Message in a bottle

21.09.2001 um 09:05 Uhr

Venedig - Montegrotto - Padua

von: hibou

Stimmung: Draussen - Drinnen
Musik: ace of base: happy nations

Ein Tag in weißem Herbstlicht. Immer hat Venedig diesen Aufmerksamkeitszauber. Die Biennale finden wir wie den Weg zur Schule, zur Arbeit, zum Studio. An den dunkelgrünen Toilettencontainern stehen dunkelgrün angemalte Menschen als Mimikry-Kunstwerke. Die Pavillons der Nationen in den Gärten des Arsenale wirken jedesmal eigenartiger. Weißt du noch, hier waren vor zwei Jahren die Fässer mit dem flüssigen Zinn, und hier die kleinen Buddhas, ach und da stand doch vor vier Jahren das Kalaschnikoff-Quartett! Von den aktuellen Werken wirkt vieles heute aus zweiter Hand. Allenfalls der Schwarz-Weiß-Raum, der von zwei Leuten ständig im Kreis herum wieder übermalt wird, so dass immer zwei Wände schwarz und zwei weiß sind und die Schichten sich in den Wochen und Monaten häufen, ist richtig lebendig. Schnell zu den Corderie und dem jetzt noch größeren Arsenals-Gelände. Artiglerie, Isolotto, External, Teatro alle Tese, Gaggiandro. Tese delle Vergini und Giardino delle Vergini, ein altes Kloster, sind dazugekommen, aber noch immer werden nebenan kleine Kriegsschiffe gewartet und mit den Hafenbecken, dem alten Kran, den Werfthallen, dem Pulverlager und den verfallenen Ecken gehört alles das zu meinem allerliebsten Museumskomplex. Was ist vorläufig, was endgültig? Im Eingang der Corderie kauert ein Riesenjunge, beugt seinen wachsbleichen Rücken unterm Dachgebälk und schaut mit verstecktem Blick zum Tor. Von vielen Richtungen her vermischen sich Klang- und Tonspuren der Videoarbeiten. Fotos sind  in großer Qualität vertreten. Die Bilderstürmer warten noch draußen. Noch springt die Magie über. Der letzte Seufzer der Postmoderne? Wird sich vieles ändern?

 

Wir kommen spät aus der Stadt und es wird uns hinten in der fensterlosen Küche  etwas zu essen gereicht. Auf dem langen Tisch stehen Weinflaschen, Besteckkörbe, ein Gurkenglas, liegen Brötchen herum, jeder kommt und geht. Zwei kleine Mädchen mit einem Teller Bohnen vor dem Kinn essen schweigend. Silverio hat seine neue Freundin mitgebracht, Marina, sie ist Römerin. Ho doccado dando. Sie frisiert und manipedikürt. Kurz ist auch Dsanni im Raum, etwas mürrisch, flüchtig cholerisch, hat sich mit der Mutter gestritten. Der Koch bringt die patate, im Flur klappern Servierwagen mit Geschirrtürmen und Essensresten vorbei. Die beiden getrennten Welten aller Hotels, draußen beim Gast Glitzern, da spielt der Pianist Wiener Blut und Tosca, Fetzen davon klingen herüber und in den Wirtschaftsräumen ungeschminkte Nützlichkeit. Man schwitzt, man schimpft. Ettore weiß von nichts, Irene nimmt das Telefon ab. Der Wein schmeckt frisch. Eine neue geblümte Tischdecke ist aufgelegt. Das ja. Hinter den Kulissen gehört man zusammen.

 

 

Sichtbares - Hörbares

 

Padua mit seinen Arkaden. Ein Brotgeschäft mit "Knoten" für die Suppe. Englische Touristen im Café Cavour. "Is tha' ok?". Lila Spielzeugdinosaurier. Die Pilgergruppe der "Niccolosi" hinter einem gelben Papierfähnchen hergehend, ältere und alte Leute vom Lande. Hubschraubertuckern. "Europa: sì all'attacco". Sonnenbrillenfahrradfahrer. Hunde, die Marken setzen. Augenroller. Tramezzini all'uova. Lederwaren an Damen. Die Geräusche des Geldausgebens.

 

Unsichtbares - Unhörbares

 

Die 7.Flotte, die nach Middle East ausläuft. Flüche und Verwünschungen, sich im Äther überm Mittelmeer kreuzend. Wie die Erde sich dreht. Flugzeuge im Bauch. Neue Risse in den Mauern unterm Putz. Fallende Börsenkurse. Mutmaßungen über den Aufenthalt Meistgesuchter. Die Freuden des Geldausgebens.

 

 

 

Sichtbares - Hörbares

 

Sexy Jeans. Make-Ups, Lockenpracht, gehisste Flaggen. Schlafende Kleinkinder. Uno Spritz. Schwarze Taschenverkäufer im Kaftan. Knirschen der Chips im Rachenraum. Polizistinnenpferdeschwänze. Frack und grünsamtenes Abendkleid, mit spitzem Finger hochgehalten. Das Pflaster vom Regen gemasert. "Scusi, I finisce, may I kassieren?"

 

Unsichtbares - Unhörbares

 

Östliche und westliche Weltgegensätzlichkeit. Ein brennendes Dorf, Flüchtlingstrecks. Leberschmerzen. Innere Monologe. Zweifel. Die Schwerkraft. Die Dichte der Materie. Kommende Explosionen. Fermentierung im Magen. Adrenalinstöße. Das Singen der DNS. The wheel of fortune.

 

 

Bus Linie "M"

 

Er kommt schon zum Bersten gefüllt an der Ecke des Prato della Valle an, aber Lili, Irene und ich quetschen uns noch zur vorderen Türe hinein. Zu allem dazu hat Irene einen Reisbesen - una scopa - der eben mit den Reisern noch unters Dach passt. Der Fahrer, verschwunden hinter Wällen von Menschen schließt auf Verdacht die Türen, öffnet sie wieder, wenn jemand schreit. La mano! Draußen Nieselregen aber drinnen ein lautes und fröhliches Gespräch über diesen Besen. Fegt er? Aus welchem Material ist er? Zuckerrohr, Bambus, Schilf? Zwei ältere Damen stehen an mich gequetscht und ein Opa krault mich am Schenkel. Lili hält den Blumenstrauß nach unten in die Wadenlücken. Mein Rucksack wird beim nächsten Halt von der aufgehenden Tür zerquetscht werden. Doch zunächst winken die Leute an den Haltestellen vergeblich, denn kein Bein mehr würde zu uns hineinpassen. Und dann beim nächsten Halt geht nur die hintere Türe auf. Geschrei, viele Stimmen, Rufe und Befehle, nach einiger Zeit erreicht uns die Nachricht, dass ein einziger ausgestiegen sei. Noch später wühlt sich doch noch eine Deutsche bei uns herein und verbringt die Fahrt bis Montegrotto in inniger Umarmung mit einem römischen Ehepaar. Lasst doch die Signorina aussteigen! Ai! Meine Hand!! Ich würde singen. È piangere è sospirare....Der Tag huscht an mir vorbei. Einmal rund um den Markt am Prato. Die kleine graue Nonne, die gebannt zum Stand mit den Spitzenhöschen, Büstenhaltern und Strings emporschaut. Das gäbe ein Bild, sie von hinten, in ihren abgetretenen Schuhen, und dann all die weißen und rosa Fähnchen wie Votivgaben an die Madonna della Bellezza. Bioleder-Jacken sind im Kommen, schwarz, braun und rot . Für zehntausend Lire gibt’s elf verschiedene Sukkulenten. Telemilacinquecento! sagt die chinesische Crèpes-Verkäuferin. Wir kennen sie noch vom letzen Besuch her. Die Kirche des Santo mit mächtigen Kuppeln. Heiliger Antonius von Padua/ hilf mir wiederfinden, was ich verloren hab! Ich denke an Moscheen hier wie bei Santa Giustina. Davor am Andenkenstand gibt es Maria mit offenem Herzen, Piratenfahnen und die Stars and Stripes. Ich sitze im Café und hüte die sich sammelnden Einkaufstüten. Die Spatzen  fressen fast aus der Hand. Die Menschen schlendern, vom Regen unberührt.

E se l‘aqua me lo bagna/ e il sol l'asciugera! Der Busfahrer drückt aufs Signalhorn, da will einer die Vorfahrt....Die Nächste! ruft Irene mir über sechs Schultern zu.