Message in a bottle

31.07.2004 um 13:23 Uhr

Europa, Daemmerung

von: hibou

Ich habe rote Haare. Manchmal schaeme ich mich abends darüber. Darüber vergesse ich die Abendröte. Das treibt mir das Schamhaar ins Gesicht. Beim Zeus.

31.07.2004 um 10:17 Uhr

Kein böses Wort

von: hibou

Manche späte Julitage verbringe ich rastlos, sei es, weil wir uns einmal wieder das Rauchen abgewöhnen und das Nervensystem wie eine Nikotinharfe singt, sei es weil alles eh so komplex ist. Ich sehe Ecevit, schon vor vielen Monaten totgesagt, ein Interview geben. Seine Sprache klingt präzise und vielfältig. Er sitzt vor einer Bücherwand. Ob Erdoğan so viele Bücher hat und auch gelesen hat? Wohl kaum. Julitage machen sensibel gegenüber eigenen Clichés und Vorurteilen. Jemand, der Bücher liest, ist mir a priori sympathisch. Und schon sind wir wieder bei Bush. George Reader Bush? Ich lese nur die Bibel, sagt er, und die Reden des Ghostwriters, auszugsweise. Wird mir die Heilige Schrift nun zuwider? Nein, nur die sture Wahl. Ausschliesslich Koran, ausschliesslich Gemüse, niemals Coca Cola. Aus Trotz würde ich dann trinken, was ich nicht mag. Meine Texte reden viel von Fundamentalisten. (Sie errichten sich ihr eigenes Gefängnis, sowohl geistig wie buchstäblich. Attentat auf die amerikanische und die israelische Botschaft in Taşkent. Fast nirgends auf der Welt kann sich ein Amerikaner mehr ungeschützt bewegen, es sei denn zu mehreren und in Uniform. Die Israelis mauern sich sogar selbst ein. ETC). Ich lasse es nicht an geharnischter Kritik fehlen. Aber, denke ich Juli-müde, über wen verliere ich nie ein böses Wort? Lass mich überlegen. Über Fidel Castro, über Louise Bourgeois, über Sam Taylor Wood, über Harald Schmidt (selbst einen seiner jüngsten Sprüche kannte ich nicht: „Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal.“), also entweder über die, die ich beiläufig bewundere oder die, die mir schnuppe sind. Noch wichtiger: über die, an die ich selbst jetzt nicht denke!

29.07.2004 um 12:33 Uhr

neue Nachrichten

von: hibou

Musik: Beautiful Day, Bono

Von der Auswahl einmal abgesehen. Aber ich habe mich neulich gefragt, wie wichtig dieselben Nachrichten waeren, wenn sie anstatt in einem farbglaenzenden Studio von einer Blondine im neuesten Outfit an einem langen Metallic-Tresen, der perspektivisch auf dich zuschwingt, von einem Zittergreis, der vor einer fleckigen Mörtelwand auf einem Hocker sitzt, gelesen würden? Ausleuchtung schlecht, Farbqualitaet bescheiden, Ton scheppernd. Waeren wir genauso beeindruckt? Wie lenken Versprecher von den Fakten ab? Heuschreckenplage in Afrika, und ich raetsele, ob die Moderatorin wieder schwanger ist, kann aber ihren Bauch nicht sehen? Nachrichtensprecher sind Personen ohne Unterleib. Weiland zogen wir Werner Veigel waehrend der Tagesschau untenherum die Hosen aus (es war ein Geburtstagsscherz), obenherum musste er Erdbeben verkünden und ernst bleiben.

Von der Auswahl einmal nicht abgesehen. Was passt schon in eine drei- bis fünfminütige Sendung? Es gibt ja Kriterien zur Auswahl: Der Nachrichtenwert. Er besteht z.B. aus Überraschung und Aktualitaet des Ereignisses, Vertrautheit des thematischen Bezugsrahmens, Einfluss und Prominenz der Akteure und der geographischen und kulturellen Naehe des Events. Naheliegnd ist da der verirrte Vogel auf Nachbars Baum oder Armstrongs Lebensgefaehrtin Sheryl Crow am Etappenziel wartend. Nicht so sehr die Überschwemmung von zwei Dritteln des Landes in Bangladesh.

Abhilfe? Ich schlage vor, die Meldungen für die "Heute-Nachrichten" einmal aus der Gesamtheit aller News des Tages mit dem Würfel auszuwaehlen, streng zufaellig.

Was mich auch beschaeftigt: Wie kommt es, dass an einem Tag immer genauso viel passiert, dass die Zeitung gerade voll wird???

Was waere also wirklich objektiv? Live und ungekürzt. Vermutlich berichtet die Webcam, die im kalifornischen Silikon-Valley auf die Kaffeemaschine der Programmierer gerichtet ist, wirklicher von der Welt als alle Nachrichtensendungen und Magazine.

 

29.07.2004 um 11:03 Uhr

Neueste Nachrichten

von: hibou

Mal abgesehen von den Ereignissen. Welche Worte wählen wir, sie wiederzugeben? Nicht, als ob Vico, Blake, Rimbaud, Freud, Joyce, H.C.Artmann oder Foucault nie gelebt hätten. Joyce meint mit Freud, dass jedes Wort Träger mehrerer Ideen und damit immer ambivalent ist. Er sagt mit Vico, dass mensch anstatt Geschichte ebenso gut Worte studieren könne und darin die Historie der jeweiligen Sprachgemeinschaft zu finden sei. Er sagt – wie die bekannte heurige Sprachartistin C.B., dass jedes Wort halbmagische bis magische Kraft in sich trage. Jeder beliebige Text geht somit mit undefinierbar vielen Bedeutungen schwanger. Diese werden jeweils beim Lesen geboren, wobei jede Leserin, jeder Leser ihren/seinen eigenen Homunculus entbindet. Der arme Nachrichtenredakteur, die eindimensionale Sprecherin. Welche Getüme und Ungetüme mögen sie in die Welt setzen? Und was hat ihre Information mit wie auch immer gearteten Wirklichkeiten zu tun? Nonverbale Nachrichten? No comment.

28.07.2004 um 22:40 Uhr

seit ich weiss

von: hibou

Konrad Bayer: seit ich weiß

 

seit ich weiß, dass alles meine erfingung ist, vermeide ich es, mit meinen freunden zu sprechen. es wäre albern. allerdings hüte ich mich davor, ihnen zu sagen, dass ich sie erfunden habe, weil sie schrecklich eingebildet sind und glauben, dass sie mich erfunden haben. es würde ihre eitelkeit verletzten. ich staune über die eitelkeit und die überheblichkeit meiner erfindungen. gestern wollte jemand unter dem hinweis, dass er mir geld geliehen habe, eine grössere summe kassieren. ich versuchte, ihm die sache vorsichtig zu erklären, aber er verstand garnichts, und ich erfand, dass er sich auf mich stürzen wollte, weil ich in meinen erfindungen streng logisch vorgehe. ich schlug ihm die türe vor der nase zu und erfand mir einen nachmittag mit sonne. es war sehr schön, aber langweilig. deshalb liess ich es 23 uhr werden, las ein buch und legte mich zu bett.

ich habe den heutigen tag erfunden und bin sehr froh darüber. Auch mit der erfindung der musik bin ich sehr zufrieden.

 

In: die wiener gruppe, Hrsg.: Peter Weibel, Springer Verlag, Wien New York, 1997,Seite 215

 

28.07.2004 um 09:32 Uhr

gucken

von: hibou

27.07.2004 um 14:42 Uhr

Konzept-Literatur

von: hibou

 

 

Wie in der bildenden Kunst kann auch in der Literatur ein Werk gar nicht erst geschaffen werden, sondern im Zustand der Konzeption, im Moment der Entstehung verbleiben. Ebenso  wie das Schweigen eine – und möglicherweise ja die vollkommenste – Form des Redens ist könnte ein nur konzipierter Text an die Ursprünge des Schöpferischen rühren und zum anderen dem Konsumenten ungleich höhere Mitarbeit und Mitbestimmung am Akt der Gestaltung erlauben.

Konzept-Literatur hält sich also gleich in mehrfacher Hinsicht in enger Nachbarschaft des weltweit interaktiven und umfassend zum weißen Rauschen der unübersehbaren Vielfalt tendierenden Zeitgeistes.

Konzept-Texte bleiben dabei doch nicht nur weißes Papier: Vektoren der Gestaltung und Amplituden innerer und äußerer Handlung werden dezidiert vorgegeben. Doch schon die erste, nach wenigen Silben oder Worten eintretende Verzweigung bringt das für Autor(en) und Leser so charakteristische Freiheitsmoment zur Entfaltung.

 

Hier sei das Konzept eines Textes über den kleinwüchsigen portugiesischen Koch De Sousa und seiner bizarren Erlebnisse im Sternschanzenpark vorgestellt. De Sousa litt an seiner Gabe des zweiten Blicks, der ihn die Todesstunde eines jeden seiner Mitmenschen in dessen Gesicht ablesen ließ. Dem Konzept seien ein Café, ein milder Vorfrühlingstag, Melodien aus der volkstümlichen Hitparade und aus Afrika, Knospen von Felsenbirnen, Schlagzeilen aus der Welt der Rinderzucht, Amaretto mit Zimt, eine ausgebleichte Samtpolsterbank, ein Geschwirr von Sätzen und Ausrufen, Schalen Milchkaffee, Amaryllis mit Schleierkraut, ein Nein ohne Nachspiel, die Klospülung im Zufallen der Tür, Riffs, Wandsprüche, die Quote für Damenfahhrräder und eine leichte Erektion ohne konkreten Anlass beigegeben.

Annette vom Stay Alive geht vorüber. Sie wird in wenigen Tagen sterben. Anna Oppermann ist bereits tot.

Nicht vorgesehen sind Schnurrbarttassen und der Comer See.

 

Das Konzept startet am10.Februar 2005, 14:54 Uhr MEWinterzeit.

27.07.2004 um 14:11 Uhr

Vorschlaege willkommen

von: hibou

Bin am Überlegen (ich tu überlegen), ob ich nicht die ganze Massimiliano-Story, den veröffentlichten und die ungelesenen Teile, einmal hier ins Blog stellen soll.

Oder in ein eigenes Blog?

Aber wie dann? von hinten nach vorne, damit alles auch von oben nach unten gelesen werden kann? Fragen über Fragen

27.07.2004 um 14:05 Uhr

verbal und adjektivisch in Milas

von: hibou

Stimmung: voll
Musik: auch

Den Tag verbrachten wir in Milas, ließen uns gleich neben der Belediye an einem alten Han absetzen, links und rechts im innern des Haupteingangs eine Sattler- und eine Filzteppichwerkstatt, wo Dilek Fotos für “Chaos und Kosmos” schoss. Die Galerien im Innenhof am einstürzen, aber zum Teil von antiken Säulen getragen, Treppen und Hof ebenfalls aus allerlei Kapitellen, Straßenpflaster, Gebäuderesten aus Mausolos Zeiten zusammengestückelt. Entropie! Müde, zerschlissene Schuhe schlafen fein säuberlich in Reihen auf dem Türbalken in den Nischen von Spitzbögen aus Selçuks Zeiten. Zerknüllte Bier- und Coladosen ächzen noch in Erstarrung. Die Sattlerwerkzeuge könnten aus der Eisenzeit, die Eselssättel sogar noch von davor stammen. Nur Holz, Schnur, Filz und Leder, das Ganze im ähnlichen Spitzbogen gespannt. Besen, Plastikeimer, vergilbte Reklametafeln, anurinierte Wände, ägyptisch magere Katzen auf den Marmorstufen, Staub, Hitze, Müßiggänger, leergetrunkene Teegläser, die Löffel gen Mekka geneigt, mit rotgoldbraunen ungeschluckten Schlucken, Schnurrbärte und freundlich klagende Worte zur Julihitze, Dachpfannen, die sich über die ermatteten Dächer wellenförmig ausbreiten. Schwarzgealterte Holzstreben. Tiefblauer Himmel, zu dem wir nicht aufblicken.

 

.

25.07.2004 um 12:30 Uhr

Barbers without frontiers

von: hibou

Kleine Ursachen, grosse Wirkung. Wie mit dem berühmten Sack Reis, der in China umkippt und hier ein Erdbeben auslöst. Die Atmosphaere wird durch kleinste Aenderungen der Temperatur, durch minimalen Waerme- oder Kaelteeinfluss in Bewegung gesetzt. Ich entflamme ein Zündholz (in der Schweiz), ein Streichholz (in Deutschland), einen Luzifer (in den Niederlanden), und schon ensteht ein Luftwirbel. Warme Luft strömt nach oben, kalte Luft strömt von allen Seiten zur Flamme hin. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind! Tornados in Duisburg und anderswo, lauer Meltem, der die Brüste streichelt, hier am Strand. Alles bewegt sich, rhytmisch, crescendo, decrescendo, mit einer unwirklichen Sekunde der Ruhe, der Bewegungslosigkeit an einzelnen Punkten, welche sich wiederum musikalisch über den Globus verteilen. Damit man's auch sieht, gibts Wolken, die das ganze zur Erscheinung bringen. Nebenbei waessern sie natürlich auch meine Saubohnen.

Im Prinzip herrscht dieses organisch-symphonische Gesetz auch im Sozialen. Wo viel Arbeit ist, strömen die Zuwanderer hin, wo Hunger und Mangel droht, wandern sie aus. Für Minuten ruhen sie (in der Haengematte...) (Für die Geldströme waere Aehnliches zu beschreiben). Was fügen wir der Natur hinzu - ausser Mord und Totschlag? Es gibt zum Glück einiges. Bei uns ist die Dichte der Friseure besonders hoch, ich vermute,  es kommt so ungefaehr einer auf 2-3 Haarwüchsige. Wachsen hierzulande die Haare besonders schnell und dicht? Wird etwa auf Haarlosigkeit viel Wert gelegt? Einige wandern in buschige Laender aus, nach den USA, nach Irland, nach Norwegen und Gagausien. Einige tun sogar noch mehr. Sie mieten einen verrotteten jugoslawischen Adriakreuzer - (unter unzaehligen Farbanstrichen kannst du dennoch den alten Namen ("Roter Stern"?) entziffern -, möbeln ihn auf mit drehbaren Frieseursesseln, taufen ihn, na, vielleicht Barbarossa, und stechen in See. "Barbiere ohne Grenzen"!

24.07.2004 um 11:19 Uhr

Grenadine schlürfen....

von: hibou

„Am Anfang war der Urknall, dann entstanden heiße Sonnen, dann Planeten, die Ursuppe, daraus niedere und höhere Lebewesen, es entstand der Mensch, zuletzt der Astrophysiker.“

(Nikolaus Bukolikus)

 

„Ich sah dich Grenadine schlürfen,/Dein Wildgeruch ergriff mich schon -/ und hab nur stockend murmeln dürfen:/’Wer ist die scharfe…. Attraktion?“

(Ferdinand Hartkopf)

 

„Das einzelne Subjekt ist ein Schnittpunkt von Mustern, die ihm vorausgehen“. (er zögert) „Es verändert diese Muster auch. Das Subjekt ist ein Stolperstein.“

(Philipp Sarasin)

 

„Mir gucken immer auch die Geister zu.“

(die Schauspielerin Anne Tismer)

 

„Mir die Geier.“

(ein lahmender Büffel)

 

aus: "Spruch des Tages", siehe in

http://free.pages.at/subrosa/index.html

23.07.2004 um 21:01 Uhr

the remote village of Mumcular

von: hibou

Mehmet Usta finished our new wooden divan, which Dilek designed, going beneath the salon windows from wall to wall. We had to find some cushions, and though we did not want touristic stuff we went to our remote village of Mumcular, caressing the water-reservoir-lake, looking around to the least of Taurus mountains, still majestic, and the wide abricot-farms plain. Ali Kocak’s house, out of sight, came into our minds, and the paganian idol on the grave inmidst slightly shading pinewoods. Just put some stones vertically upon a muslim tomb, dress them with colored shawls and tighten two tiny dead branches at the head and you’ll have the sweetest paganian ritual location, thrown by the powers of tradition inmidst the life of twenty-first century. But we headed for the first Kilim shop coming to our sight. First we choose among the many  patterns of Turkish homes, all handmade and well known over the world. Main color: reddish-brownish, with spots of turquoise, orange and black. XX-Bey spread them all over the floor – where carpets lay, as they were hanging on the walls and outside in the fresh summer wind. This took a time. Then came the bargaining part of the job. We all sat down on sofas and tiny stools. What is our name? asked the Kilim man. Well, Dilek hanÏm, we took this stuff from far away, with much expenses, and even to store them is a job on its own ... etc. Look, responded Dilek, for these and these matters we are not willing to spend more than ... and so the speeches went on for quite a while. Finally seller and customers met in the middle of need and offer. Time for a  soda in village kahve hane. Meanwhile the worker stuffed the cushions with raw cotton, jumped with his bare feet on them, and even the lady of the house was needed for sewing. TV monitor in the corner between all these divans showed the latest casting-competition for new singer talents. Happily we took our loot and drove home. Just come and sit on our divan!

23.07.2004 um 20:57 Uhr

About names

von: hibou

We brought Bashak (Spica) and Tuna (Danube) to the dolmush (filled car), they urgently needed to catch the bus for Kushadasi (Bird-island). Tuna is the brother of Bengisu (living water), which is Dileks (wish’s) best friend and artist-companero. We met them on the beach and Bengisu asked, if Tuna could spend the night in our house – just once -, and we said yes, yes he can, though our rooms are already occupied, because Bulut (cloud) and Lily (Zambak) came a few days ago to see us. We were lucky that Franziska (Özgür) and Florian (çiceci) went home yesterday......And my sister Rosa (Güllüm) is only coming in October. But we should contact Zerrin (Daffodil)!

18.07.2004 um 17:00 Uhr

Ja imel twaju mat (für Bella :-)))

von: hibou

Musik: Bulat

Fluch

 

Verfluchen, verwünschen, wenige tun es nicht, aber wenige tun es bewußt. Wer schon ist sich zum Beispiel des Zusammenhangs zwischen dem heute (vor allem durch Fußballer verbreiteten) Ausspuckens und dem bei Jugendlichen alltäglichen „motherfucker!“, „ich fick deine Mutter!“ oder „Ja imel twaju mat“ klar? Denn gespuckt wird schließlich  auf die  Erde,  Zitat Anatolij Koroljow: „...die bei uns als Mutter Erde ja mythische Bedeutung hat, ein bewußtes Verletzen dieses heiligen Spiegels des Seins“. Fluchen ist immer auch Tabubruch, öffentliche Verhöhnung von sakralen, sittlichen oder staatlichen Verboten, hier des archaischen, das Geschlechtsleben der Mutter, vor allem der eigenen, anzutasten. Flüche kreisen immer nur um eine Handvoll von Tabuwörtern. Zuerst Skandal, werden sie Gewohnheit und vernichten das Tabu. Zugleich sind dann Flüche nicht mehr beleidigend. Durch Fluchen treten Gesprächspartner in eine bestimmte Vertraulichkeit, unzensierte Sprache unterstreicht die Nähe und sogar Intimität eines Verhältnisses. Vom ehemaligen russischen Premier Wiktor Tschernomyrdin wird überliefert, dass seine private Rede frei und leicht floss und die prächtigsten Flüche in der Höhe dreistöckiger Häuser von seinen Lippen tropften, während er vor öffentlichen Mikrofonen eben aus Gründen dieses öffentlichen Charakters kaum ein Wort herausbrachte. Wie die meisten liebte er trotz aller pädagogischen Zeigefinger der öffentlichen Meinung die „nicht normative Lexik“. Liebespaare hinwiederum unterstreichen zuweilen den Augenblick höchster Intimität, indem sie ihn sich mit gegenseitiger Nennung einschlägiger Wörter besiegeln. Bei Jugendlichen ist heute ein krasser Ausdruck geradezu ein Friedensangebot oder eine erste Kontaktaufnahme,  auch die Mädchen sind dabei und erröten nicht mehr. Hey Arschfalte! rufen sie. Theaterstücke heißen heute „shoppen und ficken“ und Romane „Kak ja, kak menja“ (sinngemäß: wie ich vögelte und gevögelt wurde). Der Fluch, der sich in seiner Provokation sehr schnell abnutzt, wird zur Formel, zur Garantie des gerade Gesagten, zur Travestie des „Amen“. Wir sind im Bereich der Volkssprache, bei Menschen, die in allen Zeiten und Ländern ihrerseits den elaborierten Code der Oberschicht und der Herrschenden nie verstanden und diesen ihrerseits wie Leerformeln nachsprechen. Im Schimpfwort ist die Sprache aber sehr viel lebendiger als im Aktenordner oder dem Kommuniqué. Man verfolge nur, wie viele Worte der Argot, der Slang, das Rotwelsch, die Materschtschnina, das Pidgin, die Volkssprache, für Prostituierte, für Geld, für Glied oder Vagina gebrauchen und fast ständig neu erfinden. Häftlinge entwickeln ein eigenes drastisches Vokabular, das wie eine Geheimsprache wirkt und von den Aufsehern nicht verstanden werden kann. Der Fluch wird zum Mittel des Überlebens. Umgekehrt versteht keiner von uns wirklich, was etwa Derivat oder Prawij uklon (Rechtsabweichler) heißen mag. Ungehemmt und frech nehmen aber viele Flüche schnell den Status von Modewörtern an und reisen um die ganze Welt und in die akademischen Spezialwörterbücher. Zynisch, nihilistisch und hedonistisch lachen sie über alle Versuche des offiziellen Sprachsystems, sie zu reinigen, abzuschleifen und einzuebnen. Schließlich ist Fluchen magisch: es versteht sich als Anrufung, mit deren Hilfe das dunkle Unterbewußte versucht, eine zumindest emotionale Kontrolle über Dinge zu bekommen, die seinem Zugriff sonst entgehen oder entgleiten.

18.07.2004 um 16:39 Uhr

Thanks!

von: hibou

Musik: Plattrock

@Illi: schön, von Dir zu hören! Und danke sehr. Grüsse nach HnschnH :-)) aehm nein.Pankow! @plattrock: ich fing gleich an zu singen! @chia: "hibou" heisst Kaeuzchen (frz.) (Sprache), und zugleich hi Buh! :-)) Euch allen herzlichen Dank für die Messages. Und: Besucht mich ma wieder auf Flaschenpost

18.07.2004 um 16:35 Uhr

Paradoxa

von: hibou

Musik: Limbo

UFF! Keine Zeit zum schreiben. Zu viele Gaeste.....

 

Nur zwei Paradoxa, die mir auffielen:

Warum heisst Lance Armstrong Armstrong? Wo er doch alle Kraft in den Treterbeinen haben muss (Und warum hiess Neil Armstrong Armstrong? Er setzte doch den Fuss auf den Mond.... falls denn die Mondlandung tatsaechlich stattgefunden hat).

Warum heisst André Breton Breton? Wo er doch kein Bretone, sondern Normanne ist...?

09.07.2004 um 12:45 Uhr

an den fremdesten orten

von: hibou

ich habe viel gedächtnis. an den fremdesten orten fällt mir etwas ein. jede nacht. du sagst dann immer: nun ja. ich rede im schlaf. mit mir reden leute, die ich am straßengully am wolkenrand auflas. ihre worte kommen gleitend aus meinem mund, ich forme wie unter zwang ihre konsonanten und vokale nach, wie schiffe laufen die worte vom stapel. ein verbrecher, am liebsten ein zum tode verurteilter darf den letzten pflock weghauen, der das riesig über im getürmte werk da auf der schräge festhält. meist wird er von dem wort zermalmt. von dem schiff. ich höre nichts und kein anderer hört mich, seitdem du in afrika bist. mein alter nymphensittich ist  taub und redet nur tagsüber. ich decke ihn mit einem tuch zu. ich bin sein dämmern. bis zum morgen wird er reglos sitzen. aber für mich fängt jetzt die arbeit erst an. ich suche vergessenes. auf dem zug durchs rote meer zurückgebliebene patenkinder, zur hälfte gelesene bücher und nie aufgeführte filme, kirschblüten. ich habs dir ja versprochen.

09.07.2004 um 12:42 Uhr

Khazarenweisen

von: hibou

Nun war ich wieder mehr mit Max zusammen. Bist du glücklich? Fragte ich ihn. Ja. Aber ich wollte grade lesen....Er hatte sich die Khazaren vorgenommen. Du erkennst sie daran, dass ihr Schatten noch bleibt, wenn sie selbst sich schon entfernt haben. Also ist Lucky Luke schon mal keiner? Und sie können Träume jagen, außerdem sind ihre Töpfe und Vasen innen größer als außen. Was redest Du da? Soll ich das glauben? Beweisen kann ich's nur schwer, dies Volk ist nämlich seit Jahrhunderten verschwunden oder hat sich in andere assimiliert. Kennst Hazars Bazar am Geiger-Platz? Das müssten Nachkommen sein. Andere meinen, vor allem die Serben hätten khazarisches Blut in den Adern rinnen. Oder die Kurden? Er erzählt nun von Prinzessin Ateh, der sagenhaften, die einen jüdischen, einen christlichen und einen islamischen Weisen an den Hof kommen und im großen Diwan disputieren ließ, sich alles anhören und dann entscheiden wollte, welcher Glaube für ihre Leute der beste wäre. Wie ging es aus? Doch Max sprang plötzlich auf, ging zum Fenster, zeigte mir den Rücken. Den Roman würde ich gern auf seine Haut schreiben!

09.07.2004 um 12:17 Uhr

zwei türkische Phaenomene: Besenstiel und Strassenschwellen

von: hibou

Stimmung: nomadisch
Musik: everywhere that I can, Sertap Erener

Es gibt hier wunderbare Besen aus Maisstroh, aus Hirsereisig, aus anderm Gebüsch - aber sie haben alle keinen Stiel. Die Folge ist, dass alle hier tief gebückt saubermachen. Nun haette selbst bei einem gewissen Zeitgefaelle die Kunde vom Besenstiel in der Aera der Beschleunigung laengst zu uns dringen können? Warum sie es nicht tat, oder warum sie folgenlos blieb, ist (m)eine Frage. Mag man (frau) mit dem Auge, dem gesicht der Erde naeher sein? Auch in Supermaerkten sind viele nach den unteren Preisschildern hingebeugte Menschen zu sehen. Sind die Hüftgelenke vitaler? Ist Arbeit noch nicht durch das Trachten nach möglichst wenig Anstrengung definiert? Ich weiss es nicht.

Gegen Raser werden auf unseren staedtischen und laendlichen Strassen hochmoderne Schwellen aus vorgefertigten gelb-schwarzen Hartgummiteilen gelegt. Da der Strassenrand aber überall breit und unbefestigt ist, fahren die Wagen einfach links und rechts - zumindest mit einem Radpaar - daran vorbei. Gegenmittel: von den Anwohnern selbstgefertigte Barrikaden aus Feldsteinen, Hölzern, Blumentöpfen etc., die von den Durchreisenden ab und an wieder demoliert werden. Sieht wunderbar und zeitlos aus!

08.07.2004 um 12:31 Uhr

Dies schenkte mir Traumrufer

von: hibou

.... und da er es wegen login-klemme ins Gaestebuch tat, kopiere ich es hierhin:

Schritte im Grenzland

In Versen, noch fremd
und auf Flügeln traf ich dich
spätnachts, als du, als wer
die Bilder schaffen wollte
tief hinter den Bildern
von Menschen, nicht
nur von Menschen in Versen,
von Fremden, doch
wo sind die Grenzen je,
wo treffen wir uns,
wohin

~
Traumrufer, 7.Juli 2004

für Hibou zum 60. Geburtstag