
Und vieles vieles dazu! Noch bis November ist Zeit, das alles selbst zu entdecken!
Und die Spuren von Venezianern wie Marco Polo, Giacomo Casanova, Antonio Vivaldi, Carlo Goldoni, Tiepolo, Tintoretto und Bellini dazu!
Nicht zu vergessen Commissario Brunetti, den wir leibhaftig eine „Ombra“ in der Bar „Bobisut“ trinken sahen“
Padua ist eine faszinierende Stadt, und das nicht nur wegen des elliptischen Platzes Prato della Valle. Wir saßen dort aber nicht im berühmten „Pedrocchi“ sondern im Café Cavour bei Windbeuteln und Schweinsöhrchen. Die Menschen sind blond, schauen einen offen an und sind sterbenselegant gekleidet. Die Schuhe!! Die olivgrünen Sommerkleider!! Ich versäumte die Einkäufe und las den Gazettino, aber die Damen schwelgten. Nur in der Bücherei Ferlinghetti las auch ich einen Arm voll aus.
Zwei Konzerte jeweils spätabends erwischten wir, eines in der Musikakademie und das zweite in einer sehr schön proportionierten Renaissancekirche des Priesterseminars, der Öffentlichkeit eigentlich nicht zugänglich, genauso wie die Bibliothek mit den kostbaren naturwissenschaftlichen Instrumenten, die wir gegen Mitternacht noch in Gruppen à 35 Personen gezeigt bekamen. Ja, und Galileis Werke hatten sie auch! „E pur si muove!!
Die Gegend der Euganeischen Hügel und des Flusses Brenta ist voller klassizistischer Villen und Parks. Wir sahen die Villa Pisani und die Gärten von Valsanzibio, beide mit einem kostbaren Labyrinth aus bestimmt jahrhundertealten Buchsbaumhecken. Man glaubt es vorher nie: aber hinein- oder gar herauszufinden ist sehr schwierig. Letzen Endes wies uns die Führerin auf dem Mittelturm – ob sie wohl Ariadne hieß? – den Weg.
